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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 14
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Dreizehntes Kapitel.
Das Interview

Kaum etwas anderes wohl hätte Scarlett Trent bestimmen können, so schnell aus einem Halbwilden wieder in einen den gesellschaftlichen Gesetzen unterworfenen Villenbesitzer von Surrey sich zu metamorphosieren. Vor des Mädchens offenem Frageblick und dem ruhigen Gruß fühlte er sich beschämt und gedemütigt. Ohne Zweifel machte er in diesem Augenblick keine sonderlich vorteilhafte Figur.

»Guten Morgen, gnädiges Fräulein!« stammelte er mit dem linkischen Versuch einer Verbeugung. »Hoffentlich habe ich Sie nicht erschreckt?«

»Ein wenig allerdings«, gab sie zu. »Ist es Ihre Gewohnheit, auf solche Art das Haus zu verlassen? Aufgeregt und halblaute Verwünschungen grunzend?«

»Ich war tief verstimmt. Hätte ich geahnt, wer hier draußen sei, so würde ich mich besser beherrscht haben.«

Sie sah ihn leicht irritiert an. »Merkwürdig – ich hatte bestimmt erwartet, Sie heute in glänzender Laune anzutreffen. Die Morgenblätter meldeten, daß Sie etwas ganz Besonderes in der City erreicht und Hunderte oder Tausende von Pfunden verdient haben. Als ich dem Chefredakteur die Skizze Ihres Hauses zeigte und ihm sagte, Sie hätten mir für heute ein Interview zugestanden, schien er nahe daran, mein Gehalt zu erhöhen.«

»Ein glücklicher Zufall – nichts weiter. Schon zweimal befand ich mich am Rande des Untergangs, und selbst jetzt noch kann mir Ähnliches zustoßen, ungeachtet meiner Millionen.«

Sie musterte ihn aufmerksam – seinen häßlichen Kammgarnanzug, seine braunen Stiefel, das energisch geschnittene Gesicht, die tiefgebetteten Augen, die breiten Backenknochen, die ihm ein ziemlich gewöhnliches Aussehen verliehen, das durch den gutgeschnittenen Mund und die gewölbte Stirn nicht völlig verwischt werden konnte.

Zur gleichen Zeit nahm auch er ihr Bild in sich auf. Ihre schlanke und zierliche Gestalt, tadellos gekleidet von den eleganten Schuhen bis zum Hut mit dem darunter hervorlugenden Braunhaar, dessen vorwitzige Löckchen, über der Stirn sich kräuselnd, die Weiße ihrer Haut noch stärker hervorhoben. Trents von Natur aus unverdorbener Geschmack erkannte, daß diese Frau einer Klasse angehörte, mit der er nach Herkunft und Erziehung noch nie in Berührung getreten.

Sie begriff das ebensogut – doch ihre Teilnahme für ihn minderte sich nicht. Er war einer der Mächtigen, die heutzutage die Welt regierten, die Königreiche erzittern ließen und Völkerschicksale bestimmten. Vielleicht ward er für ihre Begriffe nur noch interessanter, weil er nach den allgemeinen Anschauungen nicht ohne weiteres als »Gentleman« zu klassifizieren war. Kraft ihres Journalistenberufs betrieb sie das Studium menschlicher Charaktere. Hier war ein Typus, der einer genauen Erkundung wert schien – ein Original, wie sie es in dieser Art noch nirgends kennengelernt.

»Vielleicht können Sie mir etwas aus Ihren afrikanischen Tagen berichten«, schlug sie vor. »Wollen wir nicht irgendwo im Schatten Platz nehmen? Mir ist bei dem Gang vom Bahnhof bis hierher recht warm geworden.«

Er führte sie zu einer Bank unter einer Zeder. »Es ist mir unverständlich, wie die Menschen sich für alles, was die Zeitungen heute schreiben, begeistern können«, begann er, nicht ohne Stocken. »Aber wenn Sie von allerhand Schrecknissen hören wollen, so kann ich Ihnen dienen. Auf einen Mann, der drüben sein Glück macht, kommt mindestens ein Dutzend, das in kurzer Frist verkommt. Wenn es Sie nicht langweilt, möcht' ich Ihnen etwas aus der Zeit erzählen, da es mir noch an allem mangelte.«

