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Satyrischer Roman

Christian Friedrich Hunold: Satyrischer Roman - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleSatyrischer Roman
authorChristian Friedrich Hunold (Menantes)
firstpub1706
year1973
publisherVerlag Herbert Lang & Cie AG
addressBern und Frankfurt/M.
isbn3-261-00271-9
titleSatyrischer Roman
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Satyrischer
Roman.

KAum hatte Tyrsates, der auf Abendtheur im Lande herum zog / die schöne und fruchtbare Gegend erreichet / wo die Saale sich mit der Schiffreichen Elbe vermählet / als von den Meißnischen Gräntzen ein Murmeln oder Gethöne sich in den Lüfften hören ließ / das ihm sein gleichsam fliegendes Pferd in Zaum zu halten bewog. Er gab diesem ungewöhnlichen und lamentablen Geräusche aufmercksames Gehör / konte aber nicht ersinnen / ob es eine Heerde außgerissener Bienen-Schwärme oder etliche tausend ausgestöhrte Wespen Nester wären / die bey den angehenden Ernde-Tagen sich in die herum liegende Obstgärten theilen wolten / oder was es sonst bedeuten möchte; darum ritte er allmählig und in Gedancken an dem Lust-reichen Saal-Fluß hinauf.

Unverhofft hörte er aber jemanden klagen: Hier sitz ich unglückseeliger / und vermische meine Thränen mit diesem Strohm / der ich in dem Schooß der annehmlichsten Person länger ruhen können! Ach daß ich nicht alle Mittel zu ihrer Genesung angewendet / und sie in einer Zeit sterben lassen / da Brust und Lippen die süßesten Früchte zu tragen begunten / und die Ernde ihrer Rosen-vollen Jugend erst angieng! Nun muß ich statt der vorigen Caressen den traurigen Klang der Klocken zu ihrem Begräbniß hören. Ach daß ich meine Ohren vor dem betrübten Thon verstopffen könte / der aus Salaugusta hieher schallet! Doch dein Wünschen ist vergebens / und was dich am meisten kräncket / so weiß ein jederman: Daß du an ihrem Tode schuld.

Damit schwieg dieser unglückseelige Verliebte still / und setzte den Tyrsates in nicht geringes Erstaunen / daß das Summen der Luft das Begräbnüß-Geläute einer erblasten Schönen seyn solte / die ihr Amant, wie es schiene / selber üms Leben gebracht.

Er machte sich schon wunderliche Gedancken darüber/ und weil er bey so ängstlichen Klagen besorgte / er möchte aus Verzweiffelung / die sehr verliebten Leuten gar oft zustosse / sich endlich in den Thränen der Saale ersäuffen / sprang er vom Pferde / und machte sich aus angebohrner Gutartigkeit zu demselben mit geschwinden Schritten.

Dieser noch unbekannte Amant mochte jemanden hinter sich vermercket haben / denn er tauchte ein Schnuptuch sofort ins Wasser / wischte damit die Augen und Wangen ab / und sagte laut:

So fließt ihr letzten Thränen hin /
Und saget: wer ich vor gewesen.
Doch laßt ihr muntren Augen lesen /
Daß ich nun wieder meine bin

Damit wendete er sich mit einem frischen Anblick nach Tyrsates, und erweckte in selbigem eine grosse Verwunderung / daß eine verliebte Seele in dem Augenblick weinen und in dem andern lachen könne.

Ich wolte bey meinem Herrn / fieng Tyrsates an / meine Condolentz wegen des sie betroffenen Trauer-Falls gleich ablegen / als die wunderbahre Veränderung mich veranlasset / vielmehr eine freudige Gratulation über ihre in solcher Begebniß erwiesenen Großmuth abzustatten.

Die Gratulation, antwortete der Amant, solte mir von ihrer Höflichkeit angenehmer als eine Condolentz seyn / ob ich gleich die erste nicht sonderlich verdiene / weil meine Trauer vor keiner großen Wichtigkeit / und solche bey ihrer Gegenwart nicht zu verbannen / ein grosser Fehler wäre.

Wofern meine Person zu der Gemüths-Ruhe der Verliebten was beytragen könte / erwiderte Tyrsates, würde ich bey aller Welt mehr beliebt seyn / als so; allein so schreibe viel ihrer Gefälligkeit zu / und solte ihre itzige Conduite fast eine kluge Verstellung nennen / indem der Verlust eines geliebten Frauenzimmers bey tausenden der allerschmerzlichste.

Zwar schmertzlich / versetzte der andere / aber von keiner langen Dauer denn ein durchgebrochener Damm überschwämmt zwar alles / verläuft sich aber bald; und der Himmel gebe mir vor anderes Unglück dergleichen Todes-Fälle viel / so wird das natürliche Feuer / welches durch die Blicke eines annehmlichen Gegenstandes alsbald in volle Flammen geräth / endlich je mehr und mehr erkalten / und mich zu einer edlen Gleichgültigkeit in der Conversation mit Frauenzimmer gewehnen.

Tyrsates rühmte zwar diesen artigen Wunsch / wurde aber bey sich in der Meynung gestärcket / daß er an dem Tod seiner Geliebten Schuld sey / weil er selbigen so bald vergessen könne; und da er sich aus dem gantzen Handel nicht zu finden wuste / bat er um geneigte Eröffnung seiner Liebes-Begebenheit. Er erhielte sein Suchen gar leicht / indem der andere aus einem geheimen Triebe Tyrsates zu lieben verbunden war / und aus seinem gantzen Wesen schloß / daß sie von einerley Gemühts-Art seyn würden.

