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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 85
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Hätten Sie wohl geglaubt, mein Herr, daß ein Frauenzimmer, welches sich schmeichelt, Erziehung zu haben, im Stande gewesen wäre, einen so unhöflichen und rasenden Brief zu schreiben? Aber was thut nicht eine Närrinn, wie ich war? Ich schrieb ihn in Gegenwart meines Hochwohlgebohrnen Lieutenants. Er hatte seinen Arm um meinen Nacken geschlagen, da ich ihn schrieb, und er küßte mich für jeden allerliebsten artigen Gedanken, wie er meine groben Einfälle nennte. Ich war damals so wohl zufrieden mit mir und meinem Ritter, daß ich nicht weis, wozu mich seine Zärtlichkeit gebracht hätte, wenn er noch ein wenig mehr verwägen, und ich nicht besorgt gewesen wäre, durch eine zu vertraute Gefälligkeit die Hochachtung zu verlieren, in der ich ihn gegen mich erhalten mußte, wenn meine Absichten auf ihn ernsthaft bleiben sollten. Er liebte mich einige Monate feuriger, als jemals, und als ihn eine heftige Krankheit überfiel, merkte ich erst, wie stark meine Liebe zu ihm war, die ich ihm nunmehr weder selbst sagen, noch andern entdecken durfte. In dieser ängstlichen Ungewißheit blieb ich länger, als ein Jahr, und ich war bey dieser Unruhe so unbesorgt auf mich selbst, daß ich nicht wußte, was um mich herum vorgieng, ob ich damals Anbeter hatte, oder nicht. Ich weis es in der That nicht. So viel weis ich, daß mir um diese Zeit Niemand mit einem schriftlichen Antrage beschwerlich fiel. Er würde schlimm angekommen seyn. Endlich ward mein Lieutenant wieder gesund. Seine Krankheit hatte ihn sehr mürrisch und verdrüßlich gemacht. Wenigstens gab ich es seiner Krankheit Schuld, daß er bey unsrer ersten Zusammenkunft ziemlich gleichgültig gegen mich that. Er erholte sich nach und nach: gegen mich aber blieb er immer gleichgültig. Wie unruhig ward ich Thörinn! Ganz unvermuthet erhielt ich die Nachricht, er sey nach Dresden gereist, um die Sachen wegen seiner Compagnie in Ordnung zu bringen. Nach Dresden zu reisen, ohne mir ein Wort davon zu sagen, ohne Abschied zu nehmen, ohne mir zu sagen, daß er sich dem glücklichen Augenblick nunmehr nahe, wo er meine Liebe und Beständigkeit krönen könne? Konnte ein Gedanke für mich grausamer seyn, als der, welcher natürlicher Weise aus diesen Vorstellungen fließen mußte? Und doch war ich immer noch so leichtgläubig, daß ich mir einbildete, nur aus Liebe zu mir, nur um mich nicht zu kränken, sey er ohne Abschied, und in der Stille fortgereist; um mir eine ganz unerwartete Freude zu machen, habe er mich nicht wollen wissen lassen, wie nahe er seinem Glücke sey. Mit ausgesperrten Armen sah ich im Geiste meinen treuen Liebhaber zu mir zurück fliegen, um sein neues Glück als Hauptmann mit mir zu theilen. Aber warum schrieb er mir nicht? Schreiben hätte er zum wenigsten gekonnt. Das hieß ich die Zärtlichkeit aufs höchste treiben. Nun ward ich argwöhnisch und unruhig.

Mitten in diesen kritischen Umständen verblendete der Himmel einen Professor, der um mich warb. Mein Vater sagte, er wäre ein gelehrter Mann. Es kann seyn. Aber ein Professor, der gelehrt ist, und ein Capitain, den man liebt, sind zwo ganz unterschiedne Creaturen. Er hatte ein gutes Auskommen, und ich wußte, ungeachtet aller Mühe, die ich mir gab, an ihm weiter nichts auszusetzen, als daß er zwey und vierzig Jahre alt war. Ein Mädchen von acht und zwanzig Jahren hätte sich daran nicht stossen sollen! So? Wer hat Ihnen denn gesagt, mein Herr, daß ich damals acht und zwanzig Jahre alt war? Um diese Zeit sind die Frauenzimmer in ihren stehenden Jahren, und ich war seit fünf Jahren beständig drey und zwanzig Jahre alt gewesen. Ihr Einwurf taugte also nichts. Lassen Sie mich meinen Roman weiter erzählen. Die alten Römer mögen sich vermuthlich an die Väter gewendet haben, wenn sie sich in die Töchter verliebt hatten; wenigstens machte es mein Herr Professor so. Er arbeitete an meinen Herrn Vater folgende gelehrte Schrift aus:

 

Hochedelgebohrner Herr,
Hochzuehrender Herr Commißionrath,
        Vornehmer Gönner,

»Ew. Hochedelgeb. mit gegenwärtigen Zeilen gehorsamst aufzuwarten, verbindet mich die unterthänige Hochachtung, die ich gegen Dero vornehmes Haus noch bis itzt unverändert hege. Es wird nunmehr ungefähr funfzehn Jahre seyn, daß ich das Glück hatte, von Ihnen als Informator Ihrer lieben Jugend so viele Wohlthaten zu genießen, die mir beständig unvergeßlich seyn werden. Wie geschwind sind diese Jahre verstrichen, und wie vielen Veränderungen sind wir mit denselben unterworfen! Ich kann ohne innige Regung noch itzt nicht an den schmerzlichen Verlust gedenken, den Sie vor zehn Jahren durch den unvermutheten Hintritt Ihrer im Leben so zärtlich geliebten, und nunmehr in Gott sanft ruhenden Frau Eheliebste erlitten haben. Gewiß, wenn Gottesfurcht und Tugend den Menschen unsterblich machten; so würde diese wohlselige Frau vor andern verdient haben, niemals zu sterben. Aber ihre unveränderte Liebe zu Ew. Hochedelgeb. ihre vernünftige Bemühung, die ihr anvertrauten Liebespfänder dem Schöpfer zur Ehre, sich zur Freude, und der Welt zum Besten zu erziehn; ihre Sorgfalt, die Pflichten einer Christin zu erfüllen; ihre Liebe gegen den armen und nothleidenden Nächsten, diese und noch unzählich andre Tugenden, machen sie unsterblich, wenn auch das Irdische von ihr längst verwest ist. Ew. Hochedelgeb. verzeihen, daß ich diese schmerzhafte Wunde wieder aufreiße, welche eine Zeit von zehn Jahren nicht völlig zuheilen können. Meine Thränen sollen den Schmerz lindern, Thränen der Dankbarkeit und Freundschaft, redliche Thränen! Sie sind Zeugen der Hochachtung. Wie glücklich sind Sie noch, Hochzuehrender Herr Commißionrath, da Sie der mütterlichen Sorgfalt dieser rechtschaffnen Frau die Erziehung einer tugendhaften Tochter zu danken haben, die Ihnen durch die Aehnlichkeit ihrer Gesichtszüge zwar beständig das Andenken ihres Verlusts verneuern muß; deren gottesfürchtiger und frommer Wandel aber, nebst andern löblichen Eigenschaften, Ihnen auf der andern Seite diesen Verlust wieder zum größten Theile ersetzt. Erinnern Sie sich, Hochedelgebohrner Herr, wie vergnügt Sie bey dem glücklichen Besitze Ihrer seligen Frau Eheliebste waren, und stellen Sie sich dabey einmal vor, wie glücklich Sie denjenigen machen, welchen Sie würdigen, mit einer so liebenswürdigen Tochter zu vereinigen. Ein Glück, auf welches niemand Anspruch machen darf, als der es zu schätzen weis, und den die Begierde, dessen würdig zu werden, mit der größten Hochachtung und Dankbarkeit gegen Ew. Hochedelgeb. verbindet. Fehlen mir, Hochedelgeb. Herr, andre Vorzüge, so sind es doch Hochachtung und Dankbarkeit nicht, die ich mir streitig machen lasse. Verdiene ich itzt die Ehre noch nicht, Ihr Schwiegersohn zu seyn; so wird mein Bestreben unermüdet seyn, mich so aufzuführen, daß Sie diese Wahl künftig nicht gereuen kann. Ein Wink von Ihnen wird mich so dreiste machen, Ihrer Hochzuehrenden Jungfer Tochter diese meine tugendhafte Neigung und christliche Absicht zu eröffnen. Kommen Sie durch Ihren Vorspruch meiner Blödigkeit zu Hülfe, und empfehlen Sie mich einer Person, die ich über alles in der Welt schätze. Sie haben bey meiner Beförderung den ersten Grund zu meinem Glücke gelegt, machen Sie es vollkommen. Sie verbinden mich auf diese Art Ihnen doppelt. Ich werde dafür mit unwandelbarer Devotion seyn,

Hochedelgebohrner Herr,
Hochzuehrender Herr Commißionrath,
Meines Hochzuehrenden Hrn. u. vornehmen Gönners

– – 5ten May 1740.

gehorsamst ergebenster Diener,
N.
       

 

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