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Satyrischer Roman

Christian Friedrich Hunold: Satyrischer Roman - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleSatyrischer Roman
authorChristian Friedrich Hunold (Menantes)
firstpub1706
year1973
publisherVerlag Herbert Lang & Cie AG
addressBern und Frankfurt/M.
isbn3-261-00271-9
titleSatyrischer Roman
created20041011
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Ein paar Tage giengen hin / da er sie zwar sprechen wollen / aber würcklich nicht zu Hause angetroffen / indem sie ohngefehr zu welchen guten Freundinnen gefahren; Als er dahero alle Anstalt zu einer Abreise aus Venedig gemacht / und ohne dem glaubte / daß ihm ein mündliches und ewiges Adjeu von ihr schwer fallen / und bey Erblickung ihrer Zärtlichkeit ihn inskünftige nur mehr beunruhigen dürfte / nahm er schriftlichen Abschied und schickte ihr folgenden Brief zu:

Madame.

WIewohl mir das Glück gewünschet / mich noch Zeit meines Hierseyns an Ihrer angenehmen Conversation zu vergnügen / so habe doch etliche mahl meine Aufwartung vergebens zu machen gesucht. Da nun die Zeit da / in welcher mir mein Verhängnis zu reisen befiehlet; So nehme hiermit von Madamen verpflichtesten Abschied. Dero mir noch neulich versprochene ewige Freundschaft macht mich glauben / wie mir auf mein gehorsamstes Bitten eine Visite würde erlaubt gewesen seyn / um mein Adjeu mündlich zu sagen; Allein ich will mich einer sonst vor mich so schätzbaren Sache selbst berauben / um Madamen der Mühe zu überheben / eine Compassion mit mir zu haben / wenn sie sehen / daß es mir schwer ankäme. Ja / da ich reisen muß / so will mir Venedig nicht dem letzten Augenblick noch unentbehrlich machen / welches geschehen dürfte / wenn von Madamen gehen wolte. Ich sage demnach verbundensten Danck vor alle Gutheit / die so vollkommen und auch so unverdient genossen / daß solche lieber mit stillschweigendem Hertzen ehren / als in unzulänglichen Worten rühmen will / und versichre / wie das Gedächtnis davon niemahls bey mir ersterben wird: Wäre ich in so glücklichem Stande / meine Erkenntlichkeit in der That sehen zu lassen / wie es die Kostbarkeit Dero Affection erfodert / so würde dieses noch einiger massen zur Satisfaction meines ihnen gantz ergebenen Gemühts dienen; So aber bleibe ein ewiger Schuldner / und / weil es bey einer großmühtigen Person ist / kräncket mich mein Unvermögen nicht so sehr. Ich bitte den Himmel / daß wenn mir die Abwesenheit so unerträglich fallen wird / als mir vorstelle / mir nur die Zufriedenheit darinnen zu schencken / und es der Madame Arismenien wohl gehen zu lassen. Um ein geneigtes Andencken vor mich will ich nicht anhalten / denn mich deucht / daß wenn mich solches Madamen Gütigkeit versicherte / es zu gefährlich vor mich seyn / und daß mir anderwerts nicht sonder eusserstem Zwang würde flattiren können / wie sich ein solches Frauenzimmer / als Madame, eines unterthänigen Dieners wohl erinnere. Aber eine Bitte werden mir Madame nicht versagen / ob mich gleich schäme / solche vorzubringen; Wenn sie aber meinen Zustand erwegen / so hoffe nicht / daß Sie darüber zürnen werden. Was ist Ihnen mit den Briefen und Versen eines Unglückseeligen gedient? Sie haben tausend Gelegenheiten / Ihrem schönen Geist mit etwas besseres und angenehmers zu divertiren / als was von mir kommen; Und ich würde entfernet mich nur martern / wenn ich dran gedächte / daß sie dergleichen von mir läsen. Ich könte noch viel sagen / wenn nicht Madamen durch eine so starcke Meinung beleidigte / als sey Ihnen an solchen Kleinigkeiten was gelegen; Oder / als ob ich Dero edles Gemüht nicht kennte / das mehr zu eines andern Ruhe / als jemanden zu kräncken geschickt ist. Nur dieses muß als eine Schwachheit von mir erwehnen / daß sonder meinen geschriebenen Sachen anderwerts tausendmahl unruhiger leben würde. Adjeu denn / Madame, ich versichere nochmahls alle Honneteté, und eine solche Aufrichtigkeit / wie Sie von einem Diener glauben können / den Sie / wie mich / gekandt. Ich wünsche alle Glückseeligkeit / und eine Vergnügung des Gemühts / die das Meinige würde empfunden haben / wenn ich Madamen nicht gesehen; Und ersterbe unter der Ehre eines respectuösen Freundes

Madame.

Dero

Verpflichtester und gehor-
    samster

Selander von Ama-
    lienburg.

       

Ob Arismenia durch sothanen unvermuhteten Entschluß nicht gerührt worden / ist gar nicht zu zweifeln: Sie ließ ihm zur Antwort sagen / daß sie ihm mit allem dienen wolte / was er verlangte / wenn sie das Glück würde haben / ihn bey sich zu sehen.

