Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christian Friedrich Hunold >

Satyrischer Roman

Christian Friedrich Hunold: Satyrischer Roman - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleSatyrischer Roman
authorChristian Friedrich Hunold (Menantes)
firstpub1706
year1973
publisherVerlag Herbert Lang & Cie AG
addressBern und Frankfurt/M.
isbn3-261-00271-9
titleSatyrischer Roman
created20041011
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Gedancken

Von

der Liebe /

Da man auf
einem

GOttes-Acker

spatzieren gieng.

„WIe der Himmel mein Hertz durchaus mit einer himmlischen Neigung angefüllet / und ich was liebte / das nicht den Menschen / sondern ihm am ähnlichsten war: So konte auch mein Weg nicht anders als himmlisch seyn.

„Ich gieng in Betrachtung der süssen Unruhe meines Hertzen in Gedancken / oder besser zu sagen / meine Seele spatzierte / und hatte den Menschen zu Hause gelassen / um / weil sie einen Ort besuchen wolte / wo er dereinsten zu einem abscheulichen Gerippe müste werden / damit er sich wegen seiner Schwachheit nicht dafür entsetzen möge. Sie gelangte also auf einem Gottes-Acker; Und weil bey dem ersten Eintritt noch eine Menschliche Eigenschaft wolte Gesellschaft leisten / überfiel mich theils ein kleines Schrecken / und theils ein merckwürdige Neugierigkeit / an den Cörpern zu sehen / welches die Liebens-würdigsten gewesen / so unter den heßlichen allhier verscharrt lägen.

„Der Anblick kam mir durchaus sehr traurig vor / denn wie ich hundert Toden-Köpfe aufgehoben / fand ich nicht das geringste Merckmahl eines besondern Vorzugs / sondern an allen waren bloß einige Zähne / und an statt der Augen kaum die Löcher / worinnen sie gesässen / anzutreffen / dergestalt / daß ich über die Vorstellung meiner künftigen Gestalt würde zu seufzen seyn veranlasset worden / wenn mich die Seele durch eine andere Betrachtung nicht davon abgehalten / diese war: Daß sie mir meine vollkommene Glückseeligkeit versprach / wenn mein Leib in so erbärmlichen Zustand gesetzt worden. Ich nahm diesen Trost mit ziemlicher Gemühts-Ruhe an / und wunderte mich über mich selbsten / solche Lehr-Sätze in meine Brust zu fassen / die mir sonst so herbe und bitter vorgekommen; Allein ich fand endlich bey genauer Durchsuchung: Daß dergleichen Gedancken meiner Liebe heuchelten / indem / da mich dieses furchtsame Behältnis auf das Ende meines Lebens führte / meine in mir angezündete Liebe mich erinnerte / wie schön ich solches beschliessen würde / wenn mir eine Person die Augen zudrückte / in welcher / was unser Gewissen sonst mit Dornen durchwindet / ich alle Ergetzlichkeiten der Welt von dem Himmel gebilliget genossen. Ja / ja / schmeichelten mir gewisse Einfälle: Du liebest edel / indem du zugleich ans Sterben gedenckest / und wirst glückseelig sterben / in dem du dich dabey aller gehabten Liebe geruhig wirst erinnern.

„In solchen Lob-Sprüchen meiner Liebe gelangte ich an ein prächtiges Grabmahl / woran die Hand eines nicht gemeinen Menschen einen vor andern häßlichen Toden-Kopf angehangen: Meine Meinung dabey war: Daß er eine übel gestalt gewesene Person dadurch abbilden wollen; Allein die Uberschrift zeigte folgenden Verstand in diesen gebundenen Zeilen:“

Die Schönheit / die die Stadt bey zwantzig Jahr verehrt /
Die manches junges Hertz mit Liebes-Glut bethört /
Die sonder Eh geliebt / liegt hier mit Staub bedeckt.
Schau / welche Schönheit nun in ihrem Antlitz steckt!
Ach hätte sich ihr Hertz nur nicht bethören lassen /
So könte sie die Lust der klugen Jungfern fassen!

„Ach! dachte ich / wie viel kluge Jungfern giebt es? Thörichte sehen wir wohl genug; und weil ich die Welt eine ziemliche Zeit gekandt / so fiel mir viel schönes Frauenzimmer ein / die theils mitten in solcher verbotenen Glut gestorben / und theils noch lebend mit wollüstigen Füssen zum Grabe rennen.“ Ach! fieng ich an zu seufzen: Wie glückseelig bist du / daß dich ihre Reitzungen nie gefangen / und dein Gemüht mehr als deine Augen was annehmliches verehren / das / weil ich den Himmel dadurch selber Liebe / auch selbigen zur Gegen-Liebe im Sterben gegen mich bewegen wird! Und wie kan ein Hertz bey einer Schönheit geruhig seyn / die durch ihre Untugend alle Tage die Ruhe stiehlet? Im Lieben wechseln / heißt alle Tage ein ander Mensch werden und seine Seele bald mit diesem / bald mit jenem plagen; ja Rosen zu brechen / von deren Dornen das Gewissen bluten muß / ist keine Sache vor mich! Aus Erbitterung würde den Schedel dieser so häßlich verwandelten Schönheit zertreten haben / wenn mich meine Seele nicht erinnert / ihn den Anschauen anderer erhabenen Gemühter zu überlassen / und meine Augen auf was anders gerichtet. Dieses waren unterschiedliche Knochen / so man an einem Begräbniß-Stein gebunden / in welchem diese Zeilen gehauen:

Die einen Mann gehabt / den niemand nicht gekennt /
Doch tausend Buhler wohl / die alle Menschen kandten /
Der brach der Tod den Leib / wodurch so viele brandten /
Und der von mancher Brust die Tugend hat getrennt.
Sie starb; Und weist du wohl / wohin ihr Geist gelaufen?
So viele Männer sucht man unterm grösten Haufen.