Sie liessen sich beyde auf einem mit frischen Graß bewachsenen Hügel auf dem Ufer der Saale nieder / alwo sie Salaugusta gerade im Gesicht hatten / und der Unbekandte wolte eben seine Rede anfangen / als des Tyrsates Diener mit grossem Geschrey herzu gelauffen kam: es sey ein grosses Abendtheuer vorhanden / und wo sie wolten Beschützer Jungfräulicher Keuschheit seyn / müsten sie keinen Augenblick versäumen. Beyde erachteten vor ihre gröste Schuldigkeit / einem so bedrängten Kleinode zu Hülfe zu kommen / liessen sich also geschwind von dem Diener hinführen / wo eine so schmertzhafte Opferung solte geschehen.

Der Diener / der vorangieng / kroch endlich in ein kleines Lust-Gehöltze hinnein / und war kaum sechs Schritte fortgeschlichen / als er stille stund / und mit dem Hände-Wincken zu verstehen gab / daß die der Hülfe benöhtigte Schönheit nicht weit von hier sey. Tyrsates und der Unbekandte hielten nicht vor rahtsam / sich zu verbergen / da ein Entsatz der belägerten Lucretien geschehen solte / und wunderten sich allein / warum man kein bey Stürmen gewöhnliches Geschrey hörte / wenn der Feind so nahe. Dahero muthmasseten sie / die Vestung würde in letzten Zügen liegen / und avancirten des Dieners Wincken ohngeachtet. Allein die Stimme einer seufzenden Person bewegte sie zum still stehen / um die Worte zu vernehmen / die sie sonder Zweiffel mit euserster Hertzens-Angst hervor brachte:

Ach ungerechter Himmel! Der du ein Schutz der leidenden seyn wilst; Warum hast du den Menschen so ungleiche Sinnen eingeflösset / daß / da sie einander solten zum Vergnügen geschaffen / sie eines des andern Hencker seyn müssen. Hast du darum dem Frauenzimmer so schwache Kraft verliehen / um sie den grausamsten Anfechtungen der Männer desto eher zu unterwerfen / so bin ich die Allerunglückseligste / weil ich eben an einen unbarmhertzigen Tieger und keinen Menschen gerathen. Ach Castrato! Wie gehet ihr mit mir um.

Sie wolten hierauf gleich hinzu rennen / weil sie aber den so genannten Castrato auch reden hörten / meinten sie aus seiner Antwort um so viel eher zu schliessen / wie strafwürdig er sey.

Redet doch einmal / als eine Dame, die in der Welt zu leben weiß. Wenn der Himmel daran schuld / daß er mir so ungleiche Sinnen gegeben / was klaget ihr denn über mich. Ja wenn ich der grausamste bin / so erweiset euch als die Großmühtigste / um alles dasjenige gedultig auszustehen / worzu euch die unveränderliche Regungen meinem Hertzens zwingen.

Bedencket doch nur / wolte sie antworten / er aber fiel ihr in die Rede: Ey was Bedencken / ich habe lange genug darauf gedacht / und nun thut ihr am besten / wenn ihr daraus ein Vergnügen macht / was eine Unmöglichkeit zu ändern. So meint ihr Grausamer denn erwiederte sie mit zorniger Stimme daß ich meine Ehre umsonst verschencken soll? Meine Ehre ist so kostbar / als die eurige / war seine Gegenrede / und die Zeit nicht unnütz zu verschwenden / so muß ich thun / was meine Vergnügung erfodert. O verfluchter Barbar! O ihr Sterne!

Diese Worte hatte sie kaum ausgestossen / als unsere beyde Beschützer der Tugend durch das Gebüsch drungen / und dem Orte zu eilten / wo der Jungfräuliche Ehren-Schänder zu finden. Sie sahen auch bald einen gehen / der vermuthlich vor sie die Flucht zu nehmen suchte / darum / weil sie das Frauenzimmer unweit davon auf der Erden knien sahen / liefen sie aus Lob-würdiger Rache mehr jenem nach / als daß sie bey dieser stillstehend eine schöne Probe ihres edlen Gemüths solten aus den Händen lassen.

Das Glück wolte / daß sie ihn erreichten / dahero waren ihm ihre entblößte Degen alsofort auf der Brust / mit der Bedrohung / sich gefangen wieder zurück nach dem von ihm so grausam verfolgten Frauenzimmer zu begeben / oder dem Augenblick das Ende seines Lebens zu erwarten. Dieser stutzte gewaltig über einen so unvermutheten Anfall / und weil bey solcher Gefahr der geschwindeste Endschluß am besten / fing er an: Daß er endlich / weil er gezwungen würde / ihrem Verlangen eine vollkommene Gnüge thun wolte / doch möchten sie ihm hernach nicht beymessen / wenn eine unglückliche Heyrath draus erfolgte.

