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Satyrischer Roman

Christian Friedrich Hunold: Satyrischer Roman - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleSatyrischer Roman
authorChristian Friedrich Hunold (Menantes)
firstpub1706
year1973
publisherVerlag Herbert Lang & Cie AG
addressBern und Frankfurt/M.
isbn3-261-00271-9
titleSatyrischer Roman
created20041011
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Es war bereits 11. Uhr auf dem Abend / da ihre Leute im Hause nicht das geringste von ihr zu wissen bekamen / und Tyrsates keine andere Nachricht geben konten / als daß sie mit ihrer Anverwandtin / der Madame Stellanien diesem Morgen ausgefahren / um sich beyde / wie sie glaubten / auf dem Wasser zu ergetzen.

Die Nacht ward mehrentheils sonder Schlaf hingebracht / und der Morgen mit Ungedult erwartet / um an demselben von seiner geliebten Asterien Gewißheit zu erhalten. Allein auch dieses war vergebens / indem sie noch bis itzo nicht nach Hause gekommen / daß also Tyrsates auf unangenehme Gedancken gerieht / und seinen Verdruß zu erleichtern mit einer Gesellschaft Partie machte / die auf dem Meer eine Lust-Jagd angeordnet.

Es war einer der angenehmsten Tage / daß also Tyrsates in dem schönen Wetter und einem sehr propren Sommer- Habit nebst dem Plaisir, die häufigen Vögel der See zu schiessen / eine Erleichterung wegen der Abwesenheit Asteriens suchte / oder sie auch vielleicht anzutreffen vermeinte / weil sie dem vorigen Tag auf eben dem Meer solte ausgefahren seyn.

Man rüstete demnach ein Schiff aus / nahm eine ziemliche Menge Pulver / Kugeln / Bouteilles und dergleichen Vorraht mit / und suchte sich auf diesem kleinem Festin rechtschaffen lustig zu machen.

Man schoß / die Vögel taumelten so artig aus der Lufft herunter / man langte sie aus dem Wasser in das Schiff / man tranck dabey aller Schönen Gesundheiten / und die heitern Blicke der Sonnen leuchteten so anmuhtig darzu / daß Tyrsates mit desto grösserer Sehnsucht nach Asterien seufzete / um sie zur Gefehrtin zu haben / zu einem Merckmahl / daß ihm die grösten Ergetzlichkeiten ausser ihr unvollkommen wären.

Er sah hierauf ein klein Schiffgen daher segeln / und wie solches nahe kam / fragten sie den Schiffer darinnen aus Kurtzweil: Wo er herkäm / und wohin er wolle?

Seine Antwort war: Er seegle von Ravenna nach Venedig; Und erkundigte sich im Gegentheil: Ob ihnen kein Cavalier bekandt / Monsieur Tyrsates Nahmens?

Tyrsates, der gantz voller Freuden / von Asterien was zu vernehmen / antwortete zugleich / daß er derjenige selber sey; Und alsdenn übergab ihm der Schiffer einen Brief folgenden Innhalts:

Mon Cher.

WEnn sie einige Unruhe meines Aussenbleibens und unverhoffter Abreise wegen ausgestanden / so glauben sie / daß Dero getreue Asterie nicht weniger gelitten. Dieses kan Sie nicht besser versichern / als indem sie tausendmahl bitte mir ihre sonst allezeit beliebte Gegenwart auch vor diesmahl in Ravenna und zwar mit dem allerersten zu schencken. Weil meine Anverwandtin / Madame Stellania, und der Major Schenebry, nachdem sie mich auf listige Manier zu einer Spatzier-Fahrt bis nach Ravenna verleitet / nun auch bemühet sind / mich zu einem andern Bündnis zu bereden. Durch Dero Anwesenheit und Beystand aber hoffe noch ferner zu erhalten / die ihnen zu Dero Vergnügen / wo sie wollen / auf ewig gewidmet bleibet.

Mon Cher.

Dero
Beständig getreue
Asterie.

Anbey war ihm unten im Briefe das Hauß gemeldet / nach welchem er in Ravenna fragen solte.

Eine solche Ursach der Entfernung seiner geliebten Asterien kam ihm so befremdet vor / als sie ihm Unruhe erweckte: Die andern kenneten den Major Schenebry gar wohl; Und weil sie ihm solchen als einen galanten, ansehnlichen und klugen Cavalier beschrieben / so schätzte er seine eiligste Gegenwart allda vor desto nöhtiger / um sein Recht wieder einen so gefährlichen Neben-Buhler zu behaupten.

Ein recht Verliebter und dabey Großmühtiger unternimmt alles / und alle Gefährlichkeiten scheinen ihm von schlechtem Wehrt zu seyn: Desto mehr erregte sich das heftige Verlangen in Tyrsates, nach Ravenna zu segeln / da der Wind favorabel, und sie sich keine Gefahr zu besorgen.

Weil er aber die übrige Compagnie eine so weite Spatzier-Fahrt zu thun nicht vor geneigt achtete / redete er heimlich mit dem Schiffer / und bewegte ihn durch 20. Ducaten / daß er das Ruder nach Ravenna gehen ließ / sonder denen übrigen Nachricht zu geben.

Bey so gutem Winde waren unsere Jäger nicht weit von Ravenna, ehe sie die genommene Fahrt beobachtet: Denn die angenehme Lustbarkeit / die Vögel aus der Lufft zu schiessen / hatte sie dergestalt eingenommen / daß sie an keinen Weg oder Schiffen gedachten; Und so weit war es vor Tyrsates recht glücklich gangen.

Der Steuermann aber ersahe in der See ein Schiff / so gerade und mit aufgespanneten Seegeln auf sie zu eilte / dahero er den übrigen davon Nachricht gab.

Dieses war ein Türckischer Caper / welcher durch das unaufhörliche Schiessen unserer Cavaliers war herzugelocket worden / um zu sehen / ob nicht eine Beute vor ihm vorhanden.

Die unsrigen erschracken nicht wenig / da er näher kam / und sie Feinde vor sich erblickten: Zu entrinnen / war ihnen nicht möglich / weil der Caper ein allzu schnelles Schiff / und kaum tausend Schritte noch von ihnen hatte: Dahero wolten einige / man solte sich ergeben; Andere aber / die der Wein ein wenig mehr als zu tapfer gemacht / und die bey dem Caper keine Canonen sahen / waren zu nichts resolvirt / als sich so lange zu wehren / so lange sie noch Pulver und Bley übrig hätten.