»Das würde mich sehr interessieren.«

Gleich vielen Männern, die wenig sprechen, besaß Trent die Gabe, seine Erfahrungen in bildhaften, wenn auch ungelenken Worten wiederzugeben. Er schilderte die harte Zeit, da er zwischen Kulis an den Ufern des Kongos in glühendem Sonnenbrand wie ein Sklave geschuftet, bis der Palmwein die halb Verdursteten in rasende Teufel verwandelte. Er erzählte von den Negern Bekwandos und von den Tagen und Nächten, die er in ihren schmutzigen Hütten verbracht, da Stunde um Stunde sein und seines Gefährten Leben in Gefahr war und jeder Schrei aus der Kriegerschar vor der Behausung des schwarzen Herrschers ein Todesruf sein konnte. Er gab Bericht von dem Erfolg, der ihm endlich dort in den Schoß fiel, von der Erteilung der Konzession, die den Grund zu seinem Vermögen legte, und endlich von dem furchtbaren Rückzug durch sumpfigen Urwald, verfolgt von den mordgierigen Häschern des Königs, den sein Versprechen reute.

»Nur unsere Revolver hielten die menschlichen Bestien in respektvoller Entfernung. Jeden, der zu nahe herankam, schoß ich nieder, und das Wehklagen über die Toten war das Fürchterlichste, das Sie sich vorstellen können. Noch monatelang später fand ich deswegen keine Ruhe. Allnächtlich fuhr ich aus dem Schlafe und vermeinte, das entsetzliche Jammern vor meinen Fenstern zu hören – ja, selbst auf dem Schiff, wenn ich vor Mondesaufgang an Deck weilte, war mir, als ob es von den Wassern wimmerte. Brr!«

Sie erschauerte. »Aber Sie sind beide entkommen, nicht wahr?«

Eine Pause entstand. Tief und kühl war der Schatten der Zeder, doch Trent empfand die Frische nicht. Schweiß rann in schweren Tropfen von seiner Stirn, und sein Atem kam schwer, als ob ihm das Herz eingeschnürt sei.

»Nein«, antwortete er schließlich. »Mein Teilhaber starb einige Meilen vor der Küste. Er war schon krank, als wir die Flucht antraten. Am letzten Tage mußte ich ihn fast unablässig tragen. Ich tat für ihn, was ich konnte, aber es nützte nichts. Schließlich mußte ich ihn zurücklassen. Es hatte keinen Zweck, mich für einen Todgeweihten zu opfern.«

Sie neigte zustimmend den Kopf. »War es ein Engländer?«

Er hatte die Frage erwartet, so wie er Jahre zuvor auf das Ende gewartet hatte – dicht vor sich einen Revolverlauf. »Ja – ein Engländer. Der einzige Name, den wir von ihm wußten, war Monty. Manche behaupteten, er stamme aus ersten Gesellschaftskreisen und habe sich in seiner Jugend etwas zuschulden kommen lassen, das ihn aus der Heimat trieb.«

Sie war sich der wilden Spannung, mit der er sie beobachtete, völlig unbewußt – ahnte nicht die Erleichterung, die sein Gesicht erhellte, als sie seinen Worten keine besondere Bedeutung beizumessen schien.

»Wie traurig!« sagte sie. »Wär' er am Leben geblieben, hätte er sich gewiß mit Ihnen in die Vorteile der Konzession geteilt?«

Trent nickte. »Ja, unsere Anteile standen gleich. Wir hatten abgemacht, daß, falls einer von uns stürbe, dem Überlebenden das Ganze zufallen solle. Ich hätte es gern anders gewünscht. Mir wäre lieber, er wäre leben geblieben. Viel, viel lieber!« wiederholte er mit Nachdruck.

