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Satirische Erzählungen

Johann Karl Wezel: Satirische Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSatirische Erzählungen
authorJohann Karl Wezel
firstpub1778
year1983
publisherRütten und Loening
addressBerlin
titleSatirische Erzählungen
created20050421
sendergerd.bouillon
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Einige Gedanken und Grundsätze meines Lehrers,
des großen Euphrosinopatorius

»Die Leute, die immer an der Welt flicken«, sagte mein verstorbner Lehrer, der große Euphrosinopatorius, eines Abends, als er hungern mußte, weil die schwarze Katze sein philosophisches Abendessen verzehrt hatte, »– die Leute, die immer an der Welt flicken, kommen mir vor wie jener Landmann, der höchst unzufrieden war, daß der liebe Himmel nicht besser für Leute mit kleinen Gütern gesorgt hatte und auf etlichen Ackern Landes nicht alles mögliche wachsen ließ, was zum menschlichen Unterhalte und Vergnügen dienen könnte. Um diesen Fehltritt der Natur zu verbessern, sollte das wenige Feld, das er besaß und das gerade zureichte, sich und seine Familie zu ernähren, ein Lustgarten, ein Obstgarten, ein Weinberg, ein Küchengarten, ein Getreidefeld zugleich werden. Er bestellt also seinen Acker mit Korn, pflanzte zur gehörigen Zeit Obstbäume, Küchenkräuter, Blumen darein, und um die Bäume sollten sich ungarische Weinreben schlingen. Die Anschaffung dessen, was er zu dieser Pflanzung brauchte, kostete ihm die Hälfte seines Einkommens; ›aber‹, sagte er, ›wenn ich gleich itzt ein wenig darben muß, so soll mir das alles reichlich wieder ersetzt werden.‹

Das Getreide schoß an manchen Orten in die Höhe und erstickte Blumen und die übrigen Gartensachen, an andern stand es mit einzelnen Halmen und magern Ähren und ließ den Gartensachen Platz. Diese kamen zum Teil gar nicht fort, weil der Boden nicht für sie dienlich war, und was darunter fortkam, war mager und klein wie der größte Teil des Getreides, weil die Kräfte der Erde sich zu sehr hatten teilen müssen. Er mußte sein Brot die meiste Zeit des Jahres kaufen und gewann kaum den Samen, sein Feld das künftige Jahr auf die nämliche Art zu bestellen. – ›Alles das‹, sagte er, ›wird mir wieder ersetzt werden, wenn meine Obstbäume tragen. Aber gescheiter will ich's diesmal anfangen.‹

Er teilte sein Feld, bestellte das in den Gründen mit Getreide, das auf den Höhen bepflanzte er mit Blumen und Küchensachen, wozu er großenteils die Pflanzen kaufen mußte, weil sein Same nicht aufgegangen war. Es kamen starke Regengüsse, Überschwemmungen, und die Nässe verdarb sein Getreide in den Gründen; die Pflanzung auf dem Berge hatte dieses Jahr wenig Sonne gehabt, um dessentwillen allein er sie doch da angelegt hatte, war wegen der Höhe den schädlichen Winden ausgesetzt und verwelkte, erstarb, oder was sich erhielt, wurde höchst elend. Genug, er hatte dieses Jahr weder Brot noch Küchensachen.

Wie konnte ich nur so einfältig verfahren? dachte er das dritte Jahr. Der Blumengarten und das Küchenland muß in die Tiefe und das Getreide auf die Höhe. Gerät in jenem nichts, so habe ich doch wenigstens hier mein Brot. Er tat es. Eine unglückliche Dürre vernichtete sein Getreide; der Boden im Grunde war durch die Nässe zu seiner diesjährigen Verrichtung untüchtig geworden und überhaupt sehr entkräftet. Auch dieses Jahr gab kein Brot und keine Küchensachen.

Das vierte Jahr blieb der Küchengarten ganz weg. Die Ränder der Getreidefelder wurden nur mit Blumen eingefaßt. Er befand sich besser dabei.

Das fünfte Jahr fielen auch die Blumen weg, weil er keine von denen zu kaufen bekam, die er stecken wollte, und er befand sich noch besser, denn er ersparte das Geld dafür.

Die Obstbäume waren unterdessen herangewachsen. Er fand, daß in dem Schatten unter ihnen alles schlechter wurde; er riß sie heraus – und bestellte im siebenten Jahre sein Feld wie vor sieben Jahren, bestellte es bis an seinen Tod so und litt niemals halb soviel Not als während seiner vorhabenden Verbesserung der Natur. –

So geht es euch«, setzte er mit vielem Feuer hinzu und graute mit der rechten Hand unter der Schlafmütze seinen eisgrauen Kopf, »so geht es euch, die ihr unaufhörlich mit der Welt und allem, was darinne geschieht, unzufrieden seid, die ihr zu einer Zeit, unter jeden Umständen, in einem Menschenalter, unter jedem Himmelsstriche, unter jedem Regimente, bei jeden Einrichtungen alle Tugenden auf einmal verlangt, wider die Natur und die Menschen eifert, daß bei eurem Leben noch Laster in der Welt sind, Irrungen und Fehltritte vorgehen, und genau und sorgfältig Plane entwerft, nach welchem Takte und in welcher Richtung die Begebenheiten und Handlungen der Menschen ihren Marsch nehmen sollten, während daß die alte Welt ihren alten Gang fortgeht und euch zu Gefallen nicht einen Finger breit aus dem Gleise weicht, in das sie geraten ist. – Was hilft euch eure Bemühung?« – hier warf er voller Eifer die Schlafmütze auf den Tisch –, »wenn ihr sieben Jahre geflickt und gebessert und Versuche gemacht habt, alle Tugenden auf einmal in einem Boden zu pflanzen, und nichts fortgekommen ist, so legt ihr endlich das Grabscheit nieder und macht es am Ende gerade wie jener Landmann.«

