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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 24
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Unerwartetes Wiedersehen

Die Pfeife zwischen den Zähnen und den Rücken gegen eine Palme gestützt, verbrachte Trent auf dem Gipfel eines kleinen Hügels eine Stunde des Nachdenkens in der reglosen Stille der tropischen Nacht.

Obwohl er sich sonst gewöhnlich eines gesunden Schlafs erfreute, fühlte er sich diesmal von dem Augenblick an, da er seinen Kopf in die Kissen gebettet, von Schlaflosigkeit gequält. Und gegen diese Marter schienen alle Mittel machtlos. So war er denn aufgestanden und hatte sich aus dem kleinen Lager entfernt. Seine Gefährten schlummerten fest in der schwarzen Finsternis – einer solchen Finsternis, daß trotz der schwülen Hitze ein Feuer angezündet worden war, um einem unbestimmten Gefühl der Beklemmung zu steuern. Die Holzstapel schwelten jetzt mit ersterbender Glut in dem gelben Mondlicht, das allmählich die Landschaft in magische Schleier hüllte.

Von seiner höher gelegenen Warte konnte Trent kilometerweit den Pfad erkennen, den sie am Tage zurückgelegt; die weißen Pfähle, die von den Aufsehern gesetzt worden, und im Hintergrund die Berge Bekwandos. Eine Woche angestrengter Tätigkeit lag hinter ihm. Er hatte ein heilloses Durcheinander, Unzufriedenheit und Mutlosigkeit angetroffen. Der englische Vertreter der Bekwando-Gesellschaft war im Begriff, seinen Kontrakt zu brechen. Die Aufseher gaben viel Geld aus, ohne einen energischen Versuch zu unternehmen, mit der unsagbar schwierigen Aufgabe zu beginnen. Überall schien man sich der Auffassung hinzugeben, die Ausführung von Trents Plänen sei eine Unmöglichkeit. Vor allem lag der Weg noch völlig im argen. Man erklärte Trent freimütig, daß die hierfür erforderlichen Arbeitskräfte nicht aufzutreiben seien. Glücklicherweise kannte er die Gegend und war ein Hartschädel von eiserner Energie.

Sobald er persönlich eingriff, begann der Wirrwarr sich von selbst zu ordnen. Er hatte Onkel Sam als eine Art Arbeitgeber und Chef vorgefunden und ihm stehenden Fußes gekündigt, was zur Folge hatte, daß sich sofort die doppelte Anzahl Neger meldete. Er hatte noch andere Hilfsmannschaften gefunden und hieß sie alsbald an die Arbeit gehen – mit verächtlicher Gleichgültigkeit gegen die Zweifel der englischen Landmesser, daß die geplante Anlage ein Unding sei. Er selbst hatte mit seinem unbestechlichen Scharfblick für menschliche Charaktere die Aufseher ausgesucht. Mit Bleistift hatte er auf einem halben Bogen Briefpapier eine Route skizziert, die wenigstens einen der Landmesser zum Nachdenken veranlaßte und seine Achtung vor dem Londoner Kapitalisten erheblich steigerte.

Jetzt befand man sich auf dem Rückmarsch von einer Wanderung, die bis in die Nähe Bekwandos geführt hatte, in gleicher Richtung, in der die Straße angelegt werden sollte. Die vorbereitenden Maßnahmen hatten eingesetzt. Hunderte von Eingeborenen, auf ihrem Zug zurückgelassen, waren beschäftigt, Palmen zu fällen, das Unterholz wegzuschlagen, überall den Boden zu roden und für den Weg zu ebnen, der von jenem Negerdorf nach der Seeküste führen sollte. Telegramme über die Fortschritte waren nach London gesandt; abgesehen von anderen Vorteilen wußte Trent, daß er durch seine persönliche Anwesenheit an Ort und Stelle der Gesellschaft ein Vermögen erspart habe.

