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Satyrischer Roman

Christian Friedrich Hunold: Satyrischer Roman - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleSatyrischer Roman
authorChristian Friedrich Hunold (Menantes)
firstpub1706
year1973
publisherVerlag Herbert Lang & Cie AG
addressBern und Frankfurt/M.
isbn3-261-00271-9
titleSatyrischer Roman
created20041011
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Es begegnete ihnen ein Frauenzimmer / worüber / je näher sie ihnen kam / Selander eine desto größere Veränderung spühren ließ; Tyrsates beobachtete dieses zwar; allein / weil keine Zeit darnach zu fragen / sondern ihn der Wohlstand erinnerte / diese dem Ansehen nach galante Dame vorhero zu grüssen / ward er mit noch mehrerer Befremdung gewahr / daß sie gleich Selandern den Kopf auf die Seite drehete / um einander nicht anzusehen.

Weil nun Selander aus den Blicken des Tyrsates urtheilte / daß er nach der Ursache einer so ungewöhnlichen Bezeugung forschte; fieng Selander an: Verwundern sie sich nicht Mons. Tyrsates; Ich bin gewohnt nur die Menschen / aber keine Gespenster zu grüssen. Tyrsates gab lächelnd darauf: Wofern Mons. Selander ja die Gutheit haben wollen / mir eine Erklärung zu geben / so möchte dieselbige deutlicher ausbitten.

Ich weiß wohl / war Selanders Gegen-Antwort / daß man bey einem Freunde nicht durch Räthsel reden muß / und also befinde mich verbunden / ohne dero Bitten die Auslegung davon zugeben.

Dieses ist die Person / die ich geliebet; und warum ich sie unter die Todten oder Gespenster zehle / ist / weil eine der Tugend abgestorbene Person / nicht vor einem lebenden Menschen / sondern eine herum gehende Leiche zu achten / welche durch den Gestanck der Laster gleichsam nach der Fäulnis riechet. Aus vormahls vor sie gehegter Zärtlichkeit habe / wie sie mich angetroffen / ihren Todt beweinet / weil sie mir untreu geworden; und die Bewantnis damit ist diese:

Das Verhängnis / welches mich in Salaugusta gebracht / bewegte mich auch ein Fräulein zu lieben / das ich kaum etliche mahl gesehen. Sie war annehmlich genug; allein weil ich viel Frauenzimmer von nicht weniger Schönheit gesehen / vor die ich keine Regung gespühret / so konte keine andere Ursache meiner Liebe begreiffen / als weil es mir mehr Vergnügen / als bey andern erweckte. Dieser Neigung gieng ich desto stärcker nach / weil es die erste; und die Unruhe nöthigte mich / ihr bey Gelegenheit meine Empfindung zu bekennen. Ich merckte gleich Anfangs was in ihrem Wesen dabey / das mein Hertz gegen sie noch mehr einnahm; Und dieses war eine angenehme Scham-Röthe / und natürliche Bezeugung über nicht mißfällige Sachen / daß ich mir durch die verbindlichsten Worte angelegen seyn ließ / um sie dasjenige bekennen zu machen / was ich innerlich bey ihr urtheilete.

Bey meinem sothanen Ernst legte sie die sonst jungen Frauenzimmern eigenthümliche Blödigkeit ab / und machte sich so wohl ein Vergnügen mir aufrichtig zubekennen / wornach ich mit Vergnügung seuftzete. Unsere Liebe war von so grossem Ergetzen / als man in einer reinen und so edlen Neigung ehmahls angetroffen / und ich schätzte mich glückseelig / mit geruhiger Sicherheit zu besitzen / was andere / wie ich bereits vielmahl erlebet / mit Martervollem Nachsinnen nicht erhalten können.

Welchen Verdruß mir nun nicht Menschen erweckten / solchen verursachten meine Angelegenheiten / die mich nach Hause zu reisen / und zu empfinden nöthigten / was die Entfernung Treu-Verliebten bringet. Ich eilte um desto mehr nach dem wehrten Salaugusta zurück / weil die Antwort auf meine Briefe nicht so geschwinde einlief / als sie Verliebte wünschen / oder vielmehr / als sie Verliebte schreiben solten. Aber da fand ich meine Schöne / Inconstantia Nahmens / Fräulein von Montenberg, nicht zu Hause / sondern in Compagnie einiger fremden Cavaliere, nach einem zwey Meilen davon gelegenen lustigen Orte ausgefahren.

Dieses war der erste Augenblick / darinnen ich einige Unruhe in meinem Hertzen fühlte / welche sich nach und nach durch eine wirckliche Eyfersucht zu erkennen gab. Denn ein guter Freund sagte mir im Vertrauen: Er habe an einem von diesen Cavalieren, der nicht übel gebildet / und dabey von Galanterien zu machen den Ruf hätte / eine besondere Mühe wahrgenommen / meinem Fräulein zugefallen / worinnen es ihm auch so weit geglücket / daß er sie zu einer Spatzier-Fahrt auf das Land bewogen.