»Die Welt«, lehrte er mich zu einer andern Zeit, »ist ein System von Handlungen und Begebenheiten, wovon die eine wie ein Kammrad in die andre greift; das Wasser, das diese Räder treibt, ist die Gewohnheit, die bald so unaufhaltsam strömt, daß die Räder mit unglaublicher Geschwindigkeit herumlaufen, bald so langsam fließt, daß diese sich kaum zu bewegen scheinen. Der Strom ändert oft seinen Lauf, läßt in seinem alten Bette wenig und endlich gar kein Wasser zurücke, und wenn er sich an einem neuen Orte durchgearbeitet hat, so wird seine Flut allemal natürlicherweise schneller, und die Räder, die es eben trifft, laufen so hurtig! – Dieser jedesmalige neue Strom ist die Mode, der Zufall oder wie man es in verschiedener Rücksicht noch anders nennen könnte. – Die Bewegung teilt ein Rad dem andern so genau mit, daß oft eins sich darum so und nicht anders umdreht, weil ein durch einen weiten Raum davon entferntes sich so und nicht anders umgedreht hat.

Was muß daraus erfolgen? – Daß alle Räder eine doppelte Bewegung haben müssen: erstlich, die sie durch die Räder mitgeteilt empfangen, welche von dem Ströme früher als sie in Gang gesetzt wurden; dann eine andre, die sie erhalten, wenn die Reihe sie trifft, von dem Strome getrieben zu werden; und nun kömmt es außerdem noch darauf an, wie jedes gebaut ist, von schwerem oder leichtem Holze, ob es mehr oder weniger Kraft braucht, um herumgetrieben zu werden.« –

Von diesem ganzen Gebäude hatte er mir unter der wörtlichen Beschreibung, durch Züge mit den Fingern auf dem Tische, einen Abriß gemacht und setzte darauf hinzu: »Siehst du nun wohl, was du bei einem solchen Rädersysteme tun könntest, wenn es nicht nach deinem Kopfe ginge?« –

»Wenn ich Gewalt und Vermögen dazu hätte, so machte ich dem Strome zu jeder Zeit ein solches Bette, wie er nach meinen Einsichten haben müßte, um jedem Rade jedesmal den gehörigen, wohlgeordneten, regelmäßigen Umtrieb zu geben, den die möglich beste Bewegung des Ganzen erfoderte, und machte sorgfältige Anstalt, daß er aus diesem Ufer nicht herauswiche, noch den Boden veränderte, dem ich die wohlabgemeßne Erhöhung geben würde, die ich zu dem nötigen Antriebe des Wassers für dienlich erachtete; ich würde alle Räder in den möglich besten Stand setzen –«

»Und mit vieler Mühe ein sehr einförmiges, langweiliges Werk zustande bringen«, unterbrach er mich mit einem gähnenden Akzente.

»Aber ein desto vollkommneres«, erwiderte ich.

»Ich denke nicht«, war seine Antwort. »Wenn man deiner ewig so taktmäßig fortlaufenden Welt eine Viertelstunde zugesehn hätte, so schliefe man ein und verlangte sie weiter nicht zu sehen, denn wie alles in der ersten Minute ging, so wird es in der letzten gehen. – Gut, daß du unsern Planeten nicht nach einem so ausstudierten Plane, einem so regularly cold, so regelmäßig kaltem Plane, gebaut hast! Ich hätte das süßeste Vergnügen in meinem Leben entbehren müssen, die vergangnen Zeiten zu überschauen und, soviel sich es mit einem menschlichen Gehirne tun ließ, aus den bunten, possierlichen, traurigen, lächerlichen, blutigen, einfältigen, abgeschmackten, rührenden, angenehmen, schrecklichen Auftritten ein Ganzes zusammenzusetzen, das alle Komödien und Trauerspiele, alle Staats- und Liebesaktionen an Feuer, Stärke und Hinreißen zur Empfindung übertrifft. – Nein, dich laß ich nimmermehr eine Welt bauen! – Dein Räderwerk wird gewiß auch sehr langsam, sehr bedächtig gehen sollen?

– ut Attica virgo
Cum sacris Cereris!»Wie eine attische Jungfrau, die die heiligen Körbe der Ceres trägt« – und nicht gern wider den jungfräulichen Anstand etwas verschütten möchte. «

»Wenigstens müßte mir der Strom so laufen, daß keine Überschwemmung jemals entstünde oder durch ein zu schnelles Umdrehen Räder zerbrächen.« –

»Ja, ja! – Du bist zu meisterlichen Kunstgriffen nicht gemacht! – Wenn dein Werk einen Schaden nimmt und ins Stocken geraten will, was doch beides unvermeidlich ist, so setztest du dich wie ein elender Flicker hin und bessertest den Schaden schülermäßig wieder aus. – Eine Überschwemmung her! Die reißt die schadhaften Stücke und was dadurch das ganze Werk hätte zum Stocken bringen können ohne Umstände weg und treibt einen noch unmangelhaften Teil herum. – Das wäre ein coup de maître

