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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 99
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Gewiß, mein Herr, das war zu arg! Es stund ihm frey, mich nicht zu lieben; aber dazu hatte er kein Recht, mich auf eine so plumpe Art zu beleidigen, und mir Vorwürfe zu machen, die man der geringsten Weibsperson zu sagen sich schämen muß. Allein, was wollte ich anfangen? Es war noch eine sehr grosse Barmherzigkeit von ihm, daß er meine Schande nicht in der Stadt ausbreitete, sondern mir seine Grobheiten nur ins Ohr sagte. Dieser unerwartete Zufall war mir so schrecklich, daß meine Krankheit anfieng, gefährlich zu werden, und ich war genöthiget, einige Monate das Bette zu hüten. Weil man aber wenig Exempel hat, daß Leute vor Schaam und Liebe gestorben sind, so erhielt ich mich auch, und ward nach und nach wieder gesund. Ich fieng an einsam zu leben, ich vermied alle Gesellschaft, und es ward mir leichte, dieses zu thun, weil Niemand kam, der mir solches auszureden Lust hatte. Mitten in dieser Klosterzucht, da mich mein Unglück zwang, der Welt und der Liebe großmüthig zu entsagen, versicherte man mich, daß der Professor in Halle, der bey meinem Vater um mich geworben hatte, noch unverheirathet sey. Es geht den alten Spröden, wie den Goldmachern. Je länger sie betrogen werden, je grösser wird ihre Hoffnung, daß sie doch endlich zu ihrem Zweck gelangen werden. Ich stellte mir es als etwas sehr mögliches vor, daß der Professor aus Verzweiflung, mich nicht bekommen zu haben, gar nicht geheirathet hätte, daß er vielleicht noch itzt über meine Härte untröstbar sey, und daß er gewiß vor Freuden taumeln werde, wenn er erfahren sollte, daß ich mich mitleidig entschlossen hätte, ihn aus seinem traurigen Junggesellenstande zu reissen. Aber was sollte ich meiner ehemaligen Thorheit für einen Anstrich geben, um mir einen Theil der Schaam zu ersparen, die von meinem itzigen Unternehmen auf mich zurück fallen mußte? Die Erfindung war nicht mehr neu, die Härte meines Vaters ins Spiel zu mischen. Ich hatte gefunden, daß es gefährlich sey, die Schuld auf eine boshafte Freundinn zu schieben. Ich entschloß mich zu einem Mittel, welches gewiß noch unverschämter, als die ersten beyden Einfälle, war. Lesen Sie nur diesen Brief.

 

Mein Herr,

»Haben Sie etwan Ursachen gehabt, auf meinen Vater unwillig zu seyn, so lassen Sie diesen Unwillen wenigstens mich nicht empfinden. Er ist vor einiger Zeit gestorben, und er starb beynahe untröstbar, da er kein Mittel hatte, Ihnen einen Irrthum zu benehmen, der seiner Freundschaft so empfindlich war. Ich will mir Mühe geben, diesen rechtschaffnen Vater wenigstens im Grabe noch bey Ihnen zu rechtfertigen. Es wird Ihnen nahe gehen, wenn Sie erfahren, wie unrecht Sie gethan haben, einen Mann zu hassen, der Sie als seinen vertrautesten Freund liebte.

