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Satirische Erzählungen

Johann Karl Wezel: Satirische Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSatirische Erzählungen
authorJohann Karl Wezel
firstpub1778
year1983
publisherRütten und Loening
addressBerlin
titleSatirische Erzählungen
created20050421
sendergerd.bouillon
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»Sie haben meine Geschichte wahrhaftig gut geendigt«, fing der Schiedsrichter an; »ich bin zufrieden; aber können Sie meine Erfindung enträtseln? – Meine Geschichte ist die Geschichte der Gelehrsamkeit und des Menschenverstandes.« –

»Ei«, rief sein Fortsetzer, »das vermutete ich wohl! – Herr Gegenpart! Herr Kompilator! Wir sind entschieden!« –

Wo war der edle Mann? – Weit, weit fortgelaufen! Seine Einbildungskraft war viel zu sehr vertrocknet und von der Last seiner Wissenschaft daniedergedrückt, als daß er eine solche Erdichtung hätte anhören und etwas mehr als die Schale daran finden sollen: Der Kern muß solchen Herren in natura bloß nackt hingelegt werden, oder sie wissen ihn nicht zu entdecken; – es ekelte ihn für einer solchen unschmackhaften Speise, er ließ gern seinen Gegner den Prozeß gewinnen und rennte in der Mitte jener Erzählung mit Brummen und Kopfschütteln davon.

Sein zurückgelaßner Gegner, der die Ursache dieser plötzlichen Verschwindung nicht merkte, glaubte, daß ihn das Bewußtsein seines Unrechts die Flucht angeraten habe, eignete sich den Sieg über ihn zu und wurde so mutig, seine Freude in ein lautes Triumphgeschrei ausbrechen zu lassen, welches eine Menge Neugierige um ihn her versammelte. – »Was gibt's? Was ist's?« waren allgemeine Fragen.

Unter allen drängte sich eine Figur mit einer spruchreichen Miene am nächsten zu dem Triumphierenden und fragte ihn mit abgemeßnem Tone um die Ursache seines Lärms, und als er sie von ihm vernommen hatte, rief er aus: »Sie haben recht! Wir wissen zu wenig, weil wir zu viel wissen.«

»Welchen Sinn deckt diese Worthülle, Biedermann?« fragte ein kurzes, untersetztes Männchen, das in dem Korbe eines Arzneikrämers ägyptische, chaldäische und hebräische Rätsel und Sentenzen, große Büchsen voll von einer Mixtur, die die Engländer Nonsense nennen und hier Philosophie überschrieben war, nebst vielen Gläsern, mit schwarzer Galle, dickem hypochondrischem Blute und Dampfe aus dem Schlunde des Delphischen Orakels angefüllt, am Halse trug, welches alles zusammen eine große Aufschrift an der einen Seite des Korbes unter dem Titel »Laune« ankündigte. –

»Welchen Sinn deckt diese Worthülle, Biedermann?« fragte er. – »Den richtigsten und unrichtigsten!« erwiderte jener.

»Wie gehe das, ehrlicher Freund?«

»Den richtigsten – wer ihn versteht, den unrichtigsten – wer ihn nicht versteht.« – »Hab manchen Narrn schon gehört! – Sprich deutlich! Laß nicht in die Mäander des Witzes dich herumwirbeln! Noch spiel mit deinen Hörern auf Senecas Grabe die blinde Kuh!«

»Ei, ei, Herr Ritter! Sagen Sie das sich selbst! Eine Lehre, die ihr Urheber selbst ausübt, ist ihrer zwei wert.«

»Was soll mir das, witziger Spitzkopf? – Wir wissen zu wenig, weil wir zu viel wissen! – Hör ich die Worte, stutzt mein Verstand; krabbeln um ihn herum wie Ratten und Mäus wie im Tuche, das dem heiligen Apostel vom Himmel heruntergelassen wurde, voll reiner und unreiner Tierlein.«

»Pah! Das ist ein Ton! – Lieber Mann! Eine Dose Nieswurz ist eine herrliche Blutreinigung für Kopf und Stil. – Doch die Erklärung ist die Krücke der Gedanken; ohne sie hinkt oft der schönste; wohl! Sie sollen eine bekommen! – Wir wissen zu wenig, weil wir zu viel wissen: Gute und schlechte Köpfe vor uns haben entdeckt, eingehandelt, angesammelt; das ganze Warenlager ist angefüllt, und niemand hat das Verzeichnis davon ganz inne. Die Gelehrsamkeit ist gegenwärtig ein weitläuftiges Behältnis von ausgegrabnem Erze: Kupfer, Gold, Eisen, Silber – alles übereinandergehäuft; es muß geschieden und so lange geläutert werden, bis das Hauptmetall reiner Menschenverstand, reine Vernunft, übrigbleibt – dieser Stein der Weisen, der letzte Zweck des philosophischen Alchimisten! – Wir wissen zu wenig – denn wir haben diese allgemeine reine Vernunft noch nicht gefunden; wir wissen zu viel – denn wir sind noch mit der Menge unbearbeiteter Materialien überhäuft. Wir müssen verlieren, um zu gewinnen; wir müssen wegwerfen, um zu erlangen; vergessen, um zu lernen; beschneiden, um die Säfte des Wachstums zu konzentrieren; Blut lassen, um desto gesünderes zu bekommen. – Wissen Sie die Begebenheiten des Königs Midas?«

»Was braucht's Begebenheit? Was kümmert mich der langohrichte Midas, weidlicher Antithesenmann? – Weiß ohne Midas, was denkst. Noch sitzt auf dem Grabe der Vorwelt manch nasweiser Sohn des Teuts und grabt aus ihren modernden Gebeinen das Mark, daß die Nägel ihm schmerzen, und hat er herausgeholt den eiternden Rest, hält er verdrossen die Naslöcher zu vorm kostbaren Qualm und ruft: ›Herr, er stinket schon!‹«

Der andere Interlokutor konnte sich über dieses witzige Phantasieren so wenig des Lachens enthalten, daß er sich umdrehen und den Schwärmer in seinem Paroxysmus von Fieberhitze zurücklassen mußte. Bei der etwas flüchtigen Umdrehung stieß er auf einen langen, hagern Körper, der durch die schnelle Bewegung der Luft zugleich in einem kleinen Wirbel herumgerissen wurde. Als er wieder zu einem festen Stande gelangte, faßte er jenen, der ihm die Bewegung mitgeteilt hatte, ernsthaft bei der Hand. »Ich hörte Sie gegen jenen Aberwitzigen der Begebenheiten des Königs Midas gedenken; ist etwa ein neues Manuskript vom Könige Midas bei der neulichen Durchsuchung der pomptinischen Sümpfe gefunden worden? Hurtig sagen Sie mir das, daß ich darüber schreibe!«

»Ich weiß nichts vom Manuskripte noch von der Durchsuchung der pomptinischen Sümpfe.«