Selandern wären zwar seine Briefe höchst lieb gewesen; Allein sie selber abzuholen schien vor sein Gemüht zu gefährlich zu seyn; Dahero entschuldigte er sich nochmahls zum verpflichtesten / und schrieb: Daß wenn er sich bey der neulichen Visite einbilden sollen / wie es die allerletzte / er nicht in dem Stande würde gewesen seyn / von ihr zu gehen / Anbey ersuchte er sie um seine Briefe / jedoch mit einem Hertzen / womit man Personen bitten könne / deren Befehle man ehren müsse / wenn sie auch zu unserm Mißvergnügen ausschlügen.

An statt der Briefe erfolgte von Arismenien ein inständiges Ersuchen / vor seiner Abreise doch noch einmahl zu ihr zu kommen. Selander danckte wegen so gütiger Erlaubnis; Machte aber alle seine Sachen fertig/ und da er unter einer Anzahl guter Freunde bereits auf dem Schiffe stund / um abzuseegeln / schickte er ihr folgendes Billet zu:

Madame.

WEil auch bey dem letzten Augenblick in Venedig an nichts anders als an Sie gedencken können / so habe die Ihnen gewidmete vollkommene Ergebenheit lieber beobachten / als mich geruhiger wissen / und dieses schriftliche Bekäntnis zu meinen andern Briefen legen wollen. Dieses Gedächtnis von einer Person / welche mir auf der Welt am liebsten gewesen / nehme nunmehro mit auf die See / und werde mitten unter den Wellen beseufzen / was anitzo schon bereue: Dieses ist: Die wehrteste Arismenia, wenn es auch zu meinen eussersten Unglück / nicht noch einmahl gesehen zu haben / mit der ich noch so unendlich viel zu reden; Und daß mein Verhängnis / indem nun abfahre / mir nicht anders zu sagen erlaubet / als:

Adjeu Madame.

Dero

Ewig verbundener und unglück-
seeliger

Selander von Ama-
  lienburg.

       

In dem Selander dem Tyrsates, welcher sich noch einen Monat in Venedig aufzuhalten / und nach erhaltenem Schreiben seinem wehrtesten Freunde nachzureisen gedachte / den Brief überreichte / wurde auch vom Lande gestossen / und damit Venedig oder vielmehr der Liebe zu Arismenien ein ewiges Adjeu gegeben.

Tyrsates sprach persönlich bey Arismenien ein / die so wohl in ihrem Hertzen empfunden / als sie eusserlich blicken ließ / daß sie durch den Verlust Selanders von neuem zur Witbe worden. Denn gewiß / ihre Wehmuht war sehr heftig / und Tyrsates war unvermögend / ihr einen andern Trost einzusprechen / als daß er versicherte / sein geliebter Freund werde in kurtzem wieder kommen / und nach Aenderung ein und anderer Umstände / wenn solche Arismenien möglich / seine Glückseeligkeit in der vorigen Intention suchen.

Bey dieser Hoffnung richtete Arismenia ihre Augen wieder in die Höhe / die sie sonst wegen der Thränen nieder geschlagen; Gleichwohl da ein starcker Zweifel sich nicht unbillig deswegen in ihr ereignete / konte sie den Lauf ihrer Schmertzen doch nicht gäntzlich hemmen / und Tyrsates muste sie weinend hinterlassen.

Tyrsates hatte durch die Abreise Selanders und die eusserste Betrübnis Arismeniens so viel unruhige Gedancken bekommen / daß er sie durch einen Spatziergang ausser Venedig zu vertreiben suchte.

In der Gegend / wo die Venetianer ihre schöne Lust-Häuser gebauet / schiene er seine beste Vergnügung im Uberlegen zu finden / und war in vielen schönen Betrachtungen der Heftigkeit der Liebe eine ziemliche Weile fortgegangen / als er durch das Anschauen eines Menschen daran gehindert wurde.

Dieser / welcher dem Ansehen nach ein Cavalier, stund an einem Eichen-Baum / und war höchst beschäftiget / mit einem Messer ein Loch in selbigen zu graben. Welches den Tyrsates so neugierig machte / die Ursach dessen zu erfahren / daß er sich also nahe dabey hinter einen Busch schlieche / wo er drey bis vier Schritte von diesem Fremden war.

Die Grösse der Andacht bey dieser Verrichtung mochte den andern so sehr ausser sich selbst gesetzt haben / daß er Tyrsates nicht vermercket / deswegen grub er immer fleissig zu / bis ein Loch in den Baum / daß man eine Welsche Nuß darinnen verstecken können.

Hierauf kriegte er eine Muscate aus der Ficken / schnitte selbige mitten von einander / und grübelte mit dem Messer darinnen. Da dieses auch fertig / hub er an:

Wie Caelia und ich dem Nahmen nach hier stehen /
So soll auch unser Hertz sich stets vereinigt sehen.

Hierbey fing er an: Osmathiel, &c. &c. Und betete einen Hauffen Beschwerungs-Nahmen her / welche Tyrsates nicht alle behalten konte.

Alsdenn suchte er ein Papiergen hervor / darinnen ein wenig Haar lagen: Solche wickelte er um die beyden Stücke Muscaten / und band sie mit diesen schönen Reimen zusammen:

Wie ich von Caelien die Haar
In der Opera gestohlen fürwahr /
Und itzt in dieses Loch mit fahr /
So werden wir auch eine Zeit ein Paar.

Nach dessen Endigung fuhr er geschwind mit dieser mit Haaren umwundenen Muscaten in das Loch im Baum / und sagte im Zumachen desselbigen viele Beschwerungs-Nahmen wieder her; Damit gieng er gerade vor sich weg nach Venedig zu / sonder sich umzusehen.