Also musten diejenige / die erst gelindere Gedancken gehegt / der Bravoure der andern weichen / und ungeachtet der ungleichen Anzahl / die sie in Betrachtung des Capers hatten / feurten sie dennoch tapfer auf solche / und schossen drey bis vier darnieder.

Im Gegentheil blieben auch einige von den unsrigen / welche dennoch dieses wenig achteten. Da aber die Türcken zu entern oder aus ihrem Schiff auf das andere zu steigen begunten / so entstund erst eine nicht geringe Unordnung / denn eine solche Menge mit blossen Sebeln über so wenige / die den Tod ihrer Cameraden so wohl zu rächen / als gute Beute zu machen eyferig suchten / war vermögend genung / denen unsrigen die Waffen zu legen; Welches auch dergestalt geschahe / daß nachdem sie ihr Leben durch Ermordung einiger Räuber so theuer als möglich verkauft / sie insgesammt dem Grimm dieser Barbaren herhalten musten.

Der eintzige Tyrsates war bis dato noch übrig geblieben / und mochten sie diesen Cavalier darum verschonet haben / weil sie aus seinem guten Ansehn und sehr propren Habit urtheilten / eine gute Ranzion von ihm zu ziehen / als um welche es denen Räubern allezeit am meisten zu thun.

Ein Lieutenant auf diesem Raub-Schiff war ein Frantzose / und nach der guten Freundschaft / die ihre beyden Ober-Herren unter sich führten / vielleicht zu dieser Charge kommen: Dieser fragte Tyrsates, wohin er auf diesem kleinen Schiff gedacht / und wie er so verwegen gewesen / sich in so weniger Anzahl gegen sie zu wehren?

Tyrsates antwortete: Daß ihn eine Sache von sehr grosser Wichtigkeit genöhtiget / bey so gutem Wind von Venedig nach Ravenna zu gehen / dabey denn die übrigen Compagnie gemacht / und durch den Wein wären verleitet worden / ihr Leben unnöhtig zu hazardiren. So sie ihn nun nur auf 24. Stunden an das Land zu setzen gedächten / daß er in Ravenna seine Geschäffte ausrichten könne / so wolle er ihnen inzwischen einen Wechsel-Brief von 6000. Ducaten nach Venedig an den und den Kauffmann geben / und sich den andern Tag wieder bey ihnen einstellen / um bis zur Zahlung der versprochenen Summe bey ihnen zu bleiben.

Um nun seinen Worten einen bessern Nachdruck zu geben / zog er einen Brief heraus / den er zum Glück bey sich führte / und daraus der Frantzose sehen konte / wie er an einen Kauffmann solchen Nahmens in Venedig recommendirt / von selbigem so viel Geld zu heben / als er verlangte.

Dieser Frantzösische Lieutenant mochte den Kauffmann wohl kennen / indem er den Capitain des Schiffes beredete / diesen Cavalier auf seine Parole und einen ihm zugestellten Wechsel-Brief so lange loß zu lassen / als er verlanget; Und das Ansehen nebst der guten Manier, mit welcher Tyrsates seine Worte vorbrachte / mochte vielleicht viel beytragen / diese sonst grausame und fast allezeit unbarmhertzige Nation zu bewegen / daß sie ihn nahe bey Ravenna an das Land setzten / und ihn also frey und sicher gehen liessen.

Tyrsates bat den Lieutenant, welcher ihn aus der Noht geholffen / zum Uberfluß / er möchte morgen bey anbrechendem Tage wieder dahin kommen / um ihn in das Schiff zu nehmen; Und versicherte / daß er an eben dem Orte um die bestimmte Zeit wieder seyn wolle.

Doch dieses war eine Ordre, welche er vor gantz unnöhtig ausgegeben schätzte: Dann ob er gleich sonsten seine Parole zu halten sich durch die Ehre verbunden erachtete / so glaubte er doch / nicht den geringsten Abbruch daran zu leiden / wenn er bey den See-Räubern sein Versprechen nicht erfülle; Und was den Wechsel anbelangte / darum war er wenige bekümmert / weil alle Obligationes in dergleichen Fällen ungültig / und die See-Räuber ihr Handwerck noch nicht recht verstehen musten / da ihnen dieses unbekandt.

Demnach gieng er in dem festen Vorsatz / sie lange genug auf seine Zurückkunft warten zu lassen / in Ravenna hinein / und erkundigte sich auf der Strassen / wo das von Asterien beschriebene Hauß sey. Seine Frage traf unter andern einen Officier, von einem guten Ansehen und wohlgemachten Leibe da sie beyde kaum zehn Schritte noch vom rechten Orte waren.

Dieser Officier war sein Neben-Buhler / mit welchem Asteriens Anverwandtin abgeredet / ihm diese schöne Parthey zu freyen zu helffen / weil sie dem Major weitläuftig verwandt / und als eine alte Dame auf die grosse Beförderung sahe / die er von Hohen als ihm geneigten Personen zu hoffen / nach welcher er sie zu ehligen versprach / und wenn er ein brav Stück Geld gemacht / alsdenn in einer vornehmen Charge geruhig mit ihr leben wolle.

Dieses trug sie Asterien vor; Allein ihre Antwort war: Daß ein mittelmässiges und gegenwärtiges Glück viel höher als die Hoffnung zu einem Grossen zu schätzen / das wohl in einer Zeit fehl schlagen könne / da man nicht nur das andere sondern auch seine Reputation und Jahre verschertzet.

Immittelst hatte die Anverwandtin der Major dergestalt eingenommen / daß Asterie in sonderbahren Aengsten / weil auf dem Abend ein Ball angestellt worden / wobey sie das halbe Ja-Wort solte von sich geben / oder zum wenigsten leiden / daß sie der Major in seinen Gedancken als seine Liebste tractirte / zumahl sie ihren Kräften selber nicht allzuviel zutrauen konte / da sie von einem galanten Cavalier gefährliche Anfälle muste ausstehen / wofern sie Tyrsates Gegenwart nicht wieder alles schützte.

So nah war aber ihr Vergnügen / daß solches / nehmlich Tyrsates, mit seinem Neben-Buhler bereits im Discours vor ihrem Hause begriffen.

Nun hatte die Freyheit / welche der Major von Madame Stellanien durch einen freyen Zutritt erhalten / nebst der trotzigen Manier, welche Leuten von seiner Profession mehrentheils gemein / ihm bereits so hochmühtige Gedancken eingeblasen / daß er glaubte / niemand könne ohne seine Erlaubnis in das Hauß dieser Dame und zu Asterien gehen; Oder man müsse ihm zum wenigsten Rechenschaft geben / was man da machen wolle.

