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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 94
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Das war also meines Vaters Johann, der dickköpfige dumme Junge, wie ich ihn sonst beständig nennte, der war es, den ich itzt unter der Versichrung meiner Hochachtung bitten, und bey der Asche meines Vaters beschwören mußte, er möchte doch das Werk der Barmherzigkeit und der christlichen Liebe an mir armen verlassenen Wayse ausüben, und mich, so bald als möglich, zu seiner gehorsamst ergebensten Frau machen, und eine Hand annehmen, von der er in vorigen Jahren so viel Nasenstüber und Ohrfeigen bekommen hatte. So elend meine Umstände waren, so viel Stolz hatte ich doch noch übrig zu glauben, daß mein angebeteter Johann dumm genug seyn würde, mit beyden Händen zuzugreifen, und das Glück, so ich ihm an den Hals warf, fest zu halten. Aber wie ändert sich doch alles mit der Zeit: Der dumme Johann war klüger, als ich wünschte. Lesen Sie seinen Brief, und urtheilen Sie von meiner Beschämung. Hier ist er von Wort zu Wort:

 

Mademoiselle,

»Es hätte mir keine Erinnerung empfindlicher seyn können, als diejenige ist, auf welche Sie mich in Ihrem Briefe zurück führen. Der Tod Ihres seligen Hrn. Vaters, eines Mannes, den ich noch im Grabe als meinen Gönner und Versorger verehre, dieser Tod hat mich so viele Thränen gekostet, und meine Wehmuth wird verdoppelt, da Sie, Mademoiselle, mir sein Wohlwollen gegen mich auf eine so lebhafte Art abschildern. Wie elend würde ich itzt seyn, wenn er mich nicht aus dem Staube gerissen, mir so viele Jahre meinen Unterhalt gegeben, und mich zu demjenigen Amte geschickt gemacht hätte, das ich itzt verwalte! Ich wäre der undankbarste, und nichtswürdigste Mensch von der Welt, wenn ich diese Wohlthat jemals vergessen wollte. Meine Hochachtung gegen Sie, die bis in den Tod dauern wird, ist das einzige, was ich als eine Art einer geringen Wiedervergeltung anbieten kann. Meine Armuth, und mein geringer Stand hindern mich, mehr zu thun. Die Freundschaft, deren Sie mich versichern, ist das wichtigste auf der Welt, das ich mir wünschen kann. Hätte ich mir wohl jemals einbilden können, daß Ihr seliger Herr Vater so viel unverdiente Liebe gegen mich hegen würde, daß er noch auf dem Todbette Ihrer Freundschaft mich empfehlen sollte? Und Sie, Mademoiselle, sind so geneigt, mich dieser Freundschaft zu würdigen? eine Ehre, deren ich mich am wenigsten versehen hätte. Sie haben, so lange ich in Ihres Herrn Vaters Hause gewesen bin, mir nicht die geringste Gelegenheit gegeben, auf einen so stolzen Gedanken zu fallen, und ich bin immer ganz trostlos gewesen, wenn ich aus Ihrem Bezeigen gegen mich zu sehn glaubte, daß Sie mich des Wohlwollens, das Ihr Herr Vater gegen mich äusserte, ganz für unwürdig hielten. Ich glaubte in diesen letzten zwey Jahren nach seinem Tode von Ihnen ganz vergessen zu seyn. Wie edel und großmüthig ist Ihr Herz, welches so viel Antheil an meinem kleinen Glücke nimmt, und mir erst itzt den letzten Willen des seligen Herrn Vaters auf eine so verbindliche Art eröffnet!

»Sie bieten mir Ihre Freundschaft an. Ich würde deren unwürdig seyn, wenn ich solche für etwas anders, als eine Versichrung ihres schätzbaren Wohlwollens annehmen wollte. Ich habe Sie jederzeit als die Tochter meines Gönners verehrt, und es würde mir leid seyn, wenn Ihr Vorwurf gegründet wäre, und ich die letztern Jahre über wirklich Gelegenheit gegeben hätte, Ihnen meine Hochachtung verdächtig zu machen. Gönnen Sie mir, Mademoiselle, ferner Ihren Schutz und Wohlwollen. Es wird dieses der größte Ruhm für mich seyn, da Sie bey Ihren Jahren, und bey Ihrem reifen Verstande, die Welt so wohl haben kennen lernen. Ich wage es, noch eine kleine Bitte zu thun. Es findet sich eine Gelegenheit, mich mit der Tochter eines benachbarten Verwalters zu verbinden. Es ist dieses tugendhafte Mädchen das einzige unter allen, das ich lieben kann. Ich bin aber ihren Aeltern und in der hiesigen Gegend so unbekannt, daß sie noch angestanden haben, einen fremden Menschen glücklich zu machen. Ich habe mir die Freyheit genommen, mich auf Ihr Zeugniß, Mademoiselle, zu berufen. Der Vater wird auf künftige Messe Gelegenheit suchen, Ihnen aufzuwarten. Sagen Sie ihm, daß Sie mich Ihres Wohlwollens würdig halten. Das ist der größte Lobspruch für mich, und mehr brauche ich nicht, glücklich zu werden. Wie leicht muß es Ihnen ankommen, mein Glück zu befestigen, da Sie selbst so edel denken, und so geneigt sind, dem Befehle eines sterbenden Vaters nachzukommen! Ich werde dafür mit aller Demuth und Ehrfurcht, die ich Ihnen und der Asche Ihres Herrn Vaters schuldig bin, unverändert seyn,

Mademoiselle,

Ihr                
gehorsamster Knecht,
—   —   —   —
       

 

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