Hier konte ich nun die Ursach des unterlaßnen Schreibens nach meiner Meinung sattsam errahten / und da ich hinaus zu ihr kam / war meine Aufrichtigkeit zu groß / als mich lange zu verstellen / sondern ich fragte mit gar zu deutlicher Eyfersucht nach vielen Sachen / die mir die Umstände anders / als sie / beantwortete. Sie leugnete / daß der mir beschriebene Fremde Cavalier ihr einen Liebes-Antrag gethan; Allein weil ausser einer schlechten Entschuldigung / warum ihre Briefe so lange aussen geblieben / sie noch ihre Freyheit rechtfertigen wolte / in meiner Abwesenheit mit fremden Cavalieren auszufahren / und daß man auch keine verehlichte Dame so weit einschräncken müsse: So merckte ich hieraus meinen Fehler / indem man durch seine Eyfersucht nichts anders ausrichtet / als eine Dame behutsamer in ihren Intriguen zu machen; Und ich besser gethan / wenn durch ein gutes Vertrauen und verpflichtete Caressen sie von einiger völligen Untreu abzuhalten gesuchet / und inmittelst heimlich auf alle ihre Handlungen ein scharfsichtiges Auge gehabt.

Wenn man nicht anders als honnette Damen liebet / oder man allezeit von denen wieder geliebt würde / die wir verehren / so hätte man keiner Kunst vonnöhten / ihnen zugefallen. Und daher kränckte mich innerlich ungemein / daß / da bey meiner Schönen tausend Gefälligkeit zu verdienen vermeynte / wenn ihr durch meine Eyfersucht die Grösse meiner Liebe zuerkennen gäbe / daß sage ich / solche auch mit unter jene Sorte zu rechnen / und sie mir das Mißtrauen in sie / mit keiner verliebten gewöhnlichen Zärtlichkeit / sondern einem rechten Verdruß vorrückte.

Ein jeder freundlicher Anblick / den sie hierauf diesem Cavalier gab / war mir verdächtig; und es kurtz zu machen: Die Anwesenden discourirten schon unter sich von dem Eintrag / welcher mir durch diesem Cavalier heimlich geschehen; und da bey einer vorgenommenen Spatzier-Fahrt in einen kleinen Lust-Wald / sie ohngeachtet meines Bittens / nicht meine / sondern meines Neben-Buhlers Compagnie wehlete / und mit ihm in einer Chaise roulande allein / eine halbe Stunde von uns abgesondert blieb; Auch hernach auf meine euserst bezeugte Eyfer sucht mir keinen Eyd schweren wolte / sie habe sich mit jenem nichts wider die Ehrbarkeit vergangen: So sagte ich ihr das Adjeu auf ewig / und ritte sonder genommenem Abschied von der Compagnie in voller Verwirrung fort.

„Nach meinem Abseyn mögen einige vertraute Freunde von mir die Ursache der Entfernung errahten; und weil sie Fräulein Inconstantien etwas anverwandt / nehmen sie sich die Freyheit / ihr eine solche Aufführung gegen mich / mit dem sie bereits verbunden; zwar höflich / aber nachdrücklich zu verweisen / und ihr den Erfolg daraus zu prophezeyen.

„Das mir gethane Unrecht rühret ihr so weit das Hertz / daß sie weinet; und da solches ihr neuer Galant siehet / wird er gleichsam so großmühtig / mir auf der Chaise nebst Inconstantien nachzueilen / in Hoffnung / wie sie sagen / mich in dem nächst gelegenen Orte noch anzutreffen / weil ich wegen hereinbrechenden Abend nicht weiter würde gekommen seyn.

„Ja ich muß bekennen / ich war noch da / aber zu meiner grausamsten Ergernis: Denn unter Weges mag ihr dieser Cavalier von dem Verdruß / den sie inskünftige von einem eyfersüchtigen Manne haben würde / und so viel vorgeschwatzet haben / als zu seinem Absehen dienete; Und daher suchte diese Schöne gar nicht mich / sondern einen beqvehmen Ort / wo sie in geruhiger Sicherheit diese Nacht ihre Liebe pflegen möchte.

„Diejenige Macht / welche die Treu eines redlichen Gemüths vergelten soll / zeigte mir damahls / da mich die Treue meiner Geliebten nicht vergnügen konte / zum wenigsten ihre Untreue / um sie meiner Besitzung inskünftige nicht zu würdigen. Aus einem sonderbahren Zufall kehren sie in einem vor der Stadt gelegenen Garten-Hause ein / und erhalten von dem darauf gesetzten Gärtner durch ein paar Ducaten leicht die Freyheit des Nachts ihre unkeusche Flammen daselbst zu kühlen.

„Ich logirte nun eben bey dem Herrn / als meinem guten Freunde / dem dieser Garten zugehörte; und da des Morgends früh der Gärtner ihm sagen ließ / wie er diese Nacht unverhofft ein paar galante Gäste bekommen / so diesen Tag noch da zu bleiben gedächten / er aber solches ohne des Herrn Erlaubnis zu thun bedencken trüge: So anthe mir gleich nichts gutes / sondern begab mich / ich weiß nicht / aus welcher Neugierigkeit mit meinem guten Freunde hinaus.