Tyrsates hatte viel verliebte Streiche erlebt / aber so einen noch nicht; Und das Mittel / seine unruhige Gedancken durch einen Spatziergang zu vertreiben / stellte sich durch diesen Zufall so vollkommen ein / daß er in Lachen und Schertzen zu Venedig wieder war / ehe er sich dessen fast vermuhtet.

Seine erste Sorge war / diesen verliebten Zauberer kennen zu lernen; Und solcher Glück erhielt er bald / indem er auf einer grossen Gasterey / wo auch Caelia sich befand / in dessen Compagnie kam.

Er war würcklich ein Cavalier, und von Person nicht eben häßlich; Aber alle seine Minen und Geberden gaben an den Tag / daß ihn der Cupido gewaltsam geprügelt.

Caelia mochte ihm gleichfalls nicht ungewogen seyn / weil sie die Köpfe über der Tafel immer zusammen steckten / und wenn sie ihm ihre Liebe nicht antrug / ihm doch verstattete / ihr sein heimliches Anliegen in Gegenwart anderer so vielmahls zu eröffnen.

Tyrsates hatte die Ehre / gleichfalls neben einer Opern-Schönheit zu sitzen / denen Nahme Calpurnia, und welche ihn schon längst curiös gemacht / um zu erfahren: Ob sie auch von der Sorte manchen Theatralischen Frauenzimmers / deren Theatrum innerhalb dreyer Stunden acht bis neun Haupt-Schüber vertragen / und in einem Jahr mehr als tausenderley Auftritte leiden kan.

Er unterhielte sie demnach eine Zeitlang im Discours; Und weil er sie sonsten gesprochen / und sie gar frey im Schertzen gegen ihn war / rühmte er ihren artigen Verstand / und sagte: Wie er sich längst so glücklich gewünschet / mit einem Frauenzimmer umzugehen / die von so unvergleichlich schönem und lustigem Humeur als die allerliebste Calpurnia wäre. Sie antwortete gar leutseelig hierauf / und fragte: Warum er nicht dann und wann zu ihr gekommen / da er versichert / wie ihm ihr Zimmer mit Vergnügen offen stände.

Ach! hub Tyrsates an: Ich habe mich dieses Vergnügens mit Gewalt berauben müssen / weil es vor mein Gemüht allzu gefährlich / zu einem recht schönen Frauenzimmer zu gehen / und vergebens zu seufzen. Je nu! hub Calpurnia an / Sie werden ja auf einmahl nicht so viel prætendiren? Dabey sie ihn so freundlich ansahe / als ein Fuchs / der Raben zu fangen gedencket.

Und eben dieses / allerliebste Calpurnia, fuhr Tyrsates fort / ist mein Unglück / daß ich bey so charmanten Frauenzimmer nach etwas seufzen muß / welches / weil es zu schätzbar und ich mir nicht zu erlangen getraue / von der angenehmsten Compagnie mich vielmahl verbannet. Calpurnia fieng darauf mit recht verliebten Blicke zu ihm an: Sie kommen dann; Es soll sich schon alles schicken.

Schönste Calpurnia! fragte Tyrsates gleichsam vor Freuden aus sich selber: So soll ich nicht vergebens seufzen? Je ney doch / hub sie mit verbindlicher Ungedult an; Sie sind auch gar zu arg. Dabey sie ihm die Hand unaufhörlich drückte.

Man kan leicht erachten / daß ihr Tyrsates tausend Verpflichtungen vor die Anerbietung einer Gunst gemacht / ausser dem ein Frauenzimmer nichts kostbahrers auf der Welt verschencken kan; Aber wenn ich dabey sagte: Daß sich Tyrsates in seinem Hertzen so sehr über sie moquirt / als er verliebt von aussen schien / dieses hiesse die Wunder-süsse Entzückung von einem Frauenzimmer / damit sie Leute vor deren Genüß öfters fast sterbend machen / allzu gleichgültig tractiren: Darum will es nicht sagen / sondern einen geneigten Leser dencken lassen / was er will.

So viel aber Tyrsates an diesen beyden Opern-Frauenzimmern zu tadeln hatte / so fand er dennoch eine Tugend an ihnen / die er höchst beneiden muste / weil er es ihnen in keinem Stücke gleich thun könte: Dieses war: Daß sie unvergleichlich sauffen konten.

Caelia leerete in einem Augenblick sechs bis sieben Stutz-Gläser Wein aus / und machte sich ein Gloir, wenn sie einem jeden Bescheid that / und keinen Augenblick ein Glaß vor sich stehen ließ.

Da nun der Wein ein wenig in Kopf gestiegen / goß Caelia ein Glaß Wein auf den Tisch / und patschte mit beyden Händen so manierlich und so derb drein / daß die Suppe davon allen Anwesenden ins Gesicht flog / und sie sich vor Lachen nicht zu halten wusten.

Calpurnien waren die Geister auch schon mehr als zuvor rege gemacht worden / darum reitzte sie Caelien noch immer je mehr an / sich zu prostituiren / vielleicht weil sie ein heimlich Vergnügen daran hatte / und haselirte selber überaus artig mit.

Weil nun Caelia viel saftige Discourse öffentlich führte / deren sich Tyrsates gegen Frauenzimmer würde geschämet haben / hub er aus Schertz an: Ihr seyd allerliebste Jungfern.

