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Satyrischer Roman

Christian Friedrich Hunold: Satyrischer Roman - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleSatyrischer Roman
authorChristian Friedrich Hunold (Menantes)
firstpub1706
year1973
publisherVerlag Herbert Lang & Cie AG
addressBern und Frankfurt/M.
isbn3-261-00271-9
titleSatyrischer Roman
created20041011
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Diese Dame nun war lang von Person / wie Frauenzimmer in der besten Statur zu seyn pfleget / etwas mager / und von einer solchen Geschicklichkeit des Leibes / wie / wenn sie propre angekleidet / man niemahls mit satsamen Vergnügen anschauen konte / und wodurch ihr das Tantzen so überaus manierlich anstund / als ob sich alle Gratien leibhaftig in ihr bewegten. Ihren Augenbraunen und den schönen Haaren nach / welche ungeflochten ihr bis auf die Füsse hiengen / war sie halb unter die Blonden und halb unter die Brunetten, der Gesichts-Bildung aber nach / zwar nicht unter die Schönsten / aber gewiß unter recht annehmliche Damen sonder Schmeicheley zu zehlen. Solche war mehr rund / als länglich / und von einer Farbe / die weder zu roht noch zu weiß / sondern von beyden sehr angenehm untermenget / und gleichsam eine Abbildung der Sittsamkeit war / die aus ihrem gantzen Wesen leuchtete. Wie nun alles / die Hände / Armen und Brust nach ihrer schönen Statur überaus wohl proportioniret: So waren die Lippen auch in der rechten Grösse / und mit so lieblichen Rosen besäet / daß sie der gantzen Taille an Schätzbarkeit nichts nachgaben. Von den Augen aber einen rechtschaffenen Entwurff zu machen / hiesse so viel unternehmen / als den Himmel / wenn er des Nachts am schönsten mit Sternen besetzt / leibhaftig abschiltern wollen: Denn je schärfer man sie ansahe / je mehr Anmuht fand man darinnen / und in solcher Betrachtung / war der Verstand viel zu nachdrücklich bezaubert / als daß er zu einen rechten Urtheil von ihnen sollen fähig seyn. Sie waren an sich nicht groß / damit die vollkommene Lieblichkeit in einem kleinen Behältnisse einen weit vollkommnern Ruhm davon tragen möge; Und durch die inwendige Farbe derselben / welche zugleich blau und bräunlich / spielte was durchdringendes und unbegreifflich angenehmes hervor: Dabey blickte eine Wunderwürdige Beredsamkeit aus selbigen / daß Selander, so geschickt er auch hierinnen war / dennoch öfters mit Entzückung davor verstummte; Und daher kam es / daß er niemahls in der Conversation mit ihr konte ersättiget werden / denn wenn sie auch zu weilen still schwieg / so gaben ihm ihre Augen eine Antwort / und sprachen auf eine so Hochachtungs und Liebens-würdige Art / daß er gestehen muste: Er habe Zeit seines Lebens Geister niemahls eigentlicher reden gesehen; Und aus diesen Sternen floß der Uhrsprung aller seiner Gemühts-Bewegungen her / ja sie konten ihn / entzündet / vergnügt / gelassen / und auch betrübt machen.

In diesem ungemein schönen Spiegeln konte man / bey genauer Hineinschauung / das edle und sittsame Gemüht dieser Damen erkennen / welches sich bey allen Gelegenheiten so eusserte / daß jemanden mißfällig zu seyn ihr eintziges Unvermögen war / da sie sonsten über die Gemühter der Leute viele Gewalt hatte / und den Preiß einer Leutseeligen / angenehmen und modesten Damen von aller Welt erwarb. Dabey mangelte es ihr an Galanterie nicht / welche aber / damit solche bey ihr zu erst zu einer rechten Tugend werden möge / ein solch manierliches Wesen begleitete / daß sie in ihrer grösten Freyheit sittsam und in den artigsten Schertzen und der gefälligsten Aufführung honnet schiene; So gewiß was so seltnes / als es eine von ihren schönsten Eigenschaften zu nennen. Ihre Klugheit war ingleichen desto vollkommener / weil sie mehr sittsam als klug schien / und doch diese letztere Qualité, fast vollkommener als die erste besaß: Denn die Modestie ward ihr angebohren / aber durch die allerfeinste Klugheit / welche sonst Leuten gemeiniglich zu frey machet / erst ungemein wohl erhalten. Sie redete nicht viel / aber ihre Minen und Augen sprachen desto nachdrücklicher vor sie / daß man sie oft im Stillschweigen vor viel verständiger / als die klügsten Redner / und ihre wenigen Reden vor überaus viel schätzte / weil solche klug / niemahls zu unrechter Zeit / allezeit aber ungezwungen und mit einer natürlichen Artigkeit angebracht wurden. Endlich / da sie von keinem grossen Stande / so besaß sie dennoch ein Wesen / in welchem die gröste Air de Qualité und der wenigste Hochmuth anzutreffen / und ihr Ehrgeitz bestand allein darinnen / die höfliche Ehr-Bezeigung gegen sich zu erhalten / die sie jedweden nach seinem Stande erwieß.