Das Gesicht und die Mine dieser Person kam ihnen gescheuter als eine so verkehrte Antwort vor / darum fragten sie ihn: Wo er mit so ungeräumten Reden hinaus wolte; und ob er bey Erwartung der seine Ubelthat wegen verdienten Strafe sie noch darzu vexiren suchte? Nicht vexiren / antwortete er / sondern an statt / daß sie ihn einer Ubelthat beschuldigten / möchten sie doch erwegen / was aus einer solchen widrigen Beywohnung kommen könte? er sey nicht weniger von Adel / als sie / gebohren: es würde ihm nach geschehener Sache so wenig möglich seyn / sich alsofort zu einer völligen Heyrath zu entschliessen / als seines Vaters Consens hierzu zu erhalten; wenn nun / teutsch heraus zu sagen / aus solcher gezwungenen Lust vor der Zeit etwas erfolgte / was wurde beyden Geschlechten nicht vor eine Unehre zuwachsen?

Tyrsates und sein Gefehrte sahen einander über diese Reden lachend und verwundrend an / und wusten nicht / ob sich dieser dem Ansehen nach nicht unverständige Cavalier mit Fleiß närrisch stellte / oder was es sonst bedeuten möchte: Wenn mein Herr / gab Tyrsates mit gemäsigter Stimme hierauf / itzo so nachdencklich wegen der daraus entstehenden Folge ist / warum war er denn vorhin so hitzig / und wolte dem flehenden Fräulein durchaus kein Gehöre geben? Seine Hitze / war seine Gegen-Rede / bestünde in einem höchst Lob-würdigen Eyfer / seine und ihre Keuschheit nicht zu verletzen.

Ich solte fast schliessen / versetzte des Tyrsates Gefehrte / daß mein Herr die Gewohnheit der alten Heydnischen Priester in Africa an dem Frauenzimmer in Teutschland zu exerciren suchte / denn jene brachten denen geweyhten Jungfern den schönen Aberglauben bey / keine Keuschheit oder Jungferschaft sey schätzbar / welche sie mit ihren allerkeuschesten Opffer-Messern nicht vorher berühret. Allein allen so thörichten Schertz bey seite gesetzt / so wird ein so unedles Vorhaben den Glantz seines Geschlechtes völlig verdunckeln / wenn wir es der Schuldigkeit nach am gehörigen Orte angeben. Sintemahl es tadelhaft / eine Dame durch Schmeicheleyen zu bereden / ihr allerkostbarstes Kleinod / ohne welches sie unter die Menschen nicht zu rechnen wurdig / gutwillig zu verschencken / geschweige sie dieses unvergleichlichen Schatzes mit Gewalt zu berauben / und sie vor aller Welt zu Schanden zu machen. Ja hat er nicht geglaubet / daß heute zu Tage lauter Lucretien in dem Frauenzimmer stecken / die nach gebüßter Lust den mörderischen Dolch mit ihrem Blute bespritzen?

Der Beschuldigte würde über diese letzteren Worte eine Auslegung gemacht haben / wo er nicht an beyden ihren ernsthaften Minen wahrgenommen / daß sie würcklich in den falschen Gedancken stünden / er habe das Fräulein nothzüchtigen wollen. Darum hub er nun mit ermuntertem Gesichte an: Ich bin glückselig / zwey so brave und honette Cavaliers angetroffen zu haben / deren Tugend vollkommener / als mir selbige Anfangs aus Irrthum vorkam. Denn erstlich glaubte gäntzlich / sie wären auf des Fräuleins Geheiß in diesem Gehöltze versteckt gewesen / um mich zu was unanständiges zu zwingen; allein nunmehro erkenne das Gegentheil / und werde die Wahrheit meiner Rede / ihnen den Augenblick darlegen / wofern sie mir zu folgen belieben.

Tyrsates und der andere schüttelten den Kopf / und gaben einen starcken Zweifel dadurch zu erkennen / indem die Worte des Fräuleins: Ob er so grausam / daß sie ihre Ehre umsonst verschencken solte / ja ihr Geschrey und ihr Geschlecht selber ein anders behaupteten. Doch weil sie der Cavalier, ihm sachte zu folgen / ersuchte / willfahrten sie ihm endlich mit der größten Neugierigkeit.

Wie sie eine Ecke fortschlichen / hörten sie das Fräulein abermahl klagen / demnach krochen sie sämtlich hinter einem dicken Busch in der Nähe / alwo sie eben die Worte vernahmen: Denn es ist unmöglich / daß sich die Natur mit solcher Kaltsinnigkeit abspeisen läst. Ach unglückseeliger Stand! und du armseelige Fulvia, die du unter dem verhaßten Zeichen der Jungfrau gebohren! Nun lachet der Lentz deiner Jahre! die Blühten sind heraus gebrochen; Die Rosen brennen vor Hitze / und du verzweifelter Castrato würdigest sie nicht abzupflücken! Meinest du wohl, daß man sie ohne die grausamste Marter kan verwelcken oder ihre Blätter ausfallen lassen? Hast du wohl ein Frauenzimmer jemahls gesehen / die so Heldenmüthig gewesen / ihre Jungfernschaft / wie ich / bis ins neunzehende Jahr zu behalten? Ach möchtet ihr kaltsinnigen und höltzerne Männer nur empfinden / was ein Frauenzimmer in diesen Jahren sey / wie würdet ihr um unsere Gunst lechzen! wie wohl würdet ihr unsere Minen und Blicke verstehen / und es nicht so weit kommen lassen / daß wir wieder allen Wohlstand gezwungen / euch fußfällig / und / O Grausamkeit / vergebens um die Vergnügungen unserer Flammen bitten müsten? Besorgest du Marmor-Säule / es dürfte aus einer hitzigen Umarmung was entstehen / so ist ja mein Stand und Reichthum dem Deinigen gleich / und du hast mich ehmals selber gerühmet / daß ich schön und Liebens-würdig sey! bist du aber ein so genandter Tugendhafter Grillenfänger / so bedencke / wie wenig dieses einem rechtschaffenen Cavalier anstehet / und wie es gleichwol wider dein Gewissen / wenn ich hernach aus Verzweiffelung meine Ehre einem andern und umsonst aufopfere.