»Die ist gewiß, so gewiß, als die Sonne aufgeht, geschehn. Sie wollen – ich merk's wohl – zuvorkommen und behalten die Nachricht für sich. Offenbaren Sie mir alles! Ich schreibe darüber, und Sie sollen die Ehre haben, daß Ihr Name in der Vorrede als der Name des Mitteilers genennt wird.«

»Wenn es nun wäre, wollten Sie die Reise daran wenden?«

»Beileibe! – Es ist genug zu wissen, daß es gefunden ist.«

»Und ohne es gesehn zu haben?« – »Weiß ich viele Bogen davon vollzuschreiben! Ich habe von Kameen, von Basreliefs, von Onyxen, Achaten, vom Ringe des Polykrates und dem Kasten des Cypselus umständlich geschrieben, ohne eins mit Augen erblickt zu haben. – Ist vielleicht gar ein Stückchen murrhinum gefunden worden? Ich behaupte zum voraus, daß es eine Scherbe von den murrhinis et onychinis ist, quibus Eliogabalus minxit – und an Beweisen soll mir's, so wahr ich lebe! nicht fehlen. Wenn man nur erst mit sich einig ist, was man behaupten will, so ist es unendlich leicht zu finden, wodurch man es behaupten kann; das müßte mir ein verzweifelter Autor in einer toten Sprache sein, dessen Worte sich nicht so künstlich drehen ließen, daß gerade der Sinn darinne liegt, den ich eben brauche.«

»Wenn Sie die Denksäule Ihres Ruhms aus Scherben von des Heliogabalus Nachttöpfen aufzurichten gedenken, so dauern Sie mich; denn man hat keine einzige noch gefunden, sowenig als ein Manuskript von der Geschichte des Königs Midas.«

»Woher haben Sie aber Ihre Geschichte? – Aus einem bekannten alten Autor ist sie nicht; denn diese weiß ich auswendig, und aus einem alten muß sie doch sein.«

»Warum das?«

»Was wüßten denn die Neuern, wenn sie es nicht aus den Alten lernten? – Kein gescheiter Gedanke, kein gescheiter Ausdruck, den sie nicht aus jenen Lehrern der Weisheit haben!«

»Ja, Sie sind nicht der erste, der dies gesagt hat – aber wenn Sie erlauben – die Meinung ist Vorurteil, Pedanterei, Mangel an Philosophie, an Kenntnis des menschlichen Geistes; man muß die Geschichte des menschlichen Geistes nur mit halbem blinzendem Auge übersehn haben, um ein so schiefes Urteil zu fallen.«

»Recht!« schrie hinter ihm ein andrer, der das Gespräch mit angehört hatte. »Hören Sie meine Meinung davon! Alle diese Kritikaster, diese gelehrten Handlanger werden sich nicht die Mühe geben und über Sachen denken, die etwas mehr als Silben sind. – Die Alten sind vortreffliche Schriftsteller, doch nicht die vortrefflichsten, und da alle Vortrefflichkeit in dieser Welt relativ ist, so waren sie es für ihre Zeiten mehr, für die unsrigen weniger; neuere vortreffliche Schriftsteller, die nicht bloße Nachbeter und Nachäffer der Alten sind, müssen also vortrefflicher für uns als die vortrefflichsten Alten sein. Wenn ich billig bin, so setze ich sie, im allgemeinen betrachtet, in dem, dessen Schönheit von Zeiten und Sitten nicht abhängt, einander gleich, und wenn ich den Alten etwas zum voraus lasse, so sind es etliche Grane Originalität mehr – weil der Zufall das Stückchen Erdenkloß, aus welchem sie bestunden, sich tausend Jahre früher zum Leben entwickeln ließ. Wer seinen Becher unter hielt, als der erste Tropfen der Hippokrene aus dem Parnaß hervorquoll, hat vor denen, die hundert Jahre nach ihm ihr Wasser aus dem indes entstandenen Bache schöpften, gewiß keinen andern Vorzug, als daß er es hundert Jahre früher trank, und wer weiß, ob durch die Wirkung der Luft und die Ausdünstung das Wasser unter der Zeit nicht wohlschmeckender geworden ist, dahingegen das erste, was hervordrang, mineralischer sein konnte. – Und noch nehme ich den Neuern nicht alle Originalität, selbst da, wo sie ihnen schlechterdings nicht zuzukommen scheint. Shakespeare hatte Stellen, wo ein gelehrter Kommentator mit griechischen und lateinischen Sprüchelchen sonnenklar beweisen könnte, daß sie nicht sein sind, und doch ist es noch sonnenklarer, daß er sie weder Lateinern noch Griechen stehlen konnte, weil er ihre Sprache nicht wußte. – Les beaux esprits se rencontrent. – Nichts ist leichter, als daß zwei Kleider von ähnlichem Stoffe und ähnlicher Farbe einerlei Nuancen in gewissen Augenblicken bekommen und daß bei zween Geistern von ähnlicher Konstitution unter der Menge Ideen, die der Zufall in sie hineingeworfen hat, zween oder mehrere zusammengeraten, die schon einmal in einem andern Kopfe zusammengetroffen sind; keiner bekömmt sie vom andern, sondern beide vom Zufalle. – Die Ideen, sagt ein platonischer Schriftsteller, die in dem ewigen Verstande, diesem allgemeinen Behältnisse alles dessen, was Idee heißt, verwahrt liegen, verteilte der Aufseher der Welt unter die vernünftigen Geschöpfe der verschiedenen Planeten; jeder Planet empfing eine gewisse Anzahl, die er nicht übersteigen kann. Auf dem unsrigen – denn die Geschichte der übrigen ist uns unbekannt – wurde die Aufsicht über das für uns bestimmte Paket dem Zufalle anvertraut. Er streute sie aus und befruchtete mit ihnen die Keime aller menschlichen Geister; und was können also menschliche Geister tun? – Eine gewisse mitgeteilte Quantität von Ideen auf verschiedene Art zusammensetzen. – Einerlei Ideen haben wir alle, die Elemente unsers Denkens sind so gewiß in allen Geistern die nämlichen als die Elemente einer amerikanischen und norwegischen Pflanze; nichts macht unter Geistern den Unterschied, als – die größre oder kleinere Anzahl, die der Zufall ihm von der ganzen Masse der für das menschliche Geschlecht bestimmten Ideen mitzuteilen beliebte, und die mehrere oder geringre Mannigfaltigkeit ihrer Zusammensetzungen. – Worinne können nun die Alten von den Neuern unterschieden sein? – Die Antwort geben Sie sich selbst!« –

