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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 96
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Aber dasmal log mein Herz doch, und noch mehr, als ich gelogen hatte. Der Herr Hofrath war zu meinem Unglücke vernünftig. Ich bekam mit dem nächsten Posttage folgende Antwort:

 

Mademoiselle,

»Sie verbinden mich Ihnen durch das aufrichtige Beyleid über den Tod meiner seligen Frau. Ich habe viel verlohren, und ich glaube, daß ich diesen Verlust niemals wieder ersetzen kann. Es ist sonst mein Fehler gewesen, andern mit Erzählungen von den Vorzügen und Verdiensten meiner verstorbenen Frauen beschwerlich zu fallen; ich habe mich aber seit zwölf Jahren von dieser Schwachheit so sehr erholt, daß ich Ihnen, Mademoiselle, weiter nicht ein Wort davon sagen will. Die Versichrung von Ihrer Freundschaft und Ihrem Wohlwollen würde mir zu einer andern Zeit noch unschätzbarer gewesen seyn, als Sie mir itzt ist, da ich über den Tod meiner rechtschaffnen Frau in meinem Gemüthe noch nicht so ruhig bin, daß ich im Stande wäre, ein Vergnügen ganz zu schmecken. Der Unwille Ihres seligen Herrn Vaters ist mir in der That eine unerwartete Nachricht; er hat diesen, so lange er gelebt, wenigstens sehr sorgfältig zu verbergen gewußt, und ich habe Proben seiner Freundschaft, die mir niemals Gelegenheit gegeben haben, daran zu zweifeln. Dem sey, wie ihm wolle, so thun Sie doch alles, was man von einer vernünftigen und wohlgezogenen Tochter verlangen kann. Bey seinem Leben sind Sie, wider die Empfindungen Ihres Herzens, gehorsam gewesen, und auch nach seinem Tode reden Sie von der unbilligen Härte eines Vaters mit einer Mäßigung, die Ihnen zur Ehre gereichen muß. Ich habe von den Pflichten der Kinder gegen die Aeltern so strenge Begriffe, daß ich glaube, Kinder sind schuldig auch nach deren Tode, ihre Befehle, so wundersam sie auch scheinen mögen, aufs genaueste zu befolgen. Hat Ihr Herr Vater geglaubt, es werde Ihr Glück nicht seyn, wenn Sie die Meinige würden, so muß er, als ein vernünftiger Mann, so wichtige Ursachen gehabt haben, daß ich mich auch itzt nicht entschliessen kann, Sie zu einem Ungehorsame zu verleiten. Die Verheirathung meiner beyden Töchter, die vor zwölf Jahren noch unerzogne Kinder waren, würde mich in den Stand setzen, Ihnen, Mademoiselle, meine Hand anzubieten, ohne den Vorwurf zu besorgen, daß ich es in der Absicht thäte, eine Kinderfrau für sie zu suchen. Ich fühle aber meine Jahre, die mich oft so murrisch machen, daß ich niemanden anmuthen kann, mit mir so viel Gedult zu haben, als meine Kinder gegen mich bezeigen, die bey mir im Hause sind, und mich aufrichtig lieben. Hier erwarte ich meinen Tod gelassen, und was ich noch wünsche, ist dieses daß es Ihnen wohl gehen möge. Ich bin mit besonderer Hochachtung,

Mademoiselle,

Ihr ergebenster Diener.

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