„Dieser bekam da seltsame Sachen zu sehen: Denn der erste Anblick meines Neben-Buhlers / der diese Nacht bey Inconstantien allhier geschlaffen / setzte mich in so unmäßigen Zorn / daß ich sonder Wort-Wechsel mit entblößtem Degen auf ihn zueilte / und weil ihm ein böses Gewissen keine rechtschaffene Gegenwehr verstattete / ihm / eh es mein Freund verhindern konte / dergestalt das Gesicht zerfetzte / daß nicht ein Fingerbreit darinnen unzerfleischt blieb.“

Ich gestehe / daß es mein Vorsatz / ihm das Gesicht zu einem beständigen Merckmahl des mir gethanen Unrechts und zu einer Hinderung zu zerlästern / inskünftige honnetes Frauenzimmer nicht mehr dadurch zu verführen. Und darinnen war es mir so weit geglückt / daß auch das Fräulein von Monden-Berg einen Abscheu vor ihm bekam / und lieber vor aller Welt beschimpft sitzen blieb / als das mit ihm gemachte Bündniß zu vollziehen.

Das Fräulein wolte mir zwar damahls durch einen Fußfall ihre Ausschweiffung abbitten; allein ich antwortete nur: sie möchte meine Großmuth vor eine Gnade achten / ihr als einer – – – nicht das Leben zu nehmen; und damit ließ ich sie in halber Verzweiffelung bey ihrem im Blute sich herumweltzenden Galant liegen / und eilte nach Salaugusta, wo meine Sachen in höchster Geschwindigkeit zusammen packte / und meine beunruhigte Gedancken durch die Entfernung zu lindern suchte.

Ich muß bekennen / daß es meinem Hertzen hart zugesetzt / einen solchen unseeligen Streich in meiner vor kurtzer Zeit so süssen Liebe zu erleben: Sie war jung / sie war annehmlich / und also leicht / von einem gefährlichen Galant zu überreden gewesen / welches ich verhindern können / wo ich wegen des zwar grossen aber doch vielleicht nicht gründlichen Verdachtes im Walde und einer noch nicht überzeugten Untreu halber nicht von ihr geflohen / und sie der Disposition des andern überlassen.

Mein wehrtester Freund / beschloß Selander seine Erzehlung / haben mich also in einem Zustand angetroffen / in welchem die Bewegungen des Hertzens mich noch zum heftigsten bestritten; wo ich sie mehr als mich selber beklagte / weil sie durch die Liebe allzu jung und in dem Frühling ihrer Jahre ein Unglück erlebet / das sie in ihrem Alter wird tragen müssen; und wo die übel erschollene Nachrede von ihr mich überall zu verfolgen schien / weil / wo ich hinkam / und in welchem Gasthof ich auch einkehrte / Discourse von ihr vernehmen muste / daß auch zuletzt das geringste Murmeln der Leute mich argwöhnisch machte: Meine widerwertige Liebes-Begebenheit würde aller Welt Urtheilen herhalten müssen.

In solchen Gedancken vertiefte mich so sehr / daß / wie von ihnen / wiewohl zu meinen Vergnügen / darinnen gestöhret wurde / mich vor die Ausschweifung einer Betrübnis / die edle Gemühter über die Laster nicht dergestalt hegen dürfen / zugleich schämte und mit Gewalt ermunterte. Dahero anitzo bitte / meine damahls geführte verblümte Reden / theils eine Verwirrung / theils einer Behutsamkeit wegen Unbekandtschaft eines so edlen Cavaliers zuzuschreiben.

Tyrsates bezeigte nebst einer verbindlichen Dancksagung vor seine vertraute Erzehlung / sein Mitleiden über einen so empfindlichen Zufall seiner ersten Liebe; Und weil einen Großmühtigen leicht zu trösten / urtheilten sie bloß von der Liebe / wie zwar ein unschatzbahres / und so zu sagen / das gröste Vergnügen vor grosse Seelen aus solcher stamme / aber auch tausend Gefährlichkeiten sich dabey ereigneten / die die Stille einer innerlichen Entzückung beunruhigen / und aus dem irrdischen Paradies eine Hölle zu machen geschickt wären.

„Ein Tugendhaftes Frauenzimmer“ / sagte Selander, „wird eine sie liebende Manns-Person zehnmahl eher Tugendhaft und beständig / als die Tugendhafteste Manns-Person ein Frauenzimmer getreu erhalten können; und also ist dieses Geschlecht mehrentheils an dem Unglück in der Liebe schuld. Es liebet zwar heftiger als wir / allein dadurch wird es mehren Schwachheiten und der Veränderung eher unterworfen.