In dieser festen Meinung antwortete er auf die Frage des Tyrsates: Warum er nach dieser Damen frage?

Tyrsates verwunderte sich zwar über diese verkehrte Antwort / gab aber dennoch höflich darauf: Weil ich die Dame und das Fräulein bey ihr zu kennen die Ehre habe / und also sprechen wolte; Dahero werden sie mich durch die Gefälligkeit / mir ihr Hauß zu sagen / sehr obligiren.

Und sie würden mich verpflichten / versetzte der Major, wenn sie mir die Ursache sagten / warum sie solche zu sprechen verlangten.

Dieser Officier fand an Tyrsates nicht denjenigen den er vermeinte; Und eine so unhöfliche Antwort verdroß ihn dergestalt / daß er ihm wiederum wissen ließ: Er wolle sie aus Ursachen sprechen / die ein solcher als er nicht wissen solle; Und bereue er nichts als die Mühe / ihn deswegen gefragt zu haben.

Und sie werden ohne mich nicht die Erlaubnis haben sie zu sprechen / gab der Officier wieder darauf / oder es wird . . .

Ob er hier gleich still schwieg / so sagte doch seine Mine was allzu Anzügliches / daß also Tyrsates ihm kurtz begegnete: So will ich mir denn die Erlaubnis von einem so brotzigen Kerl schaffen; Hiermit zog er vom Leder / und der andere säumte gleichfalls nicht / sich zur Gegenwehr zu stellen / daß sie also in ein scharffes Gefecht mit einander geriehten / und das Klingen der Degen nebst dem häufig herzu gelauffenen Volck ein solches Wesen machte / daß die Dame und das Fräulein aus ihren Fenstern zu sehen bewogen wurden.

Wie sie sich beyde müssen entsetzt haben / da sie Tyrsates und den Major in der hitzigsten Action mit einander erblickten / kan man leicht urtheilen: Im Hertzen nahm zwar die Anverwandtin des Majors, und das Fräulein Tyrsates Partie; Allein weil damit nichts ausgerichtet / und sie beyde vor rahtsam erachteten / sie geschwind aus einander zu bringen / so ersuchten sie ein paar gute Freunde / die eben bey ihnen waren / inständig darum.

Da diese hinaus kamen / hatten sich auch schon andere Officier, die da sich aufhielten / um sie versammlet / und nicht allein halb mit Gewalt Friede gemacht / sondern erkundigten sich nun auch um die Ursach ihres Streits.

Keiner konte die recht sagen / doch so viel als sie urtheilten / massen sie dem Major das meiste Unrecht bey / und redeten nunmehro zu einem gütlichen Vergleich.

Der Major hatte durch eine kleine Wunde in den Arm mehr Hochachtung als zuvor gegen Tyrsates bekommen; Und da ihm einer von dem Fräulein und der Anverwandten heraus geschickten guten Freunden ins Ohr sagte: Dieser Cavalier sey ein Anverwandter von Fräulein Asterien: So ümarmte er alsofort Tyrsates, bat um Vergebung seines begangenen Fehlers / und gieng darauf mit ihm in das Hauß des Frauenzimmers / warum sie sich eigentlich mit einander geschlagen.

In der Eyl und in der Angst war von der Anverwandtin und dem Fräulein bereits abgeredet worden / sie wolten Tyrsates vor ihren Anverwandten ausgeben; Und solches liessen sie ihm bey Eintritt des Zimmers durch einen guten Freund / der ihn zu erst empfieng / in geheim eröffnen.

Tyrsates war bestürtzt / seine Schöne so nahe und in dem Hause zu wissen / in welches ihn dieser Major geführt / dahero er folgends urtheilte / daß er wider seinen Neben-Buhler den Degen gezogen; Allein er faßte sich bald wiederum / und war ihm durch den guten Freund / vor einen Anverwandten allhier zu passiren / schon genug gesagt / sich gefällig gegen dem Officir aufzuführen.

Sie empfiengen demnach einander mit einer freyen Art / wie Anverwandten unter einander zu thun pflegen / und über der Tafel spielte Tyrsates seine Person so wohl / daß sein Neben-Buhler vollkommen betrogen ward; Weil ihn die Madame Stellania, die sonsten ein Unglück besorgt / selber in den Gedancken ließ / die man ihm Anfangs beygebracht.

Nach der Tafel wolte man die angestellte Lustbarkeit vollkommen machen / und zu dem Obrist- Lieutenant, bey welchem der Bal angestellt / in Masquen gehen; Dahero ein jedwedes sich propre zu verkleiden angelegen seyn ließ.

Einige verwechselten nur den Habit mit einander / und nahmen damit eine Masque vors Gesicht / weil sie in der Eil keine andere Masquen-Kleider kriegen konten; Und da Tyrsates, wie vor gesagt / an diesem Tage einen sehr netten Habit angelegt / und der Major die Vertraulichkeit an statt des vorigen Versehens desto vollkommener machen wolte: So bat er ihn verpflichtet / ihm seine Kleidung zu leihen / und davor die seinige anzuziehen / mit der Versicherung daß da sie in einer Leibes Positur, der Obrist- Lieutenant sie beyde am wenigsten kennen werde.

Tyrsates nahm es mit gleicher Höfligkeit an; Und darauf machte man sich bis an den Morgen mit Tantzen und allerhand Ergetzlichkeiten überaus lustig; Dabey denn Tyrsates unter der Masque eines Anverwandten mit seinem Fräulein so offen reden konte / als er wolte / sonder dem Major eine Eyfersucht zu erwecken.

Er beklagte sich wegen der ausgestandenen Unruh / und des Unrechts / so ihm ihre Anverwandten durch den Vorzug dieses Officiers zufügen wollen; Verpflichtete sich aber anbey höchstens / vor eine so schöne Probe ihrer edlen Beständigkeit / und bat darinnen fortzufahren / mit der Versicherung / er werde es lebenslang mit einer vollkommenen Gegen-Liebe und Ergebenheit erkennen.

Sie hingegen eröffnete ihm die Sorgen / die sie bey solchen Anfällen ausgestanden / und bezeichnete in allen ihren Reden und Wesen eine so grosse Zärtlichkeit / die Tyrsates alles zu überreden vermögend war / was er von einer so schönen und geliebten Person wünschte.

Sie erzehlten einander alle Begebenheiten umständlich / und berahtschlagten sich / wie sie mit Manier von ihrer Anverwandtin und aus Ravenna kommen möchten; Alsdenn fuhr man in den Lustbarkeiten fort / bis / wie gesagt / der Tag anbrach.