„Hier fühlte einen kleinen Schauer in meinen Gliedern / wenn ich dereinsten die an einem Marter vollem Ort wissen solte / die ich über alles auf der Welt geliebt. Ach! gab mir eine menschliche Eigenschaft ein: Ich glaube / jene vollkommene Freude würde in dir durch eine so erbärmliche Vorstellung gemindert werden! Doch meine Seele bewieß das Gegentheil / und gab meiner Menschheit auch einen Trost durch die Tugenden der Person / die ich so zärtlich liebe / weil mich diese ein gleiches nicht befürchten liessen. Anbey bewegte sie mich zu einen eussersten Haß gegen die meisten Schönen / die von der Menge ihrer Anbeter / und wenn sie heute diesen / morgen einem andern ihre Begierden aufopfern / sich ein ehrgeitziges Vergnügen machen / da doch aus allen ihren Courtisanen kein besser als ein Hunde Hertz zusammen zu schmeltzen / das / so wie sie / an allen Bätzen sonder Unterschied hangen bleibt.“

Kaum hatte ich meinen Fuß fortgesetzet / als ich zweyer zerbrochener Toden-Köpfe gewahr wurde; Und meine Muthmassung / daß hier ein paar würden zusammen verscharrt seyn / ward durch diese Grab-Schrift erfüllet.

Hier liegt ein solches Paar / das Geld verliebt gemacht;
Die Zanck und Streit darauf bald in die Gruft gebracht.
Nicht wundre dich darum: Das Geld kommt aus der Erden /
Und lieben muß allein von Gott gezeuget werden.
Der Himmel nahm sie auch deswegen schwerlich ein:
Sie solten ja ein Leib / nicht beyder Mörder seyn.

„Hatten die beyden ersten einen Eyfer in mir erwecket / wo wurde er durch diese nichts-würdige Veranlassung zum Heyrahten vermehret. Was vor Schätze besaß Adam / wie er Even zu seiner Liebsten erwehlte? Keine; sie waren beyde mit Schafs-Fellen bedecket / und der Himmel hieß ihn:“ Durch Pflügen des Ackers seine Nahrung sichern. „Der Schweiß aber / welcher durch die Arbeit von ihnen floß / wurde durch die Liebe zu Nectar gemacht. Allein wird der meiste Theil der Welt nicht durch den Reichthum verblendet? Daß um dieser Eitelkeit sich zwey die Zeit ihres Lebens an ein ander verknüpfen? Ja freylich / weil in den meisten Menschen nur niedrige Geister wohnen. Sind die meisten Schönen nicht von der tadelhaften Eigenschaft / daß sie denen alles verstatten / die nur wichtig spendiren? Ach / bedächten sie nur / daß dem Augenblick / da sie nach empfangenen Præsenten mehr Gunst als zuvor verschwenden / sie einem klugen Amanten zu verstehen geben / wie ihre Keuschheit / und alles / was sie haben / um Geld zu verkaufen / welcher sie denn billig als eine Waare tractiret / die wenn sie alt / man wegschmeist.“

Worzu dienen aber deine Gedancken? Wendete alsobald meine Seele ein; Befriedige dich / daß du eine edle Schönheit liebest / die dir keine Geschencke / sondern die Sternen durch eine Ubereinstimmung der Gemühter anvertrauen / und daß deine Ruhe und dein Vergnügen / weil sie auf himmlische Art gesuchet / auch allezeit himmlisch seyn werden.

„Tausend süsse Erinnerungen / wie vollkommen ich das Hertz meiner Geliebten mit meinem vereinigt befunden / setzten mich als einen Menschen wieder in Ruhe / und versprachen mir die Glückseeligkeit:“ Unsere Gemühter würden wie ein paar rein-gestimmte Instrumenta die angenehmste Harmonie verursachen / dabey der Himmel selber nicht unbewegt bleiben würde. Wie plötzlich aber wurde diese beliebte Stille in mir nicht gestöhret? Da auf einem andern Grabe zwey abscheuliche Schedel / in welchen zwey verrostete Degen stacken / nebst dieser Beyschrift erblickte:

In zwey Ermordeten ruht hier die Eyfersucht /
Qvaal / Unruh / Blut und Tod war ihrer Liebe Frucht /
Der Himmel hätte sie in Ruh zu sich getragen /
Wenn sie dem Teufel nicht die Wohnung abgeschlagen.