Sie seufzete hierauf so tief / daß es einen Stein in der Erden hätte erbarmen mögen; wie dann auch Tyrsates Gefehrte zu einem Mitleiden bewogen wurde / und nicht unterlassen konte / mit in die Höhe geschlagenen Händen jedoch sachte zu Castrato zu sagen: O Himmel! ist es so mit dem guten Fräulein bewandt! O so ist mein Herr noch strafwürdiger als zuvor / denn in tausend Jahren ist kaum ein eintziges Exempel so geschehen / und man wil den Cavalieren zum Nachtheil es ausschlagen / da man den Anfang zu einer höchstrühmlichen Gewohnheit machen solte!

Ihr Sterne! fing Tyrsates gleichfals an / wo habt ihr mich hingeführet! Ja wohl ein rechtes Abendtheuer / das uns der Diener angewiesen! Sol keine jemahls / als dieses Fräulein seyn gesehen worden / die so Heldenmüthig gewesen / ihre Jungferschaft bis ins neunzehende Jahr zu erhalten? Welche seltsame Nachricht von einem Frauenzimmer!

Daraus kan man eben schliessen / antwortete Castrato, daß die Gewohnheit / den Manns-Personen am ersten die Caressen zu erweisen / bey dem Frauenzimmer hiesiger Orten nicht erst darf eingeführet werden / denn sie gehet schon im vollen Schwange / und darum werde ich wegen meiner ehrbahren Aufführung gegen das Fräulein Fulvien gantz nicht zu tadeln seyn: Denn wenn das Frauenzimmer die sonst gewöhnliche Freyheit der Manns-Personen annimmt / müssen wir ja nothwendig die vor alters gebräuchliche Sittsamkeit des Frauenzimmers uns angewehnen / weil es sonst allzu bund dürfte hergehen.

Gedult! hub das Fräulein wieder an / ich bin lange genug honnet gewesen; ich habe der Natur nach ihren uns eingepflantzten Regeln gehorsamen wollen; weil es aber nichts hilft / so frage endlich nichts darnach / ich wil zu Fräulein Causabona gehen / und ihre Mittel – – Verfluchter Castrato, du bist Schuld daran.

Hiermit sprang sie behend auf die Füsse / und eilte durch Büsch und Hecken so geschwind / als ob sie mit den Rehen um Egydi in die Wette laufen wolte.

Man konte ihr nicht lange in den Gesträuchen nachsehen / und bekümmerte sich endlich auch wenig um ihre Klagen / da keine grössere Noth als diese vorhanden. Nur war Tyrsates neugierig / des so genandten Fräuleins Causabona ihre Conduite zu wissen / weil sie Mittel vor die Ungedult haben solte.

Castrato bezeigte bey dieser Frage sein Erstaunen im Worten / so man vorher aus seinem Gesichte lesen konte. Unmöglich kan diß Fräulein / sagte er / Fulvien Hülfe schaffen; sie hat sich in dem Nahmen verirret. Denn Messieurs, die von Causabona ist ein Frauenzimmer / die / ich wil keiner nicht zu nahe reden / vor eine solche Keuschheit passirt / dergleichen sich Leute von achzig Jahren nicht zu entsinnen wissen. Sie ist dasjenige / was man von vielen seculis her an Damen, die Grausamkeit genennet: Man darf in ihrer Gegenwart nur eine Sylbe von Lieben fahren lassen / um die verächtlichste Mine von der Welt zu kriegen: Ein Cavalier, den alle Schönheiten vor gefährlich achten / und jeder Cavalier beneiden muß / wird von ihr mit so einer kaltsinnigen Manier in discursen unterhalten werden / als ob er vielweniger Reitzungen vor sie als ein Frauenzimmer besäß. Und trifft sie ohngefehr einen an / der von der edelsten Liebe ausserordentlich wohl zu urtheilen und sie heraus streichen weiß / selbigem bringet sie solche Gründe bey / warum sie kein Vergnügen darinnen finden könne und sie also fliehe / daß er fast selber auf die strenge Meinung gerahten muß / ein so schönes Wesen sey gäntzlich zu verachten. Kurtz: Ihre Aufführung beweiset eine so harte Keuschheit / daß die Tugendhaftesten Eltern ihre Mannbahre Töchter vor ihrer Conversation warnen / weil sie selbigen einen Eckel vor das Heyrathen machet. Wie solte sie nun dem Fräulein Fulvien einige Mittel gewehren / deren Hitze viel zu groß / als so verdrüßliche Sitten-Lehren anzunehmen? Sie muß sich demnach ohnfehlbar in dem Nahmen geirret haben; und wenn Messieurs mir die Ehre ihrer Visite ein paar Tage in Salaugusta gönnen / warum inständig bitte / werden sie Gelegenheit bekommen / aus ihrer Conversation mit mir ein gleiches zu schliessen.