Ey / schiß dir in die Jungferschaft / gab Calpurnia geschwind darauf / es ist keine Mode mehr / Jungfer zu seyn. Und in so süssen Complimenten fuhr man bis zu Endigung der Gesellschaft fort / nach welcher ein jeder ein Frauenzimmer nach Hause begleitete / welches durch ihn die Compagnie, die Compagnie aber durch mich den Geehrten Leser um Vergebung bitten ließ: Nicht ungütig zu deuten / so etwas allzu freyes mit untergelauffen / mit der Entschuldigung / daß weil gezwungene Sachen verhaßt / man es am schönsten zu machen vermeinet / indem man es am natürlichsten gethan.

Der Sammel-Platz bey Calpurnien ward des andern Morgens in ihrem Hause beschieden / und dieses hatte Tyrsates heilig versprochen: Allein wer aussen blieb / war auch niemand anders als Tyrsates.

Die eine Ursach gab sein Humeur, welcher bey allzu lustigen Discoursen von Frauenzimmer zwar aus Gefälligkeit mit lachen / aber im Hertzen nicht verwehren konte / einen Abscheu davor zu tragen; Die andere aber mochte seyn / daß er sich was angenehmes an einem Fräulein ausgesehen / die ihm das Verlangen nach anderer und zwar so sauberer Compagnie leicht vertreiben konte.

Dieses Fräulein hatte den Ruhm in Venedig / daß sie schön würde zu lieben wissen / wenn sie nicht dabey einen Verstand besäß / dadurch sie nicht wieder verliebt zu machen wäre.

Tyrsates, der wie gesagt / schon was annehmliches an ihrem Wesen gefunden / ward also durch eine andere Passion noch bewogen / einen verliebten Sturm auf sie zu wagen / und hielte es sich vor eine galante Ehre / wenn er in seinem Suchen nicht unglücklich.

Er trug ihr demnach bey guter Gelegenheit seyn Hertz mit der verbündlichsten Manier an; Und was seine Neigung noch heftiger und beständiger gegen sie machte / war / daß sie ihm eine vollkommene Gegengunst abschlug.

Er bediente sie also unablässig / und um zu seinen Entzweck zu gelangen / so begieng er bey vielen Klugen / und ausgesuchten Liebes- Maximen, auch die allergrösten und zärtlichesten Schwachheiten / daß / ob er sich gleich niemahls flatirt / die in der Liebe delicatesten / und dabey eigensinnigen Hertzen zu gewinnen / er sich dennoch in dieser Kunst vor ziemlich geübt halten muste / nachdem er dieses Fräulein endlich besieget.

So gleichgültig er nun in seinem Hertzen bey dieser Amour zu bleiben vermeinet / so sehr betrog er sich in seinem Urtheil / denn er war ziemlich verliebt / und die Merckmahle seiner innersten Neigung / wovon dieses Fräulein eine vollkommene Kennerin / mochte sie nicht wenig mit bewegen / sich ihm vollkommen zu ergeben.

Ich nenne dieses allhier eine vollkommene Liebe / worinnen uns das Geliebte nichts vollkommenes zärtliches und doch honnetes abschlägt; Welche Gutheit Tyrsates dergestalt erkannte / daß er sich dieser Schönen getreu und vollkommen ergab / und sich in seinem Hertzen nicht wenig moquirte / wenn Caelia und Calpurnia bemüht waren / ihn von der Bedienung dieses Fräuleins abzubringen / und hingegen an sich zu ziehen.

Denn ob wohl Caelia auf Tyrsates voriger Aufführung genugsam gesehen / daß sie sich keine Rechnung auf ihn zu machen: So vergessen doch Coquetten leicht / was zu ihren Verdruß dienet; Und also meinte sie / ihn unter die Zahl der andern durch ihre Schmeicheleyen endlich zu logiren / welche zu ihrem sattsamen Contentement ziemlich weitläuftig war.

Wenn nun Tyrsates ihrem Hause vorbey wanderte / da sie am Fenster lag / ward ihm die Passage etliche mahl durch das inständige Ersuchen zu ihr zu kommen / nach seiner Schönen gesperrt / indem er / wie sie sagte / ein Vergnügen nicht so weit suchen dürfe / was er in der Nähe habe.

Tyrsates muste demnach / um nicht allen Wohlstand aus den Augen zu setzen / zu weilen ein paar Stunden bey ihr verderben / und weil sie ihn überall / und auch in ein Zimmer führte / wo ein artig Ruh-Bett vor ein paar Personen stund / um vielleicht durch den Anblick desselbigen bey ihm zu erwecken / worzu ihn die Natur oder sein Gemüht nicht genugsam aufmunterte: So bekam er gleichsam zur Vergeltung seiner Ungedult was curiöses in die Hände.

Caelia war mit Tyrsates eben in einem Liebes- Discours begriffen / dadurch sie ihm mit den theuresten Versicherungen wolte glaubend machen / wie sie niemahls geliebet / und wie sie besorge / daß wenn sie lieben werde / worzu ein so artiger Cavalier als Tyrsates sie leicht bewegen könne / sie tausenderley Unruhe wegen all zugrosser / treuer / und beständiger Ergebenheit werde ausstehen müssen: Ich sage / Caelia würde auf Tyrsates Verlangen eben einen förmlichen Eyd wegen ihrer Honneteté ablegt haben / als sich ein Galant unten durch seinen Diener anmelden ließ.