»Und diese soll vermutlich zum Vorteile der Neuern ausfallen?«

»Zum Vorteile keiner Partei! – Die Alten hatten schlechte Schriftsteller wie wir; es sind von dem Zufalle, diesem Despoten des Ruhms, vortreffliche und mittelmäßige Schriften aus ihrem Zeitalter aufbehalten worden; ihre besten Schriftsteller haben gute und weniger gute Schriften hinterlassen, und selbst an ihren besten Produkten ist nicht alles gut – nämlich das nur verstanden, was unter allen Himmelsstrichen und Völkern gut und schön ist! – vorausgesetzt, daß es ein solches Schöne und Gute gibt, das, wo nicht Illusion, doch an Anzahl wenigstens sehr gering ist. – Was einem Griechen oder Römer nur als einem solchen gefiel, kann kein Deutscher oder Franzose beurteilen – wohl aber sagen, daß ihm, als Deutschen, als Franzosen, ungleich mehr in den Neuern als in den Alten gefällt. – Widersinnig ist es also, die Alten zu Göttern erheben wollen, die allein das Vorrecht hatten, ohne Fehl und Makel zu sein, ein elendes Vorurteil, das sich unter den Gelehrten, wie die Märchen unter den Ammen, fortpflanzt, das jedermann nachbetet, und der am meisten, wer am wenigsten selbst darüber gedacht hat. Ein Artikel aus der geheimen Rockenphilosophie der gelehrten Welt, die so stark und ungleich stärker ist als die Rockenphilosophie der Spinnweiber! – So gewiß ist es, daß der Mensch – Mensch bleibt im flanellnen Unterrock und dem seidnen Jupon, in verstutzten Haaren und der Allongenperucke, im Korchete und der Robe, unter der Pelzmütze und dem Doktorhute; allenthalben ist Vorurteil sein Tyrann, nur in verschiedner Gestalt – und nirgends so häufig als unter Gelehrten.« –

»Herr, Sie reden frisch von der Leber weg!« rief einer ihm über die Schultern zu.

»Ja«, antwortete er, indem er sich zu ihm kehrte, »das ist meine Art! Ich kündige allen Vorurteilen allgemeine Fehde an: Wo ich eins erblicke, schwillt mir gleich Blut und Galle auf; ich fühle mich mit Tapferkeit begeistert, wie ehemals ein tapfrer Ritter, wenn er einen Drachen sah; mein ungestümes Feuer reißt mich hin, ich muß zuschlagen, ich muß kämpfen, ich muß die Wahrheit sagen oder ersticken und dann – à bon entendeur salut!« –

»O um des Himmels willen«, sagte der andre, »reden Sie nicht laut, daß niemand sich umsieht und gewahr wird, daß ich neben Ihnen stehe!« –

»Warum das?« –

»Sie sprechen zu frei, und wenn man hörte, daß ich mit Ihnen rede, könnte man leicht auf den Argwohn kommen, mich in Ihrer Klasse zu suchen, und, behüte der Himmel! man könnte glauben, daß ich so frei gesprochen habe.« –

»Wäre Ihnen das Schande?« –

»Bewahre! so viele vornehme, reiche, gelehrte Leute zu beleidigen! Ihnen die Wahrheit zu sagen –«

»Die sie sich selbst niemals sagen und doch höchst nötig zu wissen brauchen!« –

»Nur sachte! Ich bitte Sie inständigst! – Wer wird denn mehr Verstand und Einsicht besitzen wollen als diese Großen, Vornehmen, Reichen, Gelehrten, Geehrten« –

»Elender, ist denn groß, vornehm, reich, gelehrt, geehrt sein mit Verstand und Einsicht besitzen eins? Sie denken sklavisch, niedrig, klein, wenn Sie so denken.« –

»Ich flehe Sie, ich beschwöre Sie, nur sachte! Leise! Sie bringen mich noch ins Unglück.« –

»Du feiger Hase! So will ich denn schreien, daß alle Ohren im Himmel und auf Erden davon erklingen sollen: Du bist ein feiger, niedriger, kleiner, nichtswürdiger Geist! Ein Mann ohne Kopf, weil du kein Herz hast!« –

Wirklich rief er auch diesen Panegyrikus in einem so lauten Tone aus, daß wenigstens der ganze Saal davon erzitterte, wenn die Erschütterung gleich nicht seinem Versprechen gemäß zum Himmel reichte. Alles kam haufenweise auf ihn zugelaufen, um den Mann zu sehn, der seinem Nebenchristen so deutlich und verständlich sagen könne, wieviel er wert sei. Die zudrängende Menge wuchs so stark an und machte den Platz so enge, daß das schüchterne Männchen, das er der öffentlichen Beschimpfung bloßstellen wollte, die Gelegenheit erwischte, sich wegzustehlen, ob er gleich von dem Wahrheitsager fest bei dem Rocke gehalten wurde. Er entkam glücklich und versteckte sich, als man ihn aufsuchte, hinter Reineken den Fuchs, auf welchem Gottsched, statt eines Sessels, in lang ausgestreckter Majestät dasaß.

Durch diesen Zulauf, der eigentlich nur eine Befriedigung der Neubegierde sein sollte, wurde der Wahrheitsager, weil er ihn für Beifall hielt, so heftig angefeuert, daß er sich vornahm, seine strafpredigende Tapferkeit auch an der Menge zu versuchen, deren Aufmerksamkeit ihn itzt in seinem vorgeblichen Berufe aufmunterte. Im Grunde wurde er wahrhaftig, wie er sich einbildete, von dem ganzen Zirkel um ihm herum bewundert, seine mutige Freimütigkeit gelobt und der ganze Mann für einen großen Geist, weil er solche feine, vortreffliche Bemerkungen fremder Fehler zu machen wüßte – und für einen edeldenkenden Menschenfreund ausgegeben, weil er bittre Wahrheiten ganz ohne Scheu und Furcht aus dem Herze heraussagte. Wenn der gute Wahrheitsager nach keiner größern Ehre gegeizt hätte, als deswegen gelobt worden zu sein, weil er seinen Zuhörern und Zuschauern das edle Vergnügen verschaffte, einen ihrer Mitbrüder einige Zeit unter sich herabzusetzen, so hätte er froh und zufrieden mit dem eroberten Anteile von Lob und Bewunderung in der Stille sich wegbegeben sollen; aber so wählte er eine unglückliche Partie: Sein Ruhm sollte wachsen, und er schwand ganz weg.

