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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 81
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Wie meinen Sie, mein Herr, daß ich diesen Brief aufnahm? Itzt, da ich Zeit habe, ihn gelaßner zu überdenken, finde ich in der That alles drinnen, was man von einem vernünftigen Liebhaber fodern kann. Damals aber dachte ich ganz anders. Er kam mir frostig und altvätrisch vor, und ich glaubte nichts, als die letzten Flammen eines verliebten Wittwers wahrzunehmen, welcher aus Liebe zu seinen armen Waysen zu guter letzt noch einmal zärtlich thut, um für sie eine gute Wärterinn zu erfreyen. Unendlich reizender und schätzbarer waren mir die Schmeicheleyen eines jungen von Adels aus der Nachbarschaft, der mich seit fünf Jahren versicherte, daß ich schön, und seine Göttinn sey. Sagte der Herr Hofrath wohl so etwas, und hat er wohl mit einem Worte an meine Schönheit gedacht, auf die ich doch meinen ganzen Werth setzte? Dieser von Adel war Lieutenant, und ich bildete mir ein, daß er mir bey einigen unschuldigen Freyheiten, die ich ihm dann und wann erlaubte, nicht undeutlich zu verstehen gäbe, er wolle mich heirathen, so bald er eine Compagnie haben würde. Ein Soldat, ein Hauptmann, ein zärtlicher Hauptmann ohne Kinder, war der nicht einem bejahrten Hofrathe, und ernsthaften Wittwer mit zwey Kindern vorzuziehn? Ich sollte es wohl glauben, wenigstens glaubte ich es damals. In der That hatte ich unter den süssen Träumen eines adlichen Glücks schon mein vier und zwanzigstes Jahr herangebracht; aber ich war auch keine Stunde mehr sicher, daß mein zärtlicher Herr Lieutenant nicht Capitain würde. Sollte ich mich selbst an diesem Glücke hindern? Ich that also, was eine Närrin, wie ich, thun konnte, und schrieb an den Hofrath folgenden Brief:

 

Mein Herr,

»Es ist in der That eine grosse Schmeicheley für meinen Vater, daß Sie ihm den Besitz einer frommen und christlich erzognen Tochter zugestehn. Es würde Ihrer gesetzten und ernsthaften Liebe nachtheilig seyn, wenn Sie weniger auf die Tugend, als auf die äusserlichen Vorzüge eines Frauenzimmers sähen; und ich habe die Ehre, Sie zu versichern, daß ich noch niemanden gesehn habe, der so erbaulich, und exemplarisch liebt, als Sie, mein Herr. Ihre Person, und Ihr Amt verdienen meine ganze Hochachtung; ich glaube aber, daß ich noch zu jung und flatterhaft bin, um mich nach dem ehrwürdigen Muster Ihrer seligen, und noch im Grabe herzlich geliebten Frau zu bilden. Ich bin gewiß überzeugt, daß uns bey einer genauern Verbindung niemals Materie zu Gesprächen fehlen würde, da Sie so unerschöpflich sind, wenn Sie auf die Verdienste Ihrer seligen Frau zu reden kommen, von denen der größte Theil Ihres Briefs angefüllt ist. Ihre hoffnungsvollen Waysen verdienen allerdings Ihre Zärtlichkeit. Es wäre unbillig, wenn ich dieselben um einen Theil bringen wollte. In der That finde ich bey meinen itzigen Umständen noch keinen Beruf, Kinderfrau zu werden, zu welchem wichtigen Amte Sie mich. vor so vielen andern, ausersehen haben. Die Offenherzigkeit ist noch eine Tugend von mir, die Sie in der letzten Ostermesse nicht wahrgenommen haben. Sie können glauben, daß es mein ganzer Ernst sey, wenn ich mir die Ehre gebe, Ihnen zu sagen, daß ich sey

Mein Herr,

— — — —
am 13ten Brachmonats,
1736.
Ihre Dienerinn,
F — — —
       

 

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