»Das Ausbessern wäre aber doch ökonomischer.«

»Und eben darum klein! – Was ist bei einem so weitläuftigen Werke wie eine Welt Ökonomie nötig? – Ein Stück Materie enthält viele tausend Elemente, die sich in viele tausend Formen zusammensetzen und verändern können. Ist es kein Mensch, so ist es ein Tier, eine Pflanze, oder es schwimmt in den Vorratskammern der Natur herum und wartet, bis es durch Zusammenstoßen, Gärung oder eine andre Ursache ein Teil von etwas für Menschen Sichtbarem wird. Der ewige Zirkel der materiellen Natur ist – Element; das Element wird zu subtiler Materie, dann zu gröberer, wird zur Pflanze, durch den Genuß der Pflanze zum Tiere, zum vernünftigen und unvernünftigen, und, wenn dieses zerstört wird – zum Elemente; und nun fängt der Kreislauf von neuem an. – Was ist bei einem solchen Überflusse, der wegen der beständigen Verwandlung ein unendlicher Überfluß wird, Ökonomie nötig? Wie wollte ich einen Sparsamen belachen, der einen großen Kasten Metall besäße, das sich auf seinen Willen und durch eine eigne Bewegung immerfort bald in Dukaten, bald in Kupfermünze, bald in Silbergeld verwandelte! Wäre in einem solchen Falle Ökonomie nicht der Fehler und Verschwendung die Tugend?«

»Aber wenn nun diese Verschwendung mit Menschen begangen wird? Wenn Hunger, Krieg, Pest, die Leidenschaften Menschen aufreiben, so ist dies eine Verschwendung mit Seelen und nicht mit bloßen Stücken Materie.«

»Glaubst du denn, daß, da der Vorrat an Körpermaterie so überflüssig da ist, es die Seelenmaterie weniger sein werde? – Entweder wandern die Seelen einen ähnlichen Zirkel der Veränderung durch, wie ihn die Teile des Körpers durchwandern müssen – oder ist und bleibt eine jede für sich in Ewigkeit, was sie ist, und leidet bloß Veränderung in ihren Kräften und Verrichtungen, welches ich nicht ausmachen will – in beiden Fällen, glaube mir, wird für hinlänglichen Vorrat gesorgt sein. – Auch diese müßten dir immer denselben abgemeßnen Gang gehn, immer auf dem geraden Steige der kalten Vernunft, ohne ein einziges Mal in die Schlangenwege der Leidenschaft auszuweichen? Nicht wahr?«

»Gewiß!«

»Ich sehe, du gehörst unter die Klasse Menschen, deren es eine Menge auf unserm Erdenrunde gibt, die aus dem erhabnen großen Schauspiele der Welt ein einschläferndes eiskaltes Drama machen wollen, wo niemand weint noch lacht, das nach allen Regeln der französischen Theaterpraxis abgezirkelt ist, wo alle Schauspieler mit so spruchweiser Weisheit sprechen und mit so spanischer Majestät handeln als Corneilles Helden. – Sobald ich auf dem Theater der Welt nicht weinen oder lachen sehe und selbst nicht mitweinen und mitlachen kann, so trete ich ab und mag weder Mitspieler noch Zuschauer sein. – Das beste ist, daß du in dem großen Maschinenwerke der Welt, von dem wir vorhin sprachen, selbst ein Rad bist, das von dem Triebwerke der vergangnen Zeiten und dem Strome der gegenwärtigen herumgejagt wird, so kannst du uns doch unsre Welt nicht verderben. – Inzwischen wäre es doch einer Frage wert – und das wollte ich eigentlich wissen, als ich dich vorhin fragte –, wenn du als ein Rad in der großen Weltmaschine wahrnähmst, daß deine Nachbarn rund um dich herum schneller, als es dir und dem Ganzen zuträglich wäre, und unordentlich herumgetrieben würden, sich und andre zerstießen oder andre zersplitterten, um selbst bessern Raum zu haben usw., was du alsdann tun würdest und tun zu können glaubst, um dir solche beschwerliche Nachbarn wegzuschaffen und sie zu hindern, daß sie dir, sich und andern keinen Schaden zufügten. – Den Strom der Gewohnheit, der Mode, des Schicksals kannst du, ein schwaches Werkzeug, das selbst unvermeidlich von ihm umgedreht wird, nicht verdammen, in einen sanftem Fluß bringen oder gar ableiten; du mußt selber der Bewegung folgen, die dir die drei vorhin genannten Ströme geben, und kannst sie wenig andern, auch die Bewegung deiner Nachbarn nicht verbessern, was sie selbst wenig oder gar nicht können; was ist dir übrig?«

»Nichts, als was ich vor etlichen Tagen aus dem Munde meines Lehrers gehört habe – sorgen, daß ich, so sehr und auf was für Weise es nur möglich ist, keinen Schaden von einem so unruhigen Nebengeschöpfe leide und dann ruhig zusehe und, wie es die Umstände geben, lache oder weine.«

»Du bist ein gescheiter Mann, denn du denkst wie ich – sagte einmal ein Papst, den ich um dieses einzigen Einfalles willen für keinen unrechten Papst halte. – Ja, du hast meine völlige Meinung! – Ich will dich auch unterrichten, wie ich darauf gekommen und warum ich sie für wahr halte.

Ich fand, daß der Mensch bei seinen Handlungen nichts tut als die augenblickliche Ausführung, daß die Handlung geschieht und daß sie auf diese Art geschieht, dies hängt von seinen Ideen ab.«

»Aber wovon hängen denn diese Ideen ab?« fragte ich weiter.