»Ihr lacht«, rief er seine Zuhörer an, »über die Verspottung dieses Elenden, der meinen Händen entwischt ist? – Habt ihr mehr Herzhaftigkeit, die allgemeinen tyrannisierenden Vorurteile, diese hundertköpfichten Drachen, zu bestreiten? – Gewiß nicht! denn ihr schleppt selbst ihr Joch. Wollt ihr zur Ehre unsers Jahrhunderts nicht an euch selbst den Anfang machen, euch aus einer Leibeigenschaft herauszuarbeiten, die nur eine Begleiterin der Barbarei sein darf?« –

Der Kreis seiner Zuhörer fing allmählich an zu schmelzen. –

Er fuhr ungehindert fort: »Beherrscht euch nicht allgemein die barbarische Verachtung, mit welcher jedermann die Wissenschaft, die Geschicklichkeit erniedrigt, die nicht die seine ist? – Wie niedrige Handwerker, die, auf das Interesse ihrer Innung eingeschränkt, mit kurzsichtigem Blicke das allgemeine Band der Nützlichkeit übersehen, das sie insgesamt an die menschliche Gesellschaft knüpft, verachtet der Philosoph den Rechtsgelehrten, der Rechtsgelehrte den Dichter, der Dichter den Rechtsgelehrten, der Mann von Geschäften den Gelehrten vom Handwerke, was dieser seinerseits reichlich erwidert – kurz, schätzt nur Mitglieder seiner Klasse und verschmäht mit handwerksmäßigem Ekel alle, die nicht dazugehören.« –

Der Zirkel seiner Zuhörer bekam hier eine so große Verminderung, daß kaum noch eine einfache Reihe übrigblieb. –

Demungeachtet setzte er seine Rede mutig fort: »O legt ein Vorurteil ab, das euch den untersten Ordnungen der Menschheit gleichsetzt, euch, die ihr so gern über alle erhaben sein wollt! Bedenkt, daß der Mensch nicht bloß darum auf diesen Planeten gepflanzt ist, um zu wissen und zu sammeln, was Geschöpfe seiner Art vor ihm dachten, empfanden, taten. Nein, ihm wurde dieser große Garten zu bewohnen gegeben, um aus den allenthalben ausgestreuten Keimen des Vergnügens die Pflanze der Glückseligkeit aufzuziehn, und weil kein Gewächs sich in so viele Gattungen und Arten teilt als dieses, so sind auch eine unendlich vielfältige Menge von Wartungen nötig, um eine jede nach der Anlage des Bodens, wo sie wachsen soll, ziehen zu können, und gewiß, der Stoff unsrer Erdfläche kann nicht so mannigfaltig, so abwechselnd sein als die Anlagen menschlicher Geister; das wißt ihr insgesamt, und doch achtet ihr diesen Willen der Natur nicht, sondern mit pedantischem Stolze –«

Plump! fiel der ganze Rest seines Auditoriums über ihn her, sobald er nur die letzten zwei Worte ausgesprochen hatte, warf ihn zu Boden und prügelte ihn mit vereinten Fäusten weidlich durch; darauf gingen sie gravitätisch fort und ließen ihn liegen.

Er war übel zugerichtet und brauchte höchst nötig einen kleinen Trost, den ihn die feste Überredung, um der Wahrheit willen gelitten zu haben, reichlich verschaffte. Er setzte sich in eine bequeme Positur und erzählte sich zur Stillung seiner Schmerzen folgende Fabel:

Der Affe besaß ehmals das Talent der Nachahmung in einem viel höhern Grade als gegenwärtig; alle Handlungen und Gebärden der Tiere drückte er in der komischsten Kopie aus. Jupiter hatte ihm ausdrücklich diese Geschicklichkeit mitgeteilt, um durch seine lächerlichen Vorstellungen die zufälligen Fehler seiner Geschöpfe zu bessern, die er sich ohne eine neue Schöpfung nicht zu heben getraute.

Der abgeschickte Grimassierer trat sein Amt an; er agierte dem Löwen die plumpen Manieren des Kameles, dem Tiger den stolzen Ernst des Löwen, dem Esel die grinsende falsche Freundlichkeit des Tigers, dem Pferde die stupide Langsamkeit des Esels, dem Panthertiere den Übermut des Rosses auf sein Geschlecht – einem jeden den Fehler des andern vor, und er wurde von jedem bewundert, belacht, geliebt. – Der Affe ist das klügste Tier der Schöpfung, sprach jedermann, das besserndste, lehrreichste Geschöpf!

Endlich geriet er, um seiner Pflicht alle Genüge zu tun, auf den Anschlag, eine Universalkur mit dem ganzen Tierorden vorzunehmen. Er stellte sich auf einen Berg und berief alle zu dem Schauspiele zusammen. Niemand, der außenblieb! Niemand, der sich nicht die angenehmste Unterhaltung versprach!

Der Schauspieler stellte das Fehlerhafte, das Lächerliche einer jeden Tiergattung mit der lebhaftesten Pantomime vor: Niemand lachte, alles wurde ernsthaft. – Er glaubte, seine Aktion sei zu matt, und gab ihr mehr Leben: Man wurde bis zum Sauersehn ernsthaft. Er spannte alle Nerven seines Talents an, und man ging allmählich gar fort.

Bei einer zweiten Vorstellung war die Zahl der Zuschauer um ein großes vermindert, bei der dritten noch mehr, und bei der vierten war gar niemand.

Unter Tieren war seine Nützlichkeit vorbei; er wagte sich an den Menschen, ging die nämliche Stufen durch und hatte die nämlichen Schicksale, ausgenommen nur, daß er gleich bei der ersten allgemeinen Versammlung mit blutendem Gesichte und zerschlagner Hirnschale, neben seiner Schaubühne liegend, zurückgelassen wurde.

Kaum waren seine Wunden geheilt, als ihn seine komische Laune von neuem überfiel; von allen Klassen der Geschöpfe war er bewundert, verachtet und gemißhandelt worden, niemand war übrig als Jupiter selbst, den er zufälligerweise, da er eben um Stoff für seine Satire verlegen war, auf einem seiner verliebten Kreuzzüge antraf. Er trat zu ihm, spielte dem verwunderten Zeus seine ganze ärgerliche Liebeschronik vor, der Gott sah ihm ernst zu und sagte endlich: »Du brauchst dein Talent nicht mehr; ich sehe, daß meine Kreaturen nichts besser dadurch werden« – und sogleich schränkte er seine Fähigkeit in die engen Grenzen ein, die ihn noch itzt zum bloßen elenden Nachäffer machen.

Der Gedankenstrom des Wahrheitsagers war ihm ohne seine Überlegung von selbst in dieser Richtung herabgelaufen, und er stutzte nicht wenig, als er in seiner Fabel eine Moral erblickte, die niederschlagender als tröstend für ihn sein mußte. Er hub sich bedächtig auf und schöpfte daraus die gute Warnung, in seinem Predigen der Wahrheit etwas vorsichtiger zu verfahren. Mit diesem Vorsatze begab er sich auf den Weg, denn sein tätiger Geist verstattete ihm keine längre Ruhe.