Sie nahmen beyde diese Einladung mit grossen Höflichkeit an / und versicherten / wie die Bekandtschaft eines Tugendhaften Cavaliers ihnen desto angenehmer seyn würde / je seltsamer sie sich angefangen. Von des Fräulein Causabona ihrer Conduite raisonnirten sie dergestalt: Daß eine allzuübermässige Tugend zu einem Laster würde; doch wäre dieses ein artiges Beyspiel: Daß wie viel Frauenzimmer in der Wollust / also auch eins in der Keuschheit ausschweifte / und nothwendig von der mittlern oder rechtmäßigen Sorte / auch einige seyn müsten / indem die Gemühter an allen Orten untermengt / und sich bey drey oder vier schlimmen noch ein gutes fände.

Castrato bemühte sich gleich den andern Tag / das Fräulein Causabona in eine angestellte Compagnie mit zu kriegen; und ihre Weigerung / weil sie vernommen wie einige fremde Cavaliers mit dabey seyn würden / gab den Unsrigen folgends Anlaß / des Castrato Abbildung ihres Gemüths schon guten Theils vor wahr zu halten. Sie kam auch nicht eher / bis etliche Freundinnen von ihr zu ihr fuhren / und sie durch ihr unabläßiges Bitten darzu bewegten.

Von Person war sie nicht übel gemacht / und hatte eine Mine / die was grosses und dabey ein gleichgültiges Wesen anzeigte. Dieses bestätigte noch darzu ihre Aufführung / worinnen sie eine sehr gemäßigte Höfligkeit brauchte; und bey allen Discoursen / die von der Liebe nur das geringste in sich hielten / ließ sie so eine verächtliche Art blicken / daß man wohl sahe / wie sie diejenigen vor halbe Kinder oder halb-gescheute Leute nur tractirte / die eine sonst so edle Passion rühmten.

Der bishero dem Tyrsates unbekandt gewesene Cavalier wurde von einem Frauenzimmer verrahten / daß es der Baron Selander von Amalienburg sey. Tyrsates machte ihm hierauf ein neu Compliment, weil er ihn schon per renommeé gekandt; welches Selander kurz beantwortete / und nach der schon gemachten Vertraulichkeit ihm eröffnete / wie er Plaisir hätte / dem Fräulein Causabonen einen Liebes-Antrag zuthun / um zu versuchen / ob ihr Hertz durch gar nichts zu bewegen.

Es geschah mit solcher Geschicklichkeit und so wohl a propos, daß ein ander Frauenzimmer / so unempfindlich sie auch seyn mögen / nicht würde gleich gültig geblieben / oder zum wenigsten einem so braven Cavalier vor die honnetste Versicherung verbindlicher gewesen seyn: Allein hier betete er einen Felsen an / wo alle Gründe / die Liebe verhaßt zu machen / so hervor gesucht wurden / daß Selander glaubte / er würde viel eher Eisen zu Wachs / als einen solchen Sinn durch die allerzärtlichsten Verpflichtungen erweichen können.

Es war aus Schertz angefangen / also solte es auch dergestalt vollführet werden; Denn Selander, welcher ein Meister im simuliren / sagte ihr / wie sie ihm endlich alles weitere Gehör von der Liebe abschlug: Daß er üm einer so schönen Ursach willen / sich dem grausamsten Gram und Schmertzen aufopfern / als ohn solcher / nemlich sie zu lieben / leben wolte.

Sie mochte nun einwenden / daß sie nimmermehr eine solche Schwachheit von einem dem Ansehen nach so geschickten / als verständigen Cavalier vor wahr halten / und sie ihn eher um sich leiden könte wenn er ein theuer Gelübde thäte / an eine zärtliche Liebe niemahls mehr zu gedencken: So nahm Selander dennoch eine solche Stellung an sich / dadurch die klügste so leicht sollen betrogen / als zum Mitleiden bewogen werden.

Vieles anwesende Frauenzimmer merckte die Passion an Selander, die er nicht gäntzlich wolte cachirt halten; Und welche wurden eyfersüchtig / einige aber von dem Meriten dieses Herren so gerühret / daß sie aus Vertraulichkeit mit Causabonen, ihn gütiger zu tractiren / und dieses Glück nicht auszuschlagen / riehten. Denn / sagten sie / wo nicht so gleich von jeden Blicken / wie Stroh vom Feuer zu brennen eine Tugend / so sey es hingegen ein grosses Laster / die allerschönste Gelegenheit zu lieben / aus einer nie gebilligten Härtigkeit / abzuschlagen. Dergleichen Vorbitten aber wurden gar kurtz von ihr abgefertiget / indem sie mit einer fast hönischen Art / und so laut / daß es Selander und Tyrsates hören konten / denjenigen einer grossen Ubereilung beschuldigte / der mit seinem Verstand über eine solche verliebte Thorheit nicht herrschen könte / und so gar / üm so kindischen Begierden zu favorisiren / sich in einen sclavischen Stand der Ehe zu begeben gedächten.

Es setzte gleichwohl eine Verwunderung unter unsern beyden in der Welt ziemlich bekandten Cavalieren, daß dieses die eintzige unüberwindliche Festung unter den Frauenzimmern seyn solte / da die meisten die Chamade schlagen, wenn man die erste Sturm-Leiter / ich meine verliebte Minen / angeworfen / und nicht wenige die Thore öffnen / da man keinen Durchzug verlangt. Und sie machten sich nun einen Ehrgeitz / einen Accord von dieser Schönheit zu erhalten / den sie aus Liebe sonst nie würden gebeten haben.

