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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 2
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Erstes Kapitel.
In der Negerhütte

»Wissen Sie, mein Lieber,« knurrte Trent, »ich habe manch dreckige Gegend in der Welt gesehen und bin an Stätten gewesen, an die ich kaum ohne ein Gefühl der Übelkeit zurückdenken kann. Wählerisch bin ich also nicht – und wahrhaftig alles andere als prüde. Aber das hier ist wohl das Tollste, das ich je bisher erlebte. Wenn Hauptmann Francis sich nicht beeilt, werden wir Schluß machen müssen. Auf diese Weise jedenfalls halten wir's nicht mehr lange aus, Monty!«

Sein älterer Gefährte, eine hagere, schäbig gekleidete Gestalt mit wässrigen Augen, machte keinen sonderlich einnehmenden Eindruck. Sobald er jedoch sprach, erkannte man den Mann von guter Herkunft und Bildung, obwohl seine Stimme heiser klang und die Worte wie widerwillig über seine Lippen sprangen.

»Ich bin durchaus Ihrer Meinung, Trent. Dieser Ort ist widerlich, die Gesellschaft ekelhaft, und die Manieren der dunkelfarbigen und – leider – recht unbekleideten Damen sind, gelinde ausgedrückt, beklemmend.«

»Dunkelfarbig?« unterbrach ihn Trent wegwerfend. »Sagen Sie ruhig pechschwarz!«

Monty nickte langsam. »Ich muß Ihnen recht geben. Sie sind so schwarz wie die Sünde. Aber, lieber Freund, wenn die hiesige Umgebung sogar Sie anwidert, was soll wohl ich erst sagen! So unter vier Augen darf ich Sie doch wohl daran erinnern, daß Sie aus den unteren Schichten stammen, Komfort und Reichtum nicht kannten. Sie haben, wie ich glaube, nur die Volksschule besucht, ich hingegen war immerhin ein paar Jährchen auf der Universität. Sie sind bei einem Sattler in die Lehre gegangen, und ich – nun, das tut nichts zur Sache. Ich möchte mich daher kurz fassen ...«

»Wenn Sie damit meinen, daß Sie aufhören wollen, so lassen Sie sich um Himmelswillen nicht abhalten!« brummte Trent. »Sie werden noch quasseln, bis das Fieber Sie in die Klauen bekommt. Lassen Sie endlich hören, worauf Sie hinauswollen!«

»Reden,« sagte der Ältere mit sorglosem Achselzucken, »Reden wird meiner Gesundheit wohl nicht schaden. Für Menschen Ihres Schlages, die wenig Unterricht genossen haben, bedeutet es allerdings eine Anstrengung, die Gedanken in Worte zu kleiden. Für mich aber ist es Freude und Erleichterung. Was ich also sagen wollte: Wenn diese Gegend Sie schon verdrießt, von den aufdringlichen Aufmerksamkeiten der schwarzen Damen ganz zu schweigen, bedenken Sie dann einmal, um wieviel schlimmer das alles dann für mich sein muß!«

Trent lächelte schwach, ohne etwas zu erwidern. Er kauerte, mit verschränkten Beinen und den Rücken gegen den Türpfosten der offenen Hütte gelehnt, auf dem Boden. Seine Blicke richteten sich auf eine Dunstwolke über dem entfernten Sumpfgebiet. Ein großer gelber Mond lugte bereits über die niedrigen, felsartigen Hügel, obwohl die Sonne eben erst im Schwinden begriffen war. In kleinen goldenen Spiralen zog Nebel auf. Trent starrte aufmerksam auf dies Schauspiel; doch hätte man ihn gefragt, so würde er erklärt haben, daß er darüber nachgrüble, wann die Krokodile beutegierig auftauchen und wie nahe sie sich an das Dorf heranwagen würden. Wenn man sein strenges, eckiges Gesicht und die durchdringenden Schwarzaugen betrachtete, konnte man weniger reale Gedanken auch kaum von ihm erwarten.

»Außerdem,« fuhr Monty fort, »haben wir noch das Problem der Lebensgefahr zu bedenken. Vergleichen Sie mal unser beider Zustand, lieber Freund! Ich bin fünfundzwanzig Jahre älter als Sie, habe ein schwaches Herz und verfüge über lächerlich geringe Körperkräfte. Gut schießen kann ich zwar, aber das hilft uns hier nur, solange wir über Munition verfügen; wenn es zum Nahkampf kommt, wirft ein Kind mich um. Sie dagegen besitzen eine stählerne Konstitution, sind ungewöhnlich muskulös und haben die Lungen eines Straußvogels. Sie werden doch zugeben müssen, daß Sie im Notfall mindestens doppelt so viele Aussichten des Entkommens haben wie ich!«

Trent brannte ein Streichholz an, als ob er seine Pfeife anzünden wollte – in Wirklichkeit jedoch, weil er nur wenige Schritte entfernt im Buschholz ein funkelndes Augenpaar bemerkt hatte. Ein kleiner Negerjunge glitt davon – schwarz wie die Nacht, mit krausem Kopf und glänzendem Körper. Er war unbemerkt herangekrochen und hatte mit ängstlichem Staunen die wunderbaren Weißen beäugt. Trent warf ihm einen Erdklumpen nach und lachte, als der Kleine gewandt auswich.