Er ging, und gleich stieß seinem aufmerksamen Beobachtungsgeiste eine Gesellschaft von seltsamen Figuren auf, die sich mit den bewundernswürdigsten Kapriolen sehen ließen: Hier tanzte einer auf dem Kopfe, dort schwenkte sich ein andrer in einem Rade, der drehte sich mit verbundnen Augen auf einer Degenspitze herum, jener lief mit bloßen Füßen über ein glühendes Eisen, einer schwatzte einen altfränkischen Jargon unter den possierlichsten Konvulsionen, ein andrer machte Seifenblasen und haschte darnach; auf einem Gerüste, das dem Theater eines Zahnarztes nicht unähnlich sah, lagen ein Haufen Harlekine, die deutschen Wörtern Kopf und Schwanz mit den Zähnen abrissen, mit großen Holzsägen die Vokalen heraussägten und die Wunde mit einem Apostrophe überklebten. –

»Himmel!« rief der Wahrheitsager glühend, »was macht dieser Haufe?« –

»Wir machen Originalwörter!« schallte ihm entgegen.

»Und was ihr!« sprach er wie versteinert zu einem Truppe, der in schwarzen Kleidern herumschlich, mit Blut und Eiter besprützt, große Henkersschwerte an der Seite und Pokale voller Gift in den Händen, die sie einander taumelnd zutranken. –

»Was macht ihr?« –

»Trauer- Blut- Mord- Henkerspiele; unsre Nahrung ist Gift; jeder von uns muß täglich einen solchen Becher voll auf die Gesundheit aller derer ausleeren, die wir in unsern Schauspielen umgebracht haben. Wir haben in einem Jahre in unsern Dramen die ganze Geschichte gewürgt, und kein Mann von einiger Beträchtlichkeit ist ehemals gehängt oder geköpft worden, den wir nicht noch einmal auf dem Theater vom Leben zum Tode gebracht haben. Um den Zuschauer nicht die Augen ganz trocken weinen zu lassen, so machen wir unsre Personen meistens zu solchen Schurken und Teufeln, daß es niemanden sehr dauern kann, wenn solche schändliche Brut haufenweise niedergemetzelt wird. Wir wollen es in kurzem dahin bringen, daß kein Mensch, der Geschmack und menschliche Empfindungen hat, vor Furcht und Schaudern einen Fuß in ein deutsches Schauspielhaus setzen soll.« –

»O ihr Könige und Fürsten Deutschlands!« rief der Wahrheitsager mit erhabnen Händen, »laßt doch jeden eurer Untertanen die Hälfte seines Ackers mit Nieswurz besäen!« – Auf ähnliche Arten war ein ganzer Trupp beschäftigt, wovon jeder den andern durch gefährlichere und sonderbarere Sprünge und größre Narrheiten zu übertreffen suchte. Ein Mann stand neben ihnen und klatschte unter den heftigsten freudigsten Ausrufen ihnen seinen Beifall zu.

»Lieber Herr«, fragte der Wahrheitsager, »was für Luftsprünger sind das, die Sie mit Ihrem Beifalle so freigebig beehren, und wer sind Sie?« –

»Ich – nenne mich Rezensent H . . . und bin ein Ästhetiker, und diese Herren – sind Originalgenies, die Sie nicht durch jene verwegne Benennung beleidigen sollten – Sie, der Sie ohne die mindeste Originalität gerade auf zwei Beinen wie alle Menschen einhergehn!« –

»Und was ist Ihre Verrichtung bei diesen –«

»Ich habe acht«, fiel ihm der Rezensent ein, »und sobald ein neuer Stern an dem Horizonte der Originalgeister aufsteigt, so verkündige ich mit lauter Stimme: Sehet, abermals ein Originalgenie, abermals ein Stern der ersten Größe!«

»Sie sind also der Türhüter bei dem Himmel der Originalgeister und lassen vermutlich den am liebsten hinein, der Sie am stärksten in die Augen schlägt –«

»Wie verstehn Sie das?« fragte der andre etwas hitzig. »Ist das ein Tusch? – Herr, ich habe meinen Studentendegen noch – wenn Sie viel schwatzen! – Morgen um 9 Uhr in dem Büschchen –«

»Nicht zu hitzig, liebes Kind! – Die Waffen des Gelehrten sind Vernunft und Räsonnement, weder Degen noch Pasquille noch Grobheiten noch Persiflagen; diese gehören Narren und elenden Köpfen. – Kommen Sie! Lassen Sie uns über Ihr Amt räsonieren! – Sie sind der Taxator der Originalität? – Was nennen Sie ein Original? – Ich kann Ihnen aus gültigen Gründen beweisen, daß die Originalität ein ebenso schwankendes, relatives Ding ist als Neuheit, Schönheit und alle andere Dinge dieses Planetens – eine Idee, deren Gestalt in jedem Kopfe ändert, der sie beherbergt!« –

»Sie sind ein wunderbarer Mann! – Hat nicht jedermann das Wort im Munde?« –

»Und eben darum die wenigsten im Verstande! – Gestehen Sie mir! Für Sie ist derjenige original, der Sie, wie ich vorhin sagte, am schärfsten in die Augen schlägt – oder, mit gewöhnlichem Worten, der Ihnen den meisten Staub in die Augen wirft!« –

»Den will ich sehn, der mir das beweisen soll! – Mein Herr, Sie hätten Ursache, etwas bescheidner zu sein.« –

»Geben Sie mir ein Beispiel! Denken Sie so bescheiden von sich, daß Sie sich irren können, und wenn ich Ihnen bewiesen habe, daß Sie sich geirrt haben, so will ich so bescheiden sein und kein Wort mehr hinzutun. – Zur Sache! – Wie wird das Genie gebildet? – Die Natur gibt einem Menschen ein Gehirn, begabt mit einem lebhaften Vermögen, Ideen anzunehmen und sie häufig, schnell, mannigfaltig zusammenzusetzen, und stimmt alle Nerven, alles, was nur mit den Verrichtungen des Genies in einer Verbindung steht, auf einen Ton, der sie befördert, erleichtert, beschleunigt. Von der Zeit an, wo ein solches Gehirn unter der Bedeckung eines Hirnschädels an die Luft hervorkömmt, wird es mit Ideen angefüllt; je schneller, je leichter, je häufiger dieser Vorrat eingesammelt wird, je hurtiger, vielfacher, ungewöhnlicher die Ideen zusammengesetzt werden, desto mehr Genie ist das Gehirn. – Woher empfängt es aber seine Ideen? – Ich weiß nur zween Kanäle: entweder von den Gegenständen und Begebenheiten um ihn, das heißt aus eigner Erfahrung, oder aus Büchern, aus der Erfahrung andrer. Alle Zusammensetzungen, die das Genie mit den empfangnen Ideen vornehmen kann, sind im Grunde Kopien von den verschiedenen Arten der Zusammensetzung, in welcher wir unsre Ideen durch jene zween Kanäle erhielten. Jedes sogenannte Originalbild des Dichters, jeder Charakter, jede Situation, jede Begebenheit in den Werken des theatralischen Schriftstellers, hat im Grunde in der Erfahrung des Verfassers oder in einem von ihm gelesenen Buche etwas Ähnliches, wonach es gebildet ist, ist im Grunde eine Nachahmung. – Was ist nun original? – Eine solche Zusammensetzung der Ideen, solche Charaktere, Situationen und Begebenheiten, wovon derjenige, der sie liest, die Urbilder nicht weiß, deren Nachahmungen sie sind; also muß derjenige Schriftsteller für den Leser original sein, der seine Erfahrungen nicht kennt und seine Bücher nicht gelesen hat, und da gegenwärtig die Bücher dem Genie meistens die Muster zu seinen Zusammensetzungen hergeben, so nennen Sie und andere denjenigen original, der Bücher gelesen hat, die Sie nicht gelesen haben. Also muß diese Benennung einem Schriftsteller bei diesem Leser zukommen, bei jenem nicht, und gleichwohl befehlen Sie allen Lesern, diesen oder jenen für einen Originalgeist zu halten? – Nach meinem Begriffe können Sie das nicht: Die Originalität ist ein solches Eigentümliche in den Zusammensetzungen der Ideen – denn nur hierinne kann ein Gehirn von dem andern etwas Eigentümliches haben –, das keinem bekannten Muster gleich ist; allein mir ist bekannt, was Ihnen nicht bekannt ist, und Sie wissen vieles, was ich nicht weiß; in vielen Fällen können Sie folglich einen Mann original zu nennen würdigen, wo ich es nicht kann. Habe ich das Vorbild, nach welchem ein Skribente sich bildete, so aufmerksam studiert als er und nur zur Hälfte seine Talente, so verringert sich seine Originalität schon um ein Großes.«