„Meine gantze Menschheit samlete sich hier gewaffnet zusammen / um meine Seele zu bestreiten:“ Was? sagte sie / solte ich mein Leben nicht gleichfals vor dasjenige lassen / ohne welches ich nicht vergnügt leben kan? Solte ich demjenigen nicht den Degen durch den Leib rennen / der mir das Geliebte aus den Armen oder besser zu sagen / das Hertz aus dem Leibe will reissen? Ach! lachend must du dem ein Eisen durch die Adern jagen / der dir den geringsten Eintrag thut.

Die Seele ließ erst meine Affecten mit Fleiß austoben / hernach öffnete sie mir die Augen / um die Erde anzuschauen / auf welche ich aus Erbitterung gestampfet. Welcher Schauer überfiel mich nicht / da ich mit der Helfte meiner Füsse in einem Grabe stund / welches / weil es noch neu und locker / durch mein Treten nachgegeben. Wie? fieng ich zittrend an / soll ich lebendig unter die Erde sincken? Ihr Sternen / was habe ich doch gethan! Ja antwortete meine Seele: Bedencke / wie deine Lebens Zeit schon auf die Helfte verschwunden / und du wilst die andere nicht dergestalt anwenden / daß du sonder Schrecken zu deiner Mutter / der Erden / gehen kanst? Betrachte diese hier und dar liegende Knochen; Versuche / ob sie wohl riechen; Besinne dich / ob dir die Zeit lang düncket / da du gelebt? Und erwege die Kürtze und wenige Anzahl der Jahre / nach welcher du nebst deiner Geliebten allhier verfaulen wirst! Siehe deine künftige Lager-Statt nur wohl an; Und weil deinem eyfersüchtigen Hertzen fast die Welt zu enge / und du alles aus dem Wege mit Blut und Mord wilst räumen / was sich deiner Geliebten nahet / so habe die Gedult / einmahl auszumessen / wie groß das Behältnis seyn muß / wo zwey bis drey Hände voller Aschen liegen können! Wenn dein und ihr Gemüht tugendhaft / so ist der allerkleinste Platz mitten unter tausend Neben-Buhlern weit und geruhig genug vor euch. Eure Leiber stincken / wie andere nach dem Tode; Aber eure edle Gemühter werden den angenehmsten Geruch der Nach Welt hinterlassen. Darum / du bist ein Mensch / du must lieben / weils der Himmel befohlen; Sonsten verunreinigest du dich täglich mit ausschweifenden Gedancken. Doch befriedige dich: Du liebest / und ich habe dir die Macht gegeben / Lebenslang edel zu lieben: Denn ehe du deiner Schönen gefielest / warst du bemüht / dem Himmel zu gefallen; Da nun diesem deine Flammen anstunden / wie konten sie denn ihr zu wider seyn / die ein Gemüht hat / das dem Himmel auch gefallen will? Die Lorbern eurer beyder Tugenden müssen euch vor dem Blitz der Eyfersucht beschützen. Würmer wachsen aus der Hirsche Geweyhen / wenn sie die Eyfersucht qvälet / und aus verfaulten Leibern; aus dem Verstande aber muß ein himmlisches Licht strahlen / das bey allem / was einer höhern Macht nicht beliebet / gleich hell brennet. Verwundet einer deiner Schönen ihren Arm / so muß dein Hertz davon bluten und die Waffen zur Beschützung ergreiffen; Will ihr aber jemand eine Liebe erweisen / und sie nimmt es an / so waffne deinen Geist / sie als ein reitzendes aber deiner Seelen tödtliches Meer-Wunder / und nicht andere zu bestreiten. Gieb endlich aller Welt bey deinem schönen Exempel die Lehre: Daß wo auch aus einem Grabe Rosen spriessen sollen / das Tugend Oehl zweyer Verliebt-gewesenen den Saft darzu hergeben / und man um die gröste Schönheit der Welt sich nicht schlagen müsse / die morgen schon andere zu unserer Erkenntlichkeit davor küssen dürffen.

„Die nachdrückliche Gründe meiner Seelen und ein so furchtbarer Ort / bewegten mich zu einem eydlichen Entschluß:“ Eine Schöne nicht länger vollkommen zu lieben / als sie mich vor alles auf der Welt liebte.

„Doch die nur lauter Unglückseeligen aufgerichtete Begräbnisse und ein natürlicher Widerwillen vor ein mit Menschen Abscheu angefülltes Behältnis / wo uns unsere Eitelkeiten so jämmerlich vorgestellet werden / verursachten endlich ein mehr und mehr Erstaunen in meinem Hertzen / daß die Seele genug zu thun / mich statt der Flucht zum Anschauen eines halb aufgewühlten und halb mit Moß bedeckten Grabes zu bringen. Da war kein Todten-Kopf / wie an den andern zu sehen; Doch wieß der treffliche Leichen-Stein aus / daß was Vornehmes allhier den Gang aller Welt gegangen: Die eingehauene Zeilen musten demnach von neuen meine Neugierigkeit befriedigen / aber mich auch zugleich beunruhigen / weil / ich weiß nicht durch was vor einen merckwürdigen Zufall / lauter Mißgebuhrten der Menschen / besonders des Frauenzimmers / in die Augen meines Gemühtes fielen; Denn da laß ich:“

Die zu der Geilheit sich ihr Antlitz stets geschminckt /
Und hitzger Jugend nur zur schnöden Lust gewinckt /
Die trittest du allhier / mein Wandersmann / mit Füssen.
Nicht wundre dich / daß sie zur Höllen fahren müssen:
Gott sahe / wie sie starb / an ihr ein Fremd Gesicht /
Und hielte sie demnach vor sein Geschöpfe nicht.