Aus dieser Beschreibung / welche mehr aufrichtig / als mit sattsamer Geschicklichkeit geschehen / kan man nicht allein die Grösse von Selanders Liebe / sondern auch die eigene Beschaffenheit seines Gemühts urtheilen / nach welchen er vor diese Liebens- und Estims würdige Person / Arismenia Nahmens / das eusserste zu thun / und ihre Gunst allen Glückseeligkeiten der Welt vorzuziehen genöhtiget ward.

Bis hieher hatte er ihr keine andere Verpflichtungen gemacht / als sie Lebens lang / und allein zu lieben; Nachdem er aber auf eines bekandten Freundes Hochzeit geladen ward und er ihre Erlaubniß darzu ausbat / da er sich schon dahin versprochen: Zeigte sie hierüber eine zärtliche Betrübnis / und nöhtigte ihn zwar selber / sein Wort zu halten / gab aber auf eine verblümte und angenehme Art zu verstehen / wie sie gern eine Nachricht noch vor Abends wünschte / wie es ihm daselbst gefallen.

Selander verstund alles / und so viel zu seinen Vergnügen / daß er unter der Gesellschaft auf der Hochzeit kein Ergetzen fand; Und ob ihn gleich nicht häßliches Frauenzimmer zum Tantzen und andern Lustbarkeiten um sich zu behalten gedachte / anckerte doch sein Gemüht so sehr nach Arismeniens Behausung / daß er sich sonder Gewahrwerdung der andern in die Karoße setzte / und zu seinen Magnet fuhr / denen andern aber ein sehr höfliches Compliment durch einen guten Freund hinterließ / als habe er sich wegen einer vom Wein bekommenen Unpäßlichkeit so geschwind weg begeben müssen.

Arismenia empfieng ihn mit anständiger Freundlichkeit / und fragte nach allen Umständen der auf der Hochzeit gehabten Ergetzlichkeit / und mit einer Art / die eine zärtliche Eyfersucht verrieht / darüber er in seinem Hertzen eine nicht gemeine Zufriedenheit empfand. Er beantwortete demnach alles aufrichtig und mit so wohl untermischten Verpflichtungen / daß sie hieraus schliessen konte: Wie ihm keine Lust ausser ihr angenehm / und die gröste / die er in ihrer allerliebsten Person anträf / ihm mit der Zeit zu einer Marter werden würde / wo er solche Glückseeligkeit nicht ewig geniessen solte.

Es fielen aber die Discourse hierauf auf ein gewisses Frauenzimmer / die eine Frantzösin / und sich eine Zeit her Selandern gefällig zu machen gesucht; Weil es nun Arismenien bekandt / und daß er sie auf der Hochzeit vor andern bedient / legte sie eine dem Frauenzimmer schuldige Höflichkeit vor eine besondere Neigung des Hertzens aus / und qvälte sich durch eine falsche Vorstellung / Selandern aber durch eine überaus spröde und verdrüßliche Aufführung / daß er die allerempfindlichsten Schmertzen deswegen ausstund.

Dieser aus einer ungleichen Meinung entstandene Streit wolte sich so leicht nicht beylegen lassen / und ihr Gemüht war so aufgebracht / daß er solches mehr durch seine stillschweigende und eusserste Zärtlichkeit als Worte besänftigte.

