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Satirische Erzählungen

Johann Karl Wezel: Satirische Erzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSatirische Erzählungen
authorJohann Karl Wezel
firstpub1778
year1983
publisherRütten und Loening
addressBerlin
titleSatirische Erzählungen
created20050421
sendergerd.bouillon
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Erstes Bändchen

Alle Stücke dieser Sammlung waren anfänglich für eine Monatsschrift bestimmt, womit das Publikum vor drei Jahren unter dem Titel »Jupiter« heimgesucht werden sollte; allein, da gerade in diesem Zeitpunkte fast alle deutsche Schriftstellerköpfe einen allgemeinen Kitzel bekamen, ihre Gedanken, Phantasien, Grillen und Einfälle in dem Kleide einer periodischen Schrift unter die Leute auswandern zu lassen, so befand ich für gut, kein Wasser ins Meer zu tragen, sondern meinem »Jupiter« wohlbedächtig ein Plätzchen im Winkel meines Schreibschrankes anzuweisen, bis ihm eine günstige Konstellation oder meine Laune hervorrufen würde. Die Konstellation des Schriftstellerhimmels hat sich zwar im mindsten nicht geändert: die Menge der Schreibenden ist gleich groß und die Menge der Denkenden nicht größer; ein Autor muß also immer noch die beschwerliche Mühe übernehmen, sich durch siebzehn Bogen Meßkatalogus hindurchzudrängen, um dem Publikum vors Gesichte zu kommen, und wehe dem Manne, der in einem solchen Falle nicht Unverschämtheit genug und zwei gesunde starke Ellbogen hat um von beiden Seiten um sich zu stoßen und sich mit Gewalt durch die Menge hindurchzuarbeiten! – Meine Leser haben es also ganz allein meiner zufälligen Laune zuzuschreiben, daß ich ein schon längst für sie bestimmtes Gericht itzt in einer andern Form auftrage: meine Sammlung soll ein Buch schlechtweg sein und weder vom Jupiter, Minerva, Apoll oder irgendeinem Gotte maiorum et minorum gentium ein titulares Verdienst borgen; ist sein innerer Gehalt nicht kräftig genug, sich den Beifall der Leser zu erwecken, so gähne man und werfe das Büchlein weg!

W . . . l

Silvans Bibliothek
oder
Die gelehrten Abenteuer

Praetereas si quid non facit ad stomachum!
MART.

Silvan kehrte nach drei unangenehmen akademischen Jahren in den Schoß seiner Familie und seiner Bauern, zum Herzeleide aller Hasen und Rebhühner, zurück und hatte kaum bei den auserlesensten ländlichen Feierlichkeiten, unter Abfeurung eines Mörsers, den Tilly auf seinem Rückzuge aus Sachsen in dem Dorfe zurückgelassen, und des sämtlichen Gewehrs aus der großväterlichen Rüstkammer, sich den Eid der Treue schwören lassen, als er schon den Antritt seines Regiments durch eine merkwürdige Tat verherrlichte. Er hatte sich auf der Akademie von verschiedenen Leuten sagen lassen, daß unter allen Möbeln eines Hauses eine Bibliothek die kostbarste und ansehnlichste sei und daß alle französische und englische Standespersonen, die ihre Geburt durch Verstand und Wissenschaft adelten, dergleichen auf ihren Landgütern aufzustellen pflegten; er beschloß augenblicklich, eine seinem Stande so gemäße Pracht nicht zu verabsäumen, und gelobte bei sich den Penaten und Laren seines Ritterschlosses, sie nach einer glücklichen Zurückkunft mit einer Bibliothek zu beschenken.

Der Zufall begünstigte sein Gelübde. Einer seiner Vorfahren hatte aus dem nämlichen Grunde, der itzt seinen Abkömmling zum Ankaufe einer Bibliothek antrieb, sich genötigt gefunden, eine weitläuftige Orangerie anzuschaffen, und da der Ort unter einem sehr unfreundlichen Himmel lag, der kaum zu Korn und Erdbirnen die erforderliche Wärme hergeben wollte, so wurde er in die zweite Notwendigkeit gesetzt, ein dauerhaftes wohlverwahrtes Gewächshaus für ihren Winteraufenthalt zu erbauen. Es geschah; ein großes geräumiges steinernes Gebäude wurde errichtet und an seinen Wänden mit den sinnreichsten Emblemen und andern Zieraten geschmückt, die die schönen Geister der ganzen dasigen Gegend aufzutreiben vermochten; denn jedem, der während der Arbeit den Bauherrn besuchte, wurde die Verbindlichkeit aufgelegt, auf der Stelle ein Gemälde zu erfinden und es auf der Stelle nach seiner Anweisung ausführen zu lassen. Das Ganze bekam also einen gemischten Charakter von Unsinn und Einfalt, der es zum possierlichsten Originale der ganzen Malerwelt machte. Jakobs Himmelsleiter mit auf und nieder hüpfenden Engelchen figurierte neben einer Bellone, die mit aufgeblasnen Backen in eine Trompete stieß, an deren fransenreichen Banderole das Wappen des Besitzers prangte; gleich darauf folgte auf einem meergrünen Grunde eine Schweinsjagd mit Figuren in Lebensgröße; Orpheus in spanischer Tracht, wie er mit den lieblichen Tönen eines Hackebrettes große aufgehäufte Malter Brennholz hinter sich drein lockt; eine Tischgesellschaft, die den Geburtstag des Besitzers feiert, unter welcher mitten vom Tische ein stattlicher Schweinskopf hervorleuchtet, dessen Stirne der vergoldte Name desjenigen ziert, dem zur Ehre die Feier angestellt war; Jupiter mit dem Donnerkeile neben einer dicken runden halbnackenden Viehmagd, der ihr gebietender Herr einen Kuß rauben will – weil dieses letzte Gemälde etwas obszen ausgefallen war, so hatte der Künstler auf ausdrücklichen Befehl, statt einen Vorhang vorzuziehn, die unehrbaren entblößten Teile mit den Fingern verwischt; der übrige große Raum war dem Stammbaume gewidmet, der in der Gestalt eines Palmbaums sich bis zu einem sternenvollen eisgrauen Himmel erhub und mit seinem Schatten eine Menge kleiner Gänschen erquickte, die ihre Eltern zu einem fischreichen Teiche führten, in welchem Karpfen und Hechte, nach Boileaus Ausdrucke, zum Fenster heraussahn.

Silvans Vater hatte, von einem ökonomischen Geiste beseelt, viel triftigere Bewegungsgründe in sich wahrgenommen, die ihm den Verkauf der Orangerie anrieten. Sie wurde verhandelt, und jenes herrliche Denkmal der Kunst, das Gewächshaus, blieb, um die Unkosten des Abtragens zu ersparen, müßig stehn.

