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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 15
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Vierzehntes Kapitel.
»Alle Achtung, Fräulein Wendermot!«

Irene Wendermots Rückreise nach London gestaltete sich wenig angenehm, denn sie mußte sich mit einem Stehplatz in einem Zuge begnügen, der mit bedeutender Verspätung ankam. Vom Waterloo-Bahnhof aus schlug sie den Weg nach dem Strand ein. In der Nähe der Brücke stieß sie auf einen hübschen, gutgewachsenen jungen Mann.

»Irene, du? Das nenne ich Glück!«

Sie lächelte flüchtig und reichte ihm die Hand. Aber es war zu sehen, daß die Begegnung ihr nicht sonderlich erwünscht kam. »Ich wüßte nicht, was das Glück damit zu tun hätte. Gegenwärtig habe ich jedenfalls keine Zeit, mich mit dir zu unterhalten. Ich muß auf die Redaktion.«

»Darf ich dich eine Strecke begleiten?«

»Wenn's dir der Mühe wert erscheint, kann ich dich nicht daran hindern.«

Er sah sie vorwurfsvoll an. »Trägst du mir noch immer meine Voreiligkeit nach? Vielleicht habe ich mich ein wenig scharf über deine Berufstätigkeit ausgesprochen. Aber du wirst doch nicht dadurch eine Entfremdung zwischen uns entstehen lassen wollen, nicht wahr?«

»Im Augenblick nimmt meine Tätigkeit alle meine Gedanken in Anspruch.«

»So daß ich zu kurz komme, wie?«

»Mein lieber Cecil, wann hätte ich dir je Veranlassung gegeben zu der Annahme, daß meine Gedanken sich mit dir beschäftigen?«

Er hatte sich vorgenommen, nicht ungehalten zu werden, und überhörte daher geflissentlich ihre Worte. »Darf man wissen, wie es mit der Arbeit geht?«

»Danke – ganz gut! Der Chef macht mir schon Komplimente über meine Leistungen, und die anderen Journalisten behandeln mich völlig als Kollegin. Ist das nicht nett von ihnen?«

»Meinst du?« murmelte er zweifelnd.

»Der wichtigste Auftrag, mit dem man mich bisher betraute, liegt hinter mir. Fabelhaftes Glück war dabei. Ich sollte einen Millionär interviewen.«

»Aber das ist doch keine Aufgabe für dich.«

»Das muß ich selber wohl am besten beurteilen können. Übrigens – wenn jedermann so höflich zu mir wäre wie Herr Scarlett Trent, würde ich mich glücklich schätzen.«

»Wie wer?« rief er.

Sie sah ihn erstaunt an. Er war plötzlich stehengeblieben und hatte heftig ihren Arm umklammert. Leicht verstimmt löste sie sich aus seinem Griff. »Was fällt dir ein, Cecil? Starre nicht so und laß uns weitergehen! Ja, der Personalmangel veranlaßte meinen Chef, mich zu Herrn Trent zu schicken; und es gelang mir wirklich, ihn zum Sprechen zu bewegen. Auch erteilte er mir die Erlaubnis, von seinem Heim eine Skizze zu zeichnen. Ich bin sehr zufrieden mit diesem Erfolg.«

Der junge Mann schritt eine Weile stumm an ihrer Seite. Beim Überqueren des Fahrdamms fiel ihr Blick zufällig auf sein Gesicht. »Aber, Cecil, was ist dir?«

Er blickte ungewöhnlich ernst. »Ich sann gerade darüber nach, wie sonderbar es manchmal in der Welt zugeht. Also du warst bei Trent, um ihn für euer Blatt zu interviewen, und er benahm sich entgegenkommend?«

»Daran ist doch nichts Besonderes!« unterbrach sie ihn ungeduldig. »Sprich nicht in Rätseln! Wenn du etwas auf dem Herzen hast, so sage es rund heraus und glotze mich nicht an wie ein Wundertier!«

»Ich habe dir eine Menge zu sagen!« antwortete er unbeirrt. »Wie lange bleibst du in der Redaktion?«