Allein alsdenn waren auch ihre Stunden / wie wenn auf dem Meer ein grausamer Sturm vergangen / und die angenehmste Ausheiterung des Himmels uns von allen Orten anlachet: Denn ihre Versöhnung verdoppelte eine vergnügte Vertraulichkeit / und während solcher bekennte Selander zum ersten: Wie seine Liebe das aller honneteste Absehen habe / und er sie zu Heyrahten gesonnen / wenn sie ihm anders eine solche Glückseeligkeit schencken wolle.

Er brachte diese Liebes-Anwerbung / oder die Liebe selber machte sie vielmehr vor ihm / indem die Manier / womit er in den schönsten Verpflichtungen redete / voller Liebe / und sich mehr in seiner Geliebten Brust / als auf dem Papier allhier geschehen kan / abdrückte.

Arismenia küßte ihn vor diese Versicherung vielmahls / und wie er um eine Gegen-Erklärung anhielte / bat sie sich einige Bedenck-Zeit aus / und gab ihm durch die liebreichste Bezeugung inzwischen zu verstehen / daß er zwar über ihre Gunst / aber der Wohlstand oder andere Sachen über sie so weit noch Meister / daß sie kein völliges Bündniß mit ihm eingehen könne.

In so süsser Unterhaltung flossen die Stunden unvermerckt vorbey / und sie hatten sich darinnen so sehr vertieft / daß sie durch die Späte der Zeit an keinen Abschied gedachten / bis der Morgen durch die Fenster brach / da erwachten sie / als vom Schlafe / welchem eine schöne Liebe deswegen zu vergleichen / weil alle Sorgen und andere nicht vergnügte Gedancken darinnen ruhen / und der Geist wie im Traum / allein mit entzückten Phantasien beschäftiget ist.

Sie musten also / nachdem sie sich des Wohlstandes / und wie sie nicht allein in der Welt / erinnerten / von einander gehen; Und weil Selander in einer überaus grossen und ihm noch nicht wohl bekandten Stadt / konte er sein Quartier nicht finden / und ruhte also hinter einem grossen Hause unter einem verdeckten Schirm so lange aus / bis ihn ein Gondolir nach einer Stunden / als um 4 Uhr / nach Hause brachte.

Auf eine fast artigere Art ergieng es ihm noch ein paar mahl / da die Sonne schon längst ins Meer gegangen / und er es noch vor Tag bey Arismenien schätzte / und so lange blieb / bis er den Venus- oder den Morgenstern in ihr von neuen anbeten konte: Denn da wuste er seine Behausung noch weniger zu finden / weil es erst um 3 Uhr; Und muste also aus der Noht eine Tugend machen / und bey der Wache so lange Herberge suchen / bis / da dieselbe abgelöst / sie ihn nach seinem rechten Qvartier führte.

Die Visiten bey dieser annehmlichen Damen wurden an der Zahl und Vertraulichkeit vermehret / und sie redeten von genauer Ubereinstimmung und susser Vereinigung der Hertzen / so beliebt / als es eine so wunderschöne Materie zu discouriren bey einem Frauenzimmer erfodert.

Immittelst sprachen sie einander auch anderwerts / und mit einer Art / dadurch die Leute ihr geheimes Verständnis erriehten; Und weil Selander seine Liebe viel heftiger als die Ihrige schätzte / indem sie solche ewig zu befestigen noch Bedenck-Zeit genommen / so wunderte er sich nicht wenig / daß sie ihm eine viel stärckere Eyfersucht / als er Liebe bey ihr urtheilte / blicken ließ: Denn als er in ihrer Compagnie einmahl halb berauscht kam / und mit einem schönen und lustigen Frauenzimmer etwas frey im Tantzen und Schertzen umgieng / hernach aber Arismenien aus Kurtzweil einen Ring vom Finger zog / welchen er wieder zu geben mit einer verbindlichen Manier weigerte: Sagte sie ihm verdrüßlich und sonder Betrachtung / daß ein Frauenzimmer dabey saß: Sie könne solche Tändeleyen nicht vertragen.