In einem solchen Zustande fand es Silvan und hatte es den Tag nach seiner Rückkehr von der Universität kaum erblickt, als ihm sein Gelübde einfiel, und stehendes Fußes wurde der Schluß gefaßt, das unbeschäftigte Haus zu einem großen Endzwecke anzuwenden. Es wurde in zwo Hälften zerteilt: die eine zum Pferdestalle, die andere zur Bibliothek bestimmt. Man schaffte hurtig Bretter herbei, baute eilfertig Repositorien, strich sie mit dem schönsten Himmelblau an und vergoldete jede Kante; in kurzer Zeit war die Behausung der Bibliothek instand gesetzt und alles zur Aufnahme der Gäste, die darinne herbergen sollten, zubereitet. Die schönen funkelnden Repositorien machten Silvanen ein so inniges Vergnügen, daß er beinahe darüber vergaß, zu wessen Ehren sie erbaut waren, nicht viel fehlte, so bekamen sie gar eine andere Bestimmung; doch endlich siegte sein alter Vorsatz: sie blieben, was sie sein sollten, und es wurde wirklich einem alten Kandidaten, der die sämtliche junge Herrschaft vom Hause auf der lateinischen Folter herumgetummelt hatte und itzt als ein Emeritus des Hofmeisterlebens bis zur ersten Vakanz gefüttert wurde, der ernstliche Auftrag gegeben, aus allen Enden der Welt Bücher zusammenzukaufen; ihr Inhalt mochte sein, welcher es wollte – Sprache, Gegenstand, Alter, alles galt gleich –, wenn sie nur von einer Statur waren, wie sie die Höhe erfoderte, die der Tischler den Fächern zu geben beliebt hatte, in welchen sie aufgenommen werden sollten, und eine anständige reinliche Kleidung trugen, daß sie sich doch vor honetter Gesellschaft sehen lassen konnten.

Diesen zwo Bedingungen gemäß brachte der Kommissionär vor allen Dingen seine eigne Sammlung von Predigten, Postillen, Kommunionbüchern und andern ähnlichen Schlages hinein, weil sie so allerliebst in die Fächer paßten, als wenn sie dafür gewachsen wären. Darauf wanderte er aus, und was das erforderliche Maß hielt, wurde eingehandelt.

Eine drollichte Gesellschaft mußte auf solche Weise innerhalb vier Wänden zusammenkommen – so bunt, so gemischt, als sie auf keiner Redoute zu finden sein kann! – Eine Exegesis der Offenbarung drückte einen Anakreon in Quart, weil sie beide einerlei Länge hatten; Gellert verlor sich bescheiden unter der »Europäischen Fama«; Semler lag an Götzens Busen; Crusius umarmte Wolffen; Voltaire drängte sich an Beaumellen; Wieland wurde von zwo jungen philosophischen Abhandlungen über die Schultern angesehen; auf Geßnern lehnte sich ein teutsches Staatsrecht; Gleim und Jacobi wurden von einer ungeheuren Konkordanz mit Füßen getreten – weil der Foliant um etliche Zolle niedriger war als sein Nachbar, hatte man ihm, um alle Unregelmäßigkeit zu vermeiden, jene beiden Dichter untergelegt, die girrend unter dem dickbauchichten Körper ach! und oh! seufzten; doch wurden sie endlich aus der Sklaverei befreit und zu einer würdigern Stelle erhoben.

Die possierliche Vermischung hatte wenigstens den Nutzen, daß sie, wie das Grab, Leute in Nachbarschaft brachte, die sich im Leben ohne Balgereien nicht so nahe hätten kommen können, und zum ersten Male wohnten hier Gelehrte aus allen Fakultäten und Wissenschaften nebst Genies und schönen Geistern ohne Verachtung, Neid, Eifersucht und Zänkerei in friedlicher Eintracht untereinander; denn bekanntermaßen sondert man sie in andern Bibliotheken, zu Verhütung alles Unfugs, sorgfältig voneinander und läßt wenigstens nicht zween aus verschiedenen Fächern in eine Nachbarschaft geraten, die bald in die feindseligste Verachtung ausbrechen würde.

Insofern war Silvans Plan der vollkommenste in seiner Art: Er knüpfte das so lange zerrißne Band der Freundschaft zwischen allen Gelehrten zusammen. Doch das Schicksal muß seine Freude an gelehrten Faustkämpfen finden – ein höchst elender Geschmack! – Die Einigkeit hatte nicht vierzehn Tage gedauert, als der ganze Büchersaal in völligem Aufruhre war – alles stürmte, alles tobte!

Die Schuld war freilich wohl den Einwohnern desselben nicht allein beizumessen, sondern vielmehr der tückischen Schadenfreude eines finstern mürrischen Geistes, der über den ganzen polizierten Erdkreis herrscht und gerade wie die Götter Homers, die, wenn es ihnen am Zeitvertreibe und guter Laune fehlt, ein Tiergefechte unter den Menschen veranstalten und sich herzlich darüber freuen, daß die Menschen solche gute Narren sind und sich so hübsch zum Spaß und Kurzweile gebrauchen lassen – der, sage ich, gerade wie diese Majestäten des homerischen Himmels auf seinem bleiernen Throne sitzt und nichts tut, als daß er, wenn ihn die Langeweile einschläfern will, große und kleine Menschenkinder, von jedem Stande und Berufe, mit einem zischenden Tone zusammenhetzt, auf welche Losung die guten Seelen niemals ermangeln, sich tapfer herumzubalgen, zu raufen, mit dem Degen, der Feder und allen Waffen, die nur in dem Zeughause der Rache und Feindschaft anzutreffen sind, sich bis auf den Tod ohne Schonung herumzuschlagen und dadurch jenem heimtückischen Geiste ein Späßchen zur Zeitverkürzung zu verschaffen. Man gibt diesem Tyrannen verschiedene Namen, doch der allgemeinste unter allen ist – der Geist der Kleinigkeit. Sein Reich ist so ausgebreitet, und seine Macht wird so allgemein anerkannt, daß er sich als den unumschränktesten Monarchen unsers ganzen Planetens betrachtet. Auf der Ottomane oder dem Sofa in dem Visitenzimmer sitzt er unter den Damen, bläst ihnen die ganze ärgerliche Chronik der Stadt in die Ohren, zieht ihre Lippen in ein spöttisches Lächeln über eine schiefe Frisur, hält Buch und Rechnung über Eroberungen, die sie nicht gemacht haben, oder streut statt der Schlummerkörner die einschläfernden Geschichtchen ihrer Küche und ihrer Domestiken auf sie hernieder. Er thront in den dicken Locken des Kanzelredners und tritt seine Lunge wie der Kalkant die Blasebälge, wenn er Ketzer oder Heterodoxe widerlegt; er nährt sich von Akten, seine Speise sind juristische und philosophische Distinktionen, seine köstlichste Delikatesse sind Varianten und notae variorum, Scholien und Glossen. Sein Tisch ist täglich mit den auserlesensten Floskeln des Kanzleistils, mit den schönsten teutschen Titulaturen in der besten Ordnung besetzt; sein ergötzendstes Schauspiel sind Prozessionen, langweilige Komplimente, einschläfernde Reden und Schulchrien, einfältige Intrigen der Liebe und der Politik, nebst dem ganzen Hof- und Staatszeremonielle, und er hat sich am trefflichsten ergötzt, wo er am öftersten gähnte. Er ist in der moralischen, politischen, gelehrten Welt, was in der physischen die Luft ist: allgegenwärtig, alles durchdringend, zu fein, um von gewöhnlichen Augen gesehn zu werden, und auch dem besten Gesichte entwischt er oft. Jedermann wird von seinem Einflusse regiert, und wehe dem Verwegnen, der sich ihm widersetzt und ihn eine seiner Stellen zu entwenden sucht! Man muß ihn kennen, fühlen, wissen und – schweigen. Die meisten Bewohner unsers Erdballs beten ihn demütig als eine unbekannte Gottheit an und sind von einer schwachherzigen Gefälligkeit gegen seine Befehle so sehr angesteckt, daß sie es höchst verwegen finden würden, wenn ein ehrlicher Mann wohlmeinend sich die Freiheit nähme, ihnen ihre Torheit ganz nackt, ohne alle schimmernde Lumpen der Phantasie, mit welchen sie diesen Götzen anputzen, zum verdienten Spotte hinzustellen. So sei es dann! – Aber da die Herrschaft jenes unseligen Geistes so ausgebreitet ist, so ist es um desto weniger ein Wunderwerk, daß auch in Silvans Bibliothek sein Ansehn so viel vermochte. Im Vertrauen gesagt – viele feine Köpfe versichern, daß er überhaupt nirgends so eifrige Verehrung genießt als unter den Gelehrten; er ist ihr Götze, sagen sie; und – was ich im allergrößten Vertrauen sage! – unsre Nachbaren behaupten mit der frechsten Verwegenheit, daß nirgends seine Altäre so überall und von so aufrichtigen Opfern rauchen als in unserm lieben teutschen Vaterlande, das jederzeit neben den größten Gelehrten die größten Pedanten gezeugt hat. Auch tat der böse Geist wahrhaftig weiter nichts, als daß er mit seinem Stabe an die Türe von Silvans Bibliothek klopfte, ein einziges unverständliches Wort hermurmelte, und sogleich gerieten alle Bände im Büchersaale in eine stoßende Bewegung; kein einziger blieb ruhig, und wer es sein wollte, wurde durch die Unruhe seines Nachbars mit fortgerissen.