Ach Wunder-würdiger Schau-Platz aller Menschlichen Eitelkeit! Waren meine Worte: Hier öffnen die Gräber ein Buch / wo unser Auge des Gemühts die schönste Weißheit kan aufschlagen: Kein sterblicher Redner / sondern der Himmel selbst liest uns was göttliches daraus vor; Und wenn die vollkommensten Menschen im Leben nicht begreiffen können / was doch ein Mensch sey / so bringen uns diese toden Knochen zu dessen Selbst-Erkenntnis! Unglückseelige Sterbliche! Die nicht zu frieden seyn / wie sie Gott geschaffen: Die an ihrem Gesicht bessern wollen / was die gröste Wunder-Hand vor gut genug an ihnen erachtet! Die dem Himmel gern mißfallen / wenn sie nur solchen Menschen angenehm sind / die ihm ein Abscheu und er ewig verworfen! Was bist du nun / die vor berufene Courtisanin? Welche Caressen werden dir itzo gemacht / und mit welcher Gestalt nimmst du die Höllischen Furien ein / daß sie dich nicht plagen?

„Doch O Himmel? Wie erstarrten meine Augen nicht / da sie eine Schlange aus der aufgewühlten Erde des Grabes hervorkriechen sahen? Dieses Thier / ob ich gleich urtheilen konte / daß es aus dem Menschlichen Cörper gewachsen / verursachte meiner Menschheit dennoch ein solches Entsetzen / daß ich als ein Pfeil bis an das Ende des GOttes-Ackers flohe / und mich da erst furchtsam umschaute / ob mich ein so vergifteter Wurm verfolgte. Zu meiner Beruhigung erblickte nichts anders / als daß mich unter den Elendesten / ich meine gantz geringer Leute Gräbern befand / wo von aussen alles sehr erbärmlich schien / und unter zehen kaum auf einem ein Stückgen schwartz gefärbtes Holtz stack / da man lesen konte / wer sie gewesen. Da meinte meine Seele / es Zeit zu seyn / mich zu einen zu führen; Und da ich gehorchte / zeigte mir selbige zur ungemeinen Erkenntlichkeit an einem armen Brete diese reichen Worte:“

Hier ruht ein armes Paar / das Fürsten hat verlacht /
Wenn reiner Liebes-Schertz sie pflegte zu ergetzen /
Die Gott zu Sterblichen auf Erden nur gemacht /
Daß sich die Engel auch an Menschen möchten letzen.
Der Himmel nahm sie nur deswegen bey sich ein:
Daß du / mein Leser / sollst ein neu Exempel seyn.

Ach wunder-süsse Worte / die meine Seele an einem Orte in mein Hertz schreibet / wo ich dem Anschauen nach lauter Elend vermuhtete! Unvergleichliches Paar / so allhier die Liebe zusammen gelegt! So bist du ein Beyspiel gewesen / wie ich künftig lieben werde? Ist dieses ein unversehener Zufall / oder will mir eine höhere Macht was gewünschtes dadurch propohezeyen? Ja / antwortete mir meine Seele / alles dieses ist nicht von ohngefehr geschehen. Woraus kan ich aber meine Glückseeligkeit schliessen / fragte ich weiter. Daß / gab meine Seele hierauf / weil dir der Himmel ein Hertz so edel zu lieben gegeben / er dich sonder einem so annehmlichen Gegenstand nicht wird sterben lassen.

Hierauf gieng ich so vergnügt fort / als ob mein Fuß nicht einen Gottes-Acker / sondern das anmuhtigste Lust- Revier oder ein irrdisches Paradies betreten. Vorhero aber hielte die Seele meiner Menschheit vor: Daß ich als ein edler Mensch nun erkennen möchte / wie da nicht allein die schönsten Liebes Gedancken könten geführet werden / wo der Mensch gepflantzt / sondern wo er durch das allgemeine Gesetz der Natur zernichtet würde; Und bewegte mich endlich / bey dem Grabe dieses armen Paars zu schweren: Meine Schöne / die mir der Himmel durch eine Ubereinstimmung des Gemühts zu erkannt / allen Gütern der Welt vorzuziehen / und ihr bis an eine so süsse Ruhe-Stätte getreu zu bleiben.

Was vor geheime Würckungen diese ungemein-schöne Gedancken von der Liebe bey Arismenien verursachet / wuste Selander nicht; Er glaubte aber aus ein und andern bekandten Umständen / daß sie darüber nicht sonder Nachsinnen würde geblieben seyn.

Zumahl da sie solche des Abends durchgewandert / und sich wie er hernach erfuhr / damit zu Bette begeben.

