Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Phillips Oppenheim >

Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 17
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
Schließen

Navigation:

Sechzehntes Kapitel.
Selbstanalyse

Die Abendtafel in der Villa verlief nicht allzu heiter. Trent saß gedankenversunken, mit allerlei Plänen beschäftigt, und schien wenig geneigt, sich mit seinen ungebetenen Gästen zu unterhalten. Da Souzas spärliche Bemerkungen hörte er mit verächtlicher Miene an. Frau Rahel antwortete er so kurz wie möglich; Julie, nervös und niedergedrückt, entfernte sich noch vor dem Dessert, und bald folgte ihr ihre Mutter, mit einem Ausdruck beleidigter Erhabenheit. Da Souza öffnete ihr die Tür und nahm wieder Platz, während er sich mit der Serviette die Krumen vom Beinkleid stäubte.

»Zum Teufel, Trent,« murrte er gekränkt, »Sie könnten ein bißchen liebenswürdiger sein!«

»Man ist selten freundlich gegen Gäste, die unaufgefordert bleiben«, antwortete Trent unwirsch. »Aber wenn ich auch gegen Ihre Frau und Ihre Tochter nicht viel habe, gegen Sie habe ich desto mehr! Schenken Sie sich ein und hören Sie zu!«

Da Souza gehorchte, wenn auch nur widerstrebend. Er streckte sich lang in seinen Sessel und sah grübelnd auf sein Oberhemd, in dem ein gewaltiger Brillant glitzerte.

»Ich war heute in der City, wie Sie wissen,« fuhr Trent fort, »und habe bemerkt, daß Sie, wie erwartet, Ihre Anteile der Bekwando-Gesellschaft abzustoßen versuchten.«

»Ich versichere Sie – –«

»Reden Sie nicht! Ich weiß Bescheid. Aber ich verbiete Ihnen den Verkauf – verstanden? Wenn Sie es nochmals versuchen, werde ich Ihnen den Markt gründlich verderben. Ich will Ihre Tochter nicht heiraten, will aber auch nicht geärgert werden. Wir sitzen nun im selben Boot, und es heißt jetzt: Herauf oder herunter. Soll ich in den Abgrund, dann müssen Sie mit! Ich gebe zu, daß wir ruiniert wären, sollte Monty morgen in London auftauchen und seine Ansprüche erheben. Das aber wird nicht geschehen. Wie Sie selbst sagen, besteht keine unmittelbare Gefahr, und Sie müssen mir die Sache überlassen, um damit nach bestem Vorteil zu verfahren. Wenn Sie mir einen Possen spielen, Da Souza – dann knalle ich Sie über den Haufen. Ich kann das sehr gut, ohne daß auf mich Verdacht fiele. Merken Sie sich das! Sie haben ein Vermögen verdient; seien Sie also zufrieden! Damit basta!«

»Sie wollen Julie also nicht zur Frau?« murmelte der Portugiese finster.

»Nein. Und hören Sie weiter: Morgen ziehe ich in die Stadt. Ich habe in der Dover Street eine möblierte Wohnung gemietet. Sie können hierbleiben, wenn Sie wollen; aber es bleibt nur ein Hauswart da. Nehmen Sie sich eine Zigarre – tun Sie, als ob Sie zu Hause wären! Mich selbst müssen Sie entschuldigen. Ich brauche frische Luft.«

Trent schlenderte durch die aufstehende Verandatür und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Jetzt war er wieder frei! Er hatte sich in neue Gefahr begeben – mußte einen neuen Feind bekämpfen – aber was kümmerte ihn das? Sein ganzes Leben hindurch hatte er Fährnissen und Gegnern trotzen müssen. Während er sich eine Pfeife ansteckte und durch den Garten wanderte, hatte er das Gefühl, daß die veränderte Situation seinem Leben eine gewisse Würze gab, ihm das Empfinden nahm, er wäre jetzt im ruhigen Hafen – ein Empfinden, entstanden durch seinen letzten großen Erfolg. Was konnte Da Souza schließlich unternehmen? Auch sein Wohlergehen hing von dem Gedeihen des Bekwando-Syndikats ab – er war nicht der Mann, das Huhn abzuschlachten, das solche Mengen goldener Eier legte.

Als Trent tiefer in den Park drang, vergaß er diesen ganzen Fall, und etwas anderes nahm seine Gedanken in Anspruch. Von seinen Zügen wich der barsche Ausdruck, und die scharfen Linien entspannten sich. Behutsam stieß er die Gartenpforte zurück und blieb schließlich stehen, genau auf dem gleichen Fleck, auf dem er Irene Wendermot zum erstenmal erblickt. Vielleicht ahnte er das Wunder, das mit ihr in sein Dasein trat – in ein Dasein, das so hart und materialistisch, so völlig bar war von allem, was weiblich genannt wird. Mit einem angenehmen Prickeln gab er sich Mühe, seine Regungen zu ergründen. Er war gewohnt, alles, was er sah und fühlte, auch begreifen zu wollen. Und die neue Atmosphäre bot eine sonderbare Quelle der Erregung. Er wußte nur: Die Ursache zu dem allen war eine Frau, und er war hergekommen, um über sie nachzudenken. Sie würde von jetzt an alles das verkörpern, was ihm das Leben lieb machte. Die Frauen, die in den Jahren seines Existenzkampfes seinen Weg gekreuzt – Kellnerinnen, Tänzerinnen gewöhnlicher Sorte oder diese und jene Frau eines Geschäftsfreundes – sie hatten ihm nie etwas anderes als Verachtung eingeflößt. Es war erstaunlich, wie er sofort in Irene den Typ einer anderen Klasse weiblicher Wesen gewittert hatte. Doch schien ihre Bekanntschaft noch zu kurzen Datums. Er fühlte sich sogar beunruhigt über die erstaunliche Gewalt dieses neuen Empfindens, das wie ein Baum in einem Zauberwald plötzlich emporschoß – gewaltig und unwiderstehlich, in einer einzigen Nacht. Er merkte, daß er alle Lebensinteressen jetzt von einem anderen Standpunkt aus betrachtete. Sein Urteil über den Wert der Dinge war verändert; nicht ausschließlich mehr beherrschte ihn das Siegerbewußtsein seines finanziellen Erfolgs. Er war beinahe geneigt, es beiseitezuschieben, denn er nahm schon jetzt Irene in seine Zukunftspläne auf.

Da Souza und seine Drohungen waren vergessen. Vergessen auch der gebrochene, halbidiotische Greis, der als Verbannter mit traurigen Augen nach dem atlantischen Ozean starrte. An nichts anderes dachte Scarlett Trent als an das neue Wunder, das ihm erstanden. Vor einem Monat noch würde er darüber gespöttelt haben, daß für ihn etwas außer Geldverdienen Wert haben solle. Jetzt wußte er, daß alles, was er getan, ein Nichts war – daß sein Fuß erst auf der Schwelle des Lebens stand und daß es noch sonnige Welten zu erobern gab.

Doch in die hoffnungsvollen Erwartungen und Träume, die seine Seele erfüllten, drängte sich wieder und wieder jener dunkle Gedanke. Bisher hatte er seinen Lebenskampf selbstsüchtig gekämpft, aber immer ehrlich. Jetzt zum erstenmal trat er außerhalb festgesteckter Grenzen. Er sagte sich zwar, daß er sich von Monty in der aufrichtigen Überzeugung getrennt habe, keine menschliche Hilfe könne ihm mehr nützen. Aber dies schien ein Trost, der die finstere Wolke nicht zu bannen vermochte.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.