Caelia bat demnach Tyrsates, einen Augenblick allhier allein zu verziehen / sie wolle nur ihrem Mädgen Ordre geben / abzuweisen / es möchte kommen / wer nur wolle.

Tyrsates war es wohl zu frieden / ihr einen Augenblick loß zu werden / denn er hatte den Schlüssel an einem kleinen Kästgen gesehen / worinnen er Briefe und dergleichen curiöse Sachen vermuhtete; Und hierauf eröffnete er solches / und nahm in höchster Geschwindigkeit von Briefschaften zu sich / was ihm am ersten in die Hände kam / weil Caelia bereits zurück kehrte.

Tyrsates empfieng sie mit verstellter Freundlichkeit / und schmeichelte ihr mit vielen hervorgesuchten Lügen überaus; Weil sie aber vorhin von einer honneten Liebe gegen ihn geredet / so fieng er einen solchen Discours von der Vergnügung aus einer honneten Amour an / und behauptete das alleredelste Wesen der Keuschheit dergestalt / daß sie nicht viel darnach fragte / seiner Visite überhoben zu werden.

Ob es ihr in der Seelen nicht verdrossen / daß Tyrsates die Art zu leben / so wenig verstehen wolte / und ihre Discourse von der Keuschheit und Honneteté in Ernst aufgenommen / lassen wir einen jeden selber urtheilen: Nur dieses müssen wir sagen / daß sie in den schönsten Sitten-Lehren von einem vollkommen Tugendhaften Leben / und der daraus entstehenden wahrhaften Ruhe und Vergnügung des Gemühts voneinander gegangen.

Tyrsates wuste nicht / wo er einen Ort geschwind genug antreffen solte / um seine Neugierigkeit in Lesung der von Caelien gestohlnen Sachen zu stillen / und weil Asteriens von Sternen-Feld / so hieß die Dame, die er liebte / ihre Wohnung am nächsten / begab er sich in solche / und ließ sich / da sie nicht zu Hause / von ihren Bedienten ein Zimmer öffnen / in welchem er seine Beute auskrahmte.

Aber wie ärgerte sich Tyrsates nicht / da er an statt verliebter Briefe einen Calender in die Hände bekommen? Er schmieß ihn aus Verdruß auf die Erden / und würde ihn schwerlich wieder aufgehoben haben / wenn nicht ein kleiner Zettel heraus gefallen / den er endlich des Aufhebens wehrt achtete.

Es war ein Billet, das / wie aus der Unterschrift zu ersehen / ein Cavalier an Sie geschrieben; Und der Innhalt bestund in folgenden:

Mademoiselle.

MIch verwundert höchstens / daß Ihr euch ein paar mahl vor mir verläugnen lassen / und einen andern Galant, den Capitain Vogler / auf eurem Zimmer gehabt. Vielleicht / daß ihr schon vergessen / wie ich beschaffen bin / und nicht mehr wisset / wie zulänglich und völlig ich euch sonsten contentiret: Um eurer Gedächtnis also in vergangenen Sachen zu stärcken / habe meine innere Qualitäten abschiltern lassen / und übersende sie euch nicht allein zu einem beständigen Anschauen / sondern auch zu der Curiosité, in Betrachtung anderer Meriten zu erwägen / ob ihr eurer zu grossen Tugenden geneigten Affection durch bisherige Verachtung der Meinigen nicht Tort gethan. Soltet ihr etwan böse seyn / daß bey den letzten Caressen den blauen Sammet auf eurem Ruh-Bettgen ein wenig verdorben / so offerire mich / euch gantz neuen davor zu schaffen. Ist euch aber der tägliche Wechsel so sehr beliebt / daß ihr mich durchaus nicht weiter zu vergnügen gedencket / so werden einen gantzen Tractat von eurer kahlen Affection und eurem allzu weitläuftigen Umgange mit ehesten heraus geben / und diese Defensions-Schild eurer Honneteté an eurer Thür abmahlen lassen / so ihr allhier nur auf Papier abgeschiltert erhaltet. Ich weiß wohl / daß ihr nach aller Prostitution nichts fraget / und schon so ausgehärtet seyd / alle Anstösse an eurer Ehre zu ertragen; Aber ihr wisset auch / wie man die Kaltsinnigkeit von einem Frauenzimmer leicht erdulden kan / bey der wir über dreyßig mahl nicht vergebens geseufzet. Machet also so viel Reflexion hierüber als es nöhtig erachtet /

Euer

Annoch                                                    

Wohlmeinender Freund.

Hauptmann Gazoni.

Tyrsates lachte nun wiederum von Hertzen und hub den Calender gütiger auf / als er ihn weggeschmissen / um vielleicht noch mehr angenehme Briefe darinnen anzutreffen.

Doch er fand keine so honnete Billets mehr / aber was weit angenehmers / als er jemahls gesucht: Denn dieses war ein Schreib-Calender / in welchem Caelia nicht nach dem Wetter des Himmels gesehen / sondern darinnen aufgezeichnet / was vor lustige Tage sie ihren Galans verschaffet.

Man sagt sonsten: Die Menschen machen die Calender / der Himmel aber das Wetter; Doch Caelia konte allein was Wunder-würdiges und fast über-natürliches von sich rühmen / indem sie Calender und Wetter hier zugleich gemacht.