„Wir sind viel ernsthafter / sie aber viel weichlicher von Gemüht: Wir sehen in der Liebe viel auf was Estims-würdiges; sie aber mehr auf die Zärtlichkeit / und was nicht so wohl den Verstand als das Hertz zu rühren fähig ist: Dahero ist ein allgemeiner Irrthum: Geliebt zu werden / sey ein Beweißthum unserer Meriten; denn wo man alle glückseelige Amanten auf die Waag-Schaale legte / so wurde die Zahl der Hasen oder wenig vernunftigen ohnfehlbar den Ausschlag gewinnen.

„Das Tugendhafteste Frauenzimmer besitzet mehrentheils die Eitelkeit / galant zu seyn; Was suchen sie dadurch? nichts anders / als der Welt zu gefallen. Hierzu bedienen sie sich allerhand / ob gleich / wie es scheinet / keiner inhonetten Kunststücke; sie würden aber nicht wenigen Verdruß empfinden / ihrer Kunst ungewiß zu seyn; darum hören sie die Verpflichtungen gern an; und mit was vor Gründen sie auch solche widerelegen / und der Schmeicheley nicht ergeben wollen angesehen seyn / so logiren sie doch selbige nachdrücklich in ihr Hertz / wenn sie nur mit guter Manier angebracht werden.“

„Sie suchen gern Gesellschaften / die in diesem Stücke nach ihrem Gusto; und man ziehet / so sehr man auch geliebet von ihnen ist / ihren Haß nach und nach auf sich / wo man ihnen verwehren will / sich an vor ihre Tugend gefährlichen Orten sehen zu lassen und neue Anbeter zu machen. Nun glauben sie / ihrer Vanité nach / wider den Wohlstand zu seyn / ihren Schmeichlern durch eine gefällige Aufführung nicht eine Erkenntlichkeit davor zu bezeugen; und meinen / ihre Honneteté innerlich zu befriedigen / daß sie ja dadurch würcklich nichts böses thun; allein sie gewehnen sich hierdurch an etwas / welches sie hernach nimmer missen wollen / und wie leicht folgt auf viele kleine Erlaubnissen eine grosse? Es ist ein halber Accord, die Keuschheit dem aufzuopfern / dessen Anfälle wir mit gar zu grosser Gütigkeit anhören / und welche auf uns zu thun / wir immer Gelegenheit wieder geben. Darum glaube durchaus:

„Daß nichts als die Vermeidung der Gelegenheit honnetes Frauenzimmer darzu mache / was sie durch ihre Natur oder Temperament nicht sind.“

Tyrsates bezeigte über dieses gründliche Urtheil ein besonders Vergnügen; aber eben / weil es allzugründlich / versicherte er / würde es manches Frauenzimmer entweder nicht verstehen / oder mit verächtlichen Augen übersehen; und glaube er also / wegen einer angenehmen Schwachheit einen gütigern Blick / als Monsieur Selander zu verdienen / wenn er sagte:

Man thue diesem allerliebsten Geschlecht zu viel / ihm die Schuld der Untreu mehr als den Manns-Personen beyzumessen; es wären viele tausend Exempel untreuer Cavaliere, um welche sich manch treues Fräulein fast zu Tode gegrämet. Sie solten gleichsam nicht galant seyn; und solches gefiel doch denen Manns-Personen am besten; Compagnien zu suchen / besässen sie eine von Natur angebohrene Freyheit / welche viel zu edel / als sich zu Sclaven machen zu lassen. Einem Mann wäre es selber eine Schande / eine höltzerne Frau oder Inclination zu besitzen / darum erwiesen sie ihm eine Ehre / sich gefällig und dadurch Estims-würdig zu bezeigen. Also hiesse es mit der Männer oder Amanten Eyfersucht nicht anders: als Gifft aus Rosen saugen / und die unschuldigsten Sachen übel auslegen.

Selander lächelte über den Einfall etwas scheinbarer Gegen-Gründe / und antwortete nur:

Es ist das gemeine Urtheil von Frauenzimmer: man lege es ärger aus; man thue ihnen zu viel; und man wolle sie durch eine eingezogene Aufführung zu Sclaven machen. Allein / ich versichere / daß wo mich der Himmel mit einer solchen Neigung gegen eine Dame wieder beseelen und mir selbige zu meiner Frauen schencken solte: sie würde sich über meine Strenge nicht zu beschweren haben; wolte sie sich durch die Tugend oder ihr eigen honnetes Gemüth nicht zu einer Sclavin / wie sie es nennen / machen lassen / und würde sie ihr Vergnügen nicht vom freyen Stücken in dem Meinigen finden / sie solte sich über meine ungestümme Bezeugungen gegen sich nicht zu beschweren haben / sondern vielmehr sehen / daß mich durch nichts als die Tugend selber an sie zu rächen suchte; das ist: Durch eine großmühtige Verachtung / wie sie es verdient / mein Hertz von ihr zurück zu ziehen / und dessen Ruhe auf andere / ob ihr gleich verdrießliche / doch honnete Art zu befördern.