Bey seiner Visite empfieng sie ihn mit einer freundlichen Ernsthaftigkeit / und nahm bald darauf Anlaß / seine so sonderbahre Betrachtungen zu rühmen / mit der Versicherung / wie ihr solche überaus wohlgefallen.

Sie geriethen demnach in einen Discours, der mit dieser Materie eine Bewandnis hatte; Und weil der Schluß dieser Gedancken ihr besonders angenehm / sagte Selander: Daß er auf ein solch Frauenzimmer gerichtet / die so viel Liebens-würdige Eigenschaften als Arismenia, und so viel Liebe vor ihn besäß / als darinnen abgebildet?

Sie konte sich vielleicht hierüber nicht deutlich erklären / und er trug auch Bedencken / sie um eine so vollkommene Gunst weiter zu bitten / darum behielt ein jedes seine Uberlegungen bey sich.

Eine vollkommene Liebe steigt allezeit in ihrem Wehrt; Aber eine noch vollkommenere / wie die meisten davor halten / soll mehr unter als über sich steigen / und solche Würckung schien auch durch den täglichen Umgang bey Arismenien sich zu ereignen.

Ihre Unterredungen waren zwar mehrentheils von den edelsten Sachen; Aber weil die Abwechselung beliebt / so geriethen sie absonderlich bey dem Abschied auf lustige Discourse; Und darzu musten ihnen die geringsten Dinge / wenn es auch Selanders Camisölgen seyn sollen / Materie hergeben / darüber sie beyde nicht sonder Empfindung schertzten.

Auf eine so artige Manier nöhtigte auch der Schalckhafte Selander Arismenien eine Erklärung ab / damit sie sonsten so sparsam gewesen: Denn ob er wohl ihre Liebe in der That deutlich genug verspühret / hielt sie dennoch mit einer mündlichen Versicherung sehr hinter dem Berge / bis er ihr einmal den Cu de Paris, (oder das Aufgestecke des Kleides) aus Kurtzweil dergestalt zerdruckte / daß sie ihm auf keine Art / als mit dem Versprechen loß werden könte: Sie wolle ihm was angenehmes sagen; Und da er abließ / hub sie an: Wissen sie wohl / daß ich ihnen gut bin / und daß ihnen Lebenslang von Hertzen werde gut seyn.

Solche Versicherung war Selandern auch höchst angenehm; Um deren aber gewisser zu seyn / bemühte er sich durch die verpflichteste Bedienung / den Zugang zu ihren Hertzen vollkommen zu finden / und fand auch endlich: Daß sie ihm von Hertzen gut war.

In dieser schönen Vergnügung suchte ihn der oben gedachte Neben-Buhler / welcher zuweilen ihre Garten-Gesellschaft genossen / auf alle Weise zu stöhren: Er nennte sich Cyprianus von Notenberg, und hatte sich den Vornahmen deswegen zugelegt / weil er aus Cypris oder dem Reiche der Liebe wolte entsprossen und von der Venus also privilegirt seyn / seine verliebte Grillen überall auszuhecken / und unter dem Caracter eines Verliebten dasjenige zuthun / wodurch andere den unanständigen Tittul der Phantasten verdienen.

Weil er nun wuste / daß Selander mehrentheils bey Arismenien, und er sie gern einmahl allein sprechen wolte / ließ er sich bey ihm anmelden: Er wolle ihm mit dessen Erlaubnis um die und die Stunde eine Visite geben.

Wie nun Selander zu Hause um die bestimmte Zeit seiner erwartete / war der Herr Cyprianus zu Arismenien gewandert / um da seine verliebte Minen anzubringen.

Selander erfuhr diesen Streich noch des Abends von seiner Schönen / und an statt zornig zu werden / lachte er von Hertzen / und rechnete es unter seine kurtzweiligsten Abendtheure / daß ihm ein solcher dergestalt einen Possen zu reissen unterfangen; Denn er hatte es ihr als ein Zeichen seiner Klugheit und Liebe von sich selber gestanden.

Wie er zu Selandern wieder kam / entschuldigte er sich mit einer Erfindung / und solche nahm Selander mit Versicherung aller Amitie auf; In etlichen Tagen aber ließ er ihn auf eine Collation zu sich bitten / zu welcher sich denn unser Cyprianus, der gern umsonst was Gutes essen und trincken mochte / um voraus einen trefflichen Appetit machte.

Als er nun in höchster Galla, das ist mit einer ge pouderten Paruqve / aufgezogen kam / muste er sich von der Magd im Hause mit dem Entschuldigungs- Compliment abspeisen lassen: Aus der Gasterey würde heute nichts werden / denn Mons. Selander wolle vor diesmahl Madame Arismenien in ihrem Zimmer unn allein tractiren.

Diese Höfligkeit roch nach keinen andern Gericht / als einer gebratenen Nase / welche der gute Cyprianus mit nach Hause nahm / und sie in seine Raritäten-Kammer zu den andern hieng / die er schon bey tausenden zehlen konte.

Doch dieses war vielleicht nicht der eintzige / welcher Selandern gern Eintrag gethan; Und ob es gleich nicht in der That so beschaffen / so bekam er doch durch das öftere Ausfahren Arismeniens zu solchen Muhtmassungen Anlaß.