Er fieng an / solchen durch zu blättern / und nachdem er sich bald kranck gelacht / ließ er auch andern Zeit / sich darüber zu ergetzen / und communicirte den Inhalt nicht allein guten Freunden / sondern / weil wir das Glück hatten / mit ihm aus Venedig zu correspondiren / erhielten wir gleichfalls eine Abschrift davon / welche wir also / nachdem wir auch nicht drüber verdrüßlich gewesen / dem geneigten Leser zu seinem Divertissement mittheilen und dabey bitten wollen / daß weil den Reinen alles rein / sich Tugendhaft darüber zu erfreuen / und vor allen Mademoisellen Cloelien in Venedig keinen Part davon zu geben / weil wir nicht gesonnen sind / der geringsten Person Tort, geschweige einer so vortrefflichen Virtuosin zu thun.

Neu-verbesserter
und
vermehrter
Schreib-Kalender /
Auf das Jahr
Venerischer Avanturen,
Von
Anno 1580.

  1. Jan. Von meinem Spaß -Galant ein schönes Thee-Zeug bekommen: Ihn auf den Abend selber gesprochen / und mich davor erkenntlich gewiesen.
2. " "  Auf einer Gasterey gewesen A la Compania Dei Mercanti mit Hauptmann Sculteto, und vielen andern Officiren: Mich berauschet: Handgreifliche Discurse mit Scult: indem er mich nach Hause begleitet.
3. " "  Mons. Flachs- Vigelius bey mir gewesen / und mir seine Liebe fast weinend angetragen.
4. " "  Ein Billet von M. Pfeffer-Sacco bekommen: Des Nachts um 11. Uhr von ihm in der Gondel abgehohlet: Um drey Uhr nach Hause kommen: Weissen Atlaß zum Kleide. NB.
5. " "  Von Lieutenant Bonifacio einen Brief mit Blut geschrieben erhalten.
6. " "  Noch einen von ihnen erhalten / darinnen er mir eine Heyraht angetragen.
7. " "  Hundert Ducaten von einem Narren Sch: bekommen / der gedacht / er bekäm die Jungferschaft von mir.
8. " "  Ausgefahren auf ein Rendevous in den Gast Hof Al Aquila Nera: Der Fürst von Tiegerklau mich um zwey Uhr nach Hause gebracht: NB.
9. " "  Mons. Flachs- Vigelius mir vor 100 Thaler Spitzen versprochen NB.
10. " "  Allein unn verdrießlich gewesen.
11. " "  Mich nackend abmahlen lassen
12. " "  Den Hauptmann Vogler wegen seiner braven Nase zu mir kommen lassen: Mir nur die B. geküßt.
13. " "  Mit Baron Reventher in der Opera geredet / der mir den Signor Dettorfe vorgeworffen.
14. " "  Mich kranck gestellt / um nicht in der Opera zu singen: Bey Signor Dettorfe vorgegeben / ich hätte eine Purgation eingenommen: Baron Reventher bis des Nachts um 3. Uhr bey mir gewesen: NB.
15. " "  Ein garstig Pasquill auf mich gemacht worden.
16. " "  Mein Trampel- Galant, Signor Potentio bey mir gewesen: NB.
17. " "  Der Hundsfot Flachs- Vigelius fortgereist / und mir die Spitzen nicht gegeben.
18. " "  Dieser Tag handelte von einer Materie, davon Mons. Bellefontaine in seinen Monaten schreiben soll; Und weil wir solche nicht haben / lassen wir die Sache unerörtert.
19. " "  KopfWehtage.
20. " "  Mich vor allen verläugnen lassen.
21. " "  Mein Trampel- Galant Potentio bey mir gewesen.
22. " "  Alle Kalbs-Füsse in der Stadt aufgekauft. NB. eine Cur wegen der neulichen Reise.
23. " "  Der Obrist- Lieutenant N. mir seine Liebe angetragen.
24. " "  Auf einem Garten: NB. vier Visiten des Nachts: Sch. seine Nase mich betrogen.
25. " "        —   —   —
26. " "  Der Baron Filou wegen des Printzen aus Peltzlandio zu mir gekommen. Hauptmann Vogler bey mir gewesen. NB.
27. " "  Zu dem Printzen aus Peltzlandio: NB. Baron Filou die versprochene 50. Ducaten behalten / und mich noch darzu beschimpfen wollen.
28. " "  Den Obrist- Lieutenant N. bey mir gehabt: Mir die Heyraht versprochen NB. Ich wers wissen.
29. " "        —   —   —
30. " "  Mich mit dem Obrist- Lieutenant N. brouillirt.
31. " "  Mit dem Obrist- Lieutenant wieder gut geworden: Mir von neuem die Heyraht versprochen.
1. Febr. Meinem Mädgen Maulschellen gegeben / weil sie den Obrist- Lieutenant heran gelassen / und mich mit Voglern gestöhrt: Ihn hinter die Gardinen versteckt.
2.  " "  Einen kostbahren SchlafPeltz von Signor Marretigo vor NB. bekommen.
3.  " "  Der Obrist- Lieutenant eyfersüchtig und verdrüßlich.
4.  " "  Den Obrist- Lieutenant hinter die Gardinen versteckt / und ihm eine Nase gemacht durch Signor Marrettigo.
5.  " "        —   —   —
6.  " "  Dem Signor Caprano Ohrfeigen gegeben. Des Nachmittags der Obrist- Lieut. NB.
7.  " "  D er Obrist- Lieutenant den Zeit-Vertreib der Nonnen in meinem B: gefunden / deswegen mit mir brechen wollen: Ihm die Thür gewiesen.
8.  " "  Zu Signor Pfeffersacco nach eilf Uhren des Nachts gefahren / rohten Damast bekommen NB.
9.  " "  Al Scudi di Francia tractirt worden: Mich voll gesoffen.
10.  " "  Der Obrist- Lieutenant mir geschrieben; Ihm nicht geantwortet.
11.  " "  Der Obrist- Lieutenant zu mir kommen. Vertragen und in kurtzen zu heyrahten NB.
12.  " "  Signor Caprano in den Hut ges.
13.  " "  Der Obrist- Lieutenant bis des Morgens bey mir gewesen.
14.  " "  Der Schelm mich betrogen / und ist heimlich fortgegangen.
15.  " "  KopfWehtage
16.  " "        —   —   —
17.  " "  Tyrsates in meiner Kammer früh gewesen: Mich anziehen helfen NB. Ein Schulfuchs / und Bernheuter in der Liebe.
18.  " "  Signor Gazoni bey mir gewesen: NB. gute Waden.
19.  " "  Gazoni bis um zwölf Uhr.
20.  " "        —   —   —
21.  " "  Auf einer Gasterey mit Calpurnien gewesen NB. ein neuer Galant: Heyraht.
22.  " "  Gazoni NB.
23.  " "  Hauptmann Vogler wieder kommen bis um ein Uhr NB.
24.  " "        —   —   —
25.  " "  Gazoni.
26.  " "        —   —   —
27.  " "  Auf einer Gasterey mit dem Gast-Hof Scudi di Francia NB. gute Bekandtschaft bekommen.
28.  " "  Gastoni NB.
1. Mart.       —   —   —
2.  " "        —   —   —
3.  " "  Aus Curiosité einen Castraten. NB. NB.
4.  " "  In der Comoedie.
5.  " "        —   —   —
6.  " "  CapitainVogler: NB.
7.  " "  Schreckliche KopfWehtage
8.  " "  NB. Malade.
9.  " "  NB. Ausgeschlagen.
10.  " "  Mit dem Medico accordirt vor NB.
11.  " "        —   —   —
12.  " "        —   —   —