Man führte hierauf das Frauenzimmer nach Hause / und der Major bat Tyrsates, um solchen zu einen Ja-Wort zur Verbindung mit Asterien desto mehr zu verpflichten / auf ein Frühstück zu sich; Allein um sich desto bessern Appetit dazu zu machen / nöhtigte er ihn mit höflicher Art zu einem Spatziergang.

Tyrsates schlug es nicht aus; Und sie giengen an dem Ufer des Meeres in unterschiedlichen Discoursen / darinnen ihm der Major die Liebe zu Asterien bekennete / unvermerckt so weit / bis sie an den Ort kamen / wo der Caper dem vorigen Tag Tyrsates ans Land gesetzt.

Inzwischen ersah der Major ein Schiff nahe an den Strand / und in der Meynung / wie es einem Schiffer in Ravenna gehöre / regte sich eine Begierde in ihm / sich auf selbigem der angenehmen Morgen-Luft und des Plaisirs des Meeres zu bedienen; Dahero lud er unsern Tyrsates zu diesen Zeit-Vertreib ein / und sonder die Antwort zu erwarten / sprang er vor Freuden in solches / in den Gedancken / Tyrsates folge ihm.

Allein diesen hinderte der Anblick der Boots-Gesellen und des Frantzösischen Lieutenants, welche alsofort zum Vorschein kamen / sich von neuen in die Gefahr zu geben; Deswegen blieb er zurück / und erwartete mit Ungedult von ferne / was sich hier ereignen würde.

Diese See-Räuber erkannten den Habit, welchen der Cavalier dem vorigen Tag getragen / und sonder die Züge des Gesichts genau zu untersuchen / hielten sie ihn vor denjenigen / welchen sie suchten / und machten sich vom Bord in die See.

Der Major erkannte die Gefahr / und verstund so viel aus den Reden des Frantzosen / daß sie ihn an Tyrsates Stelle genommen: Dahero schrye er / man solte den rechten / und nicht ihn nehmen; Allein dessen ungeachtet führten sie ihn zu dem grossen Schiff des Capitains, und mochten ihn entweder nicht recht kennen / oder gedencken / daß sie durch diesen eine neue Rantzion zu gewinnen verhofften.

Er verzweifelte fast über einen solchen Streich / und griff nach dem Degen / um sich zu wehren; Allein einige nöhtigten ihn bald mit blossen Säbeln / der Menge zu weichen / und sich an die Ruder-Banck schmieden zu lassen.

Tyrsates sahe von ferne alles mit höchster Verwunderung an / und wuste selber nicht / wie ihm geschehen. Er hielt es aber vor ein ihm noch glückliches Verhängnis / und schätzte sich am wenigsten verbunden / sich in die Stelle seines Neben-Buhlers zu liefern; Welches / wenn er es auch gleich thun wollen / nichts würde gefruchtet haben / indem sie die Caper sonder Zweifel alle Beyde mit genommen / und er lange genug in ihrer Dienstbarkeit würde geblieben seyn / ehe er sein Löse-Geld erlegen können.

Er blieb so lang gleichsam voller Gedancken stehen / bis ihm der Caper aus dem Gesicht geseegelt; Und darauf begab er sich wieder nach seiner Schönen Hauß.

Asterie lag noch in Federn und ihre Anverwandtin ruhte gleichfalls; Allein die freudige Post / die er ihr zu hinterbringen gedachte / bewegte ihn zu der Freyheit / Sie durch ihr Mädgen aufwecken zu lassen.

Asterie hörte diese Begebenheit mit einiger Betrübnis vor den unglückseeligen Major an; Doch da sie es vor ein Verhängnis achten muste / in das er selber gelauffen; Und sie sich ausser dem noch viele Verdrüßlichkeiten von ihrem Anverwandten hätte prophezeyen müssen: So überwog die Liebe zu Tyrsates jene Empfindung dergestalt / daß endlich ein rechtes Vergnügen daraus entstund / und sie ihrem Geliebten nicht zärtlich genug zu begegnen wuste / da er ihr schmeichlete: Wie der Himmel ihr Bündnis durchaus nicht wolle getrennet haben / nachdem er auf so nie vermuhtete Manier den Feind ihrer Ruhe aus dem Wege geräumet.

Wie nun die Anverwandtin sich aus den Federn gemacht / bezeugte Asterie ihr Verlangen / wieder in Venedig zu werden / und bat dieselbe / entweder ihr angenehme Reise-Gefertin wieder zu seyn / oder nicht übel zu nehmen / wenn sie mit Mons. Tyrsates sich allein zu Schiff begäbe.

Die Anverwandtin verwunderte sich über solchen Antrag / noch mehr aber da ihr Tyrsates aufrichtig entdeckte / wie es mit dem Major zugegangen. Gleichwohl war sie noch so klug / ihre innerste Regungen deswegen zu verbergen; Und weil sie noch immer hoffte / der Major werde vielleicht noch wieder kommen / suchte sie die Reise noch etliche Tage aufzuschieben.

Tyrsates besorgte inzwischen / von denen andern Officiren, die ihr mit dem Major spatzieren gesehen / vielen Uberlauff und Verdruß zu bekommen / wo er den andern gelassen; Und dürften sie sich wohl gar einbilden / er habe ihn unredlicher Weise ermordet / und ins Wasser geschmissen / und nur das übrige ausgesonnen.

Diese Gedancken vertrauete er seiner geliebten Asterien, und solche fanden dergestalt ihren Beyfall / daß sie nichts mehr wünschte / als aus Ravenna zu seyn / und Tyrsates ersuchte / heimliche Anstald zu machen / sie wolle ihm folgen / wie er es ordnen würde.

Tyrsates gab demnach bey Stellanien vor / einigen von den Officiren nach der Mahlzeit eine Visite zu geben / und gieng damit an den Strand auf und nieder / bis er einen Schiffer antraff / welcher sie vor gute Bezahlung den andern Morgen bey anbrechendem Tage / wo es diesem Abend nicht seyn könte / in Venedig zu liefern versprach.

Mit dieser angenehmen Post kam er wieder zu Asterien, und erfreute solche so sehr, als sie Stellanien durch eine freundliche und politische Aufführung betrogen / damit sie durch einen Argwohn ihren Anschlägen nicht vorbauen möchte.