Der Mondschein nahm zu – die ganze Gegend lag wie eine Landkarte ausgebreitet. Die Arme verschränkt, starrte Trent vor sich hin. Anfangs sah er im Geist den Weg, der sich breit und weiß bis zum Horizont erstreckte, von Ochsenfuhrwerken belebt. Dann schwand die Vision, und ein Mädchenantlitz lächelte ihn an – ein Antlitz, dessen Ausdruck ständig wechselte – fröhlich und lebhaft jetzt, dann wieder ruhig und hinreißend schön.

Trent sog ungestüm an seiner Pfeife. Widerstrebende Gefühle rumorten in ihm. Erst war es Irene, die vor seinem inneren Auge schwebte, dann jenes kleine Mädel, das ihm aus dem verblaßten Bilde entgegenblickte. War in dem erblühten jungen Weib das zur Entfaltung gekommen, was das Kind versprach? Auf jeden Fall war er sich bewußt, hier auf die schwache Stelle seines Lebens zu stoßen. Der sonderbare Anfall von Sentimentalität, der ihn veranlaßt hatte, um die Photographie zu spielen, war ebenso jäh in brennende Liebe umgeschlagen, als er später das Mädchen selbst kennenlernte. Allen Ehrgeiz nach Macht und Reichtum überragte jetzt dieses Verlangen nach der Frau. In London hatte er sich das nicht recht einzugestehen gewagt. Hier, in der Einsamkeit der Wildnis, gewannen diese Empfindungen wieder Gewalt über ihn – Träume, die schönsten und kühnsten, die er je gehegt, begeisterten seine Phantasie und entzündeten seine Sinne, bis das Blut seiner Adern in neuem Takt zu pochen schien.

Kühler Wind blies jetzt über die Ebene, und Trents Pfeife war fast ausgebrannt. Vielleicht würde er nun für eine Stunde Schlaf finden. Er stand auf und reckte sich gähnend, warf noch einen letzten Blick auf die vom Mondlicht überflutete Umgebung. Plötzlich blieb er in einer Haltung atemloser Spannung stehen: Dort hinten, am Rande des Unterholzes, wankten menschliche Gestalten heran, zu Tode erschöpft und mit wunden Füßen. Einer von ihnen schien ein Europäer. Trent überzeugte sich, daß sein Revolver noch im Gürtel stak; dann schritt er eiligst den Hügel hinab, den Ankömmlingen entgegen.

Es waren fünf Neger, ein Eingeborener eines ihm unbekannten Stammes und ein Europäer, der beim Gehen kraftlos hin und her taumelte. Trent, dessen Annäherung mit schwachem Schrei begrüßt wurde, entschlüpfte ein Ausruf der Überraschung: Er erkannte Hauptmann Francis.

Im nächsten Augenblick standen sie einander gegenüber, doch der Offizier gab kein Zeichen des Erkennens. Seine Augen quollen blutunterlaufen, ein struppiger Bart verbarg seine Züge, die Kleider hingen ihm in Fetzen herab. Blechern, wie geborsten klang seine Stimme.

»Wir sind halb verhungert!« keuchte er mühsam hervor. »Können Sie uns helfen?«

»Gewiß doch, natürlich!« versicherte Trent hastig. »Folgen Sie mir! Wir haben Nahrungsmittel im Überfluß.«

Die kleine Truppe schlurfte torkelnd hinter ihm her, und wenige Minuten später erreichte man das Lager. Trent rief seine Gefährten; rasch wurden Pakete geöffnet und ein Mahl bereitet. Kaum ein Wort ward gesprochen, keine Frage gestellt. Einige der Neger schienen dem Wahnsinn nahe. Francis selbst war matt bis zur Ohnmacht. Trent brachte Wasser zum Kochen und mischte eine Fleischbrühe. Den ersten Löffel vermochte der Hauptmann nicht hinunterzuschlucken. Sein Hals war angeschwollen, und seine Augen boten einen fürchterlichen Anblick. Trent flößte ihm vorsichtig kleine Mengen der Brühe ein und goß ihm ein wenig Kognak zwischen die verkrampften Zähne. In seinem Bestreben der Hilfsbereitschaft kam ihm keinen Augenblick der Gedanke, daß er dabei war, dem Manne das Leben zurückzugeben, von dem er mehr als von einem anderen Menschen auf der Welt Unheil zu erwarten hatte.