Aus diesen angeführten Monaten kan man die übrigen urtheilen / weil unsere Tugend in Abschreibung derselben ermüdet wird / und dieses vor genugsam erachtet / einem edlen Gemüht einen Abscheu vor ein solch verzweifeltes Leben / wie garstigen und in Wollust ersoffenen Hertzen eine Schaam vor sich und der Welt zu erwecken.

Wie man denn nicht wehnen darf / daß man nur ein Opern-Frauenzimmer in Venedig abschildern wollen: Man könte dieses glauben / wenn nicht so viele andere von Bürgerl. und Adel. Stande noch weit häßlichern Lastern unterworffen / und in den Opern anderwerts und sonderlich allhier / nicht welche edle und tugendhafte Personen zu finden: So aber ehret man die andern / indem man ihren Lob-würdigen Eigenschaften Caeliens Laster / wie der Sonnen ein Irrlicht entgegen stellt: Und weil die Welt ein Schau-Platz / wir aber die Spielenden und unser Leben die Action auf selbigem machet; So hat allhier eine Person auftreten sollen / die durch ihre schlimme Action tausend Zuschauern nur ein Spiegel ihrer eigenen Unordnungen ist.

Tyrsates rechnete also Caeliens übermässige Ausschweifung in der Wollust der Hitze der Italiänischen Luft zu; Und der Ruhm eines Schulfuchses und Bärenheuters in der Liebe / den sie ihm beygelegt / gefiel ihm in der That nicht übel.

Er verzögerte noch eine gute Zeit in Asteriens Behausung; Allein sein Glück konte vor diesmahl in der Unterhaltung dieses annehmlichen Fräuleins nicht blühen / und also befahl er ihren Bedienten eine unterthänige Empfehlung an sie / und gieng fort.

An der Thür begegnete ihm ein Mensch von der Post / der einen Brief an sie hatte; Solchen nahm zwar ihr Mädgen an / allein Tyrsates foderte ihn wieder / und wanderte damit nach dem Zimmer wieder zu.

Die Vertraulichkeit mit Asterien gab ihm die Erlaubnis / solchen zu eröffnen / und da fand er einen so Wunder-schönen Inhalt / welchen / wie er von Wort zu Wort geschrieben gewesen / aufrichtig entwerfen will.

               