»Nur weiter, Monty!« ermunterte er. »Ihr Wortstrom ist ja unerschöpflich!«

Mit majestätischer Handbewegung winkte der andere ab. »Ich betonte das alles nur, um Ihnen zu zeigen, daß die Gefahren und Unannehmlichkeiten dieser Expedition in der Hauptsache auf mir lasten. Und nun möcht' ich noch einmal auf Ihre Bemerkung von vorhin zurückkommen. Sie deuteten an, daß es uns vielleicht nicht möglich sein werde, unser Unternehmen durchzuführen.«

Er hob den Blick zu dem Gefährten, dessen unwirsche Mienen nur wenig Interesse verrieten. Monty schöpfte tief Atem und schob sich näher herzu. Sein Gebaren schien völlig verändert. »Scarlett Trent!« rief er. »Hören Sie mal aufmerksam zu: Sie sind noch jung, und ich bin alt! Für Sie ist die Expedition möglicherweise nur ein Abenteuer unter vielen – für mich ist sie die letzte. Seit langem habe ich inbrünstig eine solche Gelegenheit ersehnt – vom ersten Augenblick an, da ich den Fuß in dieses verfluchte Land setzte. Und nun will ich sie nutzen, solange noch ein Funken Leben in mir glüht. Schwören Sie mir, daß Sie mich nicht im Stich lassen werden!«

Der plötzliche Ausbruch, der harte Ton und der entschlossene Zug um den weichlichen Mund mußten überraschen. Es schien also doch noch ein Quentchen Energie in dem klapprigen Meergreis zu stecken. Für Trent, der ihn schon seit Jahren als willensschwachen Nichtstuer in der Niederlassung Buchomari kannte – als Trunkenbold und Spieler, wirkte dieser fast leidenschaftliche Appell beinahe wie eine Offenbarung. Seine große, ausgearbeitete Hand beklopfte Montys Rücken, was diesen anscheinend nicht sehr angenehm berührte.

»Bravo, altes Haus!« lobte er. »Soviel Courage hätte ich Ihnen wahrlich nicht zugetraut! Sie wissen doch, daß ich nicht so leicht etwas aufgebe. Wir werden bei der Stange bleiben und alle Segel hissen. Es ist doch mein Unternehmen! Jeden Pfennig meines Besitzes habe ich hergegeben, um unsere Träger zu bezahlen und um die Ausrüstung und den Rum für – wie heißt doch der Bursche? – anzuschaffen. Komme, was da wolle: Wir harren hier aus, bis wir im Besitz der Konzession sind, oder bis man uns unter die Erde scharrt. Ist's gut so?«

Monty – keine Menschenseele in Buchomari hatte je einen anderen Namen für ihn nennen hören – ließ die schlanke Hand mit den zarten, spitzzulaufenden Fingern einen Augenblick in der sehnigen Rechten seines Kameraden. Dann lugte er verstohlen über die Schulter, und seine Augen begannen zu leuchten. »Sie, Trent, wenn Sie gestatten, möchte ich eine Sekunde – länger nicht – meine Lippen mit Ihrem ausgezeichneten Kognak befeuchten!«

Trent packte hart seinen Arm. »Ausgeschlossen!« wehrte er ab. »Es ist die letzte Flasche, und der Rückzug liegt noch vor uns. Der Alkohol muß als Fiebermedizin gespart werden.«

Die Züge des Mannes, dessen heißer Atem über Trents Wangen strich, zeigten die klägliche Enttäuschung des aus dem Felde geschlagenen Trinkers. Seine schlaffen Wangen vibrierten, seine Hände bebten.

»Nur einen einzigen Tropfen, Trent!« jammerte er. »Mir ist nicht wohl. Die Luft hier ist scheußlich verpestet. Ein Schlückchen wird mir wieder auf die Beine helfen!«

»Nichts da, Monty! Alles Winseln ist unnütz. Zu oft schon habe ich Ihnen Ihren Willen gelassen. Kopf hoch, Mensch! Wir sind im Begriff, reich zu werden, und wir haben unsere fünf klaren Sinne nötig!«

»Reich – reich!« Montys Kopf sank auf die Brust; er blähte die Nasenflügel und schien in eine Art Betäubung zu fallen.