Er gab aber selber gegen ihr vor / daß weil er morgen einige Geschäffte in Venedig zu verrichten / er sich ihrer Güte so lange empfehlen wolte / bis er das Glück hätte / sie in einigen Tagen nebst dem Fräulein Asterien darinnen zu sehen.

Dergleichen Antrag war Stellanien höchst beliebt / weil sie noch immer einige Hoffnung auf des Majors Zurückkunft hegte; Und aus Neugierigkeit getrieben / ob sie in der Gegend an dem Meer nicht ein Merckmahl eines Duells, worauf ihre Muhtmassungen gleichfalls giengen / sehen könte / bat sie Tyrsates, Asterien, und einen von ihren guten Freunden zu einem Spatziergang.

Tyrsates hatte hier keine Zeit mit Asterien viel allein zu reden / gab ihr aber durch Augen-Wincken so viel zu verstehen / als er vor nöhtig erachtete / und willigte nebst dem Fräulein alsobald in Stellaniens Verlangen.

Asterie merckte / was Tyrsates Absehn / und gieng demnach in ihre Kammer / um einige Kleinigkeiten noch zu sich zu stecken / hatte aber / wie das Frauenzimmer insgemein / nicht geringe Sorge / wie es ablauffen würde.

Man gieng hinaus / und Tyrsates führete Asterien, wie Stellanien ein Cavalier, der ihr Freund / und bey welchem sie logirt; Da sie nun an den Strand kamen / sah Tyrsates den Schiffer bereits auf ihr warten / zu welchem er mit der andern Erlaubnis gieng / um / wie er vorgab / zu sehen / ob er mit ihm handeln könne / daß er ihn morgen nach Venedig brächte.

Dadurch wurde Stellania noch mehr bewogen / ihm Glauben beyzumessen; Und ihre Begierde wegen des Majors zu stillen / spatzierte sie mit dem andern Cavalier im voraus dem Strand hinauf / und ließ Asterien auf Tyrsates warten.

Dieser redete inzwischen mit dem Schiffer / daß er sich fertig machte / den Augenblick abzuseegeln; Und wie es ihm so weit nach Wunsche geglückt / daß die andern ein paar tausend Schritte von ihnen entfernet waren / nahm er seine geliebte Asterie in die Arme und trug sie mehr / als sie gieng / auf das Schiff.

Zum Uberfluß gab er einem Menschen ein Stück Geld und die Ordre, denen andern nachzugehen / und ihnen zu sagen / wie sie sich auf dem Wasser ein wenig divertiren wolten: Damit wurde vom Lande gestossen / und diese beyde Verliebten seegelten nach Venedig zu.

Der Abend war nicht ferne / da sie ihren Entschluß ins Werck setzten; Und weil es also unmöglich in Venedig zu kommen / musten sie des Nachts auf dem Meer bleiben; Dabey der annehmlichsten Asterien und Tyrsates die Zeit nicht lang wurde / indem sie darzu diente / ihre Liebe noch schöner und auf ewig zu versiegeln.

Bey anbrechendem Morgen hatten sie Venedig in gantz angenehmen Wetter erreichet; Und alsdenn brachte Tyrsates seine Schöne nach ihrem Hause und die Liebe zu ihm war bey Asterien vermögend genug / ihr allen Kummer auszureden / den sie sich wegen dem Unwillen ihrer Anverwandtin zu machen.

Den andern Tag kam Stellania schon nach / und gerade in Asteriens Hauß / weil sie in den Gedancken gestanden / Tyrsates habe sie gar anders wohin geführt.

Da sie nun solche antraf / gieng es gleichwohl an ein Klagen wegen der schlechten Hochachtung / die sie zu ihr trüge / indem sie auf solche Art heimlich von ihr weggefahren. Anbey unterließ sie nicht / ihre Liebe gegen Tyrsates zu verachten / und ihr deutlicher als jemahls diesen Cavalier verhaßt zu machen.

Asterie machte allerhand Entschuldigungen: Und weil ihr Stellania, die ihres Vaters Schwester / endlich zu frey war / gab sie solcher auch teutsch zu verstehen: Wie sie ihre Anverwandten so sehr ehre / als sie Freyheit besäß / nach ihrer eigenen Wahl sich zu verheyrahten / und von keinem / es möchte seyn / wer es wolle / einen Zwang hierinnen zu leiden.

Die Unterredung würde vielleicht noch verdrüßlicher gewesen seyn / wenn solche Tyrsates Visite nicht verstöhret: Denn da muste Stellania sich verstellen / und ihm eine solche Höflichkeit erzeigen / mit welcher er ihr begegnete; Und alles / was sie Asterien allein / wegen der heimlichen Abfahrt / vor übel ausgedeutet / wurde in Tyrsates Gegenwart vor einen Schertz ausgelegt.

Asterie hatte nun zwar keine Eltern mehr / durch deren Mißfallen ihre Heyraht mit Tyrsates konte hintertrieben werden; Es war aber ihr Groß-Vater noch im Leben / von welchem sie eine sehr wichtige Erbschaft zu hoffen; Und zu diesem begab sich Stellania mehr aus Verdruß / daß ihr Absehen mit dem Major fehl geschlagen / als daß sie was rechtschaffen wider Tyrsates einzuwenden / und schwärtzte diesen Cavalier daselbst mit tausend Lastern an / davon ihm wohl niemahls geträumet.

Asterie fuhr nach ihrer Gewohnheit den andern Tag gleichfalls hin; Und so sehr sie dieser Alte sonst geliebet / so sehr fand sie sein Hertz von ihr abgewandt / da er ihr vorwarff / wie sie ohne seinem Consens sich mit einem Cavalier versprochen / der unter vielen andern Untugenden durch eines andern Ermordung sich den Weg zu einer Heyraht bahnen wollen.

Asterie merckte / wer sie so fälschlich angegeben / und entschuldigte sich nicht allein auf das beste / sondern / um des Alten Gunst erst völlig wieder zu gewinnen / schmeichelte sie ihm mit allem dem / was er verlangte / und versicherte / daß nicht nur noch kein würckliches Versprechen unter ihnen vorgangen / sondern sie auch ohne seinen Consens nimmermehr heyrahten wolle.

Damit war der Alte vollkommen wieder ausgesöhnet: Er bezeugte seine Liebe gegen Asterien mit vielen Worten und vornehmlich mit der Vertröstung / nach seinem Tode die eintzige Erbin aller seiner Güter zu bleiben.