Ma tres chere,
Und
Gnädiges Fräulein /

ICh wünschte / daß an statt dieses Hand-Briefleins / selbsten könte erscheinen / dero Zustand mich zu erfragen / und daß es nach Wunsch und allem Vergnügen möchte seyn / von meinem allerliebsten Fräulein selbsten könte benachrichtigt werden / wiewohl nun zwar meine Persohn bey Gegenwart in Venedig bey etlichen mahlen ersuchende / in Dero Zimmer zu erscheinen / leyder das Glück nicht haben können / so hoffe doch / daß dieser geringe Papierne Bohte in so weit wird glücklicher seyn / indem mich von Dero angenehmster Persohn die Permission gegeben worden / auf der Reise habe gleichfals nicht anders gekönt / als mein stetiges und beständiges Andencken mit ein paar Riegen zu erweisen / und wird mir nicht möglich seyn / des mir allerliebsten und angenehmsten Hertzens-Fräulein Asterien zu vergessen / ich hatte in selbigem / so von Mestre aus war geschrieben / auch ersucht / dafern es immer je möglich / mir doch mit ein paar Worte von Dero angenehmsten Persohn zu erfreuen / und selbiges bey meiner Ankunft allhier in Padua, weilen ich eine sehr schlimme Reise gehabt / und bald von den Banditen alle meine Sachen mir genommen worden / also gewünscht finden mögen / allein dieser Wunsch und Glück / wie sehr es auch gewünscht / hat mir nicht werden wollen / doch lebe anitzo der Hoffnung / daß mein allerliebstes Engels-Kind / so ferne einige Gnaden von ihnen vor mich zu hoffen / und haben möchten / mit einiger Antwort mich bald bewürdigen werden / woferne der Herr in braunen Rocke es nicht zu hindern sich belieben wird lassen / der leyder allzusehr bey Ihnen angemahlet ist / glücklich und recht vergnügt schetzte ich mich / wann durch Dero angenehmste Gesellschaft hätte können länger / ja allezeit geniessen / und gereuet mich anitzo wohl tausendmahl / daß nicht bey meiner Anwesenheit in Venedig um desto kräftiger und mit besserm Nachdruck / wie jetzt / um etwas zu bitten / welches mir im höchsten Grad hätte vergnügen können; Weilen Dero mir angenehmste Persohn lieb und wehrt ist / und recht von Hertzen æstimire / selbige aber zu meinem Leyd qvitiren muste / und nicht anitzo sehen kan / doch hätte nur können eine Copie, um mich dadurch anitzo / weilen es doch nicht anders hat seyn können / in etwas zu consoliren habhaft werden können / bis etwas die Zeit mich ein mehres hätte vertrösten mögen / und woferne der Herr in braunen Rock nicht das Glück besitzt / vielleicht auch leyder das allerliebste Hertzens- Original zu besitzen / und zu behandhaben / wann Bitten hülffe / so wolte aus allein Vermögen bitten / daß mein allerliebstes Hertz mich möchte hierinnen erhören / versichernde / daß in dieser Welt kein eintziger Mensch selbiges auf einige Art und Weise / solte zu sehen kriegen / Ubrigens bitte / wann etwan mein allerliebstes Engels-Kind dann und wann einige müssige Stunden möchten übrig haben / doch Ihres ergebensten Dieners sich zu erinnern / wenn meinem lieben Hertz der Herr im braunen Rock nicht irgend im Weg und ins Mittel kommt / und machet / daß es stecken bleibt; Wollen Sie mich aber die Freude und Vergnügen / Dero mich angenehmsten Correspondence zu bewürdigen / so versichere / daß nichts mehr / als eben das wird mir contentiren können; So bald ich an einen Ort komme / und mein trautes Hertz mich antwortet / und ich was schönes finde / werde solches an mein allerliebstes Kind zu adressiren suchen; Es thut mir leyd / daß schliessen muß / derohalben wird Ma tres Cheres, und gnädiges Fräulein es nicht übel deuten / und ich also nicht mehr / als nochmahlen meine oberwehnte Bitte zu wiederholen / absonderlich Dero gutes Andencken an Ihren Diener / Mein allerliebstes Hertzens Engels-Kind lebe inzwischen woll und vergnügt: Adjeu, adjeu, adjeu, Chere, Ich verbleibe jederzeit

Meines Allerliebsten Engels-
Kind und Fräulein

Bost-Scribendum:
Mein liebes gnädiges
Fräulein /

Adjeu, adjeu, Chere!

                 




Ergebenster Diener
Taglia Cantoni.

Tyrsates lachte über diesen Brief / wie es die Wunderbahr-verliebte Schreib-Art erfoderte / und würde seine lustige Gedancken wegen des Herrn im braunen Rock / der er selber seyn solte / an Asterien ausgelassen haben / wenn ihm ihr allzu langes Aussenbleiben nicht eine Unruhe zugezogen.

Denn die Gleichheit ihrer Sentiments hatte unter ihnen nicht allein eine gantz besondere Hochachtung vor einander erwecket / sondern ihre Hertzen waren so fest verknüpfet / als eine rechtschaffene Liebe aus Sympathie würcken kan.

Nun ward ihre Amour in Venedig desto mehr bekandt / je weniger sie sich angelegen seyn liessen / solche zu verbergen / und die öffentlichen und täglichen Visiten bewegten die Leute zu glauben / es werde auf eine Heyraht unter ihnen beyden angesehen seyn; Zumahl das Fräulein Asterie sich in so guten Credit überall gesetzt / daß man sie nicht vor vermögend schätzte / eine andere vertraute Bekandschaft jemanden zu gestatten.

Beyde hatten sich auch nicht undeutlich mit einander auf ewig verbunden / indem des Fräuleins aufrichtige Affection zu Tyrsates, und die verpflichtete Frage / warum er ihre Liebe suche / ihn veranlaßte / ihr eine ewige Liebe zu schweren / und sie zu versichern / daß er solche mit dem Willen des Himmels dereinsten durch eine ordentliche Heyraht vor aller Welt declariren wolle.

Diese verbündliche Erklärung nahm das Fräulein mit vergnügtem Hertzen an / und versprach ihm im Gegentheil eine treue und immerwährende Liebe / daß sie also in der süssesten Vertraulichkeit bis itzo mit einander gelebet / da er an den Kauder-Welschen Liebes-Brief an sie von einem ihm unbekandten Taglia Cantoni erhielte / und nicht geringe Unruhe wegen ihres gar zu langen Aussenbleibens empfund.

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