»Ungefähr eine Stunde; vielleicht auch länger.«

»Dann werde ich auf dich warten.«

»Lieber nicht! Es ist mir nicht angenehm, wenn man mich dort in Herrenbegleitung kommen sieht.«

»Darf ich dich dann in deiner Wohnung aufsuchen? Ich habe dir wichtige Mitteilungen zu machen, Irene. Es ist etwas, das nur dich angeht.«

»Du spekulierst auf meine Neugierde, um mit mir Tee trinken zu können«, lachte sie. »Also gut – sei gegen fünf Uhr bei mir!«

Er grüßte und entfernte sich mit düsterem Ausdruck auf dem jungenhaften Gesicht. Vor ihm lag eine Aufgabe, die ihm wenig behagte.

Irene betrat das Zeitungsgebäude und ging durch lange Korridore bis zum Zimmer des Chefredakteurs. Ein hagerer, dunkelhaariger, bebrillter Mann, Anfang der Dreißig, mit einer Zigarette im Munde, forderte sie mit einladender Handbewegung zum Platznehmen auf, ohne jedoch im Schreiben innezuhalten.

»Schon zurück, Fräulein Wendermot? Brav! Was haben Sie erreicht?«

»Ein Interview und eine Skizze von seinem Hause!«

»Großartig! War er sehr grob?«

»Im Gegenteil. Er antwortete auf alle Fragen und erzählte freiwillig noch mehr. Wenn ich alles in seinen eigenen Worten hätte niederschreiben können, würde es Sensation erregen.«

Der Gewaltige arbeitete schweigend eine Weile weiter. Er war gerade bei einem belangreichen Punkt seines Artikels. Seine Feder kritzelte stockend, hastete dann mit doppelter Geschwindigkeit. »Lesen Sie bitte die ersten Zeilen Ihrer Notizen laut vor!« gebot er.

Irene tat es.

Der andere war anscheinend in seine Arbeit vertieft, aber als sie schwieg, nickte er anerkennend. »Famos! Geben Sie sich keine Mühe, zu verbessern. Lassen Sie es so setzen und tragen Sie Sorge, daß man mir den Bürstenabzug vorlegt. Wo ist die Skizze?«

Sie überreichte ihm die Zeichnung. Er ließ seinen Artikel im Stich und steckte sich eine neue Zigarette an. Dann nickte er, vermerkte eilends einige Größenmaße auf dem Rand der Skizze und beugte sich wieder über seine Arbeit.

»Trefflich gemacht!« entließ er sie. »Geben Sie sie Smith! Kommen Sie um acht Uhr zurück, um die Korrekturproben durchzusehen, wenn ich damit fertig bin. Interview und Skizze sind gleich gut. Alle Achtung, Fräulein Wendermot!«

Sie entfernte sich lächelnd. Es war das längste Gespräch, das sie bisher mit dem Chef geführt hatte. Sie suchte die erste beste Stenotypistin auf, die gerade frei war, und diktierte ihren Artikel, bequem hintenüber in ihren Sessel gelehnt, ohne hier und da mehr als eine Kleinigkeit zu ändern. Sie wußte nur zu gut, wer mit ein paar energischen Strichen den ganzen Artikel in eine Form gießen würde, die von den Lesern der »Tagespost« so sehr geschätzt wurde. Ihre Tätigkeit nahm ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und es war mehr als eine Stunde verstrichen, als sie aufstand und nach ihren Handschuhen griff.

»Um acht komme ich wieder!« erklärte sie. »Der Artikel muß aber zuvor zum Chefredakteur. Liegt sonst noch etwas für mich vor?«

Die andere verneinte, und Irene verließ das Haus. Plötzlich fiel ihr Cecil Davenants eigenartiges Betragen ein. Sie sah auf die Uhr, und nach einem Augenblick des Zögerns rief sie eine Autodroschke.

»Cupole Street 81!« Ein bißchen leichtsinnig ist's freilich, fügte sie in Gedanken hinzu, aber heute darf man sich solchen Luxus schon mal gestatten!

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