Asterie eröffnete ihrem geliebten Tyrsates alles aufrichtig / und ehe er sich beklagen konte / gab sie ihm den Trost: Daß sie ihn nicht allein ewig lieben werde / sondern hoffe auch des Alten Gemüht nach und nach zu ihrem Vergnügen zu gewinnen / wozu er durch seine geschickte Aufführung das Seinige werde beytragen / und die Verleumdungen Stellaniens zu nichte machen helfen.

Tyrsates umarmte sie recht zärtlich davor / und ihre Liebe und die Bestätigung derselben war alle Augenblicke so schön und neu / als ob sie alle Augenblick erst angefangen. Im übrigen musten sie die Zeit zu ihrem Glück rahten lassen / und waren vergnügt genug / da ihnen fast eine tägliche Conversation nicht gehindert wurde.

Wie er dergestalt ruhig wider nach Hause kam / fand er einen Brief von Selandern, welchen er aus hertzlicher Freundschaft küßte / und nach Eröffnung folgenden Innhalt erblickte:

Allerliebster Freund.

MEin Verhängnis hat mich auf sonderbahre Manier durch unterschiedliche Oerter nach Leipzig geführt / wo die schöne Stadt / das galante und kluge Frauenzimmer / und die geschickte Conversation einiger Musen daselbst meinen aus Venedig überall mitgenommenen Verdruß / wo nicht gäntzlich doch einigermassen zu lindern fähig sind. In Salaugusta bin ich nicht gewesen / habe aber wohl so viel erfahren / daß Castrato endlich geheyrahtet / und aus Unbedachtsamkeit eine Frau gewehlet / deren feuriger und sein kalter Humeur sich nicht zusammen schicken / daher sie wollen von ihm geschieden seyn; Und da dieses nicht angangen / nimmt sie sich nunmehro die Freyheit / ihn nach ihrem Belieben zu krönen. Fräulein Fulvien hat aber das Glück nicht einmahl werden wollen / einen höltzernen Mann zu bekommen / und dadurch ist ihre Lebens-Art so gemein worden / daß sie erstl. Cavalieren / hernach geringern Hof-Bedienten / und endlich gar niemanden mehr als dem Zuchtmeister in Elbipolis gefallen können / der sich von ihren Anverwandten bereden lassen / ihr auf lebenslang Quartier zu gönnen. Mit der vordem überflüssig berühmten Keuschheit Causabona hingegen passiren sehr saubere Historien, und der man sonsten als einer neuen keuschen Diana fast Tempel bauen / und eine Abgötterey unter den Menschen ihrer Tugend wegen anrichten wollen / die ist nunmehro wegen des Ruhms / die größte H – – – zu seyn / dergestalt eyfersüchtig / daß / wo auf der Welt eine grössere als sie zu finden / sie solcher die Augen auskratzen würde / wenn sie auch hundert Meilen darnach reisen solte. Mein liebster Freund wird nun auch von meiner alten Amour, Fräulein Inconstantien was wissen wollen? Die Gesetze der Freundschaft befehlen mir etwas / das / weil es mit schwerem Hertzen geschiehet / ich ausser dem gern überhoben: Dieses Fräulein / welches anfangs mehr als meine Seele geliebet / hat bey dem Verlust ihrer Tugend und ihres Glückes auf der Welt / auch den Himmel verliehren wollen / und suchet nach Verschwerung der Religion / die Ruhe des Gemühts in dem Kloster / wo ihr die verkaufte Freyheit und das Gewissen tägliche Foltern gewehret. Ich trage ein geqvältes Mitleiden mit ihr / und wenn anbey an Venedig gedencke / so hege das gröste mit mir selber / daß mein Verhängnis im Lieben allezeit grausam. Ich wolte wohl fragen / was eine Person bey ihnen mache; Allein mein Gemüht begnüget sich mit dem Wunsche / daß es ihr der Himmel möge wohl ergehen lassen / und verlanget weiter nichts zu hören. Nur nach diesem eintzigen sehne mich noch / ehe eine fest gestellte Reise nach Britannien antrete / Sie / wehrtester Tyrsates, noch einmahl zu sprechen. Ist Ihr Verlangen dem meinigen gleich / so werde einen Ort / ausser Venedig mir zu unserer Zusammenkunfft gefallen lassen / welchen Sie mir zu nennen belieben / und verharre in Erwartung Dero angenehmen Antwort

Ihr

Gantz ergebener        

Selander.

Die Freude über die erhaltene Nachricht von Selandern und die Hoffnung / ihn bald wieder zu sehen / war nach der Grösse der Freundschaft bey Tyrsates eingerichtet.

Er setzte sich demnach dem Augenblick nieder und verfertigte eine Antwort / darinnen er auf den Teutschen Gräntzen einen Ort benennte / wo er ihre Zusammenkunft am beqvemsten urtheilte.

Immittelst sah er aus Selanders Schreiben / wie die Liebe zu Arismenien noch viel bey ihm würcke; Und weil er sein Vergnügen bey Asterien in kurtzen vollkommen zu machen vermeinte / wünschte er sich nur so vermögend auch seines Liebsten Freundes Zufriedenheit zu befördern.

Wiewohl er nun hierzu wenige Hoffnung hatte / wolte er dennoch Arismenien den Brief von Selandern zeigen / und sehen / wie viel von der vorigem Zärtlichkeit bey ihr noch übrig; Dahero ließ er sich anmelden.

Doch seine Verwunderung war nicht gering / da er vernehmen muste / wie sie nicht mehr in Venedig / sondern von allen guten Freunden Abschied genommen / und gäntzlich da weggezogen.

Tyrsates hatte sich gleichfals unter ihre gute Freunde gerechnet / und befremdete ihn also / daß er nichts davon / noch weniger von der Ursach ihrer Entfernung wisse: Weil nun Asterie in einer Bekandtschaft mit ihr gelebt / und Frauenzimmer von einander zu weilen eher / als Manns-Personen was erfahren / hoffte er da sein Verlangen zu befriedigen.

