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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 13
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Zwölftes Kapitel.
Freundschaftliche Aussprache

Scarlett Trent verbrachte den ersten Teil des Vormittags, den er so inbrünstig herbeigesehnt, in seinem Arbeitszimmer. Bei verriegelter Tür, um nicht gestört zu werden. Ein tückischer Hieb war ihm versetzt worden, und zwar von einem Halunken, den er verabscheute und verachtete. In der halbgeöffneten Schreibtischlade neben ihm blinkte der Lauf eines Revolvers. Wenn er nur mit Da Souza Aug' in Auge in Bekwando gestanden hätte, wo ein Menschenleben nicht viel galt und das Verschwinden eines Mannes ein kaum beachtetes Ereignis war! Mit bedauerndem Seufzer schob Trent die Waffe zurück – in dem Augenblick, da der Portugiese an die Tür klopfte.

»Sie haben mich rufen lassen«, begann er, als Trent ihn einließ. »Ich bin bereit, alles zu erklären, was Sie noch wissen wollen.«

»Zunächst also dies: Vor unserer Rückreise nach England wurde mir in Bekwando ein Brief entwendet. Nach dem Dieb brauche ich wohl nicht zu fragen.«

»Wirklich, Trent – ich – ich –«

»Sie haben ihn gestohlen. Und auch der Zweck ist mir jetzt klar. Haben Sie ihn noch?«

Da Souza zuckte die Achseln. »Ja.«

»Her damit!«

Der Portugiese holte eine dickleibige Brieftasche hervor und förderte nach längerem Suchen ein Kuvert zutage. Dessen Buchstaben zitterten unregelmäßig und waren so schwach geschrieben, daß Trent Mühe hatte, sie zu entziffern. Er riß den Umschlag auf und entnahm ihm einen halben Bogen groben Briefpapiers. Das Schreiben lautete:

»Lieber Trent,

ich habe wieder getrunken – wie gewöhnlich. Manche sehen in diesem Zustand Schlangen und weiße Mäuse; ich aber fühlte in den dunklen Winkeln dieser schmutzstarrenden Hütte den Tod mich belauern, und der ist ein unangenehmer Gast für Menschen, die ein schlechtes Leben wie ich geführt. Eines noch wollte ich Ihnen sagen: Da ich diesem verruchten Sumpfgebiet nicht lebend entrinnen werde, habe ich noch einen Auftrag für Sie. Der Vertrag, den wir miteinander abschlossen, ist eigentlich nicht ganz gerecht für beide Teile, nicht wahr? Wenn also das Unternehmen etwas abwirft, dann schreiben Sie doch einen Anteil auf meinen Namen und lassen Sie ihn meiner Tochter zukommen. Deren Adresse werden Sie von dem Notariatsbüro Harris & Cuthbert, Lincolns Inn Fields, erfahren. Sie brauchen sich nur nach Montys Tochter zu erkundigen und diesen Brief vorzuzeigen. Sie sind hartherzig, Trent, aber trotzdem halte ich Sie für einen rechtschaffenen Kerl und verlasse mich auf Sie. Alles Gute –!

Ihr Monty.«

Der Portugiese hatte unauffällig das Zimmer verlassen. Trent las den Brief noch einmal und verschloß ihn im Schreibtisch. Dann steckte er sich seine Pfeife an und klingelte.

»Sagen Sie Herrn Da Souza, daß ich ihn sofort zu sprechen wünsche!« befahl er dem Diener. Obwohl diese Aufforderung eines Hausherrn an seinen Gast etwas gebieterisch klang, tauchte der Gerufene wenig später auf – mit verschmitzter Miene und anscheinend in heiterer Stimmung.

»Schließen Sie die Tür!« knurrte Trent.

Der Portugiese gehorchte mit unveränderter Liebenswürdigkeit, von Trent mit sichtlichem Abscheu gemustert. Der andere bemerkte den Blick und nahm Veranlassung, sich dagegen aufzulehnen.