Ich aber alles vom einem Frauenzimmer / antwortete er gar modest: Im Hertzen kränckte ihn aber ein sothaner Streich überaus sehr / weil er bey aller seiner Liebe einen grossen / doch billigen Ehrgeitz besaß / daß er auch / ob er sich gleich durch eine kleine Entfernung wieder zu fassen suchte / dennoch kein Wort bey ihr vorbringen konte / als sie ihn hernach wieder an sich zog.

Sie bat ihn nach geendigter Gesellschaft selber / sie zu begleiten; Und ihr artiges Zimmer / oder vielmehr ihre artige Aufführung gegen ihn gab zu einem völligen Vertrag Anlaß.

Tyrsates sahe und erfuhr auch von Selandern selber / wie er in diese Dame entzündet; Und ob er gleich dessen Wahl sehr billigen muste / blieb dennoch sein Hertz von dieser Neigung frey / nur weil es noch nichts rechtes zu rühren fähig war / und er trieb mit Galanterie Amouren inzwischen seinen Schertz.

Darzu muste ihm ein paar von den Opern-Frauenzimmern dienen / gegen welche er eine Conduite brauchte / die zwar sehr gefällig / aber nicht verliebt; Und dadurch / nebst seiner von Natur angenehmen Person und guter Geschicklichkeit / brachte er so viel zu wege / daß sie seine besondere Freundschaft zu gewinnen sich angelegen seyn liessen.

Denn unter dem Oper-Frauenzimmer giebt es die allerfeinsten Coquetten, welche die ihnen anständige Amanten gleich urtheilen / wie sie zu ihrem Vortheil wollen tractirt seyn: Bey einem Zärtlichen spannen sie den Bogen überaus hoch / und haben ein Vergnügen / ihm die Gedancken beyzubringen / als ob die Keuschheit und Honneteté ihre gröste Eigenschaft. Dadurch sind sie capabel, einem solchen guten Menschen alles weiß zu machen; Und / wo er ein fetter Herr / legen sie ihn wichtig auf die Schwitz-Banck.

Ein anderer aber / der wenig Liebe empfindet / und sonst nicht unangenehm / kan weit schärfer untersuchen / worinnen die Schwachheit des galanten Frauenzimmers bestehet / und wie selbige zu gewinnen: Denn gefallen ist eine Kunst / welche ein kaltes Blut und eine freye Vernunft erfodert; Die heftige Liebes-Neigung aber / die uns eines und das andere benimmt / ist nicht vermögend / Die Lehr-Sätze dieser Kunst zu begreifen oder ihnen zu folgen.

Zwar wenn man lauter honnete Damen liebte / oder allezeit von den geliebt würde / in die wir entzündet sind / so hätte man / ihnen zu Gefallen / gar keine Kunst vonnöhten. Allein Coquetten wissen fast nicht mehr / was der zärtliche oder unschuldige Trieb der Natur im Lieben sey; Sondern sie lieben aus andern Ursachen / entweder um interesse oder dergl. und haben bey der Wollust die Maxime: Was verboten / sey süsse / und was uns eine Müh zu erlangen koste / angenehmer / als was uns aufgedrungen würde / ob es gleich noch so gut; Indem sie in der Meinung: Die Hochachtung einer Waare erwerbe ihr mehr Schätzbarkeit / als sie an sich besitzet.

Dahero caressirte Tyrsates gedachtes Frauenzimmer auf eine galante Art / und wenn er von seiner Liebe was mit untermengte / hatte es die rechte Würckung / nehmlich: Daß Coquetten Streiche Coquetten zu fällen vermögend waren.

Er bat sich bey einer / die vor die Schönste passirte / die Erlaubnis aus / ihr in ihrem Zimmer zu zusprechen; Und da er solche erhalten / richtete er seine Visiten so sparsam ein / daß sie ihn selber gar vielmahls zu einem Thee des Morgens um neun Uhr zu sich bestimmte.

Um seine heimliche Raillerie mit ihr nicht allzu deutlich an den Tag zu legen / kam er seinem Versprechen nach / fand sie aber nach neun Uhr (aus welchen Ursachen?) noch in den Federn.

Gleichwohl meldete ihn das Mädgen geschwind an / und brachte die Zucker-süsse Erlaubnis: Ihr in dem Schlaf-Zimmer seinen Bückling zu machen.

