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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 23
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Der lebendige Tote

Unweit des Meergestades war ein gebrechlicher Greis mit müden Bewegungen beschäftigt, ein Batatenfeld umzugraben. Die Glut der Tropensonne war vor einer Stunde einem sonderbar grauen Nebel gewichen, der nicht von der See kam, sondern aus den verstreuten Sümpfen – schillerndgrünen Stätten voller Gift und Verderbnis. Der Nebel brodelte in feuchter, würgender Hitze.

Trent wischte sich den Schweiß von der Stirn und holte mühsam Atem. Dies war ein kritischer Augenblick für ihn. Bei dem Geräusch der näherkommenden Schritte hatte Monty sich umgewandt, und die beiden einstigen Teilhaber standen einander Auge in Auge gegenüber. Fieberhaft wartete Trent, ob der andere ihn erkennen würde – aber Monty rührte sich nicht.

»Wissen Sie nicht, wer ich bin? Ich heiße Trent, Scarlett Trent – wir waren zusammen in Bekwando. Entsinnen Sie sich? Ich glaubte Sie tot, Monty – sonst hätte ich Sie wahrhaftig nicht verlassen!«

»Was schwatzen Sie da alles?« brummelte der Greis und schwieg dann wieder. Ein Ausdruck wirrer Enttäuschung kämpfte mit dem der Geistesabwesenheit in seinen Mienen. Trent sah seine bebenden Hände und die blutunterlaufenen Augen.

»Versuchen Sie doch nachzudenken, Monty!« drängte er und trat einen Schritt näher. »Erinnern Sie sich nicht an den furchtbaren Marsch durch den Urwald – wie man uns tagelang in der elenden Hütte zurückhielt, weil es eine Woche der Fetischverehrung war, und wie uns die verfluchte Negerbande auf den Fersen saß, nachdem wir die Konzession erhalten hatten? Man hatte es auf unser Leben abgesehen. Noch jetzt kann ich nicht begreifen, daß Sie hier wohlbehalten vor mir stehen. Versuchen Sie doch, zur Vernunft zu kommen! Wir sind jetzt reich – alle beide. Sie müssen mit nach England heim, damit Sie von dem Gelde Genuß haben!«

Monty stützte sich auf seinen Spaten und lächelte seinen Besucher freundlich an. »Wir hatten bei der Garde einen Trentham,« lallte er langsam. »George Trentham. Aber ich glaubte, er sei längst gestorben. Sie müssen einmal mit mir im Klub dinieren! Ich mache mir nicht viel aus Essen – habe immer nur Durst!«

Er blickte unruhig nach der anderen Seite der Stadt und murmelte wieder vor sich hin. Trent wußte nicht, was er sagen sollte. Endlich hub der Alte aufs neue an: »Früher war ich auch bei der Garde. Ich speiste immer im Kasino, solange Jacques noch da war. Später aber wurde das Essen miserabel – ich kann mich nicht mehr entsinnen, wo ich dann meine Mahlzeiten einnahm. Sie müssen wissen, ich werde allmählich vergeßlich. Unter uns gesagt –« er schob sich an Trent heran, »glaube ich, daß etwas mit mir passiert ist – ich habe so das Gefühl einer Leere im Kopf.«

Sein Stammeln wurde wieder unverständlich. Trent fragte sich, was wohl der verkrampfte, unruhige Ausdruck auf Montys Gesicht zu bedeuten habe, wenn er verstohlen stadtwärts stierte. Er unternahm einen letzten Versuch. »Kennen Sie dies noch, Monty?«

Er entnahm seiner Brieftasche die Photographie, die schon ziemlich verblaßt und an den Ecken verbogen war, und hielt sie dem Alten vor die zwinkernden Augen. Einen Augenblick stand der wie erstarrt, dann löste sich aus seiner Kehle ein dumpfer Schrei, der in Wimmern endete.

»Nehmen Sie es fort!« ächzte er. »Ich habe es vor Jahren verloren. Ich mag es nicht mehr sehen! Ich will nicht nachdenken!«

»Und ich bin gerade deshalb hergekommen, um Sie zum Nachdenken zu bringen!« sagte Trent mit ungewöhnlicher Weichheit. »Ich wollte Sie daran erinnern, daß dies das Bild Ihrer Tochter ist. Sie sind jetzt reich und können zu Ihrem Kind zurückkehren. Ist Ihnen das wohl klar, Kamerad?«

Aber er sah nichts als ein graubleiches, verfallenes Runzelgesicht mit ausdrucksleeren Augen und einem wesenlosen Lächeln. Trents Mitleidsgefühl wich einer jähen Enttäuschung. Mit ehrlicher Freude würde er den Monty, den er gekannt, nach England mitgenommen haben; aber nicht diesen. Das kurze Aufflackern in Montys Bewußtsein schien wieder erstorben. Sein Kopf wackelte zittrig von einer Seite zur andern, und immer wieder warf er gehetzte Blicke zur Stadt.