Trent musterte ihn, halb neugierig, halb geringschätzig. »Für einen Mann Ihrer Jahre sind Sie ja merkwürdig stark aufs Geld versessen,« bemerkte er nach einer Pause. »Was wollen Sie eigentlich damit?«

»Was ich damit will?« Wieder zitterte Gier in des Alten Augen. Eine kleine Weile starrte er gedankenverloren – dann lachte er leise auf.

»Ich werde Ihnen auseinandersetzen, weshalb mich so nach Reichtum verlangt. Sie sind jung und nur mangelhaft gebildet und wissen wahrscheinlich gar nicht, was man für Geld alles haben kann – würden sich vermutlich mit groben Freuden, mit geschmacklosem Prunk, mit zweckloser Verschwendung begnügen. Ich dagegen, mein kurzsichtiger Freund, habe in früheren Tagen mancherlei gelernt, und nicht zuletzt die Kunst des Geldausgebens. Das Wiedarauf nämlich kommt's an! Ich habe mir diese Technik zu eigen gemacht, und sie war herrlich – bis das Ende kam. Um diese Zeit in London, Paris oder an der Riviera zu weilen, über eine gespickte Börse zu verfügen und zu wissen, wie man sie leeren muß, das stellt einen auf gleiche Stufe mit Fürsten und Herrschern. Man thront wie ein Riese über einer Welt von Zwergen, von den Frauen verehrt, von den Männern beneidet! Einerlei, ob man alt ist und häßlich – man wird in den Wahn gewiegt, ein Adonis zu sein. Adel ist groß, Kunst ist groß, Genie ist groß – aber der einzige Schlüssel zu allen Pforten des Genusses ist der goldene Schlüssel!«

Er schwieg, nach Atem ringend, führte die Hand an die Kehle und warf einen bettelnden Blick auf die Flasche. Trent blieb unerbittlich. »Keinen Tropfen, Monty! Sie sind doch so schon ein elendes Wrack. Lassen Sie die Finger von dem schädlichen Zeug – sonst werden Sie keinen Monat mehr leben, um sich Ihres Reichtums zu freuen, wenn wir den Gewinn erst einmal in Händen haben!«

»Leben!« wiederholte Monty mit tiefer Geringschätzung. »Sie begehen den üblichen Irrtum der breiten Masse – bemessen das Leben nach seiner Länge, während nur die Tiefe von Bedeutung ist. Ich verlange nicht mehr als ein oder zwei Jahre, und da darf ich Sie wohl versichern, Trent, daß ich in dieser kurzen Zeitspanne intensiver leben werde als Sie während Ihres ganzen Daseins. Ich werde Seligkeiten kosten, von denen Sie keine Ahnung haben und die Sie nie werden würdigen können.«

Trent brach in heiteres Gelächter aus, doch wühlte leise Unruhe in seinem Herzen. Ein Ton leidenschaftlicher Überzeugung lag in Montys Worten. Der glaubte felsenfest, was er da schwadronierte. Vielleicht hatte er recht. Sollte es schließlich doch Winkel im Tempel des Glücks geben, die er selber nie zu erspüren verstand?

Unwillkürlich überflog er seine Vergangenheit und fand nichts als einen peinvollen Dornenweg der Armut und Entbehrung. Er sah sich als Kind gewöhnlicher, dem Trunk ergebener Eltern, sah sich in der dürren, kalten Umgebung seiner Lehrjahre, sah sein Sichmühen in einem Beruf, der ihm Qual war, seine Flucht und den wilden Triumph, als er auf hoher See aus seinem Versteck an Deck des Schiffes kroch – um schließlich doch nur ein Leben zu beginnen, in dem er jeden Augenblick Knüffe und Püffe erhielt und immer bloß die schmutzige Arbeit anderer erledigen mußte. Dann das Sklavendasein in einer belgischen Faktorei, das Schuften an Bord eines Frachtschiffs auf dem Kongo, das karge Vegetieren in Buchomari und endlich dies kühne Unternehmen, das seine in harten und härtesten Jahren zusammengesparten Pfennige verschlang. Schrie nicht solch Leben des Elends nun endlich nach Lohn und Vergütung? Oh – auch ihm, dem Ungebildeten, würde Reichtum Wonne und Glück genug schaffen – und mehr noch als das allein!

Schritte raschelten im Gras. Trent fuhr in die Höhe, tastete nach dem Revolver im Gürtel und zielte auf die langsam sich nähernde Gestalt. Sein alter Gefährte merkte nichts von alledem – er schnarchte, durch Erregung und Strapazen erschöpft, den Schlaf des Gerechten.

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