»Eine reichhaltige Frage! – Ich setzte sie auseinander. – Die Hervorbringung, Erweckung, Belebung meiner Ideen ist eine Wirkung derjenigen, die unmittelbar vorhergingen, eine Wirkung von dem zufälligen Spiele meines Gehirns, eine Wirkung von dem augenblicklichen Zustande meines Körpers, eine Wirkung der äußerlichen gegenwärtigen Dinge. Die Idee selbst oder vielmehr die Fähigkeit, sie zu haben, ist eine Folge meiner natürlichen Anlage, der Gewohnheit, des Schicksales. Daher habe ich meine Denkungsart, das heißt, die Ideen, nach welchen ich unbewußt handle, und die Art, wie sie mich affizieren, lediglich diesen dreien Stücken zu verdanken, unter welchen man so ziemlich alle die Ursachen zusammenfassen kann, die bei der Hervorbringung menschlicher Grundsätze mitwirken.«

»Himmel!« rief ich hier aus und fuhr erschrocken zusammen, »– wo bleibt, wenn dieses wahr ist, die so berühmte Freiheit des Willens? Wenn meine vorhergehenden Beobachtungen dem Menschen diese absprechen, so können sie nicht richtig sein!« –

»Sie sind es gewiß. – Wie kann man aber so wenig Gewalt über seine Ideen, die wirkenden Ursachen seiner Handlungen, haben und doch Herr über seine Handlungen sein?« –

»Ich fühle es unwiderstehlich, daß ich sehr oft den Lauf meiner Gedanken unterbreche, ihn anderswohin lenke, ihn vorsätzlich auf etwas richte. – Das mag also wohl die Freiheit sein?« –

»Ach, was Freiheit! – Freiheit ist ein Wort, das die Sache ausdrücken will, wie sie ist, und der Mensch soll und kann doch das nur ausdrücken, was er in dem Augenblicke denkt!« –

»Ja, die Welt und alle Sachen in der Welt und also auch die menschliche Seele sind Würfel mit einer unendlichen Menge Seiten, worunter auf einer jeden eine andre Vorstellung der Sache abgemalt ist. Die Vorsicht, das Schicksal, oder wie es ein jeder nach seinen Begriffen sonst nennen will, wirft für einen jeden Menschen insbesondre diese Würfel, und von diesem Wurfe hängt es ab, welche Seite er sehn und folglich auch welche Vorstellung der Sache er haben soll. Bei einigen Menschen geschieht dieser Wurf nur einmal, und sie sehn ewig die nämliche Seite davon; bei einigen wird er oft wiederholt, und teils lernen sie verschiedene Seiten auf diese Art kennen, teils sehen sie oft eine andre. Der Weise, das heißt, der Mann von Genie und lebhaften geübten Seelenkräften, hat allein die Vergünstigung, sich diese Würfel oft selbst zu werfen oder verschiedene Seiten auf einmal zu überschauen; aber dieses Vorrecht ist einer großen Einschränkung unterworfen. –

Hieraus folgt natürlich, daß so, wie alle andre Dinge, auch die menschliche Seele ein Würfel ist, von dem, nach der Verschiedenheit des Wurfs, verschiedenen Menschen verschiedene Seiten sich zukehren, und von Stund an will ich mir die härteste Buße auferlegen, wenn ich mich wieder unterstehe, bestimmend zu sagen, daß die Seele frei oder nicht frei ist und auf was für Art sie es ist. Wenn ich das Wort Freiheit brauchte, so möchte ich gern etwas dabei denken; ein andrer würde etwas andres dabei denken, ein dritter noch etwas andres, und so könnten wir uns vielleicht darum zanken wie jene Seefahrer – weißt du das Geschichtchen?« fragte er mich, »– die zugleich miteinander ausführen und beide an einen Ort gleiches Namens wollten. Unterwegs wurden sie über den Weg uneinig: Der eine behauptete, daß man nach Süden, und der andre, daß man nach Osten sich wenden müßte. Nach langem Gezanke und vielen Bitterkeiten kam endlich der eine auf den Einfall: So wollen wir es dann versuchen! Ein jeder fahre, wohin er denkt, und am Ende der Reise werden wir sehn, wer dahin gekommen ist, wohin wir wollen. Es geschah. Sie kamen nach der Reise in ihrem Vaterlande wieder zusammen, und ein jeder sagte: ›Nu? Habe ich nicht recht gehabt? Bin ich nicht da gewesen, wohin ich wollte?‹ – Ja, sie hatten beide recht: denn sie hatten beide an zween verschiedene Örter gewollt, die einen Namen führten. –