Dies war dem eklen Geiste nicht genug, er verlangte ein reizender Schauspiel und hatte ausdrücklich beschlossen, sich diesen Tag an einer Ergötzlichkeit zu vergnügen, deren er seit langer Zeit nicht hatte habhaft werden können. Die Klotzischen Streitigkeiten und die Arlekinaden aller derer, die sich vor einigen Jahren unter uns berühmt zanken wollten, hatten seinen Geschmack etwas verwöhnt, und er war gegenwärtig mit keiner Lustbarkeit zufrieden, wenn sie nicht auf jenen Ton gespannt war. Daher gähnte er und konnte es unmöglich dabei bewenden lassen, solange die stummen Bände bloß aufeinanderstießen, sich drängten; ein so maschinenmäßiges Wackeln war für ihn ein nicht weniger langweiliger Anblick als dem erhabnen Statilius jedes Buch. Langeweile macht sinnreich; Statilius zählt, wenn er zu gähnen anfängt – welches jedesmal nach der dritten Zeile geschieht –, die großen Anfangsbuchstaben der Kapitel, und jener feindselige Geist besann sich, daß er auch ein Zaubrer ist, und machte ohne Verzug Gebrauch von seinen Kräften, um dem Spielchen mehr Anziehendes zu geben.

Er verwandelte durch ein geheimnisvolles Wort aus der kabbalistischen Gelehrsamkeit jedes Buch in seinen Autor, in Figuren von der Größe, in welche Milton seine Teufel zusammenschrumpfen läßt, um sie, ohne zu lügen, sämtlich ins Pandämonium quartieren zu können – eine komische Gesellschaft von Zwergfiguren! Hier guckte ein mürrisches, hagres Dichtergesicht aus einem Stutzerkleide, dort eine witzlose, geistleere Miene aus einer ehrwürdigen Perücke; hier sah ein Köpfchen, klein wie an einem Embryo, aus einem ungeheuren reichen, mit Flittergolde verbrämten Talare hervor, dort stund die schelmischste arglistigste Figur im schwarzen Rocke, Mantel und Überschlägen; da ein stolzer Schwachkopf in der Kutte des Strafpredigers, da ein leeres Gehirn im buntscheckichten Wams eines Freigeistes; oben saß ein Quacksalber mit einem langen, keilförmigen Titel statt des Schildes auf der Brust, neben ihm ein theologischer Klopffechter, der in einer Hand statt des Spießes das System schwenkte, in der andern statt des Schildes die Bibel hielt; an seiner Seite stand eine Apothekerbüchse, die ein paar aufwallende, gärende Flüssigkeiten in sich enthielt, mit einer darauf gemalten Menschenfigur und einer quer darüber laufenden Aufschrift: Der Philosoph C . . . – unmittelbar daran lehnte ein aufgedunsner Körper, mit juristischen Phraseologien so ausgestopft, daß sie aus allen Öffnungen hervorquollen, auf seinem Schoße saß ein wohlbeleibtes Männchen mit einem Titel statt des Lorbeerkranzes um die Stirn, unter welcher die undenkendste Miene eines Handwerksmannes saß, mit einer Feder in der Hand, die die Aufschrift hatte: Sic itur ad honores; um ihn lagen einige Truppe Philosophen und Dichter, die der Stolze, wie kriechende Insekten, verächtlich von Zeit zu Zeit übersah, um sie seine Größe fühlen zu lassen, und dann die Nase rümpfte, welches sie ihrerseits reichlich erwiderten. Auf einem Nachtstühlchen saß Quasimodogenitus und ließ sich, wie ein zärtliches Turteltäubchen, von einem Amor mit Mandeln und Rosinen speisen; ein Kritikus rieb neben ihm mit einer Drahtbürste die Politur und den Glanz von verschiedenen Büchern weg; ein anderer aus dieser Klasse maß mit Meßschnure und Winkelmesser Trauerspiele und Lustspiele, Romane und Gedichte aus und schüttelte unaufhörlich wie ein Beseßner mit dem Kopfe. – Im Winkel eines Faches saß . . . und suchte die Krümmungen auf, die die Donau hundert Jahre vor Christi Geburt gemacht hatte, schnitzte Männerchen aus Holz von verschiedener Gestalt, strich sie an und stellte sie nach ihren Farben in genealogischer Ordnung; ein anderer, der mit pathetischem Tone die Abenteuer des Sem, Ham und Japhet erzählte, lachte heimtückisch über die ganze Reihe seiner Nachbarn, besonders über diejenigen, die ihm keinen Reverenz machten, er sahe dabei so plump höhnisch aus, daß sein Gesicht schon eine höchst unangenehme Nachbarschaft war. Den größten Trupp machte ein Haufen feierlicher genieloser Geschöpfe, mit der finstersten Maske der Gravität auf dem Gesichte, mit der steifsten Ernsthaftigkeit im ganzen Betragen, in altfränkischer Kleidung; ein jedes darunter hatte eine Aufschrift auf der Brust, die den Namen seiner Grimasse anzeigte: Gründlichkeit, Demonstration, Tiefsinn, Melancholie, philosophischer Geist – ach, wer könnte das ganze Register von Namen herzählen, die sich die gelehrte Grimasse gegeben hat? – Delassare valent Fabium loquacem.

Auf einem solchen Fuße stunden die beiden Armeen, die itzt aufeinander anrücken sollten; ein Krieg zwischen Fröschen und Mäusen kann keinen komischern Anblick geben. Die Streiter waren schon so abgerichtet, daß sie, wie ein Paar Kampfhähne in England, kaum auf das Schlachtfeld traten, als sie schon mit Tumult und Lärmen sich anfielen. Der Aufruhr war so außerordentlich heftig und stürmisch, daß der präsidierende Geist ein Kopfweh davon bekam und in der größten Eilfertigkeit dem Spaße ein Ende machte, um sich nicht das Gehirn zersprengen zu lassen. Er stellte also durch ein Machtwort den Frieden wieder her – aber wie lange? – Die Heere zerstreuten sich wohl, balgten sich aus Furcht für Mißfallen nicht mehr; aber ein jeder Kämpfer fand, da seine Hände ruhen mußten, ein so gewaltiges Jucken in der Zunge und den Lippen, daß er ohne Unterlaß brummte und schnurrte wie ein zänkisches Weib, das gern zanken möchte und doch fatalerweise von ihrem kaltblütigen Manne kein einziges Mal gereizt wird; die ganze vorige Tapferkeit hatte sich in die Lippen gezogen, und die wackelten und wackelten! – daß endlich die Gottheit, die die Aufsicht führte, sich mitleidig entschloß, ihren Bewegungen und Konvulsionen der Lunge Luft zu machen, ehe sie zersprang. Er rief: »Redet!«, und die trübste Miene heiterte sich bei diesem Befehle auf.