»Wenn aber alles Nachahmung ist, was nennen Sie da Nachahmung?«

»Wo der Vorsatz nachzuahmen so merklich ist, daß jeder nur mittelmäßig Belesner sein Urbild erkennt, wo die nämlichen Zusammensetzungen der Ideen ohne Eigentümlichkeit übergetragen sind. Doch ist auch hier eine große Vorsicht in der Beurteilung nötig. Die Verschiedenheit der großen Genies scheint unendlich zu sein, aber weit gefehlt! Nirgends so viele Ähnlichkeiten als unter ihnen! Alle ihre Unterschiede sind Unterschiede der Nuancen, im Grunde sind sie alle eins. Die vorzüglichste Eigenschaft derselben ist eine gewisse Biegsamkeit, eine Fähigkeit, wie Chamäleone alle Farben anzunehmen; diese Biegsamkeit allein macht, deucht mich, hauptsächlich den Unterschied des Grades zwischen Genie und Genie, wenn einer stattfindet. Ein Autor kann also mit einem andern auf ähnlichen oder gar gleichen Wegen seine Muster eingesammelt haben, und sie werden beide eine ähnliche Farbe bekommen, daß der undenkende Haufe, der nach dem ersten Anblick urteilt, und oft auch gescheite Leute, die jenes nicht wissen oder bedenken, geradezu dem spätern mit dem Namen des Nachahmers brandmalen, obgleich dieser den ältern, mit dem er Ähnlichkeit hat, nicht mehr als alle andre Menschenkinder studieret, sondern gelesen hat; aber die ursprüngliche Ähnlichkeit seiner Anlagen bekam durch diese Lektüre einen Stoß, eine Wendung, die sie vielleicht ohnedies erst später erhalten hätten, alles, was der spätere dem erstern in so einem Falle zu verdanken hat!« –

»Wie es scheint, mein Herr, wollen Sie alles umkehren und in allem klüger sein als andre.« –

»Nein, das eben nicht! Nur das sagen, was mir scheint. – Ich wollte euch, ihr Herren, eine Menge solcher parties honteuses an euren ästhetischen und literatorischen Formularen zeigen.« –

»Herr, keine Injurien! Oder –«

»Geduld, liebes Kind. Nur ein paar Wahrheiten! – Wie lange habt ihr euch mit den Wörtern – Geschmack, schöne Natur, das Wunderbare, episch, Handlung – und einem ganzen Schwarme andrer herumgeschleppt, wobei der größte Teil so wenig eine nette Idee hatte als der gemeine Kopf bei Wiedergeburt, Erleuchtung und Berufung! Nichts sind es als Worte, mit einem bißchen Phantasie aufgestutzt, die wie blutlose Gespenster aus Kopf in Kopf, aus Mund in Mund herumwandeln! Eure schönen Ästhetiken sind meistens nichts als Örter, wo sich jene Phantome, wie die wahren Gespenster auf den Kirchhöfen, versammeln, wo sie zu Hause sind.«

»Herr, bedenken Sie, daß so viele große philosophische Köpfe daran –«

»Gearbeitet haben? – Das weiß ich! – Aber wen betriegt die Einbildungskraft leichter als den großen philosophischen Kopf, der von ihr allein lebt und ohne sie ein elender Wortspalter ist?« –

»Wollen Sie ein so festes Gebäude umstoßen?«

»Nein, ich nicht; gern sage ich, was dem Gebäude fehlt, aber einzustoßen, einzureißen – bewahre mich der Himmel! Geschehn wird es sicher, dafür stehe ich Ihnen.«

»Sie haben wunderliche Grillen!«

»Weil wir doch einmal in ein ernstes Gespräch geraten sind, so hören Sie nur noch ein paar von meinen Grillen, wie Sie es nennen! – Ist es nicht das ewige Lied aller Zeiten und Völker gewesen, wo der Verstand zu allgemeinen Wahrheiten aufstieg, daß man bis zum Himmel erhub und einige Zeit darauf bis in die Hölle warf; das folgende verdrängt das vorhergehende, nicht durch seine Güte, sondern durch seine Neuheit. Jedes Zeitalter sieht mit stolzem Mitleide auf das vorhergehende und empfängt das nämliche Mitleid von dem folgenden. Die Gebäude des Verstandes sind, wie die Nester der Vögel, nur so lange gut, als darauf gebrütet wird. Wir bauen wie die ägyptischen Könige für die Ewigkeit, und sehr oft erleben wir doch selbst das Ende unserer unsterblichen Werke.«

»Alles umsonst! Unser erleuchtetes Jahrhundert –«

»Leben Sie wohl! Für heute habe ich Ihrem Nachdenken genug Beschäftigung gegeben. Künftig ein mehreres!« –

Sie trennten sich voneinander, und mit einem höhnischen Lachen sahe der Ästhetiker dem Manne nach, dessen ungereimte Grillen er nicht verdauen konnte, und bedauerte ihn herzlich, daß ein so hübscher Mann auf solche wunderliche Meinungen verfallen wäre – das heißt in planem Deutsch, daß er etwas behauptete, was er nicht begreifen konnte.

Fest von der Richtigkeit seiner Gedanken überzeugt, ging der Wahrheitsager weiter und fand eine ganze Gesellschaft von verschiedenen Figuren, die alle in ihren Mienen und Gestikulationen Beschwerde und Klage ausdrückten. Sie hatten sich in einem Zirkel gelagert, und er drängte sich nahe an sie, um sie zu behorchen.