»Davon bin ich überzeugt. Berichten Sie mir nun auch von Ihrer Laufbahn in der City, nachdem Sie in England gelandet waren. Das Treiben dort muß sehr aufregend sein.«

»Ich glaube kaum, daß es Ihnen gefallen würde. Es ist ein Leben der Lüge, des Hasardspiels und des Betrugs. Manchmal ekelt es mich an.«

Sie war baß erstaunt. Eine eigenartige Auffassung für einen frischgebackenen Millionär, dachte sie. Und sie sagte: »Ich glaubte, daß es für diejenigen, die daran teilhaben, stärksten Reiz besäße.«

Er schüttelte den Kopf. »Es ist ein unmoralischer Reiz. Unter den Wölfen freilich muß man mitheulen. Man spekuliert und freut sich des Gewinns. Inzwischen sucht man sein Gewissen zu betäuben, wenn man eins hat. Man handelt zwar nicht direkt unehrlich, aber auch nie ganz ehrlich. Und geht es einem besonders gut, dann bleibt noch der Abscheu vor sich selbst.«

»Ihre Ansichten verblüffen mich. Auf jeden Fall sind Sie jetzt wohl reich genug, daß Sie sich nicht mehr darum zu kümmern brauchen?«

Er stieß mit dem Fuß heftig nach einem Tannenzapfen. »Wenn ich es könnte, würde ich mich noch morgen aus dem Geschäft zurückziehen und ein Landgut übernehmen. Aber ich muß jetzt das, was ich mir errang, verteidigen und festigen. Je mehr Erfolge man hat, desto mehr wird man in seine Interessen verstrickt. Es ist eine Art Fron.«

»Haben Sie keine Freunde?«

»Ich kannte nie einen Freund.«

»Und Ihre Gäste?«

»Die habe ich heute früh weggeschickt.«

»Auch die junge Dame in Blau?« forschte sie sanft.

»Ja, und ihre Freundin desgleichen. Mit Sack und Pack sind sie fort und werden nicht wiederkommen.«

Sie schwieg.

»Ein Herr mit Frau und Tochter befindet sich noch hier, den ich nicht so leicht loswerden kann«, fuhr er düster fort. »Aber auch sie werden gehen müssen. Ich will allein sein.«

Er war aufgestanden und lehnte sich gegen den Baum, den Blick auf eine Stelle geheftet, wo die Sonne einen fernen Hügel beschien, dessen Hang gelber Ginster und purpurfarbenes Heidekraut in freudiges Bunt tauchten.

Sie bemerkte seine Zerstreutheit und schaute durch die Öffnung zwischen den Blumenrabatten. »Welch prächtige Aussicht! Sie lieben sicherlich die Natur?«

»Sehr«, bestätigte er.

»Die meisten Menschen sind gegen Natureindrücke abgestumpft. Vor allem, wenn sie ein solches Leben hinter sich haben wie Sie.«

Er sah sie verwundert an. »Können Sie sich denn einen Begriff davon machen, wie ich mein Dasein verbrachte?«

»Sie haben mir doch eine anschauliche Beschreibung geliefert – wenigstens von einem wesentlichen Teil Ihres Lebens.«

»Sie irren sich! Ich habe nur ein paar ziemlich belanglose Vorfälle herausgegriffen. Aber ich will mich Ihnen gegenüber nicht in falsches Licht setzen. Ich habe keinerlei Erziehung genossen. Mein Vater, Zimmermann von Beruf, hat sich zu Tode gesoffen. Meine Mutter war Fabrikarbeiterin. Ich habe kaum richtigen Schulunterricht gehabt und weiß mich nicht gewählt auszudrücken. Das alles wäre nicht so arg, hätte ich nicht täglich in der City mit Leuten von bester Herkunft zu verkehren. Mein Allgemeinwissen ist beschränkt. Auch beherrschen mich allerlei primitive Triebe. Vor ein paar Abenden erst war ich völlig betrunken. Zeit meines Lebens betrug ich mich wie ein ungebildeter Rohling. – Möchten Sie nun nicht am liebsten von mir fortlaufen?«

Sie lächelte still. »Wenn's weiter nichts ist als das, dann sind Sie in keiner Hinsicht zu fürchten. Sie wissen, es gehört zu meinem Metier, über Menschen zu schreiben. Ich selber gehöre zu einer Kategorie abgenutzter Klischees, und es ist mir eine seltene Freude, einmal einem Mann zu begegnen, der stark und urwüchsig ist und in dem etwas von einem Eroberer steckt.«

Plötzliche Angst befiel ihn – wahnsinnige Angst, daß sie eines Tages alles erfahren könne. Doch das Geräusch nahender Schritte ließ ihn aufmerken.