Das Gebot wurde befolgt, aber so tumultuarisch, daß der Kopf des Geistes nichts dabei gewann, als daß ihn vorher ein unverständliches Feldgeschrei und itzt vernehmliche Worte zerspalteten: Es war nur ein Tausch von Beschwerlichkeiten. Sie redten alle zugleich, jeder wollte den andern überschreien, jeder redte ein andere Sprache, jeder in einem hastigern Tone die ganze Tonleiter der Polemik hindurch, daß der Geist ungeduldig und voll Verdruß seinen bleiernen Kommandostab auf die Erde warf und laut ausrief: »Geht zum Teufel, ihr Schwätzer!« – Augenblicklich ward alles still.

Die tiefste Stille herrschte in dem ganzen Saale, aber nur auf einige Zeit. Bald störte sie ein Geschwirre, mit welchem hie und da ein paar Nachbarn sich ins Ohr zischelten, erst in einzelne laute Töne und dann in ein völliges lautes Gespräch ausbrachen. Am vernehmlichsten war die Unterredung zweier Figuren, worunter eine in eine braune römische Toga gehüllt war, an deren Säumen statt der Prätexta ein ansehnlicher Streifen Papier prangte, mit Kompilationen aus der Alten und Neuen Welt beschrieben; der andre trug ein schlechtes gewöhnliches Kleid, aber über der rechten Schulter hing ein Fragment von dem Mantel des Diogenes. Jener schüttelte gewaltig mit dem Kopfe, agierte alle Gebärden und Stellungen durch, die Cicero einem Redner in der Toga vorschreibt, und schien einen geheimen Kummer gegen seinen Gesellschafter auszuleeren, der ihn mit einem spöttischen Lächeln anhörte.

»Estne haec gens togata?« rief jener endlich laut und pathetisch aus, indem er ein hastiges Rückpas machte und ein armes Dichterchen, das hinter ihm stand und sich mit fröhlicher Geschäftigkeit aus properzischen, catullischen, ovidianischen Phrasen ein allerliebstes Püppchen auspolsterte, zu Boden warf, daß er, sein Mädchen in dem Arme, über zehn Fächer auf die Erde herunterkollerte.

»Deutsch! wenn ich bitten darf!« unterbrach ihn der andre gelassen. –

»Sind das Gelehrte«, fuhr jener fort, »die itzt hin und wieder auf Kathedern sitzen, die Gründlichkeit unter die Füße treten und currente lingua etwas herschnattern, das sie Philosophie nennen? – Wo ist die goldne Zeit –«

»Lieber Mann, ereifern Sie sich nicht! Wir wollen friedlich ein Wörtchen miteinander sprechen. Was Sie goldne Zeiten zu nennen belieben, heiße ich eiserne.«

»Eiserne! Welche Lästerung!« – Der Geifer quoll ihm hervor.

»Ja, nicht anders! Von Ewigkeit her sind zween Menschen selten einer Meinung gewesen, und folglich können wir es ebensowenig sein: es ist eine Folge unserer Natur. – Wir wollen uns also vertragen; dulden Sie, daß ich jene Zeiten eisern und nicht golden nenne, und ich verspreche Ihnen heilig, es ebenso gelassen zu ertragen, daß Sie sie golden und nicht eisern nennen.«

»Wissen Sie aber auch, welche ich meine?« –

»Ja, ja! – Da man gewisse festgesetzte Phrasen auswendig lernte und sie getreulich von Menschen zu Menschen fortpflanzte; da es in jeder Wissenschaft eine Orthodoxie und eine Ketzerei gab und wie bei der Religion zur Schande unsrer Zeiten noch itzt geschieht,Und in Ewigkeit, bald mehr, bald weniger, in der Religion und den Wissenschaften, Künsten und Handwerkern geschehen wird, auch dies ist eine Folge der menschlichen Natur. Anmerk. des Herausgeb. jede Partei diejenigen Ketzer schalt, die nicht ihrer Meinung waren, jede Partei allein, mit Ausschließung aller übrigen Menschenkinder, die Wahrheit zu besitzen glaubte, wo man nicht denken, sondern glauben mußte; waren solche Zeiten golden oder eisern?« –

»Und was sind solche Zeiten, wo man so viel und so unsinniges Zeug denkt wie in den gegenwärtigen, wo man alles verkehrt?« –

»Sachte! Was verkehrt man? – Sind Sie Liebhaber von Fabeln? Die Alten haben ja auch Fabeln geschrieben; also werden Sie wohl geruhn, eine aus meinem Munde anzuhören. Wenn ich Ihnen mein Fabelchen erzählt habe, so frage ich Sie noch einmal – was verkehrt man? – und dann bitte ich mir gewisse Antwort aus.

Als Prometheus«, fing er an zu erzählen, »das erste Dutzend Menschen aus seinen schöpfrischen Händen ließ, so hielt er eine Anrede an sie, um sie von ihren künftigen Geschäften und ihrer Bestimmung zu unterrichten. – ›Lieben Söhne‹, sprach er – denn den männlichen Teil redte er zuerst an –, ›ich habe in euch Maschinen erbaut, die an Sonderbarheit alles übertreffen, sich nie völlig selbst kennen und doch vortrefflich ihre Wirkungen verrichten sollen. Ich stelle euch auf diesen Planeten und in euern Kopf einen Spiegel, auf welchen alle die Stückchen Elemente, die Jupiter hier rings um euch herum in der Figur von Bäumen, Steinen, von Luft, Wasser, von Vögeln, Hunden, Schafen und andren Dingen zusammengeballt hat, ein Bild werfen sollen, in welchem sich viele Verbindungen, Trennungen, Stöße – kurz, ein großer Teil von den Veränderungen dieser um euch schwebenden Elemente abbilden sollen. Keiner unter euch, keiner unter eurer ganzen Nachkommenschaft – keiner unter allen den Spiegeln, die jemals Bilder von diesem Erdkreise auffangen, wird dem andern völlig gleich geschliffen sein: Eine Sache wird nie in einem völlig gleich abgemalt stehn wie in dem andern, und doch werden alle Geschöpfe, die mit einem solchen Spiegel versorgt sind, so handeln, als wenn auf eines jeden Fläche die nämliche Vorstellung erschiene. Jenem auffangenden Spiegel gegenüber habe ich ein andres Glas von herrlicher Wirkung gestellt, ein Zauberglas, das von jenem den ganzen Vorrat von Bildern nach der Reihe aufnimmt und durch eine leichte zufällige Drehung, durch einen unmerklichen Schein jenes Spiegels augenblicklich alles in sich selbst wieder zum Vorschein bringt, was jemals in ihm gleichsam zur Verwahrung niedergelegt wurde. Noch habe ich hier in einem Behältnisse verschiedene kleine Teilchen hingelegt; sobald eins darunter auf euern Zauberspiegel springt, so wird eine Abbildung in ihm stehen; sie sollen in genaue Verwandtschaft mit der Zunge treten, sie soll ihr Werkzeug sein, ihr Überlieferer an andre euresgleichen. Mitten in euch habe ich ein Element gelegt, den feinsten unteilbarsten Teil des ganzen elementarischen Stoffes, aus welchem euer Körper und alles um euch herum zusammengesetzt ist, das Letzte, das nach aller Verwandlung, Zusammensetzung, Veränderung in dem Stoffe dieser Welt übrigbleibt, das selbst keiner Auflösung fähig ist – dieses Element soll die Aufseherin, die Regiererin von euch, sie soll euer Ich sein, das in sich alles vereinigt und von dem alle eure Handlungen Wirkungen sind, das von jenen Spiegeln annehmen muß, was sie ihm vorstellen, und oft Vorstellungen auf sie hinwerfen muß, oft freiwillig hinwirft. Wie jene Spiegel nicht in euch allen auf gleiche Art geschliffen sind, die Sachen nicht auf gleiche Art abbilden, wie das, was ihr Worte nennen sollt, jene Teilchen, die ich der Zunge zu Gebietern gab, niemals ein bestimmtes Bild allein, sondern eine schwankende Mischung von verschiedenen, die sich wie die Farben des Regenbogens ineinander verlieren, in euern Spiegel hervorrufen werden, so sollt ihr nie dasselbe Ding auf dieselbe Art sehen und doch oft dasselbe auf dieselbe Art zu sehen glauben. –