Also«, wandte er sich zu mir und klopfte mir auf die Schulter, »merke dir das! Du mußt von der Seele und dem ganzen Menschen nichts mehr sehen wollen als die Seite oder die etlichen Seiten, die sie dir zufälligerweise zukehrt und die du dir selbst zukehren kannst, und deinen lieben Nebenchristen erzählen, was du gesehn hast, in der Hoffnung, daß sie diese Gefälligkeit dienstfertigst erwidern werden. – Auf diese Weise fuhr ich damals in der Betrachtung fort, die ich vorhin dir zu erzählen angefangen habe, auf diese Weise muß ich mir den Menschen so vorstellenSo sonderbar auch die Vorstellung des unsterblichen Euphrosinopatorius ist, so ist sie, deucht mich, doch sehr passend, wenn ich nicht aus Vorurteil für ihn so denke. – ein andrer stelle sich ihn vor, wie er kann oder muß! – ich stelle mir seinen Kopf als ein Gefäß vor, in das Vorsehung, Schicksal, Zufall eine größre oder kleinere Menge Ideen hineingeworfen hat und noch hineinwirft. Unter diesem Kessel, dieser Pfanne oder was man sonst sich darunter denken will, ist ein Feuer, das bald schwach glimmt, bald helle lodert – dies ist das Blut und die Lebensgeister. Die Ingredienzen des Kessels sind in einer beständigen Bewegung, teils von sich selbst – wie die Teilchen, die in der Luft schwimmen und sich immerfort aneinander reiben, zusammenhängen, trennen, woraus denn verschiedene Folgen entstehn –, teils durch die Wirkung des Feuers und die Zusätze, die täglich noch von außenher hineinfliegen. Hierzu kömmt noch eine dritte Bewegung, die die Seele verursacht; diese steht wie eine Zauberin vor dem angefüllten Gefäße und gibt der ganzen Masse von Zeit zu Zeit eine neue Wendung: Wenn ihr die Dünste, die daraus aufsteigen, mißfallen, so berührt sie mit ihrem Stabe die Teile, von welchen sie ausdünsteten, und zuweilen langsamer, zuweilen schneller, macht eine solche Berührung in diesen Teilen eine solche Veränderung, daß sie entweder von andern ganz unterdrückt werden oder eine ganz verschiedene Gärung und Bewegung entsteht, ohngefähr wie in einer Zusammensetzung von starken geistigen Materien, wenn ein neuer Spiritus hinzugegossen wird. Inzwischen kann diese zauberische Berührung nicht eher ihre Kraft ausüben, als wenn das Feuer, das die Masse in dem Gefäße erhitzt, den gehörigen Grad der Wärme hat; sobald dieses mit seinen Flammen darüber zusammenschlägt und also in dem Ideengefäße alles übereinander hergeht, kocht und sprudelt, dann – gute Nacht, Zauberkraft! – Die Seele kann ihren Stab nicht einmal nähern, so stößt die entgegenschlagende Flamme sie zurück, und die aus dieser kochenden Mixtur häufig auffliegenden Dünste versetzen die Seele in eine so unvermeidliche, unwidertreibliche Empfindung und bringen so unwidertreibliche Entschlüsse in ihr hervor, als die Teile der Atmosphäre um den Körper eine unwidertreibliche Empfindung in den Nerven erwecken; denn jene Ausdünstungen aus der Ideenmasse sind es, die die Seele zwingen, ein saures oder ein freundliches Gesichte zu machen, zu lachen oder zu weinen, melancholisch oder wütend zu sein und also auch unfreundliche oder freundliche, lustige oder traurige, melancholische oder grausame Handlungen zu verrichten.

Also ist nach dieser Allegorie die Seele frei und nicht frei, das heißt, sie ist es zu gewissen Zeiten und ist es zu andern nicht; in manchen Fällen erscheint sie uns als eine Königin, die nur ihren Zepter neigen darf, um ihr Verlangen vom Körper ausgerichtet zu sehn, als eine Selbstherrscherin, deren Wille Gesetz ist, in andern als eine dürftige, blödsinnige Sklavin, die von der Gnade des Körpers lebt, oder gar wie eine Drahtpuppe, die von ihm regiert wird. –

Was kann bei dieser Bewandtnis getan werden, Menschen zu bessern, die einen großen Teil ihrer Torheiten, Laster, Irrungen, Versehen aus unvermeidlichen und ebendaher schwer zu hintertreibenden Ursachen begehn? – Gewöhnlicherweise kann keine Wirkung aufgehoben werden, wenn die Ursache nicht weggeschafft wird! – Diese Ursachen können Menschen weder von sich noch von andern entfernen; man müßte dem Fresser eine weniger reizbare Zunge, einen weniger verdauenden Magen, ein ganz andres sinnliches System und dabei andre Schicksale, andre Lebensumstände, genug, alles Innerliche und Äußerliche geben, was uns nüchternen, mäßigen Menschenkindern allmählich zu dieser Beschaffenheit verholfen hat. Daß dies unmöglich ist, wird ohne Beweis geglaubt; gleichwohl müssen doch Menschen sich bessern und gebessert werden können. – Was denkst du, daß man tun müsse oder könne, um sie zu bessern?« fragte er mich.

»Um sie zu bessern? – Gar nichts!«

»Das wäre schlimm! – Etwas läßt sich doch tun.«

»Man müßte in die Ideenmasse, von welcher wir vorhin gedachten, ein Ingredienz hineinwerfen, das wenigstens die gegenwärtige Gärung unterdrückte und bessere Ausdünstungen in den Luftkreis der Seele brächte; aber wer kann das?«

»Das tun die Gesetzgeber und sollten die Moralisten tun. Jene werfen die Furcht hinein: ein starkwirkendes Spezifikum! Da sie bloß die äußerlichen Effekte der Handlungen ordnen wollen und bloß die äußerliche Ruhe zum Zwecke haben, so müssen sie ohne Ausnahme alle und jede Handlung als eine ganz willkürliche Handlung ansehen und auf die entferntern unwillkürlichen Ursachen, die sie allmählich vorbereiteten, gar keine und auf die näheren nur selten und bei Fällen, deren Verbindung mit der äußerlichen Ruhe weniger stark ist, Rücksicht nehmen. – Diese bessern also wie ein Arzneimittel, das zwar keine gesundem Säfte gibt, aber doch den Ausbruch der bösen mannichmal und unter andern günstigen Umständen verhindert.

Die Moralisten haben eine verzweifelte Rolle, und daher muß man es den guten Leuten unter ihnen vergeben, die sie in der besten Absicht schlecht gespielt haben. Das beste dabei ist: Der schlechteste Spieler hat doch immer das Verdienst, daß er sie wenigstens auf eine für etliche Menschen nützliche Art gespielt hat, und einer für alle! Das ist überhaupt nicht zu verlangen.