Dieser Schönen war zwar selber nichts davon bekandt; Sie erkundigte sich aber bey einer vertrauten Freundin von Arismenien, und erhielt so viel Nachricht: Daß Arismenia mit dem obengedachten Obristen / zwischen welchen und ihr die Leute eine Liebe geurtheilet / von Jugend auf auferzogen worden / da sich denn in dem stetigem Umgang eine solche Freundschaft unter ihnen entzündet / daß sie hernach einander allezeit gern leiden mögen. In der süssesten / und / wie die vertraute Freundin versichert / honnetsten Eintracht wären sie einmahl veranlasset worden / daß / ob sie einander gleich nicht heyrahten würden / worzu sich der Obrist aus geheimer Ursachen unvermögend befunden / sie einander dennoch eine ewige Freundschaft schencken wolten / und solches hätten sie mit dem theursten Eyd bekräftiget. Solche Freundschaft habe nun bis auf die Bekandtschaft Selanders gedauret / und die eintzige Raison, warum Arismenia in keine Heyraht mit diesem ihr sonst höchstangenehmen Cavalier willigen wollen / sey gewesen / ihn und sich nicht durch eine immerwehrende Eyfersucht zu kräncken / nachdem ihm einmahl ein Verdacht wegen der Conversation mit diesem Officier beygebracht worden. Sie habe dahero die höchste Marter ausgestanden / nachdem sie nach ihrem Gemüht vor unmöglich gesehen / ihm die Umstände dieser Sache zu vertrauen und vielleicht keinen Glauben zu finden / deswegen sie lieber allein als mit einem so edlen Cavalier unglücklich seyn wollen. Nachdem aber der Obrist in Venedig kommen / und von seinen Bekandten mehr als von Arismenien selber erfahren / in welcher Bekandtschaft sie mit Selandern gelebet / und wie seinetwegen eine Heyraht zurück gangen / habe ihn / als einen Tugendhaften Cavalier nicht wenig gerühret / daß er die Hinderung an einem so edlen als vergnügten Stand seyn solle / da er sie selber niemahls in solchen setzen könne. Dieser aufrichtige Schmertzen und die Vorstellung / Arismenia werde an ihrem Renomme, dadurch gekräncket werden / habe ihn bewogen / ihr die Tugend seiner Freundschaft auf eine besondere Art zu bezeugen; Daher er sie so lange ersucht / bis sie ihm theuer versprochen / eine Bitte nicht abzuschlagen. Worauf er sie des Eydes der Beständigkeit ihrer Freundschaft erlassen / und ein gleiches gefodert: Und da sie damit zufrieden gewesen / ihr ein ewiges Adjeu gesagt / sey damit zu Felde gangen / und in einer scharffen Action erschossen worden. Die Betrübnis über eines so guten Freundes Tod / und die Trennung zwischen ihr und Selandern, wären bey ihr sattsame Bewegungs Gründe gewesen / Ihre übrige Lebens-Zeit der Einsamkeit zu widmen; Von welchem Entschluß sie niemand abbringen können / und sie ihre besten Freunde mit der Versicherung hinterlassen: Wo sie einen beqvemen Platz auf dem Lande zu ihrer beständigen Wohnung angetroffen / davon schriftliche Nachricht zu geben; Wisse also noch niemand / wo ihr Auffenthalt.

Uber dieser Erzehlung blieb Tyrsates eine gute Weile in Gedancken / und wuste endlich nichts anders zu sagen / als daß er dieser beyder Verliebten Unglück beklage. Trug aber anbey Bedencken / ob er Selandern was davon eröffnen wolle / weil es vielleicht hernach zu seiner grössern Marter dienen dörfte / wenn er Arismenien nirgends wo antreffen könne.

Inzwischen arbeitete er an seinen eigenen Vergnügen / und Asterie bemühte sich auf alle ersinnliche Weise / den alten Groß-Vater zu einem Ja-Wort zu bewegen; Allein Stellaniens erzürntes Gemüht auf Tyrsates, wegen der Sache mit dem Major, hintertrieb es dergestalt / daß es eine Unmöglichkeit schien / bey Lebzeiten des Alten zu ihrem gewünschten Entzweck zu gelangen.

Weil er nun aller Muhtmassung nach nicht lange mehr in dieser Welt seyn konte / verband die Liebe dieses galante Paar in geheim / und traute sie durch die Hand eines verschwiegenen Priesters / bis ihre Angelegenheiten es verstatten würden / ihren bißhero geführten Ehestand der Welt bekandt zu machen.

Hierauf nahte die Zeit heran / in welcher Tyrsates seinen wehrten Freund an einem gewissen Ort beschieden; Daher begab er sich dahin.

Unterweges begegnete ihm ein Officier, der dem Ansehen nach was zu bedeuten / und führte Calpurnien als seine Gemahlin mit ins Feld. Die Gelegenheit gab es / daß sie Tyrsates sprechen konte / und also wünschte er ihr vielmahls Glück / und hatte bey sich allerhand lustige Gedancken.

Er setzte damit seine Reise fort / und da er / weil ihm die Wege nicht recht bekandt / sich in einem Dorf verspätet / und allda ein Nacht- Quartier suchen muste / sahe er in dem Wirthshause noch eine weit artigere Begebenheit: Mademoiselle Caelia lag da im Wochen / und Monsieur Cyprianus war eben mit ihr vor dem Bett getrauet worden / daß / da der Priester heraus trat / Tyrsates hinein gieng.

Die Gratulations-Complimenten wurden demnach in höchster Solennität abgelegt / und die Herren Bauren / als die Hochzeit Gäste / machten sich trefflich lustig. Allein / sonder Schertz so war es keine unebene Parthey vor Caelien, indem ihr Liebster Cammer-Juncker an dem Modenischen Hofe worden / und schon etliche Karrossen unterweges waren / sie nach ausgehaltenem Kind-Bette abzuholen.

Bey so schönen Abendtheuren wurde der Weg mit wenigern Verdruß / daß er ihn vorher verfehlet / fortgesetzet / und der bestimmte Ort endlich erreichet / wo Tyrsates in dem benennten Gast Hof zwar nicht Selandern, aber seinen Diener fand / welcher ihn berichtet / daß sein Herr eine Stunde von hier auf das Land geritten / und Morgen wieder hier seyn werde.

So lieb als ihm eines solchen unvergleichlichen Freundes Gegenwart / so befremdete es ihn / daß er auf das Land geritten / indem er sich unmöglich einbilden konte / daß er da was bekandtes haben werde.

In so ungewissen Gedancken blieb er bis dem andern Mittag / da Selander wieder kam / und es unter ihnen an das angenehmste Umarmen gieng. Nach vielen gewechselten Reden sagte Selander: Ach warum haben sie mich hieher / als in eine so fatale Gegend beschieden?

Tyrsates wuste diese Frage nicht aufzulösen / und ehe er antwortete / fuhr Selander fort: Doch ich will reisen / und mein Unglück soll mich nicht abhalten.