Doch, so wahr ich Prometheus bin! – Ich habe eine Torheit begangen! Ich wollte euch unterrichten, was ihr tun sollt, und ich lehrte euch, wie ihr es tun werdet. Wohlan! Hier gebe ich einem jeden unter euch ein Glas; reiset aus! Nach einem Jahre soll euch dieser Platz wieder vereinigen: Dann erzählt einander, was ihr gesehn habt!‹ –

Darauf stellte er sie, einen jeden nach einer andern Richtung, hieß sie fortwandern, und sie gingen.

Noch ehe sie ihn verließen, rief er ihnen zu: ›Dies sei euer und eurer Nachkommenschaft Geschäfte! Ein jeder wandre einen größern oder kleinern Teil dieses Planeten durch, sehe und sage, was er gesehn hat!‹

Nach einem Jahre kamen sie an den Ort ihrer Ausreise insgesamt zurück. Sie erzählten getreulich, was sie gesehn hatten; einige waren einander begegnet, einige Zeit miteinander gegangen, und so friedlich ihr Bericht anfing, so unruhig und stürmisch wurde er, als er an den Zeitpunkt kam, wo sie in Gesellschaft gereist waren. Ein jeder wollte andre Gegenstände, andre Begebenheiten gesehn haben, ob sie gleich alle eins gesehn hatten. Ein jeder stritt für seine Meinung und fand es höchst unbegreiflich, daß jemand eine andre haben konnte. Endlich wurde das Wortgezänke zum Fauststreite; sie faßten einander bei dem Halse, jeder wollte seinen Nachbar bestrafen, daß er nicht mit ihm übereinstimmte; in der Hitze des Kampfes verrückte sich bei einem jeden der Gesichtspunkt der Streitigkeit, und je mehr sich die Nägel mit dem Blute des Gegners färbten, je begieriger wurde man, ihn zum Geständnisse zu bringen, daß er unrecht habe, je mehr schlug einer auf den andern zu, um ihn zu zwingen, seiner gefaßten Meinung zu entsagen und die seinige anzunehmen, und zwar im völligen Ernste, weil jedes die seinige für die einzige Wahrheit hielt.

Indem sie mit dem heftigsten Zorne wüteten, näherte sich ihnen Prometheus und erschrak nicht wenig, als er seine neue Schöpfung dem Untergange so nahe fand. Er brachte sie durch das nämliche Mittel, wodurch sie sich wechselsweise hatten überzeugen wollen, von ihrem blutigen Scharmützel zurück und hörte ihre Beschwerden an: Ein jeder legte den andern zur Last, daß er die Wahrheit nicht von ihm habe annehmen wollen.

›Lieben Kinder!‹ sprach endlich Prometheus, ›die Wahrheit! O wie wagt ihr es, auf dieses Vorrecht der Götter Anspruch zu machen! Nur den Göttern ist es verstattet, in dem Spiegel jener ewigen Göttin alle Dinge zu sehn, wie sie sind, und ihr sollt durch die Gläser, die ich euch gab, jede Sache sehn, wie sie euch durch euer Glas scheint. Kein Wunder, daß alle ein Ding sahn und es doch einem jeden anders schien; denn jedes Glas ist anders geschliffen: manches verkleinert, manches vergrößert, manches ist hell, manches trübe. – Doch ich merke wohl, ich muß ferneres Blutvergießen verhüten; der größte Haufe eurer Nachkommen soll ohne diese Gläser in beständiger Dämmerung die Welt durchwandeln; nur einigen wenigen unter ihnen mögen ihrer anvertraut werden, sie sollen die übrigen lehren, was ihre Augen mit Hülfe der mitgeteilten Waffen entdeckt haben; die übrigen sollen ihnen glauben und durch Gewohnheit und Unterricht unmerklich zum Glauben gebracht werden und sich einbilden, gesehn zu haben, was sie doch nur lernten. –

Itzt trennt euch zum zweiten Male! In einem Jahre sprechen wir einander wieder.‹,

Sie gingen, und jeder begab sich nach Prometheus' Anordnung in eine besondere Höhle. Hier setzten sie sich nieder, und von selbst, ohne daß sie wollten, stellten und ordneten sich die auf ihrer Reise gesehenen Dinge in Reihen und Klassen; aus den gesehnen Begebenheiten erwuchsen allgemeine Grundsätze und Regeln, und nach Verlaufe des anberaumten Termins erschien ein jeder auf dem Sammelplätze mit einer fertigen Theorie in seinem Kopfe; allein da jeder verschiedene Dinge auf seiner Reise gesehn, jeder das, was alle sahen, auf eine besondre Art gesehn hatte, so trafen ihre Theorien so wenig zusammen als ihre vorjährigen Berichte; in einigen Grundsätzen waren sie eins, in andern himmelweit voneinander. Da sie aber durch die empfindliche Schiedsrichterkunst des Prometheus und ihre Wunden scheu geworden waren, so blieb es für dieses Mal bei dem Wortwechsel, über welchem sie ihr Befehlshaber antraf.

›Abermals im Zanke!‹ rief er, als er ankam. ›Ich lasse euch noch ein Jahr Zeit, um eure völlige Probe abzulegen.‹

Dieses Jahr brachten sie damit zu, daß sie eine neue Reise taten und unterwegs versuchten, Anwendungen von ihren gefundnen Regeln und Grundsätzen zu machen. Aus verschiednen Regeln mußte auch eine Verschiedenheit der Anwendung entstehen. Sie versammelten sich, und waren sie jemals uneinig gewesen, so waren sie es itzt. ›Wenn du das tun willst, so mache es so‹, sagte einer. – ›Nein, mache es so‹, sprach der andre und ebenso der dritte und die übrigen.

Prometheus versorgte sie mit Baumrinden und steinernen Griffeln und gebot ihnen, sich noch einmal in die Höhlen einzukerkern. Sie taten es: Ein jeder brachte seine Beobachtungen, seine Theorie, seine praktischen Regeln in Ordnung, grub sie in die Baumrinden und gelangte mit seinem System zu Ende des Jahres an dem Sammelplatze an. – Himmel, welche Verschiedenheit, als sie lasen! Da diese letzte Arbeit Mühe gekostet hatte, so wollte jedermann um soviel weniger seine Mühe vergeblich verschwendet haben; man bestand hartnäckig darauf, allein das wahre System zu haben, und es kam abermals zu Schlägen. Sie prügelten sich so lange, bis jeder seine Baumrinden und sein System an dem andern entzweigeschlagen hatte.

Indem kam Prometheus dazu, sahe die Trümmern der Systeme, Trümmern von Haaren, die sie sich ausgerauft, Trümmern von Menschenfleische, das sie sich ausgerissen hatten; zween von den Fechtern lagen tot auf dem Boden, und die übrigen waren schon im Begriffe, einander die Kehle zuzudrücken.