Jedoch / fuhr Selander fort / wenn ich in diesem Stücke von dem meisten Theil aller Damen urtheile / wie sie sind; so mache aus denen Manns-Personen nicht Wunderwercke der Tugend: Der wenigste Theil der Menschen ist recht vernünftig / und unter denen der meiste / welcher seine Vernunft nicht recht brauchet; also wenn ich von Ausschweifung der Damen rede / so billige der unsrigen nicht; und am allerwenigsten die gar gemeine und übelgegründete Thorheit vieler eyfersüchtigen Männer oder Amanten, welche sich einbilden / untreu zu seyn / wäre niemanden als ihnen vergönnt; und wollen ihren Frauen oder Geliebten keine Fehler verzeihen / zu welchen sie solche durch ihre eigene Exempel reizen.

Das Mißtrauen oder die Eyfersucht dienen nicht / eine Frau keusch / sondern vielmehr behutsam zu machen / ihre Intrigven desto heimlicher auszuführen: Das eintzige Mittel / in einer Frauen die Keuschheit zu erhalten / ist ein gutes Vertrauen und die selbst eigene Keuschheit des Mannes.

Dieses ist so wahr / gab Tyrsates hierauf / als es vielen Männern Verdruß verursachet / die solches nicht glauben wollen / und das Band des Ehestandes vor genugsam erachten / ihre Frauen in den gebührenden Schrancken zu erhalten / ob sie durch ihr eigen Leben was beytragen oder nicht; Und fällt mir eine artige Geschicht ein / welche sich zu Lindenfeld ohnlängst begeben / und sich auf unser Vorhaben einiger massen schicken wird.

Weil nun Selander eine Begierde darnach bezeigete / fieng Tyrsates an: Ein reicher Kaufmann zu Lindenfeld hatte sich mit einer reichen / schönen / und folgends gefährlichen Frauen verheyrahtet; Deren erstere Tage in solchem Stande recht vergnüglich / weil sie zu Unterhaltung ihrer Wollust sattsame Mittel hatten. Allein wie man einer Ergetzlichkeit / wenn man sie allzu wohl und sonder Neben-Sorgen geniesset / eher überdrüssig werden kan / als wo ein kleiner Hauß-Kummer oder widrige Geschäffte uns die Süssigkeit einer reinen Liebe in ihrem Wehrt hoch schätzen lässet: So machte der Uberfluß / daß sie bey der Lust / welche sie zuvor entzücket / fast gleichgültig wurden; Und der Mann begunte zum ersten seine üppige Gedancken auf andere Schönen zu wenden / und durch den kräftigen Nachdruck dann und wann seine Neugierigkeit zu befriedigen.

Die Frau merckte gleich / wie ihr Mann gegen sie laulicher worden; Und durch ein Mißtrauen / ward sie so scharfsinnig gemacht / seine verbotene Wege zu entdecken; von welchen er gleichwohl nichts wissen wolte / sondern alle der Frauen Klagen und Bitten einer ungerechten Eyfersucht beymaß. Der vielleicht ohne diß in ihr vorhergewesene Appetit, durch die Abwechselung das in der Liebe gekostete Vergnügen zu vermehren / und wovon sie die Furcht und der Wohlstand abgehalten / ward nun durch die Meinung genugsam gerechtfertiget: Es stünde ihr frey / sich an ihrem Mann durch gleiche Ausschweifung zu rächen.

Wenn es aufhöret / Coqueten zu geben / so wird vielleicht der halbe Theil der Manns-Personen seine Keuschheit behalten; Allein / da deren so viel / als nach der heutigen Welt galante Damen sind; So dürfte sich unsere schöne und reiche Kaufmanns Frau nur die Mühe geben / so hatte sie deren schon etliche gefangen / welche nicht alleine ihre Flammen zu kühlen / sondern auch den Universitäten-Beutel zu spicken / durch die verpflichteste Bedienung sich anerbothen.

Ein ansehnlicher und feuriger von Adel / der daselbst studierete / ward vor den Tüchtigsten darunter geschatzet / ein Collegium Physicum oder die Geheimnisse der Natur bey ihr zu experimentiren. Ihre Lectiones waren privatissimæ, denn der Mann solte nichts davon wissen / und das Auditorium war ein Garten / in welchem die auserlesensten Liebes-Kräuter ihnen desto besser Gelegenheit gaben / von den verborgenen Schätzen der Natur / sicher und ohne jemands gewahr-werden zu urtheilen.