»Gehen Sie jetzt!« drängte er. »Ich kenne Sie nicht, und Sie machen mir Kopfschmerzen. Wissen Sie, was das heißt, im Schädel solch wüstes Summen zu hören? Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Es nützt nichts, ob ich mir auch noch so viel Mühe gebe.«

»Warum starren Sie so oft nach jener Seite?« forschte Trent freundlich. »Erwarten Sie Besuch aus Attra?«

Monty sah ihn flüchtig an, und Trent erschrak; denn dieser Blick war voller Hinterhältigkeit – der Hinterhältigkeit eines Geisteskranken.

»Nein, nein, niemanden!« kam es hastig von seinen Lippen. »Wer sollte mich wohl besuchen? Der arme Monty hat keine Freunde. Gehen Sie und lassen Sie mich weiterarbeiten!«

Trent entfernte sich und gelangte einige Schritte weiter aus dem Garten auf eine sandige Anhöhe, von der er die See gegen den breiten Strand rollen sah. Welch niederdrückendes Bild! Der grauwogende Giftnebel, die einsame Hütte, die häßliche Fläche des Batatenbodens, die Jammergestalt des verwahrlosten Alten, aus dessen Hirn das Licht der Vernunft für immer gelöscht schien! Trotzdem regten sich Zweifel in Trents Herzen. Montys heimliches Suchen in der Ferne, sein halbverschmitztes, halberschrecktes Leugnen ließen ihn annehmen, daß ein andrer von seiner Existenz wußte, und zwar jemand, mit dem er ein Geheimnis teilte.

Trent zündete sich eine Zigarre an und ließ sich im Gras nieder. Monty hatte seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Der Beobachter behielt ihn, durch die Büsche versteckt, im Auge. Reichlich eine Stunde ereignete sich nichts Besonderes. Trent rauchte, und Monty blieb emsig in seine Beschäftigung vertieft, indes er ab und zu einen forschenden Blick zur Stadt warf. Endlich tauchte ein schwarzer Punkt am Rande eines Reisfeldes auf, der allmählich die Umrisse menschlicher Gestalt gewann und sich als ein Negerjunge erwies – splitternackt bis auf ein karges Lendentuch.

Trent konnte nichts von ihm erkennen, bevor er nicht näher herankam. Aber Haltung und Betragen Montys erregten seine Aufmerksamkeit. Der Greis ließ seinen Spaten im Stich und schlich sich, nach einem scheuen Glotzen auf das Haus, bis an das äußere Ende des Batatenackers. Sein Gebaren war das eines hoffnungslos Wahnsinnigen. Er ruderte mit den langen Armen, zerrte an den Fingern, bis sie knackten, und knurrte heisere Laute vor sich hin. Trent richtete sich vorsichtig auf und erblickte jetzt zum erstenmal den schwarzen Botenjungen. Ein ingrimmiger Ausdruck trat auf seine Züge.

Der Neger schritt heran, und Monty streckte grinsend die mageren Hände nach ihm aus. Der Ankömmling brachte aus seinem Lendentuch eine Flasche zum Vorschein, die er dem Wartenden reichte. Trent eilte herbei – gerade als Montys zitternde Finger das Gefäß zu entkorken suchten. Er versetzte dem Jungen eine Maulschelle, worauf der wie ein Wiesel entschlüpfte.

»Komm her!« schrie Trent und zog seinen Revolver.

Der verschüchterte Schwarze schüttelte den Kopf. »Nicht verstehen!«

»Wer hat dich mit der Flasche geschickt? Ich rate dir dringend, mir Antwort zu geben!«

Der Negerjunge prallte vor dem Revolverlauf zurück. »Nicht verstehen!« wiederholte er kläglich.

Im selben Augenblick blitzte mit lautem Knall ein Feuerstrahl auf. Der Junge fiel auf den Bauch, laut jammernd vor Angst. Monty hastete fiebrig ins Haus.