Sie begegnete ihm ein paar mahl in der Carosse zwar mit Frauenzimmer / seine Kundschaften brachten ihm aber so viel Nachricht / daß vor dem Thor ein paar gute Freunde ihrer zu weilen gewartet / woraus ein neuer Verdacht in seiner Liebe entstund / zumahl / weil sie aus einen und andern Ursachen seine Gesellschaft dabey nicht haben konte.

Das schöne Wetter hatte sie demnach den vorigen Tag wieder aus der Stadt gezogen; Und wie er an dem andern seine Mittags- Visite bey ihr abstattete / in der Hoffnung / weil ein starckes Donner- und Regen-Wetter die Nacht eingefallen / und sie ihm ausser dem eine Visite erlaubt / sie gewiß zu Hause anzutreffen / war ihr Zimmer leer / und ihr Mädgen gab ihm die schlechte Vertröstung: Sie würde zwar bald nach Hause kommen / aber dem gestrigen Versprechen nach wieder ausfahren.

In dem sich nun Selander in seinen Gedancken darüber ärgerte / kam ein Diener von einer andern Dame, die ihre gute Freundin / und entschuldigte durch das eingefallene böse Wetter / daß heute aus der Spatzier-Fahrt nichts werden würde.

Dieses vergnügte Selandern nicht wenig / und zwar nicht deswegen / daß er sie also geruhig würde sprechen können / sondern ihr seinen nachdencklichen Schertz darüber zu eröffnen: Dahero ergriff er Feder und Papier / setzte folgenden Brief an sie auf / und ließ ihn auf ihrem Nacht-Tisch liegen; Er aber passirte in anderer Compagnie inzwischen seine Zeit.

Schreiben
der Flora an die Charmante
Madame Arismenia
.

Madame.

MEine Gegend ist niemahls glücklicher / als wenn sie eine Dame betritt / die / was ihrem Zieraht bey annahender Herbst-Zeit abgehet / durch ihre Anmuht wieder ersetzet / und mir eine Conversation gönnet / die sich zu meiner Gemühts-Art unvergleichlich schicket. Vor so angenehmen Zuspruch bin um desto mehr verbunden / weil ihre liebste Person so anziehend / daß kein eintziger Freund von meinem Zephyr, der ihnen nicht mit Vergnügen Gesellschaft leistet; Und ich also durch sie die galantesten Gäste erhalte. Nur dieses beschämet mich / daß Madamen nicht nach Würden tractiren / und ihnen Blumen vorsetzen kan / die so wie die Ihrigen die Schönheit nicht verliehren / wenn sie noch so viel gebrochen werden. Doch ihr gütiges Naturell versichert mich eines geneigten Aufnehmens / und daß ein ander mahl / und sonderlich übers Jahr bey dem neuen Frühlinge / gedoppelt einbringen werde / was mir itzo an Blumen stirbet. Denn ob mir gleich Morgen nebst andern guten Freunden das Plaisir versprochen / sie in meinem Revier wie gestern zu bedienen; Auch welche vor dem Thor auf zupassen sich resolviret: So ist doch diese Lust durch einen besondern Zufall zurück gangen. Ob Madame etwas dran Schuld seyn / will nicht sagen; Doch weil Götter dieses nur vor einem so vollkommenen Menschen / als Madame, voraus haben / daß sie alle Heimlichkeiten wissen; So kan nicht bergen / daß mir dero Vertraulichkeit mit Selandern bekandt. Wäre dieser nicht so eigensinnig / daß er Rosen / woran er einmahl die Hand gehabt / keinem andern überlassen wolte: So würde seine Compagnie zu weilen nicht ausgeschlossen werden. Nachdem er aber durch die Constance, als eine Göttin de la Fidelité erfahren / wie Madame, ohngeachtet sie ihm morgen eine Visite erlaubet / sich wieder bey mir divertiren würden / hat ihn die Heftigkeit seiner Passion dahin getrieben / daß er beym Jupiter eine bewegliche Supplic eingegeben / diese ihm verdrießliche Ausfahrt zu verhindern. Jupiter, welcher dem Selander wegen seiner Aufrichtigkeit gewogen / und an dem Hercules nicht ungerochen gelassen / daß er seine Juno caressiret / bezeigte diesen Morgen um 4. bis 10. Uhr durch ein starckes Donnern und Regen / daß er dessen Bitten erhört / und machte dadurch die Wege so tief / daß sie deswegen ohnfehlbar ihre vorgenommene Ergetzlichkeit einstellen müssen. Ein so unvermuhteter Streich wird zwar Madamen, wie mich kräncken / aber auch zugleich statt meiner Excuse dienen / wenn sie erwägen / um welcher Person ein solch Ungewitter entstanden. Solte nun der Himmel sich wieder ausheitern / und eine Garten-Lust vergönnen: So wolte unmaßgeblich rahten / ihn auf solche Art abzuspeisen / daß er sich bey guten Tagen nicht nach ihrem Zimmer sehnen / und also von neuem unser Plaisir stöhren dürfe / weil das Glück vor einem in der Treue allzu eigensinnigen Menschen groß genug wenn er ihnen in schlimmen Wetter aufzuwarten die Permission hat. Morgen um drey Uhr erwarte deswegen Resolution und verharre mit Vergnügen

Madame

Dero ergebenste Freundin          

Flora.