Starcke Eichen fallen nicht auf einen Schlag / und weil manches Frauenzimmer die Kunst sich zu verstellen ungemein gelernet / encouragirte sie ein kleiner Zweifel / ob es Causabona nicht endlich näher geben dürfte / bey andrer Gelegenheit sie mit ihrer Amour zu gewinnen.

In dem Audientz-Cabinet der Gedancken / ich meine im Bette / glossirten diese beyde Herren schon trefflich auf was vor politische Manier sie zu ihren Entzweck gelangen möchten. Wie aber da öfters tausend Sachen aufs Tapet kommen / die so bald sie resolvirt / von tausend andern wieder verworfen werden: So wurde die Nacht mit solchen Rathschlägen zugebracht / dadurch ein eintziger Zufall des Tages einen curiosen Strich machte.

Castrato hatte ihnen versprochen / sie in einen schönen Garten zuführen / in welchem sie vielleicht noch mehr schönes Frauenzimmer in dem schönen Salaugusta antreffen würden. Es war sonderbahr / daß Castrato Selandern vor einem fremden / und in dieser Stadt nicht wohlbekandten Cavalier hielte; da er doch wiewohl zu seinem Chagrin die Conoisance vieler Damen gehabt. Allein es mochte vielleicht daher kommen / daß Selander andere Compagnie, als Castrato gesuchet / und in kurtzer Zeit zwar ein Glück genossen / darum sich andere lang und vergeblich bemühen / aber auch so unglückseelig gewesen / daß er es in vielen Jahren nicht grösser werden können.

Selander stellte sich deswegen gegen Castrato etwas fremd / und rühmte die schöne Gegend um Salaugusta, als ob er sie zum ersten mahl gesehen.

Sie passirten einen offenen Garten vorbey da der erste Blick in solchen schon so annehmlich / daß Tyrsates die Curiosität blicken ließ / ihn zu besehen / wenn Castrato Kenntniß mit den Besitzern hätte. Castrato konnte nicht verwehren / daß ihm nicht eine kleine Röhte ins Gesicht stieg; und weil er bey sich abnahm / es möchten es auch die andern observirt haben / gestunde er aufrichtig / daß es der Fräulein Fulvien ihr Garten sey / welche sie gestern in eine so seltene Verwirrung gebracht.

Hier fingen sie nochmahls über die gestrige Begebenheit an zulachen / und der Appetit, ihn zu bestehen / war durch die Neugierigkeit vermehret / was Fulvia vor Minen machen würde / wenn sie eine so unverhoffte Visite bekäme. Weil nun Castrato merckte / wie ihr Plaisir an so etwas grösser / als sein Vorsatz ihre Gesellschaft zu fliehen; So zog er die Complaisance seinem eigenen Bedencken vor / und führte sie hinein.

Der Garten war unsern Cavalieren zwar schön / allein weil sie ihn mit keiner lebendigen Schönheit besetzt fanden / und doch glaubten / daß der Garten nicht offen seyn würde / wo niemand darinnen; So giengen sie nach den Garten Hause zu. Doch dieses war auch verschlossen / und die grosse Stille minderte das vorhergemachte Vergnügen / Fulvien zu sprechen / daß sie wieder zurück kehren wolten / indem sie gar niemanden da vermuhteten.

Selander und Castrato giengen schon voraus / da der curiöse Tyrsates die Treppe des Garten-Hauses hinauf schlich / und sich mit dem Gesichte an eine Ritze lehnte / die die Hitze der Sonnen in der Thür gemacht. Die andern sahen sich kaum um / als sie gewahr wurden / daß er die Hände zum Zeichen eines besondern Abendtheuers in die Höhe hub / und sie mit Wincken und Geberden nöthigte / sich gleichfals gantz sachte herbey zufügen.

Damit ließ er einen nach den andern an seine Stelle treten / und setzte beyde in solch Erstaunen / das fast grösser / als das seine war. Ihre Verwunderungsvolle Blicke forschten unter sich / was bey einem so nie erlebten Handel zuthun / und die Verwirrung über einem in aller Welt nie vermuhteten verzweifelten Streich / war unter ihnen so groß / daß sie sich eine gute Zeit nicht entschliessen konten / sondern immer von neuem durch die Spalte der Thür guckten.

O ihr Götter! fieng Castrato sachte an / „was sehe ich? Causabona! Sind das die Mittel vor die Ungedult! wir müssen anpochen“ sagte Tyrsates; und so bald war es auch gethan / worauf / wie sie durch die Ritze beobachteten / Causabona und Fulvia, die auf einem Ruh-Bette lagen / wie der Blitz ineinander fuhren.