Hämisches Grinsen auf den bleichen Zügen und eine qualmende Zigarre zwischen den Wulstlippen, schlenderte Souza heran.

»Was wollen Sie?« herrschte Trent ihn an.

Der Portugiese spreizte die Hände. »Ich ging spazieren und sah Sie durch die Bäume. Allerdings wußt' ich nicht, daß Sie in so angenehmer Gesellschaft sind!« Er lüftete den Hut vor dem jungen Mädchen. »Andernfalls würde ich nicht gestört haben.«

Trent öffnete die Pforte, die nach dem anderen Teil des Gartens führte. »Machen Sie sich von dannen! Drüben haben Sie genügend Spielraum, um die Luft mit Ihrem abscheulichen Glimmstengel zu verpesten.«

Da Souza stülpte wieder den Hut auf. »Nicht jeder kann sich Millionärszigarren leisten. Was meinen Sie dazu, Fräulein?«

Die Journalistin, die sich Notizen machte, fuhr in ihrer Beschäftigung fort, ohne seiner Bemerkung zu achten.

Da Souza blähte sich geringschätzig. Aber im gleichen Augenblick fühlte er einen eisernen Griff an seiner Schulter. »Wenn Sie nicht augenblicklich verduften,« flüsterte Trent ihm zornglühend zu, »dann fliegen Sie in den Teich!«

Der also Bedrohte glitt brummend davon – in einer Eile, die nicht gerade anmutig genannt werden konnte. Trents Gefährtin schloß jetzt ihr Buch. »Sie müssen sich andere Freunde suchen, Herr Trent! Das war ja ein greuliches Subjekt.«

»Ein elender Bursche«, stimmte er zu. »Ich wünschte, ich hätte ihn nie gesehen.«

Sie streifte die Handschuhe über. »Ich habe Sie nun genügend Ihrer Zeit beraubt. Nochmals vielen Dank für alles, was Sie mir erzählten! Es hat mich sehr gefesselt.«

Sie reichte ihm die Hand, und ihre Berührung ließ sein Herz in einer ungewöhnlichen Empfindung erbeben. Der Gedanke, daß sie nun fortging, machte ihn betroffen. Sobald sie durch die Gartenpforte geschritten war, kam sie in eine Welt, in der sie ihm hoffnungslos entrückt wurde. So wappnete er sich dann mit Kühnheit und wagte die Mahnung: »Sie haben mir noch nicht Ihren Namen genannt!«

Melodisches Lachen. »Wie unhöflich von mir! Ich hätte Ihnen meinen Journalistenausweis vorzeigen müssen. Sie werden mich jetzt für einen unbefugten Eindringling halten, der seine Neugierde befriedigen wollte. Ich heiße Wendermot – Irene Wendermot.«

Er wiederholte leise den Namen. »Vielen Dank! Eigentlich fallen mir jetzt noch verschiedene Ereignisse ein, die ich Ihnen nicht hätte vorenthalten sollen.«

»Dann müßte ich ja beinahe einen Roman schreiben! Nein – einstweilen genügt mir das Gehörte. Es ist so ungefähr das, was ich wissen wollte.«

»So lassen Sie mich Sie wenigstens um etwas bitten, was Ihnen allerdings wohl sonderbar erscheinen mag!« sprudelte er in überstürzten Worten. »Dürfte ich Sie gelegentlich wiedersehen?«

Der Ernst seines Blicks und die Spannung seiner Stimme machten Sie unsicher. »Gewiß!« erwiderte sie freundlich. »Wenn Sie solchen Wert darauf legen – ich wohne Cupole Street 31. Vielleicht nehmen Sie einmal den Tee bei mir.«

»Gern!« versprach er mit befreitem Aufatmen.

Er geleitete sie bis zur Landstraße, während sie sich über die Rhododendren und den Garten unterhielten. Sein Blick folgte ihr, bis sie als winziger Punkt im Staub der Chaussee verschwand. Sein Auto hatte sie abgelehnt, und er besaß den Takt, ihr seine Dienste nicht aufzudrängen.

»Seine Tochter!« murmelte er. »Montys kleine Tochter!«

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