Er lachte schon bey sich selber / was vor artige Complimenten es setzen würde / und war kaum hinein getreten / daß ihm diese Schöne den blossen und Schnee-weissen Arm aus dem Bette entgegen reckte / um ihn desto freundlicher zu empfangen.

Die Discourse kan man sich einbilden / wenn man glaubt / daß ihr Tyrsates die allervertrautesten Caressen mündlich gemacht / in der That aber sich retiré aufgeführet / und / um nicht einen vollkommen-keuschen Joseph abzugeben / sie dann und wann auf die Lippen und Brüste küßte / die von solcher Größe / daß sie ihn allezeit damit an das Maul stieß / wenn er sich nur ein wenig bückte.

Wie heftig inzwischen das Feuer unter dem Bette müsse gewesen seyn / konte Tyrsates an der Farbe des Gesichts erkennen / in welchem sie unaufhörlich wie ein Zinß-Hahn glühete; Dahero leicht zu urtheilen / wie verdrießlich ihr solche unzeitige Ehrbarkeit vorgekommen.

Um nun Tyrsates Blödigkeit zu benehmen / und die Ungedult / die schon ziemlich unter den Federn hervor roch / sich selber zu vertreiben / bat sie ihn / ihr welche Kleider zu reichen / und sie anziehen zu helfen.

Er verrichtete das Amt eines Cammer-Dieners getreulich / und brachte über ein- und andere Sachen das verpflichteste Schertzen hervor; Allein da seine Hände nicht mit discourriren wolten / war es wieder nicht recht; Und dennoch hoffte diese keusche Diana ein so unempfindliches Wild endlich zu fällen / wenn sie ihm ausser den Pfeilen der Augen und andern entblößten Schätzbarkeiten / mit verliebten Worten zusetzte.

Unter währendem Thee-Trincken sang sie die verliebtesten Arien, und suchte dadurch / den bey so viel hundert andern Menschen verspührten natürlichen Trieb zu reitzen; Allein bey der Stimme dieser bezauberten Sirene, welche den gefährlichen Schwantz immer im Wasser versteckt haben / verstopfte hier ein anderer Ulysses seine Ohren / der zwar mit dem Munde lachte / im Hertzen aber alle ihre Anfälle verspottete; Und dieses war nicht so wohl der Grösse seiner Tugend / als einem natürlichen Widerwillen zu zuschreiben / mit einer solchen eine Vereinigung der Lebens-Geister einzugehen / die fast alle Tage eine andere Mixtur liebte.

Er saß neben ihr auf dem Stuhl / da sie / um das Letzte zu ihrer Befriedigung anzuwenden / ihren Kopf auf seine Achseln legte / und diese Arie sang:

Kan mich nicht das Glück vergnügen /
In des Liebsten Arm zu liegen /
    Ach so letzt mich auch kein Kuß.
Seufzer speisen / Thränen trincken /
Ist ein Schiff, das im Versincken /
    Sich nur immer qvälen muß.

Bey Wiederholung der ersten Zeilen aber kehrte sie die Augen und den Verstand der Worte auf ihn / und repetirte also:

Kan mich nicht das Glück vergnügen /
In Tyrsates Arm zu liegen /
    Ach so letzt mich auch kein Kuß.

Tyrsates machte ihr lächelnd ein Douceur: Wie er nicht glauben könne / daß so viele Glückseeligkeit auf ihn gehe / und gab ihr zum Recompens der genommenen Mühe einen Kuß; Aber eben / weil es nicht mehr als ein Kuß / und er ihrer Intention nicht näher kommen wolte / antwortete sie aus heimlicher Erbitterung: Sie sollen sich auch nichts draus machen / und ich habe es nur aus Schertz gesungen.

Tyrsates versicherte / daß er solches nach der Schätzbarkeit ihrer Person auch nicht anders glauben könne; Und darauf fieng sie an / zu raisonniren / wie man musse Tugendhaft seyn / und nahm dabey ein solch ernsthaftes Wesen in allen ihren Bezeugungen an sich / daß sie Tyrsates vor die ehrbarste Dame halten sollen / wenn er sich nicht der Bet- Discourse und ihres sonst gewohnten Lebens erinnert.

