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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 95
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Wie meinen Sie, mein Herr, war das nicht ein niedlicher Korb? Sollten Sie dieses wohl für die Schreibart eines dummköpfigen Johanns halten? Wäre er nur in seiner Antwort grob und unbedachtsam gewesen, so hätte ich doch zum wenigsten das Vergnügen gehabt, ihn einen Esel zu heissen. Aber was sollte ich itzt thun, da er auf allen vieren gekrochen kam, und mir mit Demuth, Ehrfurcht und Hochachtung sagte, daß ich eine Närrinn wäre? Ich nahm mir vor, meinen Verdruß zu verbergen, und seinem Schwiegervater, wenn er das Zeugniß abholen würde, die größten Lobeserhebungen von ihm vorzusagen. Aber es kam niemand, der mein Gutachten wissen wollte, und ich muß glauben, daß auch dieses nur eine boshafte Erfindung war, mich abzufertigen. Ich unglückliches Mädchen! Was sollte ich nun thun? Meine Freunde wurden immer treuherziger. Je länger ich ihr Brodt aß, je deutlicher sagten sie mir, daß sie wünschten, ich möchte nun bald vor eine andere Thüre gehen. Aber vor welche? Das wußten sie nicht, und ich noch weniger.

Ich hatte Gelegenheit gehabt, die Schwester meines ersten Liebhabers, des Herrn Hofraths R – – – kennen zu lernen. Die Bekanntschaft half mir weiter nichts, als daß ich erfuhr, seine zwote Frau wäre ihm vor einem halben Jahre auch wieder gestorben. Es gehörte eine Unverschämtheit dazu, diese Nachricht sich zu Nutze zu machen; aber für ein Frauenzimmer, das demüthig genug gewesen, dem Schreiber ihres Vaters ihr Herz anzubieten, und welches nicht vor Scham gestorben war, daß sie eine abschlägige Antwort von ihm erhalten hatte; für ein solches Frauenzimmer war die Entschliessung nicht zu schwer, einen verschmähten Liebhaber um Gegenliebe anzuflehn. Ich schrieb an den Hofrath:

 

Mein Herr,

»Ihre Frau Schwester, welche mir die Ehre Ihrer Freundschaft gönnt, hätte mir keine betrübtere Nachricht sagen können, als die von dem Tode Ihrer seligen Frau. Es ist nun zu spät, Ihnen mein aufrichtiges Beyleid zu versichern. Es würde eine Grausamkeit von mir seyn, Ihre Betrübniß über einen Verlust zu erneuern, der einem Manne, welcher so edel denkt, und so vernünftig liebt, als Sie, mein Herr, nicht anders, als höchst empfindlich fallen muß. Sie haben völlig den Charakter eines ehrlichen Mannes. Die Welt und ich haben hiervon unzählige Proben; mir aber wird besonders diejenige unvergeßlich seyn, da Sie selbst vor einigen Jahren schriftliche Gelegenheit gegeben haben, mich davon zu überzeugen. Wie glücklich wäre ich, wenn es damals bey mir gestanden hätte, mir solche zu Nutze zu machen! Ich liebe meinen verstorbnen Vater noch itzt im Grabe zu sehr, als daß ich mich überwinden kann, Ihnen die Ursachen zu sagen, die mich daran hinderten. Ich will es eine Uebereilung, eine persönliche Verbitterung, oder sonst eine Härte nennen, die ihn bewog, mich zu zwingen, Ihnen wider die Empfindung meines Herzens zu antworten. Mein Unglück würde doppelt seyn, wenn Sie bisher in den Gedanken gestanden, als wäre ich ohne den strengen Befehl meines Vaters vermögend gewesen, einen so thörichten Entschluß zu fassen. Lassen Sie mir Gerechtigkeit wiederfahren, glauben Sie, daß ich von Ihren Verdiensten, und von meinem Glücke besser geurtheilt habe. Itzt bin ich frey. Ich habe keinen Vater mehr, der mich hindern kann, glücklich zu werden. Zweifeln Sie noch an der Hochachtung, die ich gegen Sie gehabt, an den Thränen, die es mich gekostet, durch den Zwang undankbar zu seyn, an dem Verlangen, Ihre Freundschaft und Achtung zu verdienen; zweifeln Sie noch an einem von diesen allen, so will ich wider die Gesetze meines Geschlechts einen Schritt thun, der Sie überzeugen soll, wie unbillig Sie zweifeln. Ich will Ihnen sagen, daß ich Sie liebe, daß ich Sie itzt noch eben so sehr liebe, als damals; daß ich mir kein Glück mit einer so zärtlichen Unruhe wünsche, als dieses, die Ihrige zu seyn. Redete ich mit einem Manne, der weniger vernünftig und einsehend wäre, als Sie, mein Herr, sind, so würde ich mich schämen, meine Neigung und Liebe so offenherzig zu bekennen, und beyde Ihnen anzubieten. Sie sind zu gerecht, als daß Sie dieses zu meinem Nachtheile auslegen sollten. Gönnen Sie mir die Ehre, mir schriftlich zu sagen, ob meine Hoffnung und mein Zutrauen zu Ihnen ungegründet gewesen ist. Mein Herz sagt mir, daß es nicht seyn werde; und mein Herz hat mich noch niemals betrogen. Ich bin mit aller ersinnlichen Hochachtung,

Mein Herr,

– – – –
am 18 des Heumonats
1748.

Ihre Dienerinn.

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