›Ihr Elenden!‹ schrie Prometheus, voller Besorgnis, daß seine neue Schöpfung sich sogleich selbst wieder zerstören möchte, und setzte seine schiedsrichterlichen Fäuste in Bewegung, die noch Lebenden vom Untergange zu erretten. Sie sanken alle kraftlos auf den Boden; einem hing das ausgeschlagne Auge blutend über die Backen herunter; dem zweiten war das Gesicht von den Nägeln zerfetzt wie die Hinterkeulen eines tätowierten Otahiten; dieser war ohne Nase und jener ohne Ohren – genug, der arme Prometheus konnte die verunstalteten Werke seiner Hände nicht ohne Mitleid und Unwillen ansehn. Er wurde so grimmig, daß er sich zweimal schon gefaßt machte, den Rest seiner Schöpfung mit einer guten Keule vor den Kopf zu schlagen, um nicht durch ihre künftigen Händel sich, ihren Urheber, entehrt zu sehn; doch ein Gedanke von Vernunft und Überlegung brachte ihn jedesmal von seinem Vorhaben zurücke. Er hieß sie endlich aufstehn und sprach aus einem Überreste von Rache über sie und ihre Nachkommenschaft den Fluch: ›Nie müsse eure Nachkommenschaft dahin gelangen, ein allgemeines vollkommnes System der Kenntnisse aufzubauen, die ihnen ihr Aufenthalt auf diesem Planeten darbietet; ewig sollen sie sammeln und verlieren, ein jeder dem andern erzählen, was er mit Mühe von der Oberfläche der Dinge aufgelesen hat, und nie –‹, hier verstummte er, ergriff seine vier Söhne, stieß sie von sich und befahl ihnen, so weit zu laufen, als sie ihre Füße tragen würden, ohne sich jemals zu begegnen.«

Der Erzähler dieser Geschichte wollte eben, seinem Versprechen gemäß, die Frage, was verkehrt man nun? – wiederholen, als dem Kompilator, der sie angehört, nicht verstanden und drum für eine alberne Fratze gehalten hatte, ein Männchen lachend über die breiten Schultern sah und lispelnd fragte: »Wissen Sie auch, was folgt?« – Der dicke Kompilator nahm so vielen Platz vom ganzen Fache ein, daß jener nicht, ohne Gefahr zu fallen, um ihn herumgehn und dem Erzähler der Geschichte auf sein Verlangen den Verfolg davon mitteilen konnte. Er nahm also hurtig die klügste Entschließung und kroch ihm durch die weit ausgebreiteten Beine. Darauf fing er, nachdem er seine Federmütze wieder in Ordnung gesetzt hatte, mit Verwunderung an:

»Sie wissen also den Verlauf nicht! –Jene vier fortgejagten Wandrer marschierten unaufhörlich fort. Das halbe Dutzend Mädchen, das Prometheus nebst ihnen hervorgebracht hatte, war indessen von der ersten Zeit ihrer Existenz an herumgeirrt, um etwas aufzusuchen, das ihnen nach der Foderung ihres Gefühls fehlte. Sie stießen einzeln auf ihre laufenden vier Brüder, und jede fühlte sich befriedigt, als sie den gefunden hatte, den sie fand; die beiden übrigen, die für die umgebrachten Märtyrer der Systeme bestimmt waren und also ewig umherwandelten, ohne das Verlangen ihres Herzens sättigen zu können, verwandelte eine erbarmende Göttin in Nachteulen, und sie, nebst ihren sämtlichen Nachkommen, tragen noch den Schmerz der ewigen Ehelosigkeit auf dem Gesichte, sie fliehen vor Scham das Tageslicht, und ihr Geschlecht wurde der finstre Vogel der Gelehrsamkeit, weil die ersten desselben, durch die unglückliche Systemsucht der für sie bestimmten Liebhaber, um Männer, Leben und Menschheit gebracht wurden.«

»Aber die verheirateten Jünglinge?« – »Die Verheirateten? – gaben System, Theorie und alles auf und vergnügten sich aufs herrlichste mit ihren gefundenen Weibern, ohne den Fluch des Prometheus eben zu empfinden. Sie tändelten, küßten, schäkerten und schäkerten sämtlich eine starke Nachkommenschaft heran. Nach einer langen Folge von Generationen führte der Zufall einige auf den Platz, wo die Brüder ihrer Vorfahren die Wahrheit ihres Systems mit dem Tode besiegelt hatten. Die Fragmente der zerschlagnen Baumrinden hatten wegen der magischen Kraft, die ihnen Prometheus mitteilte, sich die verfloßnen Jahrhunderte hindurch unversehrt erhalten; sie lagen mit ihren Aufschriften in dem nämlichen Zustande, in welchem sie hingeworfen worden waren. Sie fühlten eine geheime Sympathie, einen Zug nach diesen kostbaren Resten, huben sie auf, verwahrten sie heilig; sie wurden von Sohn zu Sohne überliefert; einer änderte hie und da einen Griffelzug, setzte hie und da einen hinzu, die Hauptsache blieb; man machte Abschriften; die Originale gingen verloren, bei jeder neuen Abschrift wurden, oft in der Absicht zu verbessern, oft aus Unwissenheit, oft aus Ungeschicklichkeit, Veränderungen gemacht und – Herr Doktor, das sind unsre Systeme – nur Fragmente, abgeschriebne Fragmente, die unter verschiedenen Veränderungen herumwandern, aus denen das Genie zuweilen ein neuscheinendes zusammensetzt oder auch von jenem Platze, wo das erste Blut dem System zu Ehren floß, ein bisher noch ungesehnes herholt.« –

»Aber so fragte ich doch recht – bei einer solchen Bewandtnis –, was verkehrt man da?« – sagte jener, der zuerst die Erzählung angefangen hatte. »Und die Antwort darauf ist nichts!« sprach dieser, der sie geendigt hatte. – »Nur denen verkehrt man etwas, die sich ein System kompiliert haben und es für die einzige Wahrheit halten.« –

Der Kompilator, der noch hinter ihm stund und dies für einen Stich hielt, der seine Ehre verwunden sollte, gab ihm bei jenen Worten von hintenzu eine Ohrfeige vom ersten Range und setzte seinen Arm zu einer zweiten in Bereitschaft, als jener sich hinter seinen Nachbar schlich und Lärm blies. Weil die Nachbarschaft der witzigen Köpfe ihm die nächste war, so erschien auf sein Geschrei ein ganzer Trupp derselben, tanzend und singend, und rief wie betrunkne Musensöhne ein elendes, geschmackloses Pereat; nur einer, mit einer hervorstechenden vielversprechenden Miene, gebot ihnen zu schweigen, und sie gehorchten.

Er erkundigte sich nach der Ursache der Unruhe. »Hier, der Mann«, rief der Beleidigte, der die Ohrfeige empfangen hatte, »dieser aufgeblasene Kompilator, hat mich wie einen Unwürdigen behandelt, mich, der ich unendlich mehr Genie und gesunden Menschenverstand besitze, wovon ein Gran seine ganze Plunderkammer von kompilatorischer Gelehrsamkeit aufwiegt.« – »Sie haben recht«, zischelte ihm der Heerführer der witzigen Köpfe zu, ohne daß es der ehrwürdige Gegner hören sollte, der aber doch etwas davon erschnappte und darum hastig fragte: »Wie, der elende Unwissende hat recht? – Was! was sagen Sie da?« –

Eilfertig lief jener auf ihn zu. – »Sie wissen, wie hoch ich Ihre Gelehrsamkeit schätze; Ihre letzte Schrift war ein Meisterstück, voll herrlicher Zitaten und auserlesener Blumen der Wissenschaft.« – »Was kümmert mich das? Das versteht sich von selbst!« erwiderte der Kompilator. »Ich will wissen, ob ich nicht recht habe! Und gleich« – hier wollte er seinen Lobredner bei dem Kragen fassen, aber er war unsichtbar geworden.