„Der Mann hörte endlich wohl / was vor ein gefährlicher Professor bey seiner Frauen aus und eingieng; wenn er ihr aber von seinem billigen Verdachte etwas vorsagte / ersuchte sie ihn mit einer hönischen Manier / zu Hause zu bleiben / und auf sie Achtung zu geben / welches eine Art / den Mann toll / aber nicht vernünftiger oder selber keuscher zu machen. Ich weiß nicht was viele galante Kaufmanns-Frauen zu Lindenfeld vor eine Kunst besitzen / aus dem vermögensten Studenten da oft Stipendiaten zu machen / welches sonsten nur bedürftige sind. Doch dieses ward bekandt / daß ein anderer von bürgerlichen Stande unsers von Adel Glück beneidete / und wie er auf eine galante Art / nehmlich durch eine verpflichtete Aufführung nicht dazu gelangen konte / nahm er seine Zuflucht zur List / und spielte dieser Kaufmanns-Frauen einen artigen Streich in Compagnie ihres Mannes / und anderer Manns-Personen und Frauenzimmers. Die Eyfersucht hatte ihn so scharfsichtig gemacht / dieser Frauen und ihres Galants Zusammenkünfte in den Garten auszuforschen; Und weil er davor bekandt / daß er in der Chiromantie oder der Wahrsager-Kunst aus der Hand was verstund / gab er selbst Gelegenheit / von dieser curiösen Wissenschaft zu reden. Kein Frauenzimmer war nicht so neugierig / daß sie ihm ihre Hand nicht von freyen Stücken solte darbiethen / um ihrer selbst Schmeicheley nach / was artiges daraus zu hören. Da er denn / vielleicht aus vorhergehabter Kenntnis / vielen ihre vergangene Zufälle von neuem sagte / und wegen des künftigen immer was Galantes hinzu setzete.

„Allein / ob er sich gleich alle dadurch verpflichtet / trug unsere schöne Kaufmanns-Frau doch Bedencken / ihm ihre Hand sehen zu lassen / welches sie aus Klugheit gar nicht weigern sollen. Ihr Mann wurde aber dadurch nur verlangender gemacht / etwas zu seinem Verdruß zu erfahren; und bewegte sie also nebst der übrigen Compagnie durch vieles Zureden / daß / wolte sie sich nicht durchaus verdächtig machen / sie dem die Hand geben muste / welchen sie ohne dem nicht viel Gutes zutrauete.

„Dieser schlaue Student besahe ihre Hand überall; und da er bey denen andern mit seiner Wahrsagung gleich war fertig gewesen / verzögerte er hier so lange / und machte dabey so besondere Minen / daß die andern aus Ungedult / etwas recht seltenes zu hören / ihm immer anlagen: Er möchte doch einmahl sagen / was er sähe; Es würde ja nichts so gefährliches seyn.

„Unsere schöne Kaufmanns-Frau ergriff ihn inzwischen bey der einen Hand / und bat ihn selber / sie nicht länger in Unruhe zu lassen; heimlich aber gab sie ihm durch ein sanftes Drucken zu verstehen / wie sehr er sie verpflichten würde / mit der Warheit hinter dem Berge zu halten.

„Doch dieser ausge studierte Student wuste / wie weit er es treiben solte / um zu seinem Entzweck zu gelangen; Und fieng also nach einigen warhaften Kleinigkeiten / die er vielleicht vorhero ausgeforschet / gleichsam mit Verwunderung an: Er sehe etwas / das er fast in keiner eintzigen Hand noch gefunden; und wenn ihm dieses nicht eintreffen solte / so wolte er nimmermehr von der Chiromantie etwas halten. Auf inständiges Bitten kam endlich so viel heraus: Unsere schöne Kaufmanns-Frau müsse zu weilen / wenn sie des Abends in den Garten gieng von einem Gespenste geplaget werden / und würde sie / wenn sie aufrichtig seyn wolte / gestehen / daß sie solches mehrentheils um die und die Stunde bey der kleinen hinter Thüre erschrecket / welches sie aber aus Besorgung / um damit nicht ausgelachet zu werden / bishero verschwiegen.

„Wäre das Gewissen eine Uhr gewesen / man würde es gar vernehmlich haben schlagen hören: So aber suchte sie nur ihre euserliche Röhte darüber zu verbergen / und durch allerhand Schein-Erzehlungen des Studenten Kunst zu bekräftigen und druckte ihm heimlich die Hand so sehr / daß sie hätte blau werden mögen.

„Hier hielte nun dieser listige Fuchs es Zeit / eine ernsthafte Verstellung vor der andern Compagnie an sich zu nehmen / und der Frauen durch die Sprache der Hände wiederum zu eröffnen / daß er nicht weiter aus der Schule schwatzen wolle.

„Es war hierauf artig / wie sich bald die Frau und bald der Mann bemühete / ihn allein zu sprechen; Und weil solches der Mann mit mehrer Dreustigkeit thun durfte / gerieht darüber die Frau in solche Angst / daß sie einer vertrauten Freundin ihr Anliegen offenbahrete / und selbige ersuchte / weil es sich vor sie bey so gestalten Sachen nicht schickte / den Studenten auf die Seite zu ziehen / und ihm nur so viel zu sagen: Daß / wo er morgen um die und die Zeit die Stelle des Gespenstes zu vertreten Belieben trüge / solte ihm frey stehen / vor sothane Mühewaltung eine Gefälligkeit bey ihr auszubitten.

„Inzwischen hatte der Mann selbigem durch die theuersten Versprechungen bereits zugesetzt / ihm eine hierunter vermuhtete Intrigve von seiner Frauen zu entdecken. Allein weil dieser schon so viel urtheilte / daß er ausser dem Intresse auch seine Liebe / bey der andern Parthey würde vergnügen können / war er in diesem Stücke dieser schönen Frauen getreuer / und betrog den Mann durch sein Simuliren / daß er über diesem Handel zum wenigsten sehr zweifelhaftig blieb.