Ein solches Spezifikum wie die Gesetzgeber haben sie nicht –«

»Sie müssen also«, unterbrach ich ihn, »immer heimlich ein schwächeres, das in ihrer Gewalt ist, in die Ideenmasse hineinwerfen, das eine augenblickliche Veränderung verursacht; dies oft wiederholt, wird die Veränderung allmählich größer und merklicher –«

»Der Vorschlag ist nicht übel. – Im großen können sie also nach deiner Meinung gar nichts tun?«

»Nicht das geringste! – Sie müssen sich begnügen, bloß im kleinen zu arbeiten.«

»Ich bin deiner Meinung. – Eigentlich können sie zweierlei tun. Sie müssen erstlich dafür sorgen, daß aus dem Vorrate von Kenntnissen, den ihnen ihr Nachdenken und ihre Erfahrung geliefert hat, allmählich bessere, richtigere und für das gemeine und besondre Beste nützlichere Begriffe in die Nationalphilosophie abfließen, die ganz aus solchen Begriffen, Meinungen und Urteilen besteht, welche ohne Unterricht durch den Umgang aus einem Kopfe in den andern übergehen. Ein großer Teil der Menschen und vielleicht der größte, selbst in der vornehmen Welt, lernt seine Begriffe und Urteile mehr durch die Gesellschaft als durch den Unterricht und durch eignes Lesen. Ihre Philosophie ist einzig die Territorialphilosophie, und solange die beste philosophische Meinung nicht die große Reise aus der Studierstube in die philosophischen Bücher, aus diesen nach einer sorgfältigen Reinigung in solche Bücher, die ohne scharfes Nachdenken gelesen werden, von da in die Köpfe des lesenden Teiles der Nation und aus diesen endlich vermittelst des Umgangs in die Köpfe des nichtlesenden Haufens getan hat, so lange ist ihr Nutzen eine schlafende Kraft, die nicht zur Äußerung kömmt. Eine solche Reise ist völlig wie die Reise der Israeliten ins Gelobte Land: Der größte Teil dieser Meinungen und Grundsätze kömmt unterwegs um, und die ja noch anlangen, brauchen eben soviel und noch mehr Zeit als Josua und Kaleb; sie haben sogar diese Unbequemlichkeit mehr, daß sie meistens sehr verunstaltet, voller Kot und Unflat ankommen, und besonders müssen sie auf der letzten Station aus den Köpfen der Lesenden in die Köpfe der Nichtlesenden und dann bei einer jedesmaligen Wanderung das größte Ungemach ausstehen. Gegenwärtig, da die Anzahl der Leser sich vermehrt, wird diese Reise allmählich verkürzt werden, aber noch immer lang genug bleiben, daß die Reisenden unterwegs verunglücken können.

Du wirst dir leicht vorstellen können«, redte er mich an, »was für Kenntnisse ich verstehe, die eine solche Wanderung vornehmen sollen! – Kenntnisse von der menschlichen Natur, von dem, was sie tun kann und was sie also auch tun soll – nicht was sie ist, sondern wie sie uns erscheint – nicht auf einer Seite, wo sie entweder verderbt oder schlecht oder vortrefflich scheinen könnte, sondern auf allen, wo sie sich als keins von beiden allein, nicht völlig gut und nicht völlig böse, sondern besser und schlimmer vorstellt.

Die Philosophen sollten zu dem Endzwecke nichts tun als Tagebücher ihrer Erfahrungen liefern, ihrer Erfahrungen von sich selbst, die doch bei jedem Menschen am leidlichsten richtig sind und sein können, bei den meisten nur die einzigen sind, so wie die Erfahrungen an andern großenteils nichts als Anwendungen desjenigen, was wir an uns selbst bemerkt haben, sein müssen; und bei dieser Mitteilung ihrer eignen Erfahrungen sollten sie sich nicht schämen oder an gewisse wunderliche Leute kehren, die lachen oder es gar für einen Stolz auslegen, wenn jemand von sich, seinen Schwachheiten und seinem Guten spricht. Da aber die Philosophen einmal Liebhaber vom Bauen sind, so mögen sie immer Systeme daraus bauen, nur müssen sie ihr Gebäude für nichts weiter als eine Sammlung individueller Erfahrungen halten, von denen folglich andre individuelle Erfahrungen verschieden und ebenso richtig sein können – du weißt schon, was ich bei andern Gelegenheiten hierüber gesagt habe.