Sie konten sich leicht vorstellen / daß bey dem ersten anpochen man nicht aufmachen würde / darum fuhren sich noch zwey / drey / und mehrmahl fort; und da auch dieses nichts helfen wolte / rufte Castrato: „Ihr liebsten Kinder macht doch auf / man hat uns schon gesagt / daß ihr drinnen seyd.“

Sie konten gar eben die erbitterte Mine sehen / mit welcher sich Causabona zusammen raffte: „Nu wer ist dann da?“ fing sie anzufragen / „dero ergebenster Diener“ / antwortete Castrato, „welcher um Perdon bittet / daß er sie aus ihrer Ruhe gestöhret / und doch das Glück möchte haben / bey einer so charmanten Person zu seyn.“

„Dieses Compliment solte mich veranlassen“ / gab sie drauf / „ihnen nicht aufzumachen / denn sie wissen / was ich vor eine grosse Liebhaberin bin / von so charmanten und liebsten Kinder Tittuln.“ „Ich wil denn um Vergebung bitten“ / versetzte Castrato, „wenn ich werde hineinkommen; voritzo aber ersuche gantz gehorsamst / mich doch nicht als einen armen Exulanten länger hausen stehen zu lassen.“

Causabona eröffnete hierauf die Thür; Machte aber eine besondere ernsthafte Mine / da sie Tyrsates und Selandern erblickte. So unverhoffte Gäste! war ihre Rede. Unsere beyden Cavalier machten die höflichste Entschuldigung / wenn sie solche von ihrer Ruh gestöhret; und schützten vor / „daß wer einmahl die Conversation eines so unvergleichlichen Frauenzimmers genossen / nicht zu sehr zu verdencken / wenn er solche hernach auch mit einer unanständigen Kühnheit suchte.“

Sie gab sich eine Air, die dasjenige noch mehr exprimirte / was sie mit gleichgültigen Worten sagte / denn sie erwiederte: „Sie solte glauben / daß ihre Conversation solchen Cavalieren nicht eben angenehme / die mit verliebten Douceuren und Verpflichtungen gantz überhäuft / und von ihrem widrigen Naturell und wenigen Geschicklichkeit keine Satisfaction deswegen erhalten könten.“

Selander versetzte gar artig: „Man æstimire solch Frauenzimmer um desto höher / die nicht Liebenswürdig wolten seyn / sondern es wider dero willen / und so geschickt wären / sich wegen der Liebe auch ausser Cavalieren durch sich selber zu befriedigen.“ Allein um den Ziel näher zu kommen / worauf diese beyde Fräulein im wachenden Schlaf ihre Seuftzer gerichtet / so erwartete Selander ihre Antwort nicht / sondern fuhr im Fragen fort: „Ob sie wohl geruhet / und was vor artige Träume eine so artige Person gehabt.“ „Mit Verliebten bin ich zum wenigsten nicht geplagt“ / gab Causabona mit einer spröden Mine drauf.

„Und dennoch“ / erwiederte Selander, „hab ich diese Nacht von ihnen einen nachdencklichen Traum gehabt / der mich das Gegentheil überzeuget / denn sie kamen mir in der Leibhaften Gestalt des Cupido vor welcher den Köcher umgürtet / und einen scharfen Pfeil dem Fräulein Fulvien recht ins Hertz stachen. Ich beklagte mich / daß es ja wider die Natur / daß ein Frauenzimmer das andere dergestalt verwunde.“ Sie gaben mir aber selber zur Antwort: „Daß die Pfeile in dero Augen nur vor die Manns-Personen / dergleichen aber als ich gesehen / vor ein Fräulein wären / mit der sie mehr Compassion als die Manns-Personen hätten.“

Uber ein so schalckhaftes Gleichnis / dadurch ihnen Selander die Wahrheit vollkommen gesagt / musten sich Tyrsates und Castrato in die Zunge beissen / um nicht überlaut zu lachen; Causabona hergegen zog die Stirn zusammen / und verkehrte die Augen trefflich; und Fulvia schiene wegen oftmahliger Veränderung der Farben / natürlich / als ob sie in ihrem Gesichte eine kalte Schaale von Butter-Milch und Erd-Beeren repræsentiren wolte.

Hierbey mag sich ein kluger und erfahrner Leser selber abbilden / was vor eine lustige Comœdie es mit diesen beyden ungewöhnlich keuschen Frauenzimmern gegeben: Wir können nicht mehr sagen / als daß / wenn niemahls Träume eine natürliche Deutung gehabt / dieser vollkommen von dergleichen Art gewesen / in dem Selander, den im Schlaf gesehenen Pfeil bey Causabonen unverhofft mit der Hand rencontrirte / den sie vielleicht zu sich gesteckt / um sich über die Liebe zu moquiren / und mit solchen Sachen gleichsam wie mit Kinder-Possen umzugehen.

Nachdem sie nun Couleuren genug an diesen Fräuleins gesehen und billig besorgen musten / es möchte ihre längere Gegenwart ein Fieber verursachen / welches sie doch dergleichen Tugendhaften Personen nicht gönnten / retirirten sie sich mit bon Grace, wie man sagt / dabei Selander bey Causabonen die Affection ausbat / ihr in ihrem Zimmer aufzuwarten.

Causabona würde dergleichen Suchen ohnfehlbar vor eine Verletzung ihrer Keuschheit genommen haben; wenn sie bey dem Zufall nicht geurtheilet: ein weiteres Verstellen sey übel à propos, und werde diese Cavaliere nur veranlassen / desto besser aus der Schule zu schwatzen / und eine solche neue Lucretia bey der Welt anders als vorhero bekandt zu machen. Dahero erlaubte sie solches mit so einer confusen Freundlichkeit / daraus man wohl sahe / wie sie nunmehro fast vor eine Gnade achtete / was sie vorhero so hochmühtig ausgeschlagen.