»Etwas besser?« forschte er besorgt.

»Viel. Ein Riesenglück, daß wir Sie hier trafen. Was machen Sie hier? Sind Sie auf der Suche nach Gold?«

»Augenblicklich nicht. Wir vermessen einen neuen Weg von Bekwando nach Attra.«

Francis sah erstaunt auf. »Davon habe ich noch nichts gehört. Aber dann harren Ihrer große Schwierigkeiten. Die Leute in Bekwando üben den Kriegstanz, und der König hat sich schon seit drei Tagen mit dem Medizinmann eingeschlossen und noch keinen Ton geäußert. Wir kamen aus dem tieferen Inland und hofften uns bei ihnen mit Speise und Trank versorgen zu können. Bisher waren sie immer verhältnismäßig freundlich zu uns; diesmal aber konnten wir kaum unser Leben retten.«

Trents Mienen verdüsterten sich ob dieser schlimmen Kunde. Er war froh, daß sie ihre ursprüngliche Absicht, mit den Vermessungen in Bekwando zu beginnen, aufgegeben hatten. »Wir haben eine Konzession«, erklärte er. »Und erforderlichenfalls müssen wir kämpfen. Aber ich schulde Ihnen Dank dafür, daß Sie mich vorbereiteten.«

»Eine Konzession?« Francis nahm all seine Kräfte zusammen, erhob sich und starrte gespannt auf den Mann, der sich über seine Lagerstätte beugte. »Gerechter Gott! Jetzt erkenne ich Sie: Scarlett Trent – den ich vor ein paar Jahren in Bekwando traf.«

»Wir warteten damals auf Sie«, bestätigte der andere, »um uns einen Zeugen bei der Unterzeichnung unseres Vertrages zu sichern. Ich dachte mir, daß Sie sich der Sache erinnern würden.«

»Sie kamen mir gleich bekannt vor, und es fällt mir jetzt alles wieder ein. Sie spielten mit dem alten Monty um das Porträt seiner Tochter gegen eine Flasche Schnaps.«

Trents Gesicht verzog sich zur Grimasse. »Sie haben ein ausgezeichnetes Gedächtnis!« murrte er trocken.

Ein heftiger Ton schlich sich in Francis Stimme. »Ich erinnere mich noch an manch anderes, werter Herr! Sie sind der Mann, der seinen Teilhaber im Busch allein zurückließ, damit er dort sterben sollte und Sie seinen Anteil an sich reißen konnten. Ah – mir ist, als hätte ich noch eine Rechnung mit Ihnen zu begleichen, Verehrtester!«

»Was Sie da faseln, ist Lüge!« setzte sich Trent zur Wehr. »Als ich Monty verließ, war ich überzeugt, daß er so gut wie tot sei.«

»Aber wer soll Ihnen das glauben? Ich werde Monty mit mir nach England nehmen. Ich habe vorläufig die Nase voll von diesem Land – und dann – und dann –«

Erschöpft sank er um, zum Weitersprechen unfähig. Trent sah ihn unentwegt an, während er gedankenverloren seine Pfeife paffte. Sie waren ganz allein, und Francis war bewußtlos. Ein Griff nach seiner Kehle, ein Tropfen von einem gewissen Getränk aus der Arzneikiste – – und die Bewußtlosigkeit würde sich zu ewigem Schlummer wandeln! Doch Trent blieb ruhig rauchend neben dem Lager des Besinnungslosen sitzen.

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