Wie Arismenia nach Hause kam / und unter der schertzhaften Erfindung dieses Briefes / oder besser zu sagen unter denen darinnen gedachten Rosen einige Dornen fand / waren ihr solche zu ertragen zu scharf; Dahero ließ sie Selandern an dem Ort aufsuchen / wo sie ihn ungefehr zu seyn glaubte / und bemühte sich darauf / ihm alle ungleiche Gedancken von ihr zu benehmen.

Er glaubte ihr so gefällig / als sie es verlangte / und führte sich / wie vor / verpflichtet auf. Weil er aber an ihren Minen errahten konte / daß sie morgen wieder ausfahren würde / fragte er sie selber darum; Da sie es alsdenn bekannte / aber anbey versicherte / daß es wider seinen Willen nicht geschehen solle.

Die Augen redeten aus Selandern mehr die Warheit als die Worte / denn mit diesen sagte er ja / mit jenen aber nein / und Arismenia, die die geheime Sprache / weil sie solche selber unvergleichlich redete / wohl verstund / befriedigte ihn nicht allein mit dem Versprechen / ihn morgen bey sich zu sehen / sondern auch mit Caressen, die man von einer geliebten Dame nicht schöner wünschen kan.

In so entzückter Liebes-Unterhaltung vergaß er alle Unruhe / die er durch sie zuvor empfunden / und hielt die Einsamkeit etlicher Tage / auch in einer Wüsten / sattsam vergolten / gleichsam darauf in einem Paradies bey einem irrdischen Engel zu leben.

Eine edle Liebe hat was ungemeines in sich / und so angenehm war ihm itzo ihre Zärtlichkeit / da er sie zuvor nicht so sehr in ihn entzündet geglaubt; Und weil er in dem vergnügtesten Schertzen Abschied nahm / kurtzweilte er: Nun würde sie morgen dennoch auf den Garten fahren / nachdem sie ihn ihrer vollkommenen Liebe versichert. Vielleicht / antwortete sie im Lachen; Und solches hatte Selander nicht vergebens gemuhtmasset / weil sie schon etliche mahl / wenn er verdrüßlich über eine vorgenommene Spatzier-Fahrt gewesen / seine heimliche Einwilligung auf eine so bezaubernde Art ausgebeten.

Denn als er dem andern Tag in ihrem Quartier sich anmeldete / und nach der Madame Arismenien fragte / bekam er die Nachricht: Madame Arismenie ist auf den und den Garten gefahren: Worauf sich Selander destoweniger mißvergnügt in andere Gesellschaft verfügte / weil er es zuvor gewiß geurtheilet.

Tyrsates war sein angenehmster Zeit-Vertreib / und wenn sie einander ihre Begebenheiten ausser gewissen geheimen Puncten erzehlten / fand Selander sein Gemüht / wo nicht vollkommen / doch guten theils befriediget.

Und dieses ist das Geheimnüß vieler Amanten / einen recht vertrauten und erkandten Freund zu haben / der unsre Zufälle in der Liebe gern anhöret / und mit uns darüber raisonniret; Es ist ein Mittel auch in seiner eussersten Unruhe vergnügte Linderung zu finden; Und ist gantz nicht zu tadeln / wenn wir nur verschweigen / was unserer eigenen und der Tugend der geliebten Person nachtheilig seyn kann.

Vor diesmahl hatte Tyrsates bey so aufgereimtem Humeur des Selanders grössern Appetit, als ohnlängste / ihm die mit dem Opern-Frauenzimmer gehabte nachdrückliche Unterredung zu erzehlen / und noch was kurtzweiliges hinzu zusetzen / welches sich mit Mons. Cyprianus begeben:

Denn dieser verliebte Fincken-Ritter machte sich / nachdem seine Hoffnung bey Arismenien in den Brunnen gefallen / an die oben gedachte Opern-Schönheit und hatte in andere Gesellschaft mit ihr auf dem Wasser sich zu divertiren endlich die Erlaubnis; Aus was vor einer Affection es aber herstammte / sahe man bald darauf.

Caelia, so hieß dieses Opern-Frauenzimmer / kannte Cyprianum bereits / und wuste was vor einen Cavalier sie an ihm angetroffen. Um nun der Compagnie eine Ergetzlichkeit zu machen / fuhren sie in zwey Gondeln, und Cyprianus muste zu seinen Mißvergnügen in die andere treten. Durch die barmhertzige Minen / die er Caelien aus seiner Gondel zu machte / ließ sie sich endlich bewegen / ihn in die ihrige zu nöthigen / und reichte ihm zu einen desto grössern Zeichen ihrer Gutheit selber die Hand.

Wer war froher als Cyprianus? Die Liebe bildete ihm ein / als ob seine Füsse zu Flügeln worden / womit er in einem Augenblick in ihrer Gondel seyn wolte: Indem aber der gute Herr im Springen / riß Caelia ihre Hand loß / und besetzte das Wasser von neuem mit einem Stockfisch.