Aber so machen es kluge Coquetten: Wenn sie nicht zu ihrem Entzweck können kommen / fangen sie an zu moralisiren / und geben demjenigen Sitten-Lehren / dem sie die Wollust nicht einprägen können.

Tyrsates hatte nicht so bald Abschied genommen / als er Selandern suchte / um ihm diesen lustigen Streich zu erzehlen: Er fand ihn aber mit lauter tiefsinnigen Gedancken beschäfftiget / und urtheilte demnach er müsse in seiner Liebe einige Unruhe erlebt haben / und wolte ihn also als seinen wehrtesten Freund in seinen Uberlegungen nicht stöhren / weil er wuste / daß verliebte in solchem Stande lieber alleine sind.

Daß er es errahten / traff mit der Warheit vollkommen überein / und die Reihe war nunmehro an Selandern, die Würckungen der Eyfersucht mit besserm Rechte als vorhero Arismenia zu empfinden.

Die Sommer-Lust hatte Arismenien etliche mahl veranlasset / ausser Selandern und mit anderer Gesellschaft sich in Gärten zu divertiren. Nun gieng ihre blosse Abwesenheit Selandern nahe / weil er manche süsse Stunde entbehren muste; Allein er würde ihr Vergnügen dem Seinigen gern vorgezogen haben / wenn es zärtlich Verliebte nicht kränckte / daß man ausser ihnen ein Vergnügen finden kan / und er anbey nicht gewust / wie unter andern in ihrer Gesellschaft mehrentheils einer sey / der ihr zu gefallen / und ihn verhaßt zu machen suchte.

Er beklagte sich deswegen bey ihr / allein vergebens: Denn sie bemühte sich / ihm alle ungleiche Gedancken auszureden / und schützte theils den Wohlstand und ihr Plaisir an Gärten für / wenn sie in solcher Compagnie weiter ausfuhr.

Was solte er machen? Sie mit seinen Bitten länger zu beschweren / hatte er zu grosse Liebe und zu viel Verstand / darum erduldete er dieses Mißvergnügen / und gerieht darüber zu so ernsthaften Betrachtungen / daß er einstmahl in ihrer Abwesenheit und Spatziergehen sich so sehr vergaß / und aus Müdigkeit an einem Orte ausruhte / ohne zu wissen wo er sey? Wie er aber die Augen aufschlug / und sahe / daß er auf einem Stein auf dem Gottes-Acker saß / gerieth er auf solche Betrachtungen / die unter hundert tausend Amanten wohl wenige haben.

Er brachte sie mit gröster Zufriedenheit zu Papier / und da sie des andern Tages von der Spatzier-Fahrt wieder nach Hause kam / überschickte er ihr solche nebst folgendem Briefe:


Madame.

DA gestern zu meinem Zeitvertreib spatzieren gieng / begegnete mir ein Melancholischer Amant, der / weil er so wohl zu lustigen als traurigen und tief sinnigen Einfällen geschickt / meine Freundschaft verdiente. Ich merckte gleich an dem Orte / wovon er kam / daß er besondere Uberlegungen gehabt / denn dieses war ein Gottes-Acker / worauf Leute von seiner Jugend und feurigem Gemühte selten sich zu divertiren gehen. So bald ich meine Neugierigkeit nach dessen Veranlassung blicken lassen / überreichte er mir einen Entwurf seiner Gedancken / mit dem Ersuchen: Daß weil er wüste / wie ich von der Conversation qualificirten Frauenzimmers grosse Hochachtung machte / solche dem Klügsten und Edelsten / daß ich kennte zu überreichen / und dero Meinung darüber auszubitten. Wenn ich einen gantzen Tag nachsonnen / würde mir keine andere eingefallen seyn / als worauf den ersten Augenblick dachte: Dieses war die Liebens-würdige Arismenia, welcher die nach ihrem Geist eingerichtete Betrachtung abzuschreiben / und hiermit ihrem schönen Urtheil zu überschicken vor sein eigen Vergnügen erachtet.


Madame

Dero getreuester und er-
gebenster

Selander von Ama-
    lienburg.

       
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