Eben perorierte ein ernsthafter Mann, der auf seinem Gesichte die ganze Miene der Redlichkeit und guten Meinung in deutlichen Zügen trug. Sein Vortrag war äußerst gesetzt und mäßig; nur zuweilen, wenn er über Verderben und Sitten klagte, erhub er sich zu einer gewissen Stärke. Seine Klagen betrafen meistens, wenn man sie bis auf den Grund auflösen wollte, das Übel, daß alle Menschen nicht wie er waren. Besonders führte er weitläuftige Beschwerden über die Verderbnis, die über die Theorie und Ausübung der Moral herrschte. – »Jedermann«, sprach er, »schafft sich eine Moral nach seinen Neigungen.«

»Ist das etwas Neues?« fiel ihm der horchende Wahrheitsager von hintenzu ins Wort. »Das tun Sie, das tun alle Menschenkinder.« –

Jener sah ihn steif an. – »Wie denn das, mein lieber Mann?« fragte er gelassen. –

»Wie das? – Von der Natur empfängt jeder Mensch eine gewisse bestimmte Anlage des Charakters, sein körperliches System wirkt viele Jahre auf seinen Geist, ehe ihm durch den Unterricht Ideen und Grundsätze beigebracht werden können; in diesem Zeitpunkte wird nicht nur der Grad seiner Begierde bestimmt, sondern er wird auch zubereitet, eine Art von Eindrücken leichter anzunehmen. In einer solchen Verfassung trifft ihn der Unterricht des Lehrers, der Bücher, des Umganges an; aus allen diesen drei Kanälen fließt ihm eine Menge zu, wovon aber nichts bekleibt, als was mit der Richtung harmoniert, die der Körper dem Geiste schon gegeben hat. – Der lebhafte, mit tätigen Lebensgeistern, raschem, warmem Blute ausgerüstete Körper teilt den Neigungen des Geistes die nämliche Lebhaftigkeit mit; man streue in ihm einen Samen aus, welchen man wolle, keiner wird wahrhaftig aufgehn als derjenige, der solche Früchte trägt, die das Klima und der Boden vertragen. Wir glauben, durch unsern Unterricht Wunder zu tun, die Gemüter ganz umzukehren, Neigungen einzupflanzen, Begierden auszurotten, alles Illusion! – Ja, wir können in der Tat, wir können den lebhaftesten Geist so niederdrücken, daß er eine lebendige ernste Moral zu sein scheint; aber haben wir dadurch etwas gewonnen, daß wir der Natur entgegenarbeiteten? – Und noch haben wir nicht einmal mehr getan, als einen Baum durch Stricke zur Erde gezogen, er wächst freilich nun nimmermehr völlig gerade, aber wenn wir die Banden wegnehmen, zieht er sich gewiß so viel wieder in die Höhe, als seine ersteiften Fasern zulassen. – Wählt also nicht jeder Mensch seine Moral im Grunde nach seinen Neigungen?« –

»Ich bin noch nicht davon überzeugt.« – »Auch traue ich mir die Kraft, Sie zu überzeugen, nicht zu, noch viel weniger habe ich die Absicht; nur sagen will ich, was mir scheint. – Unsre Begriffe vom Guten und Bösen, vom Begehrungswerten und Verabscheuungswürdigen wachsen allmählich aus der Reihe von Eindrücken empor, die der Körper und äußerliche Veranlassungen auf uns machen, also im Grunde aus unsern Neigungen, und worinne besteht die Moral als in den Begriffen, was zu fliehen und was zu begehren ist? – Noch mehr! Nicht allein von den besondern natürlichen Anlagen des Menschen hängen seine moralischen Grundsätze ab, auch der äußerliche Stand ändert sie notwendig. Ein Mann, der in der großen Welt und für dieselbe erzogen wird, hat ganz andre Ingredienzen zu seiner Glückseligkeit als der im Mittelstande und dieser andre als der in der niedrigsten Klasse; Bestreben nach Ehre, Ansehn, Gewalt muß dem ersten Tugend, den beiden andern, wenigstens dem letzten, wo nicht Laster, doch etwas Schädliches sein, weil ihnen die Gelangung dazu so erschwert ist, daß sie, ohne ihre möglichere Nützlichkeit und Vorteile zu versäumen, ihren Zweck nicht betreiben könnten. Ohne Zweifel tadelt man darum den Ehrgeiz eines Mannes, der jene Vorzüge nicht hat, da man ihn hingegen an denen nicht mißbilligt oder gar erhebt, die sie besitzen; wenigstens wüßte ich keine andre Ursache dieses Urteils. – Tugenden läßt ein Stand nicht zu, die der andre fodert; man vergleiche des Grafen von Chesterfield Lehren, die er in seinen Briefen dem jungen Stanhope gibt, mit dem Unterrichte, den jeder gute, ehrliche Vater seinem Sohne, der nicht für die große Welt bestimmt wäre, erteilen müßte; jener empfiehlt im Grunde nichts als die feinste Betriegerei, die feinste Kunst zu lügen; dieser würde zu den entgegengesetzten Tugenden, zur Offenherzigkeit, zur Aufrichtigkeit und zu vielen andern ähnlichen ermahnen. Beide haben recht. Die Madam Pompadour nennt mit ihrer gewöhnlichen Freimütigkeit die Künste der großen Welt l'art de tromper; wenn sie diesen Namen verdienen, so schließt er eine Menge von den Tugenden aus, die im Verzeichnisse der Moralen als allen unentbehrlich stehen.« –

»Sie sind es auch –«

»Lassen Sie mich nur erst meinen Schluß ziehn! – Wenn die früh entstandnen Anlagen, das äußerliche Verhältnis jedem Menschen besondere moralische Grundsätze geben und auch verlangen, wenn von denen, die ihn der Unterricht aufzwingt, nur diejenigen bekleiben, die mit jenen beiden Stücken übereinkommen, was geschieht da anders, als daß jeder eine Moral nach dem Systeme seiner Neigungen bekömmt und ausübt – eure allgemeine Moral lernt und seine eigne ausübt?« –

»Aber nicht ausüben sollte!«

»Und warum denn nicht? – Ihr Herren Moralisten fangt von hintenzu an; ihr stopft euch eine Puppe mit allen möglichen Tugenden aus, deren ihr nur habhaft werden könnt, stellt sie hin und ruft: Dieser muß man gleichen! – Wozu nützt das? – Daß Leute von guter Gemütsart nach einem Ziele laufen, wozu ihnen der Atem fehlet, und ängstlich sich quälen, wenn sie sehn, daß sie es nie erreichen werden; daß andre gar nicht in die Laufbahn der Tugend treten, weil man ihnen den Weg mit so vielen Dornen verwebt. Ihr habt insgesamt etwas Romanenschwung –«