Es waren schon Leute dazu bestellt / die ihn wieder auffischten / und die gantze Compagnie lachte nicht über diesen possierlichen Streich / sondern beklagte ihn vielmehr wegen eines sothanen Unglücks / welches um desto grösser / da die gantze Frisur aus seiner Paruqve gehen / und das Kleid / so er aus Menage nicht hatte krümmen lassen / zu kurtz werden dürfte.

Caelia half getreulich dazu und wuste sich so manierlich zu entschuldigen / daß Cyprianus das galante Compliment zu ihr sagte: Um das Mitleiden einer so schönen Person zu verdienen / müsse man tausend Kleider und Parüqven nicht achten; Ob er gleich von beyden nicht mehr als eins hatte.

Doch durch dieses Douceur erlangte er den süssen Trost / daß ihn Caelia durch ein paar Gondolirer nach ihrem Zimmer tragen / und / wie er inständig gebeten / hinter ihren Ofen trocken werden ließ.

Bey diesem Zufall war Tyrsates persönlich zugegen gewesen; Und als einige Tage darauf die Visiten bei Arismenien wieder abgestattet / und Selanders Vergnügen befördert worden / giengen sie beyde nebst Officiren und andern Cavalieren an einen Orte / wo man sich bey einem guten Glaß Wein mit einem Spiel erlustiget.

Allein dadurch schantzte sich Selander was unvergleichliches zu: Die Kraft des Weins war ihm unbekandt / und weil er angenehm zu trincken / nahm er in so guter Gesellschaft mehr zu sich als er sonsten gewohnt / und wurde bey dem Spiel nicht gewahr / daß er ungemein berauschet.

Indem er aber mit Tyrsates nach Hause wanderte / merckte er in der Luft eine kleine Veränderung: Dessen ungeacht aber konte er die Strasse / worinnen Arismenia wohnte / nicht vorbey passiren / sondern nahm von Tyrsates Abschied / und besuchte seine Schöne in einem recht guten Stande / sich ihr gefällig zu machen.

Arismenia meinte / Selander würde bey über aus gutem Humeur sein / da er so geschwind die Treppe hinauf eilte: Doch bey dessen Erblickung sahe sie mehr als zu deutlich / wie seine Geister durch was anders als die Liebe rege gemacht worden / und nöhtigte ihn also bey Zeiten auf einen Stuhl / weil ihm das Stehen ziemlich beschwerlich ankam.

Inzwischen sahe er doch seine Geliebte mit starren Augen an / und that so freundlich / als ob er ihr lauter süsse Verpflichtungen vor sagen wolte; Allein es blieb gemeiniglich bey dem ersten Wort und im übrigen muste sich Arismenia befriedigen / daß er hertzlich gern discouriren gewolt / wenn er nur gekont.

So weit hatte er sich noch besinnen können / und zwar eine Verwunderung / doch auch ein Mitleiden aus ihren Augen gelesen; da ihn aber der Wein ersuchte / ein wenig aus dem Fenster zu sehen / spatzierten die Geister so weit in die freye Luft / daß er gantz und gar vergaß / wie er in Arismeniens Zimmer.

Man ist unglückseelig / in dem Zustande bey einem Frauenzimmer zu seyn / deren Hertz so wohl von Liebe / als Ehrgeitz eingenommen / und in beyden von uns will befriediget seyn. Niemand ist vollkommen; aber da begeht man auch Fehler / davor wir selber einen Abscheu tragen / und kan einer Dame eine gar ungleiche Meinung beybringen / die von uns zuvor noch so wohl geurtheilet.

Selander kam nach Hause sonder zu wissen wie / und nicht eher zu sich selber / als bis er des Morgens früh erwachte / und so grausame Schmertzen im Haupte empfand / die ihn endlich / nebst ein und andern Merckmahlen in seinem Schlaf-Zimmer erinnerten / was gestern vorgegangen.

Von einem erschrecklichen Traum oder starckem Rausch zu erwachen / ist einerley: Darum kamen ihm seine Ausschweifungen als nächtliche Phantasien vor / in welchen / je mehr er grübelte / je mehr fand er / daß er zwar nichts wider die Liebe / allein das allergröste wider die Höfligkeit und den Wohlstand begangen.

Sein Mißvergnügen war hierüber unbeschreiblich / und dergleichen grausame Vorstellung solten einem andern den vom Wein zermarterten Kopf folgends zerbrochen haben; Allein bey Selandern war die Würckung gantz anders.

Einen berauschten soll ein plötzliches Unglück können nüchtern machen; Und so wurden auch Selanders Sinnen durch die Abbildung / wie billig ihn nun Arismenia wegen so überaus grosser Excesse hassen würde / zumahl sie die Trunckenheit vor das ärgste Laster hielte / so sehr zusammen gebracht / daß niemahls ein wider Willen begangener Fehler schöner kan seyn gebüsset werden / als Selander seinen Rausch bereute.

Man wird davon nicht besser urtheilen können / als wenn man diesen Brief an Arismenien durch lieset / und anbey glaubt / daß er in eben der Stunde geschrieben worden / da er zum ersten erwacht / und die unleidlichste Pein in seinem Haupt empfunde:

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.