Die Nacht darauf setzte es bey Selandern und Tyrsates gantz andere Glossen / als sie die vorige gemacht / denn nunmehro wusten sie / durch was vor einen Schlüssel in die Vestung der Liebe bey Causabonen einzubrechen. Das artigste war / daß sie den andern Morgen eine Supplique bey der Venus im Nahmen der sämtl. Cavalier- und Ritterschaft eingeben / darinnen sie den unbilligen Eingriff des Frauenzimmers ins Männliche Amt / und dergleichen Ausschweifungen mehr beklagten.

Allein diese kurtzweilige Arbeit / dadurch sie so abscheuliche Laster mit lachendem Munde durchgezogen / verwandelte sich bald in eine ernsthafte Betrachtung der unanständigen Wollüste dieser Welt.

„Ach!“ fieng Tyrsates an / „der hat thöricht geurtheilet / daß die Wollust die Menschen verderbe / welche in ihrem rechten Gebrauch bey unserm mühseeligen Leben / was die Würtze bey der Speise ist; Sondern die Menschen verderben die Wollust. Ansich ist die Wollust ein Nectar, der das Hertz mit vergnügten Geistern beseelet; allein der Uberfluß von beyden macht sonst vernünftige Menschen zu unflätigen Schweinen / ja mehr als Bestien gleich / in dem Thiere davor einen Abscheu zum wenigsten in der That spüren lassen was nicht natürlich.“

„Ja“ / antwortete Selander, „durch dieses eben / was Menschen von den Bestien unterscheiden soll / sucht eine unendliche Anzahl der Menschen / Bestien / mit Fleiß zu übertreffen; Die Vernunft ist es / welche dem Menschen den unschätzbahren Vorzug vor Thiere eröffnet; allein wo eine heßliche Seele der Vernunft erst einen Widerwillen vor das Gute erwecket / so wendet sie die Waffen / die den Menschen beschützen solten / zu dessen eigener Verwundung an.

„Derjenige ist alsdenn viel unglückseelig / der viel Vernunft besitzet: Er wird Sachen begehen / die Tugendhafte Leute vor die ärgste Raserey achten / und die dennoch mit grosser Klugheit ausgeübet werden: Er wird bey einfältig-guten Leuten sich einer viehischen Unvernunft müssen beschuldigen lassen / da er seine Laster mit der grösten Scharfsinnigkeit vollbringet; Ja er wird weit geschickter seyn / tausendmahl grössere abscheuliche Thorheit zu begehen / als ein von Natur dummer und allerwollüstigster Mensch / der / ob er gleich in solchem Unwesen gantz ersoffen scheinet / dennoch bey Anhörung so seltener Unmenschlichkeiten kluger Leute stutzet.“

„Gewiß“ / sagte Tyrsates, „wann man bey mancher vornehmen Dame nicht die berufene Lectiones des Frauenzimmers / l'Ecole des Filles, oft mehr in Praxi, als der Theorie nach / anträfe / sie würde von der Liebe nicht so übel raisonniren. Das Frauenzimmer hat von Natur schwächern Verstand / als das Manns-Volck; Allein man macht Wunderwercke aus ihnen / wenn sie dem Laster die Farbe einer Tugend anstreichen können; und dazu sind sie viel vermögender / als kluge Manns-Personen: Sie sind unersättlich in Lüsten / und also auch unergründlich im Nachdencken / durch was vor fremde Mittel sie solche befriedigen wollen.

„Darum verwerfen sie den Ehstand / weil er die Liebe nur auf einerley / ich meine die natürlichste Art vergnüget; und weil sie nicht Tugendhaft-weise / nennen sie solchen eine Sclaverey / welcher die gröste Freyheit ist / und die Lust darinnen / einen sich selbst gemachten thörichten Verdruß / die doch die Weißheit selber nicht genugsam rühmen kan.

„Ihr gemeines Urtheil ist / man sey darinnen gebunden / wie aber? nur Tugendhaft vergnügt zu leben; und davor tragen sie einen so grossen Eckel / weil ihr unreines Hertz eine solche reine Lust nicht fassen kan / daß sie ihren Verstand recht martern / wenn er nicht zulängliche Schein-Ursachen ersinnet / eine unordentliche freye Lebens-Art demselben vorzuziehen. Man darf also ein Frauenzimmer / die die Liebe des Ehstandes / durch was vor Gründe es auch seyn mag / mißbilliget / nicht vor keusch halten / sondern vor eine / ob gleich inGeheim aller wollüstigste Person; weil man von einer tugendhaften Sache allezeit tugendhaft spricht.“

Nach solchen Urtheilen / welche der wenigste von den Cavalieren begreifen kan / und der meiste von denen / die sie fassen / nicht ausüben / ward auch der Entschluß von Selandern gemacht / die versprochene Visite bey Causabonen nicht abzustatten / und lieber eine Unhöfligkeit in dem Wohlstande zu begehen / als seine Zeit in der Conversation honnetter Leute zuzubringen; Vielleicht / daß diese verspührte Verachtung ihr einen desto grösseren Widerwillen vor sich selber / oder zum wenigsten solche Gedancken zuerwecken / die seinen vorgestrigen Verpflichtungen gantz entgegen.

Tyrsates gab ihm hierinnen Beyfall / und um die Zeit zu vertreiben / wolte er durch einem Spatzier-Gang Salaugusta recht in Augenschein nehmen.

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