»Das nächste Mal schieße ich auf dich statt auf den Baum!« wetterte Trent. »Ich habe einst selber hier gelebt und kenne eure Streiche. Du verstehst mich sehr gut, wenn du willst, und du mußt mich verstehen! Wer also ist dein Auftraggeber?«

»Onkel Sam.«

»Und was ist in der Flasche?«

»Rum, Massa, guter Rum. Bitte, Massa, halte Waffe nach anderer Seite!«

Trent nahm die Flasche auf, roch daran und schleuderte sie mit unterdrücktem Fluch zu Boden. »Wie oft hat man dich schon hierhergehen heißen?«

»Fast jeden Tag, – wenn Massa Price fort ist.«

Trent nickte. »Gut. Jetzt hör' zu! Wenn ich dich je wieder hier in der Umgegend oder anderswo bei ähnlichem ertappe, dann ist das Ende deiner Tage da! Und nun troll' dich, Halunke!«

Der Junge jagte in wilden Sätzen davon. Trent ging ins Haus und ließ sich bei der Gattin des Missionars melden. Er wurde in eine Art Sprechzimmer geführt, und bald erschien die Frau des Hauses – ein zartes, blutarmes Geschöpf mit müdem Aussehen und mutlosem Ausdruck.

»Ich bedaure, Sie stören zu müssen, Frau Price,« begann Trent ohne Umschweife. »Ich möchte gern über den alten Monty mit Ihnen sprechen. Sie haben ihn schon eine geraume Weile bei sich, nicht wahr?«

»Ungefähr fünf Jahre. Hauptmann Francis hat ihn zu uns gebracht. Er fand ihn in einem Negerdorf als Kriegsgefangenen.«

»Ich nehme an, daß er auch etwas Geld für ihn zurückließ?«

Die Frau lächelte dünn. »Recht wenig nur – aber wir haben es nie angerührt. Er ißt fast nichts, und das bißchen, was er braucht, macht sich bezahlt durch die Arbeit, die er für uns leistet.«

»Wußten Sie, daß er stark dem Trunk ergeben war?«

»Hauptmann Francis hat es uns gesagt. Das war wohl auch der Grund, weshalb er ihn nur uns anvertrauen wollte. Er wußte, daß wir in unserem Hause keinen Alkohol dulden.«

»Schade nur, daß Sie dies Gift trotzdem nicht von dem Alten haben fernhalten können. Sein Geist ist zur Zeit völlig vom Alkohol zerfressen.«

Frau Price sah ihren Gast mit unverhohlenem Erstaunen an. »Wie wäre das möglich? Er verfügt über keinen Pfennig Geld und verläßt unser Grundstück nie.«

»Das braucht er auch nicht!« antwortete Trent bitter. »In Attra gibt es Schurken, die ihm gern zu einem beschleunigten Ende verhelfen möchten, und es ist ihnen leider beinahe gelungen. Soeben erwischte ich einen Negerjungen, der ihm Rum zuschmuggelte. Und das ist anscheinend schon seit langem mit teuflischer Regelmäßigkeit geschehen.«

»Wie entsetzlich! Mein Mann wird sehr peinlich berührt sein. Er wird sich einbilden, in gewissem Sinne das Vertrauen des Hauptmanns getäuscht zu haben.«

»Es ist ja nicht Ihre Schuld!« beschwichtigte Trent. »Ich will Ihnen die Sache klarlegen. Sie dürfen aber nicht darüber sprechen. Monty ist reich, wenn er erhält, was ihm zukommt, und dafür werde ich sorgen. Er wird mich nach England begleiten; aber meine Abreise verzögert sich um einige Wochen. Wenn Sie ihn so lange behüten wollen, bis ich zurück bin, und jemand beauftragen, ihn Tag und Nacht zu überwachen, werde ich Ihrem Gatten hundert Pfund für seine Missionskasse spenden und eine Kirche bauen lassen. Sie brauchen mich nicht anzustaunen, als ob ich nicht klar bei Verstand sei. Ich bin vermögend, das ist alles, und ich kann das Geld entbehren. Aber ich muß mich darauf verlassen können, daß Monty hier sicher geborgen ist, bis ich nach England heimfahre. Wollen Sie sich seiner annehmen?«

»Gern – o gern! Wir werden uns alle Mühe geben!«

Trent legte eine Banknote auf den Tisch. »Dies nur als Beweis, daß ich es ehrlich meine! Ich gedenke ungefähr einen Monat im Inland zu bleiben. Folgen Sie also meinem Wunsch – es wird Sie nicht gereuen!«

Tief in Gedanken versunken, ging Trent nach Attra zurück. Deutlich sah er jetzt seinen Weg vor sich: Er war entschlossen, Monty mit in die Heimat zu nehmen und allen Folgen zu trotzen.

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