»Mein lieber Trent, ich halte Ihr Benehmen für wenig chevaleresk. Sie tun, als ob ich Ihr Angestellter und nicht Ihr Gast sei.«

»Sie haben sich selbst eingeladen«, gab Trent barsch zurück. »Wenn Ihnen meine Handlungsweise nicht paßt, können Sie gehen! Ich muß Ihre Anwesenheit so lange dulden, bis ich mir darüber schlüssig geworden bin, wie ich Sie loswerde. Aber ich will Sie so selten wie möglich sehen – verstanden?«

Da Souza ließ sich in einem bequemen Sessel nieder. »Es ist unklug von Ihnen, Ihre üble Laune an mir auszulassen. Sie sollten sich klarmachen, daß Sie meiner Gnade ausgeliefert sind. Ich brauche morgen in der City nur da und dort ein Wort über einen gewissen alten Herrn – dessen Namen ich Ihnen nicht zu nennen brauche – verlauten zu lassen, und in weniger als einer Stunde sind Sie erledigt. Außerdem würden Sie höchstwahrscheinlich wegen Betrugs zur Verantwortung gezogen werden. Das von Ihnen errichtete Syndikat war zwar eine Glanzleistung, aber vielleicht wird man fragen, weshalb ich nicht beteiligt bin, und die Antwort – nun, die wird sehr deutlich ausfallen. Denn ich habe gewußt, daß Sie etwas verkauften, worüber Sie kein Verfügungsrecht besaßen.«

»Ich ließ Sie aus dem Spiel, weil ich es mit Persönlichkeiten zu tun hatte, die von der ganzen Sache die Finger gelassen hätten, wären Sie mit dabeigewesen.«

»Wer wird das glauben?« grinste Da Souza. »Man wird sagen: Ein neues Märchen des Hexenmeisters Scarlett Trent!«

Trent holte mühsam Atem. In seinen Augen glühte ein gefährliches Feuer. Doch der andere wich nicht.

»Sie nehmen an, daß ich mit Rücksicht auf meinen eigenen Vorteil den Mund halten werde«, fuhr er fort. »Darin haben Sie nicht so ganz unrecht. Doch vergessen Sie nicht, daß ich über etliches Kapital verfüge. Auch ohne meinen Sechstel-Anteil an der Bekwando-Gesellschaft, die Sie mittels des Syndikats börsenfähig machen wollen, bin ich reich genug! Aber ich habe keine Lust, mein Geld fortzuwerfen. Daher mache ich Ihnen einen annehmbaren Vorschlag. Meine Tochter Julie ist ein reizendes Mädchen. Heiraten Sie sie – dann sind wir durch Familienbande miteinander verknüpft. Unsere Interessen sind fortab die gleichen, und Sie können sich darauf verlassen, daß ich sie wahren werde. Nun – ist das kein freundschaftlicher Vorschlag?«

Eine Minute lang paffte Trent dichte Rauchwolken. Dann nahm er zum zweitenmal den Revolver aus der Lade und balancierte ihn lose zwischen den Fingern. »Da Souza, hätte ich Sie nur fünf Minuten in Bekwando, so würde die Angelegenheit rasch eine befriedigende Lösung finden. Hinaus mit Ihnen, Sie abgefeimter Schurke! Der Revolver ist geladen, und ich bin meiner nicht mehr Herr!«

Da Souza verschwand mit erstaunlicher Hast. Trent stieß einen Seufzer aus. Seine Augen schossen Flammen, indes er ungestüm auf und ab ging. Der Firnis des Börsenspekulanten fiel von ihm ab. Er war wieder der, der er früher in dem wilden Land gewesen, dort, wo man sich seine eigenen Gesetze gab und ein Menschenleben weniger galt als die Gier nach Gold. Die Atmosphäre des kleinen Zimmers beengte ihn. Er stieß die Verandatür auf und trat in die von Wohlgerüchen erfüllte Morgenluft.

Und so geschah es, daß er unerwartet und ohne jede Vorbereitung der Frau gegenüberstand, die er am Tag zuvor im Park getroffen, als sie sich mit der Skizze seines Hauses beschäftigte.

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