„Den andern Tag mochte unsere schöne Kaufmanns-Frau ihrem alten Galant eine Entschuldigung haben machen lassen / daß sie ihm die gewöhnliche Abend- Visite nicht verstatten könte / denn solche war anitzo vor dem neuen aufgehoben; und dieser / der sich über den gelungenen Streich unbeschreiblich in den Gedancken kitzelte / vermeinte den Himmel zu verliehren / wenn er nicht den Augenblick um die bestimmte Zeit erschiene.

„Die schöne Kaufmanns-Frau erwartete da seiner bereits / weil man in einer neuen Liebe gemeiniglich genauer und emsiger ist; und diese beyden Verliebten waren kaum über der Versieglung ihrer geschlossenen ewigen Freundschaft her / als der Mann / den die Eyfersucht vor diesmahl von seinen Galanterien weggetrieben / plötzlich hierüber zukam / und das Gespenst kennen lernete / wovon dieser gute Studente im voraus wahrgesaget.

„Hier besann sich der Mann gar nicht / daß er seiner Frauen auf gleiche Art Eintrag gethan; sondern sein Gemüht war mit nichts als Rache angefüllet / und aus seinem Munde giengen Schelm / Dieb / H – – – hauen / stechen / ermorden / und umbringen. Allein der Student war so dumm nicht / so lange zu warten / bis der Mann seine Raserey mit mehr als blossen Worten an ihm ausüben könte / sondern er wischte geschwind zur kleinen hinter Thür hinaus / und überließ die schöne und Tugend-hafte Frau seiner Discretion allein.

„Man kan leicht erachten / was es hierauf vor schöne Händel müsse gesetzet haben: Diese zwey Leute / welche in Lindenfeld sich gar viel einbildeten / und nach ihrer Meinung nicht wenig angesehen waren / kriegten einander bey der Kartause / und zauseten sich auf eine gantz andere Art herum / als die erste Braut-Nacht geschehen: Du H – – – du Ehbrecherin / dich will ich ermorden / waren des Mannes seine Verpflichtungen; und du Sch – – – du Ehbrecher! hast du nicht auch mit andern geh – – –? klungen hingegen der Frauen Complimenten, dabey sie mit den Fingern so in seinem Gesichte herum tappete / als ob sie ein Clavier vor sich gehabt.

„Niemahls können die Furien besser abgeschiltert / oder von einem Holländischen Schnack ein paar grund-böse Eheleute in Kupfer natürl. abgestochen werden / als die Figur dieser beyden so galanten und reichen Leute war; und ob der Mann seine Frau gleich etliche mahl überpurtzelte / daß ihm alles in die Augen fiel / was ihn sonst in eine Entzückung gebracht / war es doch sonderbahr / daß ihn dieses nur zu mehrer Erbitterung reitzete.

„Ich glaube / die Tollheit solte ihn so weit verleitet haben / keinen Regard auf sich selber zu haben / sondern die Frau / um etwas / zu ermorden / so er selber vor so zuläßig geschätzet / wenn nicht das Hauß-Gesinde darzwischen gekommen / und sich vor diesmahl einer Autorité angemasset / welche sonst Herren und Frauen über sie haben; Denn der Kutscher riß seinen ehrlichen Herrn mit Gewalt hinweg / und da ihm dieser aus wütendem Eyfer etliche mahl hinter die Ohren schmiß / gieng es so leer nicht ab / daß der Knecht nicht wiederum mit ein paar Dachteln replicirte / bis er ihn so weit zur Raison brachte / daß er vor Schaam und Verwirrung in sein Cabinet lief / und sich da eine gute Weile verschloß.

„Die Frau war in diesem Stücke noch vernünftiger / denn so bald sie des Mannes Klauen entgangen / ließ sie sich von ihrem Mädgen wieder zurecht putzen / und durch den Kutscher zu einem andern ansehnlichen Kaufmann / der ihr / und ihres Mannes guter Freund / führen.

„Diesem hinterbrachte sie die gantze Sache mit offenhertziger Bekenntnis / wie sie ihr Mann durch seine üble Aufführung zu diesem Fehler verleitet / und versicherte anbey / wo ihr Mann die Sache ruchbar machte und sie in Güte nicht wieder annähme / wolle sie sich von ihm scheiden lassen / weil er sie über keiner That nicht angetroffen / und sie ihm des Verdachts wegen so viel / als er ihr beweisen könte.

„Dieser Kaufmann nahm noch ein paar von des Mannes Anverwandten mit sich / und brachte durch vernünftige Vorstellung es dahin / daß er seiner schönen Frauen das Laster pardonnirte / so er in sich selber zu tadeln hatte: Und weil aus einerley Gemühts-Art sonsten die beste Freundschaft entstehen soll / so zweifle nicht / daß diese vollkommen gleiche Eheleute hinführo vergnügt werden mit einander gelebet haben.“

In solchen Discoursen waren sie so weit von Salaugusta kommen / daß / wie ihnen der Post-Wagen nach Lindenfeld begegnet sie aus Begierde solches wieder zu sehen / sich auf selbigem setzten / und nach der schönen Stadt zufuhren.

