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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 86
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Dieser Brief brach meinem Vater das Herz. Der Herr Professor hatte ihn auf der schwachen Seite angegriffen; denn er war wider die Gewohnheit der meisten Männer so schwach, daß er niemals ohne zärtliche Empfindlichkeit an den Tod seiner Frau denken konnte. Die Person des Herrn Professors, seine Gelehrsamkeit, seine guten Einkünfte waren ihm bekannt. Vielleicht kam auch dieses dazu, daß er sich die Last, eine erwachsne Tochter zu hüten, vom Halse schaffen wollte. Er redete mir sehr ernstlich zu, ich sollte den Vorschlag annehmen. Sein hohes Alter, seine übrigen Umstände mußten ihm dazu dienen, mich zu bereden. Ich wußte auf alles eine Antwort; und wenn ich nicht weiter konnte, so gab ich ihm zu verstehn, daß ich mich entschlossen hätte, gar nicht zu heirathen. Ein närrischer Entschluß, meinte mein Vater; er war aber auch nicht so ernstlich gemeint. Vierzehn Tage brachte er zu, mich zu bekehren; immer war seine redliche Mühe vergebens. Endlich bat ich mir vier Wochen Bedenkzeit aus. Ich erhielt sie, und wendete diese Zeit dazu an, ohne Vorwissen meines Vaters dem Herrn Professor folgende Antwort zu überschicken:

 

Mein Herr,

»Auf Befehl meines Vaters habe ich die Ehre, Ihnen für die wohlgemeinte Condolenz wegen des Ablebens seiner vor zehn Jahren verstorbnen Frau ergebenst zu danken. Mein Vater ist mit mir einig, daß Sie ihr die beste Leichenpredigt gehalten haben; und ich insbesondre bin überzeugt, daß Sie mehr geschickt sind, verstorbnen Frauenzimmern Lobreden zu halten, als den itztlebenden Schmeicheleyen vorzusagen. Hätten Sie um meinen Vater selbst anhalten wollen; so würde dieses freylich der beste Entschluß gewesen seyn, sich an ihn selbst zu wenden. Da Sie aber mir die Ehre zugedacht hatten; so hätte ich wohl den Antrag von Ihnen unmittelbar erwartet. Mit Ihrer Erlaubniß, ich glaube, Sie, mein Herr, sind ein Beweis, daß man fromm, ehrbar und gelehrt seyn kann, und doch nicht zu leben weis. Ich danke Ihnen für Ihre christliche Absicht unendlich. Ich finde Bedenken meinen alten Vater zu verlassen, dessen Jahre Wartung und Vorsorge brauchen. Kann ich in meinem Leben das Glück nicht haben, die Versichrung Ihrer Liebe anzunehmen; so wünsche ich mir doch nichts mehr, als die Ehre daß Sie mir nach meinem Tode die Abdankung halten. Sie sind der erbaulichste Leichenredner, den ich kenne, und ich bin dafür mit unwandelbarer Devotion,

Mein Herr,

– – – –
am 20sten des Brachm.
1740.
Ihre Dienerinn.
F – – –
       

»N. S. Sie werden nicht nöthig haben, mir oder meinem Vater zu antworten. Er denkt itzt an nichts, als an den Tod seiner seligen Frau.«

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