Anbey schien er nicht wenig verwirrt; Dessen Ursach aber Tyrsates nicht unangenehm war / als er solche von Selandern also erfuhr:

Ein paar Stunden von dem Ort / wohin sie mich beschieden / seh ich ein Frauenzimmer in einer Wiesen spatzieren gehen / welche mir von einer so bekandten Statur und Kleidung vorkam / daß mich aus Neugierigkeit näherte. Ich stutzte aber unbeschreiblich / als Arismenia sich umwendete / um zu erfahren / wer auf sie zu reite; Sie sang mit einem lauten Geschrey auf das Grüne / und ich schien vor gewissen Empfindungen / die ich nicht beschreiben kan / auf meinem Pferde geschmiedet / so unbeweglich blieb ich sitzen / bis Arismenia sich ermunterte / und mir aus meinen Augen kam.

Als in einem tieffen Schlaf bin ich hieher geritten / so sehr beschäftigten mich tausenderley Gedancken / bis endlich die Liebe über alle Uberlegungen so weit siegte / daß ich tausendmahl bereuete / sie nicht noch einmahl gesprochen zu haben. Ich plagte mich deswegen die gantze Nacht / und bey einer Person mich in übeln Credit zu setzen / der ich zum wenigsten eine höflichere Ergebenheit zeigen sollen / ließ mir so wenig Ruhe / daß mich den andern Tag wieder in die Gegend begab / wo eine so fatale Begegnung geschehen. Hier war aber keine Arismenia mehr zu finden / und meine ungedultige Sehnsucht nach einer Person / welche mir das Glück freywillig in die Arm liefern wollen / hoffte in einem nah gelegenen Ort zu befriedigen. Die Leute wusten mir keine andere Nachricht zu geben / als daß ein Adliches Gut allhier gelegen / auf welches eine Dame vor weniger Zeit gezogen / und müste ich mich da selber erkundigen / ob es die rechte wäre / oder nicht. Weil nun meinen Diener nicht bey mir hatte / so meldete mich selber an / und Arismeniens Bediente / die mich alsofort erkannten / schienen so erfreuet über meine Ankunft / daß sie mich nach dem Zimmer führten / sonder ihrer Frauen was davon zu sagen. Aus ihren Reden verstund ich so viel / daß meine Gegenwart Arismenien zu einer Linderung ihrer Betrübnis dienen würde / in welcher sie Zeithero nicht so sehr / als diese Nacht zu ersterben schien. Der erste Anblick dieser sonst angebeteten Person war mir fast tödtlich / indem sie auf einem Ruh-Bette lag / und so abgegrämt aussahe / daß die mir Liebenswürdigste und annehmlichste Dame kaum erkennen konte. O Himmel mein Selander! fieng sie überlaut an zu seufzen / und schien damit gantz ausser sich selber. Ich eilte auf sie zu / ich küßte ihre Hand / und redete so viel / als ich selber nicht mehr weiß. Ja / ich habe sie gesprochen / ich habe vor Ihr geseufzet / Sie hat vor mir geweinet / aber keines von beyden unterstund sich / den andern nach der Beschaffenheit des Zustandes oder der vorigen Liebe zu fragen. Ich kan nicht begreiffen / wie so viele Stunden vorbey gestrichen / da wir mehrentheils einander als träumend angesehen! Zuweilen schiene sie mir viel zu sagen; Wenn ich aber mein Unglück in der Liebe beklagte / schwieg sie still / und ihre Thränen musten mir erklären / daß ich Ursache mich zu beklagen / und sie Anlaß sich zu qvälen habe. Endlich faßte mich so weit / daß / weil doch eine Unmöglichkeit verspührte / mein Vergnügen in einem andern Stande mit ihr zu finden / ich ihr unter Versprechung einer ewigen Freundschaft das Adjeu sagte. Sie versicherte mich / wie wohl mit ungemeinem Schmertzen ein gleiches unaufhörliches Andencken / und fragte nur noch / wo denn meine Reise itzo hingehen sollen / daß ich sie zu ihrem Unglück wieder antreffen müssen? Ich berichtete / wie ich nach Engelland zu gehen / und mich so weit von ihr zu entfernen gesonnen / daß wir einander nicht mehr kräncken wolten. Sie reisen denn wohl / waren ihre letzte Worte / denn darauf drang eine solche Wehmuht aus ihrem Hertzen und Augen / die sie weiter zu sprechen hinderte / und ich auszustehen incapabel war. Ich bin von ihr gegangen / als ein Mensch / dem der Verstand benommen; Und nun reise ich / aber mit tausend neuen Martern nach Engeland.

Tyrsates war über diese Anhörung recht zärtlich worden; Er umarmte dennoch Selandern, und fieng an: Ach wie lieb ist mir / daß sie wegen Arismenien so betrübt sind.

Hierauf ließ er ihn wegen seiner duncklen Worte nicht lange in Zweifel / sondern erzehlte / was er durch Asterien von einer vertrauten Freundin Arismeniens vernommen; Und damit überzeugte er ihn nicht allein dieser Schönen ihrer Treue und ihres vollkommen edlen Gemühts / sondern wie er sah / daß dieses Licht ihn von vielen bißhero verborgen gewesenen Sachen und allem Argwohn befreyet / so nöhtigte er ihn / sich zu Pferde zu setzen / und wieder mit ihm nach Arismeniens Schlosse zukehren.

Es geschah; Sie ritten dahin; Tyrsates meldete sich erstlich allein an; Und durch seine Klugheit richtete er so viel aus / daß Arismenia, die sich schon halb in ihren Schmertzen begraben / und die Welt und ihr Unglück in der Liebe in kurtzen zu verlassen vermeinet / nun wieder aufstehen konte / und Selandern die höchstangenehme Erlaubnis verstattete / zu ihr zu kommen.

Er warf sich zu ihren Füssen / und bat wegen alles / dadurch er unwissend wider sie gesündiget / um Vergebung. Sie entschuldigte ihn aber und sich selber auf das Liebreichste / und nicht so wohl diese beyde Verliebten / als Tyrsates brachte es so weit / daß in kurtzen der Priester geholet wurde / der ihre eheliche Treue und Liebe mit einem himmlischen Band befestigte.

Dergestalt reisete Selander durch eine so rare als Wunder-süsse Liebe in das schöne Enge-Land / und fand in dem angenehmen und geruhigen Land-Leben ein irdisches Paradies / und in Gesellschaft eines so annehmlich als tugendhaften Engels / alles / was die Conversation der galanten und edlen Welt schönes geben kan. Und sein eintziges Mißvergnügen / so ihm ehmals da begegnete / war / die Trennung zwischen ihnen und Tyrsates, und von dem allerliebsten Freunde ein zärtliches
Adjeu.

 

Ende.

 

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