»Erinnern Sie sich wohl, mein Herr, eines Briefes, da Sie mir die Ehre anthaten, bey meinem Vater um mich anzusuchen? So sauer meinem Vater der Entschluß ward, mich von sich zu lassen, so wenig war er doch Willens mich an einem Glücke zu hindern, das er für das größte hielt, welches ich mir in dieser Art wünschen könnte. Er stellte mir Ihr Ansuchen vor. Er gab mir zu erkennen, wie vortheilhaft es für mich sey, von einem so frommen, christlichen, und rechtschaffnen Manne, von seinem Freunde, geliebt zu werden. Er las mir mit Thränen die Stellen aus Ihrem Briefe vor, wo Sie seiner seligen Frau auf eine so edle Art gedenken. Er bat mich, Ihnen meine Hand zu geben. Er befahl mir es endlich ernsthaft, und mit ziemlicher Heftigkeit, da ich wegen meiner natürlichen Blödigkeit, und wegen der Unentschlüßigkeit, die uns Mädchen eigen ist, ihm so geschwind nicht antworten wollte, als er es verlangte. Endlich sagte ich ihm, daß ich nun keinen Zweifel mehr fände, welcher mich hinderte, Sie, mein Herr, meiner Hochachtung und Gegenliebe zu versichern. Er umarmte mich thränend, der redliche Vater. Ich mußte mich so fort zu ihm setzen, und Ihnen, mein Herr, diese Versichrung schriftlich thun. Ich that sie, und ich muß Sie, mein Herr, noch itzt um Verzeihung bitten, wenn diese Erklärung nicht in der feinen und geputzten Art abgefaßt war, die mir, als einem stillen, und in der Welt ganz unbekannten Mädchen, allerdings fremde seyn mußte. Ich ließ mein Herz reden. Mein Herz empfand Hochachtung und Liebe gegen Sie. Ich sagte dieses in meinem Briefe. Vielleicht sagte ich es gar zu treuherzig und deutlich. Vielleicht habe ich mir dadurch Ihre Verachtung zugezogen. Ich bin unglücklich, wenn dieses ist; aber nur mein redliches, mein offnes Herz machte mich unglücklich. Mein Vater schloß diesen Brief in den seinigen ein. Ich erinnere mich dessen noch wohl. Er war voll von Versichrungen der Freundschaft. Er schwur Ihnen eine ewige Zärtlichkeit. Wie sorgsam und liebreich empfahl er mich Ihrem Wohlwollen! So freundschaftliche, so liebreiche Briefe, mein Herr, hatten ja wohl eine Antwort verdient. Und doch erhielten wir keine, obschon mein Vater noch einmal darum bat, der es öfter nicht thun konnte, weil er fühlte, daß er beschämt war, und ein grosser Theil des Schimpfs auf mich fallen mußte. Wie konnten Sie, mein Herr, einen so redlichen Freund sterben lassen, ohne ihm zu sagen, womit er Sie beleidiget hatte? Er starb endlich, und hatte das Glück nicht, als Ihr Freund zu sterben. Wie unruhig hat ihn dieses noch in seinen letzten Tagen gemacht!

»Ich kann mich unmöglich überwinden, länger zu schweigen. Gewiß, mein Herr, ich wäre eines so rechtschaffnen Vaters ganz unwürdig, wenn ich mir nicht Mühe geben wollte, ihn noch im Sarge bey einem Freunde zu rechtfertigen, den er für seinen besten, für seinen einzigen Freund hielt. Nur dieses bitte ich von Ihnen, mein Herr, sagen Sie mir, sagen Sie mir es aufrichtig, womit hat Sie mein Vater beleidiget? Was waren die Ursachen einer so unerwarteten Kaltsinnigkeit? Womit verdiente ich eine solche Verachtung, die mich vor den Augen der ganzen Stadt lächerlich machte? Ich will meinen Vater nicht entschuldigen, wenn er nicht zu entschuldigen ist; aber vielleicht war es nur ein Misverständniß. Vielleicht war es ein Streich von misgünstigen Freunden, die Ihre Leichtgläubigkeit misbrauchten. Vielleicht haben Sie Unrecht, mein Herr! Treiben Sie Ihre Empfindlichkeit und Rache nicht zu weit. Würdigen Sie mich einer Antwort. Ich habe noch eben die Hochachtung gegen Sie, wie vormals, und, darf ich es wohl sagen, noch eben die Liebe, welche Sie so schlecht belohnten. Ja, mein Herr, Ihnen zu zeigen, wie rechtschaffen Sie mein Vater geliebt, wie hoch ich Ihre Freundschaft schätze, wie unschuldig meine Zärtlichkeit von Ihnen beleidiget worden; Ihnen dieses alles zu zeigen, biete ich Ihnen itzt von neuem selbst die Hand an, die Sie durch meinen Vater verlangten. Wollen Sie mich noch einmal beschämen? Die Freundschaft meines Vaters, meine eigne Liebe zu Ihnen, beyde verdienen eine Antwort. Ich erwarte sie mit der ersten Post, und bin,

Mein Herr,

– – –
am 10. des Christmonats,
1749.

Ihre Dienerinn.

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