»Herr«, sagte er zu dem Manne, der über die erhaltne Ohrfeige nachdachte, und griff ihn bei der Brust fest an, »Herr, sagen Sie, daß ich recht habe, oder –«

»Wie ist mir das möglich?« sagte der andre schüchtern. »Ich bin ja Ihr Gegner, den Sie vorhin –«

»Nu, so kommen Sie! wir wollen kompromittieren« – und so riß er ihn mit sich fort. – »Der Mann dort soll unser Schiedsrichter sein. – Hören Sie, da! Habe ich nicht recht?« –

Der Aufgerufne war einer von den Quartiermeistern des deutschen Parnasses, einer, der die sämtlichen Truppen des Apolls in Regimenter und Kompanien verteilt und Buch und Register darüber hält. Sobald er merkte, daß man ihm die Ehre der Entscheidung zugedacht habe, ward er ungemein freudig, rollte geschäftig seine Listen auf. – »Mit Erlaubnis, wie heißen Sie?« – Der Name wurde ihm genennt; er suchte, er suchte. – »Nein! Sie sind kein schöner Geist.« –

»Ach, Narr! ein schöner Geist! ein Gelehrter bin ich, ein großer Gelehrter!« –

Der Literator, ohne ihn zu hören, fuhr in seinem Suchen fort und sprach, als jener schon weg war: »Wenn ich nur wüßte, unter welcher Fahne Sie stehen, so sollten Sie gleich erfahren, ob Sie recht haben!« – Aber er blieb ohne Antwort und rollte deswegen bedächtig seine Listen wieder zu.

Kläger und Beklagter nahmen ihren Weg zu einem andern Richter und glaubten ihn in einem Manne gefunden zu haben, der ernsthaft in tiefem Nachdenken da saß. Die Parteien trugen ihre Sache vor. »Was ist besser«, fragte der Mann mit der Ohrfeige, »Gelehrsamkeit oder polierter Menschenverstand?« –

»Punkt!« rief der Richter, an den sie sich gewandt hatten, und machte einen mit dem Bleistifte aufs Papier. Darauf fing er an, von seinem Papiere abzulesen:

»Als Minerva aus Jupiters Kopfe hervorgegangen war, wurde sie von ihm der übrigen Götterschaft vorgestellt, und jedermann bewunderte und liebte sie als ein muntres gesprächiges Mädchen, als die liebenswürdigste unter allen Göttinnen; selbst Juno, so eifersüchtig sie sonst gegen jede Schönheit, jede lobenswerte Eigenschaft war, wenn sie jemand außer ihr besaß, konnte sich nicht enthalten, sie mit einem nachdrücklichen Kusse ihrer Gewogenheit zu versichern. Kein Gott im ganzen Olympe, der sie nicht anbetete! keiner, der nicht von ihr lernte! Sie sprach mit einnehmender Freundlichkeit und nichts als gesunde Vernunft; was sie sprach, riß durch eine gewisse innerliche Kraft zum Wohlgefallen hin; es gefiel und überzeugte, weil es gefiel. Auch Momus hatte nichts an ihr zu tadeln, als daß man ihr nicht widerstehen könne – so galant wurde seine Satire! Auf ihrem Gesichte lebte eine ernste gesetzte Heiterkeit, ein weises Lächeln auf den Lippen und in jedem Zuge des Gesichts; sie war sicher zu gefallen und bemühte sich also nicht darum; sie schimmerte nicht, denn sie wußte, daß sie reizte; sie wollte nicht einnehmen, denn sie wußte, daß sie entzückte; gleichwohl war in ihrem ganzen Betragen nicht die mindeste Spur, daß sie ihre Vollkommenheiten kannte. Ihr Selbstzutrauen war das edle Selbstzutrauen der großen Seele, nicht die blinde Zuversichtlichkeit des Stolzes. Sie sagte offenherzig, was sie dachte, und dachte nichts, was sie nicht sagen zu können glaubte. In der Wahl ihrer Freunde und Lieblinge war sie ekel: niemand erwarb ihre Gunst, der ihr nicht glich, den nicht wenigstens die Hälfte der Vortrefflichkeiten zierte, die er an ihr bewunderte; er mußte aus Überzeugung bewundern, wenn er ihre Bewunderung gewinnen wollte. Im kurzen wurde, ihr Freund sein, zum sichern Kennzeichen, daß man etwas wert war; jeder Gott beeiferte sich um die Ehre dieses Kennzeichens, und nur wenige erlangten es.

Die Unglücklichen, die davon ausgeschlossen wurden, denen also ihr Unwert so gut als an der Stirne gezeichnet stund, sannen auf Mittel, sich einem solchen Schimpfe zu entziehn. Sie beredeten eine von den Untergöttinnen, die der angebeteten Minerva zur Dienerin gegeben war, auf die Reden ihrer Gebieterin achtzugeben, alles, auch das geringste, getreulich zu merken, es aufzuschreiben, auswendig zu lernen, welches sie ihrerseits mit den Reden und Handlungen ihrer glücklichen Nebenbuhler ebenso hielten. Es geschah, und da beide Teile einen genügsamen Vorrat gesammelt zu haben glaubten, so wurde die Aufwärterin mit allem möglichen Schmucke, falschen Diamanten, geschliffnem Glase – kurz, mit allem schimmernden Putze behängt, um den Mangel der Schönheit und des Reizes zu verbergen. In diesem blendenden Staate zeigte sie sich den Göttern; alle, die von ihrer Gebieterin verwiesen waren, liefen ihr zu, um vor ihren Füßen zu seufzen; dazu gesellte sich ein noch größrer Haufe von solchen, die ihre eigene Meinung so sehr bei sich selbst erniedrigte, daß sie nicht einmal das Herz hatten, auf Minervens Gunst einigen Anspruch zu machen. Sie krochen aus ihren Winkeln hervor, machten dieser geschmückten Marktschreierin ihre Aufwartung, wurden von ihr willig aufgenommen, so, daß ihre Wohnung in kurzem ein Asylum für den elendesten, schlechtesten Haufen und wie der Hain des Romulus mit Scharen angefüllt wurde. Auch liebten sie ihre Freunde so feurig als das kleine Häufchen von Minervens Anbetern; da die meisten unter jenen Leute mit stumpfem Gefühle und trockner Einbildungskraft waren, so mußten sie notwendig an dem bescheidnen stillen Reize Minervens weniger Geschmack als an dem ankündigenden prahlerischen gehäuften Putze ihrer Dienerin finden. Diese Betriegerin wurde stolz auf ihren Beifall und bekam endlich gar Neigung, Minerven um ihr ganzes Ansehn zu bringen.

Das Projekt gefiel ihrer Eitelkeit doppelt: teils, weil falsches Verdienst das wahre nie neben sich dulden kann, ohne sich erniedrigt zu fühlen, teils, weil sie allein alsdann die ganze Götterschaft zu Bewunderern zu haben hoffte.

›Leihe mir dein Haus!‹ sprach sie eines Tages zu Minerven. ›Ich habe ein großes Fest zu geben, und das meinige hat zu wenig Platz.‹ Jene weigerte sich; diese wurde aufgebracht.