Sie kehrten in einem Gast-Hof ein / wo das Hauß voller Fremden / daß kein eintziges Zimmer vor sie allein leer war; und wurde ihnen frey gestellt / in welchem sie ihre Zeit des Tages passiren wolten; des Nachts aber solten sie mit guten Schlaf-Zimmern allein versehen werden.

Wie sie nun in dem nähesten eintraten / zog ihnen ein starcker Geruch von Toback entgegen; und ob gleich ein gantzer Tisch voller Personen saß / welche bey ihrem Schmauchen zugleich spielten / konten sie doch selbige vor den Dampf kaum erkennen.

Sie waren zwar keine Feinde von dem Toback; Gleichwohl da sie nicht mit rauchten / fiel es ihnen beschwerlich / und blieben also nicht lange darinnen.

Inzwischen wußten sie nicht / unter was vor Compagnie sie gewesen; Denn an dem Fluchen / Spielen / und der nachläßigen Kleidung hätten sie solche vor Soldaten halten sollen; Allein weil manchmahl Lateinische Wörter mit unterliefen / und ein gelehrtes Urtheil mehrentheils von lustigen Sachen gefället wurde / blieben sie / wegen der Condition, dieser ohngefehr 24 Jährigen Herren / zweifelhaftig.

Der Haußwirth / führte sie demnach auf ihr Verlangen in ein ander Zimmer / wo sie einen so schönen Geruch von Pouder und Jesmin empfunden / als ob sie bey der Frühlings-Zeit in einen Apothecker Garten gekommen; Wie denn sechs Pouder-Büchsen / und etliche ausgeleerete Jesmin-Gläser noch auf dem Tische stunden / und die Herren / die sich damit accomodirt / bey dem Eintritt unserer zween ansehnlichen Cavaliers recht bekümmert waren / ehe der Hauß-Knecht alles wieder abgekehret.

Inmittelst machten sie denen unsrigen viele verpflichtete Complimenten / daß / weil es ein Wirths-Hauß / wo man keine besonderer Gelegenheit sich zu bedienen hätte / sie ihnen / diese wider Willen verursachte Incommodité, pardonniren möchten.

Die unsrigen antworteten höflich / und entschuldigten sie durch eine überall in Wirths-Häusern vergönnte Freyheit / sich da so gut zu bedienen / wie man könte.

Allein das Complimentiren war damit noch nicht aus / sondern es gieng gleichsam nach der Reihe / daß es einer anfieng / wo es der andere gelassen; Und schiene / als ob sie unsere beyde Cavaliers examiniren wolten / wie fleissig sie die Complimenten-Bücher durch studiret.

Inzwischen sich nun welche in der Schule der überflüssigen Höfligkeit mit unsern beyden Cavalieren exercirten / giengen welche in der Stuben auf und nieder / und sangen theils ein Frantzösisches Liedgen / theils eine verliebte Arie aus der Opera; Ein anderer stund vor dem Spiegel / und raufte sich mit einem kleinen Balbier- Instrument die Haare aus dem Barte / worüber sich unsere beyden Cavaliers zum höchsten verwunderten / weil diese junge Herr schon vorhin mehr einen Milch- als Männlichen Bart hatte. Ob sich nun seine Inclination beschweret / es möchten aus den Milch- mit der Zeit rechte Haare und ihre zarte Haut dadurch im Gesicht incommodirt werden / konten sie mehr muhtmassen als wissen.

Was sie aber das Lachen zu verbeissen noch stärcker nöhtigte / war / daß noch ein anderer / gleichsam unvermerckt / einen Brief aus der Taschen zog / und wenn er solchen geküßt / die Augen geschwind und furchtsam auf sie wendete / ob sie auch solches wahrgenommen.

Diese verliebte Kinder-Possen verursachten ihnen die kurtzweiligsten Gedancken; und hier funden sie wahr: Daß die Liebe auf gewisse Art die klügsten / und auch die allerpoßirlichsten Menschen könne machen.

Allein mit der Zeit erweckten ihnen dergleichen Sachen einen Eckel / und sie empfunden einen Widerwillen / in grosser Leute Gesellschaft zu seyn die ihre seltsame Gemühts-Bewegungen so wenig verbergen konten; Und weil ihnen der Zwang zugleich jammerte / den sich diese Herren augenscheinlich anthaten / in ihrer Gegenwart nicht allezeit frey in den Spiegel zu sehen; so suchten sie noch ein ander Zimmer.

Hier musten besondere Ursachen ausgesonnen werden / warum sie weggiengen / denn sonst wären sie von ihnen / ob sie es gleich wünschten / mit Complimenten zu todte bombardirt worden. Sie stellten sich demnach / als ob sie sich ein wenig umsehen wolten; Und mit dieser Manier kamen sie von ihnen loß.

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