Nun muß der Verfasser angenehmer Schriften sich die Mühe nicht verdrießen lassen, in diese Bergwerke hinunterzukriechen, das Erz herauszuholen, alles einzusammeln, was sich nur darbietet und von einigem Gehalte zu sein scheint, dann zu säubern und zu scheiden, so lange bis nichts als gutes, reines Gold übrigbleibt, und dieses feine geläuterte Metall ist es, was er seinen Lesern zuschlagen muß. Hätte die Natur dem lieben Manne selbst ein paar philosophische Adern mehr als gewöhnlich in den Kopf gegeben, daß er wohl selbst kein übler nachdenkender Philosoph geworden wäre, wenn er nicht den Beruf gefühlt hätte, ein lehrender Philosoph zu werden, so wäre dadurch nicht das geringste verdorben – und nun wünsche du mit mir dem Heiligen Römischen Reiche Deutscher Nation noch einen erfoderlichen Zuwachs von Philosophen, wie es ihrer schon viele hat – wie viele es sein sollen, wollen wir nicht vorschreiben –, und dann einen ganzen Schwarm solcher Genies, witziger Köpfe, schöner Geister und wie dergleichen Männerchen weiter heißen, die gerade so sind, wie ich sie vor einigen Augenblicken haben wollte, etwas mehr – das könnte nicht schaden! –, nur nicht ein Haarbreit weniger! – solcher Genies, wie wir ihrer schon etliche wenige haben – und dann so viele Leser, als es Leute gibt, die aus vielerlei Ursachen keine Schriftsteller sein können und so glücklich sind, daß ihnen Erholungsstunden von den Geschäften des Lebens und der bürgerlichen Gesellschaft übriggelassen werden – Leser, die nicht bloß lesen, weil sie gerade nichts anders zu tun wissen, sondern um sich nützlich zu vergnügen, nicht um die Stunden wegzulachen, sondern um zu lachen und zu lernen – Leser von Geschmack und was man weiter noch von einem Leser verlangen könnte – und dann alles voll von lebhaften, muntern Gesellschaftern, die nicht nötig haben, erlernte Komplimente einander vorzustammeln und sich alsdann einander wechselsweise zu bewundern, wie gescheit man ist, oder kleinstädtisch zu verleumden, um sich nicht die Kinnbacken lahm zu gähnen; die nicht nötig haben, die ganze Gravität ihres Standes zusammenzunehmen, um einen geringen Klügern in den Schranken seiner Wenigkeit zu erhalten und sich es nicht fühlen zu lassen, daß jener doch im Grunde besser ist; die nicht nötig haben, alle Zeitvertreibe der Welt sogleich aufzubieten oder über einen Narren zu lachen, um nicht die Kränkung zu erleben und sich an die Dürftigkeit ihres Kopfes notwendig erinnern zu müssen – Gesellschafter, denen man es ohne Mühe anmerkt, daß sie Geist, Leben, Witz, Laune, Kenntnisse besitzen und Zeitvertreibe nur zu Hülfe rufen, wenn die Zunge ermüdet oder um den Körper etwas von dem Vergnügen zugute kommen zu lassen – das wünsche Deutschland mit mir! Und wenn unser Wunsch allmählich in Erfüllung geht, so mag die deutsche Nation mit der Zeit eine vortreffliche Nation seinDies sagte er im Jahr 1766.  –«

»Ich dächte«, unterbrach ich ihn, »das wäre sie schon und wir hätten nicht nötig, noch viele Schritte zu diesem Ziele der Vollkommenheit zu tun –«

»Das zweite«, fuhr er, ohne mir zu antworten, fort, »das zweite, was Moralisten tun können, ist, daß sie, wie der Gesetzgeber die Furcht zu der Ideenmasse hinzusetzt, da sie keinen ähnlichen Zusatz haben, in der ganzen Masse einen Aufruhr machen, die Scham auf den Stolz, den Stolz wider den Geiz und so immerfort eine Leidenschaft wider die andre loshetzen; so machen sie ihre Mitbrüder zwar nicht zu weisen und tugendhaften – was gewiß niemand durch einen Moralisten werden wird –, aber doch in einem oder dem andern Stücke zu bessern Menschen, als sie vorher waren, wäre es auch nur auf eine Woche. –

Wer also Beruf fühlt, zu diesem Grade der Besserung, so klein er ist, etwas beizutragen, der spreche frei, wie ich gesprochen hätte, wenn . . .«, hier schwieg er. – »Die moralische Welt ist eine Republik, wo jedes Mitglied das Recht hat, sich über geringste Unordnung und Verletzung der Gesetze zu beschweren, jedes das Recht hat, Vorschläge zur Besserung zu tun; aber weil die Bürger dieser Republik, über die große Beschwerden geführt werden könnten, zuweilen in der politischen Einfluß in die Schicksale eines ehrlichen Mannes haben können und sich lieber nach dem Platze behandelt sehn wollen, den sie in dieser einnehmen, so läßt ein weiser Mann einen Teil jenes republikanischen Rechts fahren und haut auf die Torheit und das Laster im allgemeinen los, und wen der Schlag trifft – wohl bekomme er ihm! –

So weit war ich eines Abends in meiner Selbstbetrachtung gekommen, als meine Frau ins Zimmer trat und mein ganzes Gedankengewebe zerriß. Meine Lebensgeister fuhren aus dem Kopfe ins Herz und spannen da ein neues Gewebe von Empfindungen. Ich umarmte sie und – Ist es schon spät? fragte ich. – ›Sehr spät!‹ sagte sie zärtlich und –

Ich dachte mit keinem Worte an meine Selbstbetrachtung mehr.«

»Sie hatte sich gewiß um eine Stunde verzählt«, setzte ich hinzu. »Wenn sie wenigstens gewartet hätte –«

»Bis meine Betrachtung alle gewesen wäre? – Nein, sie machte es recht. Wenn Empfindung das Nachdenken nicht zuweilen ablöst, so sammelt sich um unsre Gedanken so ein trüber Zirkel wie der Hof um den Mond, der ihre Strahlen auffängt oder ihnen eine ganz falsche Farbe gibt, so wie der Mond oft bloß deswegen blutrot aussieht, weil die vortretenden Dünste seine Strahlen rot färben. Ich bin also den Einladungen zur Empfindung allzeit ohne Anstand gefolgt, und wenn mir auch mein schönstes philosophisches Luftschloß darüber hätte sollen zugrunde gehen. Steine, Kalk und andre Materialien sind ja angeführt, wenn auch ein oder das andre Gebäude einstürzt, weil man von der Empfindung mitten in der Arbeit abgerufen wird – man fängt ein andermal wieder von vorn an.«

»Geschah dies auch in dem vorhabenden Falle?« fragte ich besorgt.