»Sie reden etwas frei, mein Herr.« –

»Das ist meine Art so: Ich sage, was mir scheint. – Warum will denn ein Moralist, das heißt, ein Mensch, dem seine Neigungen, sein Charakter, seine Denkungsart diese und keine andern Grundsätze gegeben haben, warum will dieser Gesetzgeber sein? – Er trägt nichts vor als eine Erzählung dessen, was seine Glückseligkeit ist und durch welche Mittel er und Leute von seiner Art dazu gelangen. Seine und vieler andern Glückseligkeit kann eine ernste gravitätische Miene haben, soll deswegen die Tugend und Glückseligkeit andrer nie lächeln? – Ich rede hier von Leuten, die selbst denken, nicht von solchen, die nichts als Glossatoren über hergebrachte moralische Observanzen sind, die euch zumuten, daß ihr, um tugendhaft und glücklich zu werden, eine Reise durch ein ganzes Bücherbrett voll Quartanten anstellen sollt, wo ihr bei jedem Schritte fühlt, daß euch die Reise schon einen großen Teil eures Lebens unglücklich macht, und am Ende – wißt ihr, wie seit geraumer Zeit die moralischen Bücher des Heiligen Römischen Reichs den Menschen haben glücklich machen wollen.« –

»Also wären Moralen überflüssig?« –

»Nein, nicht alle, nur solche! – Wir müssen von vorn anfangen, den Menschen durchstudieren. – Doch was mache ich? Lehren will ich nicht; das sei ferne! Die heiterste, fröhlichste Moral ist gewiß die beste, und die sauerste, trübsinnigste die schlimmste, die, wie von einer guten Moral neulich jemand verlangte, nur bittre, herbe Arzneien verschreibt; ich danke für eine solche Kur. – Auch kann ich mir unmöglich einbilden, daß derjenige, der das kleinste Insekt mit seiner vollkommnen Glückseligkeit versorgte, den Menschen allein auf diesen Planeten gesetzt haben solle, um ängstlich an sich herumzuschnitzeln und sich zu beunruhigen, daß er keine Papenhovische Statue aus sich zimmern kann. Jeder Sterbliche geht itzt trotz allen Moralen den Weg, den Natur und Schicksal ihn führen, und wenn diese ihn beständig und immer auf verschiedene leiten, wie bisher, so denke ich, wird der allmächtige Ruf eines Moralisten sie gewiß auf keinen allgemeinen insgesamt bringen. – Wozu also die ewigen Klagen über Verderbnis und Sitten? Sie heißen doch weiter nichts als: Gegenwärtig haben nicht alle Menschen meine Denkungsart, meinen Charakter, meine Sitten, was ich herzlich bedaure.« –

»Sie haben höchst gefährliche Prinzipien!« brüllte ein andrer aus der Gesellschaft. –

»Ich sage, was mir scheint!« –

»Mit Ihrem verzweifelten ›scheint‹ verwirren Sie eine Menge Menschen, stören sie in ihrem Glauben –«

»Nein, das will ich nicht. Ich rate vielmehr: Wählt euch die Meinung, die euch in euren Umständen den größten Trost, die größte Zufriedenheit verschafft, diese glaubt! Dieses muß für den größten Teil der Menschen das Kennzeichen der Richtigkeit sein und vielleicht für alle, denn eure sogenannte Beweise, Gründe, und wie ihr es heißt, sind Illusionen; der Mensch, wenn er glaubt, glaubt allemal im Grunde aus Illusion.« –

»Himmel«, schrie der andre, »was für Meinungen! Fort mit dem abscheulichen Manne, der solche verdammte Sätze ausbrütet!« –

»Kaltes Blut! Vernunft! Überlegung!« schrie der Wahrheitsager. »Verwerfen Sie nicht das Ihnen Auffallende, untersuchen Sie uneingenommen und dann widerlegen oder billigen Sie!« –

»Was? Solche abscheuliche, gerade wider alle angenommenen Grundsätze laufende Meinungen!« –

»Wenn meine Vorfahren, wenn sie die Freiheit hatten, Meinungen anzunehmen und bekanntzumachen, warum soll ich es nicht auch haben; sie sagten, was ihnen schien, und ich, was mir scheint. Das ist das allgemeine Recht der Menschheit, und wer dieses kränkt –«

»Fort mit dem Bösewichte!« – Gleich stieß er in ein Hüfthorn, das er an der Seite trug, und auf seinen hellen quäkenden Ton kam eine ganze Kuppel von allen Enden herbeigelaufen. – »Du Brüter verderblicher Meinungen!« schrie der Eiferer, »du Störer des Glaubens!« – Auf diese Losung fiel die ganze Kuppel über ihn her. Ihr Anführer wurde eine Kohlpfanne ansichtig, die Silvan in der Bibliothek zurückgelassen hatte; er wollte kurz vorher, ehe dieses bisher beschriebne Schauspiel eröffnet wurde, Büchsenkugeln gießen, doch weil ihn der Jäger zu einem erblickten Raube abrief, ließ er die Kohlen in der Begeisterung zurück und eilte der Beute nach.

Diese Kohlpfanne ergriff der Eiferer, um dem gottlosen Urheber schädlicher Meinungen die Ohren zu sengen oder, wenn es sich mit Ehren tun ließ, gar die ganze Person bei langsamem Feuer zu braten. Der Tumult war nicht gering. Der präsidierende Geist der Kleinigkeit war über den vorhergehenden, für ihn langweiligen Gesprächen eingeschlafen und wurde itzt durch den Lärm plötzlich aufgeweckt. Er fuhr auf, erblickte die glühende Kohlpfanne, erschrak in der Schlaftrunkenheit, faßte seinen Zauberstab und schlug sich unbewußt auf den Boden – husch! waren alle Autoren wieder in ihre Werke verwandelt, die Kohlpfanne stürzte herab, der gesengte Autor hinterdrein, in die Kohlen hinein, fing an zu glimmen, dampfte, platzte, brannte lichterloh. Der Geist wurde bestürzt, nahm seinen Stab und eilte voller Verwirrung davon.

Indem kam Silvan mit zween Hasen, die er in seiner Bibliothek aufhängen wollte, sah die Verwüstung, die die Flammen angerichtet hatten – denn sie hatten schon die ganze unterste Reihe Quartanten verheert –, stellte sich das Unglück vor, das möglicherweise seine ganze Burg betreffen könnte, und machte Anstalten zum Löschen. Der Brand wurde gestillt, und da er seine Augen aufhub, um den ganzen Schaden zu übersehn, wurde er eine schöne hoffnungsvolle Hirschhaut gewahr, die die Seite des Repositoriums zierte, wo die Feuersbrunst wütete, und halb verbrannt, halb versengt war – nahm sich's zu Herzen und schwur einen teuern Eid, die Bibliothek von Stund an zu verkaufen und nie mit Gelehrten und Büchern, so feuerfangenden Materien, wieder etwas zu tun zu haben. Er hielt Wort und weihte den leeren Saal den Hühnern und anderm Federviehe des Ritterschlosses.

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