Sie dachte auf Rache; doch versuchte sie ihren Anschlag noch einmal durch Bitten; es gelang ihr; das Fest wurde gegeben. Nach Endigung desselben verlangte die Besitzerin des geliehenen Hauses, daß sie wieder ausziehn sollte; sie schickte Boten über Boten; ›komm und vertreibe mich nebst meinen Freunden!‹ war die Antwort. Die beleidigte Göttin ging mit ihren Lieblingen, sich ihr Recht mit Gewalt zu verschaffen; aber wie konnten sie der ungleich größern Schar widerstehn, die das Haus besetzt hielt? – Alle Zugänge waren verschlossen, verriegelt, verrammelt. Sie mußte vor der Tür mit ihrem Häufchen stehenbleiben und noch obendrein sich von ihrer ungerechten Vertreiberin aus dem Fenster wie die schlechteste, niederträchtigste Gassendirne behandeln, schmähen, verachten, beschimpfen lassen. Sie ergrimmte und wollte einbrechen; aber der ganze Trupp der Feinde stürzte sich heraus und trieb sie mit Prügeln, Steinen, Stangen und Spießen fort. Einige wenige ihrer Helfer wurden gefangengenommen, andre gingen treulos von ihr zu den Siegern über, aber der größte Teil blieb ihr treu. Traurig ging der Rest in das kleine Häuschen zurück, das vorhin der Marktschreierin gehörte, und tröstete sich nebst der betrognen Göttin mit der Gerechtigkeit ihrer Sache.«

Der Mann legte sein Papier zusammen, und seine Erzählung wurde geschlossen. – »Wissen Sie den Verlauf Ihrer Erzählung?« fing der an, der mit dem Kompilator von dem Richterstuhl des Erzählers gekommen war. – »Ich will ihn erzählen; hören Sie nur!« –

»Aber woher können Sie den Verlauf einer Geschichte wissen, die meine Erfindung ist?« – fragte der Schiedsrichter.

»Woher? – Sie müssen wissen, daß ich der allgemeine Fortsetzer aller Schriften bin, die ihre Verfasser aus Überdruß oder weil sie erschöpft waren oder aus andern Ursachen unvollendet ließen. Ich weiß ihren Stil, ihre Manier, alles aufs genaueste nachzuahmen, und man müßte ein verzweifelter Kenner sein, wenn man den meinigen unterscheiden wollte. Sobald die erwartete Folge eines Buchs nur um eine Messe außen bleibt, so ist ein gewinnsüchtiger Buchhändler an der Hand, der sich eine Fortsetzung von mir schmieden läßt, und selten widerfährt mir das Unglück, daß nicht der größte Teil des Publikums es als das echte Werk des wahren Verfassers bewundern sollte; bringen gleich etliche vorwitzige Kunstrichter endlich alle Leser von ihrem Irrtume zurück, was schadet's? – L'admiration du moment – der erste Taumel des Beifalls ist doch meine. – Sie sollen gleich einen Versuch hören.

Nicht lange genoß die unglückliche Göttin diesen elenden Trost; bald wuchs die Unverschämtheit ihrer stolzen Überwinderin so stark an, daß sie ihre ehmalige Gebieterin auch sogar aus diesem Zufluchtsorte verdrängen wollte. Sie hatte Lust, sich selbst für Minerven auszugeben, und mußte also die wahre entfernen, deren Gegenwart ein zu deutlicher Beweis wider ihren Betrug gewesen wäre und sie alles ihres Kredits hätte berauben können.

Sie stiftete deswegen ihre Verehrer an, sie mit guter Manier beiseite zu schaffen. Sie brachen des Nachts in Minervens Wohnung ein, schleppten die schlummernde Göttin heraus und übergaben sie dem hülflosesten Zustande.

Tages darauf berief die Unglückliche ihre Freunde zusammen, um sie in ihre Rechte wieder einzusetzen; ein Teil davon, als er sah, wie weit es gekommen war, machte weitläuftige Entschuldigungen und verhielt sich neutral; ein anderer war so treulos, sie nicht mehr erkennen zu wollen; kaum zween oder drei blieben ihr getreu. Sosehr sie von Hülfe entblößt war, so wagte sie es doch, mit dem Beistande dieser wenigen sich von der unrechtmäßigen Unterdrückung zu befreien. Sie wollte ihre Sache vor dem Throne des Jupiters führen; doch ihre Feindin hatte ihr durch tausend Mittel den Weg verlegt. Sie tat von Zeit zu Zeit Versuche; niemals konnte sie durchdringen; sie mußte sich sogar öffentlich in das Gesicht eine Betriegerin schelten lassen, die ihre triumphierende rechtmäßige Überwinderin aus Neid und Stolz zu verdrängen suche. – ›Bin ich nicht Minerva, die leibliche Tochter des großen Jupiters? Ist jene nicht eine Betriegerin, die mich durch die boshafteste List und Gewalttätigkeit aus meinen gerechten Besitzungen vertrieben hat?‹ – Man lachte und kehrte ihr den Rücken zu, und wo man weniger höflich, verachtete, stieß, warf, peitschte man sie fort.

Es war ihr nichts übrig, als daß sie geduldig sich ihrem grausamen Schicksale überließ, von fremder Wohltätigkeit lebte oder sich in die tiefste Einsamkeit mit ihren übrigen Freunden begab, um daselbst Leben und Schmerz zugleich wegzuseufzen. Sie wählte das letzte, ohne zu bedenken, daß sie aus unsterblichem Blute herstammte.

Ihre Unterdrückerin brüstete sich indessen mit ihrem schändlichen Triumphe; sie wurde angebetet und mißbrauchte die leichtgläubige Ehrfurcht ihrer Diener so sehr, daß sie alle in Furcht und Zittern versetzte. Sie gebot, wäre es gleich das unsinnigste Zeug gewesen – man mußte schlechterdings gehorchen oder für den Ungehorsam büßen.

Die Vertriebne konnte in ihrem erniedrigten Zustande auf keinen Verteidiger rechnen noch viel weniger selbst sich zu der Herzhaftigkeit erheben, ihre gekränkten Ansprüche geltend zu machen. Nach einer langen Verbannung, als der Gram ihr beinahe ihren eignen Wert unfühlbar gemacht hatte, ergriff einen ihrer Getreuen plötzlich ein edler Unwille; sein Feuer begeisterte die übrigen, und sie beschlossen, bis vor den Thron des Jupiters zu dringen und ihm zu entdecken, welche niederträchtige Betriegerin er itzt für seine Tochter erkenne. Ihr Anschlag gelang. Sie schlichen in das Schlafgemach des Vaters der Götter und Menschen und fanden ihn, als er eben, den Kopf voll goldner verliebter Bilder, auf dem Sofa lag und von einem nächtlichen Besuche bei der schönsten Tochter Nereus' ausruhte. Er war in der herrlichsten Laune und darum desto geschickter, sich der leidenden Unschuld anzunehmen; seine Tochter, sosehr sie der Kummer entstellt hatte, besaß noch mächtige Reize genug, um ihm zu gefallen und das Bild seiner geliebten Nereide in ihm zu erneuern; ohne Beweis und Gegenbeweis erkannte er sie für seine Tochter und versprach ihr Hülfe. Er setzte sich es ernstlich vor; allein sein vorhabender Liebeshandel beschäftigte ihn zu sehr, als daß er Zeit und Muße zu einer kräftigen Unterstützung übrigbehalten konnte. Indessen wohnte doch Minerva in seinem Palaste, und jeder, der dem Jupiter die Aufwartung machte, tat ihr, wenigstens um des Jupiters willen, die nämliche Ehre an. Die Anzahl der wahren, überzeugten Verehrer nahm allmählich auch zu; aber gegen den überlegnen Haufen der entgegengesetzten Partei war ihr Trupp doch nur ein Chor Reichstruppen gegen eine große preußische Armee.«

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