»Allerdings! – und gleich den folgenden Abend darauf.«

»Da wurde aber doch etwas frühzeitiger angefangen?« –

»Damit ich fertig werden konnte, ehe es wieder sehr spät wurde? –Ja, frühzeitiger fing ich an. Mit dem Schlage sieben saß ich schon in meinem Lehnstuhle und fing meinen Gedankenbau an. – Ich rekapitulierte meine gestrigen Betrachtungen bei mir. – Wenn also, sagte ich, allgemeine Denkungsart, allgemeine Grundsätze und Sitten die unverhinderlichen Folgen der vorhergehenden Zeiten, der Schicksale, der natürlichen Anlagen eines Volkes sind; wenn Gewohnheit und Mode, die beide ihren Antrieb vom Zufalle bekommen, die zwo Angeln sind, in welchen sich die Menschen herumdrehen; wenn alle Begebenheiten in dem Laufe der Welt so aneinander anschließen, daß eine den Samen um sich wirft, woraus die Gewohnheiten und Sitten der künftigen Jahrhunderte aufwachsen – wobei mir die Kreuzzüge einfielen –, daß jede Gewohnheit, jede Mode von der vorhergehenden erzeugt wird und bei ihrem Absterben allemal eine schon erwachsne Nachkommenschaft und ungekeimten Samen für die entferntern Zeiten zurückläßt; wenn die besondern Grundsätze und Denkungsarten der Menschen aus diesem allgemeinen Meere der jedesmaligen Gewohnheit und Mode abfließen und diejenigen, die einem insbesondre eigen sind, von den Anlagen des Körpers und des Geistes, von den Schicksalen seiner ersten und nachfolgenden Jahre, von der allmählichen Gärung und Wirkung der Ideen und Empfindungen aufeinander abhängen; wenn die einzelnen Handlungen eines jeden unter der Gewalt seiner Ideen stehen und diese meistenteils in der Gewalt des Körpers, der äußerlichen Gegenstände und Empfindungen, der Leidenschaften und Gewohnheiten sind, so daß die Seele nichts tun kann als diesen schnellwirkenden Ursachen zuweilen eine andre Richtung geben; wenn also Menschen an ihrer Besserung so wenig selbstManche sagen: Sie können wohl, aber sie wollen nicht. – Ebendieses Unvermögen zu wollen ist die vorzüglichste Ursache, warum sie nicht können. Wenn Neigung und Leidenschaft mit einer solchen Stärke wirken, daß die Seele nicht anders wollen kann, als sie muß – welches jedem Menschen mit seiner Lieblingsleidenschaft widerfährt –, so geschieht dies wider sein Wissen und Willen; er muß also wollen, wie er soll, und kann nicht wollen, wie er will. und andre für sie tun können: was bleibt also bei so vielen wenn für einen Menschen übrig, der durch günstige Umstände der Natur und des Schicksals dahingekommen ist, daß er über Gewohnheit und Mode wegsehn und, indem er ihnen folgen muß, sehr wohl empfinden kann, daß er eine Torheit begeht? – kurz, der klug genug ist, um einzusehen, daß vieles in ihm und um ihn nicht zugeht, wie es soll? – was bleibt dem in einem Systeme, wo so viel Notwendigkeit und so wenig Freiheit regiert, übrig? –

Etliche Minuten standen meine Gedanken ganz still. – Endlich sprang plötzlich einer in mir auf: Er muß sich vor allen Dingen an allen vier Seiten seines Leibes Sicherheit machen oder, wenn die nicht zu haben ist, einen guten Harnisch über Leib und Seele anschaffen, teils damit die Pfeile, die andre auf ihn losschießen, nicht durchgehen, teils damit er doch, wenn Selbstverteidigung nötig ist, sich seines Lebens und guten Namens wehren kannMan darf wohl nicht erinnern, daß dies alles bloß im metaphorischen Verstande gesagt ist. , und nach diesen Anstalten – seh er sich das Possenspiel der Welt ruhig in seinem Panzer mit an! Lache, wenn es etwas zu lachen gibt! Weine, wenn es nicht anders sein kann! –«

»Großer Euphrosinopatorius!« rief ich unwillig aus, »mache, daß wir aus einer solchen Welt kommen!« –

»Gleich den Augenblick! – Narzisse!« rief er zweimal. –

Narzisse erschien, und ich erschrak. Ich hatte sie noch nie gesehn, wenigstens nie mit Aufmerksamkeit gesehen, und bemerkte daher itzt zum ersten Male, daß sie schön war.

»Narzisse«, sagte mein Lehrer zu ihr, »dieser ehrliche Mann will mit aller Gewalt aus der Welt; berede ihn doch, daß er uns noch länger die Ehre gönnt dazubleiben!«

Mit diesen Worten ging er zur Tür hinaus und ließ mich mit Narzissen allein. Ich tat, als er ging, eine dreifache Anrufung an die Göttin Keuschheit, mir in diesem kritischen Augenblicke aus allen Kräften beizustehn. Sie näherte sich mir, sie redte mich an, ich glühte und –

In einer halben Stunde kam der Vater wieder und überraschte uns, als wir eben im Begriff waren, einander zu sagen, daß wir hübsch wären. Mein Kompliment war im Geschmacke der Lindnerischen Rhetorik abgefaßt, die damals meine Regel und Richtschnur sein sollte, und erstarb in seiner Geburt, denn ich hatte kaum die ersten Worte ausgesprochen, als Euphrosinopatorius bei dem Hereintreten mich fragte: »Nu, willst du noch aus der Welt?« –

»Nein«, sagte ich verschämt, »solange es noch Narzissen darinne gibt, will ich es mit ansehn.«

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