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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 77
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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»Ich habe die billige Absicht, den Nutzen von meinen Briefen allgemein zu machen. Bisher habe ich größtentheils nur für diejenigen gesorgt, welche in der kleinen bürgerlichen Welt ihr Glück suchen. Hier will ich noch zween Briefe für diejenigen einrücken, welche sich an den Hof wagen wollen. Sie sind so deutlich, daß ich nicht nöthig zu sagen habe, wovon sie handeln. Meine Leser werden es bey dem ersten Anblicke finden.«

 

Mein Herr,

Geben Sie noch nicht alle Hoffnung auf. Nun bin ich endlich auf dem Wege, mein Glück zu machen, und ein Mann von Wichtigkeit zu werden. Seit acht Tagen habe ich Ihrem Rathe gefolgt, und was Sie mir gerathen haben, ist die Stimme der Natur gewesen, denn ich finde mich ungemein leicht darein.

Am Montage habe ich mit dem Kammerdiener Brüderschaft getrunken. Die ganze Antichambre ist schon auf meiner Seite, und der kleine Läufer, welcher die Gnade hat, Seiner Excellenz Narr zu seyn, fängt an, eifersüchtig auf meine witzigen Einfälle zu werden, und glaubt, Seine Excellenz würden sich halb todt lachen, wenn sie meine Schwänke hören sollten. Arbeit genug für einen Tag, aber auch Ruhm genug!

Dienstags legte ich den Grundstein zu meinem Glücke. Kennen Sie das Mädchen, welches anfängt, dem Gnädigen Herrn gleichgültig zu werden, da sie es seit fünf Jahren nicht gewesen ist? Ich brauchte nicht mehr, als zwo Stunden, sie auf meine Schmeicheleyen aufmerksam zu machen. Sie hat über das Herz ihres Herrn immer noch Gewalt genug, um mein Glück zu unterstützen, und Seine Excellenz sind so erkenntlich, daß sie wünschen, das Glück dieses Mädchens auf eine dauerhafte Art zu befestigen.

An der Mittewoche habe ich ein Amt angetreten, welches zwar in der Welt kein Aufsehn macht, aber auf meiner Stube wichtig genug ist. Diesen und den folgenden Tag brachte ich zu, verschiedene Clienten zu versichern, daß ich mir ein ungemeines Vergnügen daraus machen würde, ihnen bey aller Gelegenheit zu dienen. Ich weis nicht mehr, wer sie waren.

Am Freytage hat mich mein Schneider ausgebildet, und ich hätte wahrhaftig in mir das nicht gesucht, was ich nunmehr wirklich in mir finde.

Gestern habe ich einige von meinen alten Gläubigern abgewiesen, und funfzehnhundert Thaler aufs neue geborgt. Ich borgte sie mit einer sehr guten Art, und ich glaube, der Kaufmann soll mich verstehn. So klug ist er wenigstens, daß er sie von mir nicht wieder fodern wird. Funfzehn hundert Thaler ist eine Kleinigkeit; aber bedenken Sie, mein Herr, daß ich länger nicht als seit sechs Tagen bey Hofe bin.

Heute früh bin ich in der Kirche gewesen. Meine Weste that ihre gute Wirkung. Der Prediger gefiel mir nicht so, wie vor acht Tagen, da ich noch kein Hofmann war. Wenn ich nicht irre, so predigt der Mann zu pedantisch. Für den Pöbel mag er ganz erbaulich seyn. Seine christlichen Tugenden treten so bürgerlich einher. Bewundern Sie immer diesen Einfall; er hat mir heute viel Ehre in der Kapelle gemacht. Morgen ist der zweyte Feyertag, um deswillen werde ich zur Ader lassen.

Leben Sie wohl. Es ist meinem neuen Stande gemäß, daß ich meine alten Freunde nach und nach vergesse. Gewiß vergesse ich Sie zuletzt; ich will aber doch thun, was mir möglich ist. Versuchen Sie es über acht Tage. Begegnen Sie mir. Ich werde Sie ansehen, ein paar grosse Augen machen: Ich soll Sie kennen, mein Herr, werde ich sprechen. Sie werden mir Ihren Namen sagen; ich werde, als vom Traume erwachend, zurück springen, Sie umarmen, und ohne Ihre Antwort zu erwarten, mich aus Ihren Armen los reissen, weil mich höchstdringende Geschäfte nöthigen, nach Hofe zu eilen; mein Bedienter wird Ihnen meine Wohnung sagen. Grüssen Sie meine Freunde; aber ich bitte Sie, ja incognito. Ich halte sie hoch; aber die Zeiten ändern sich. Der Hof giebt auf alle meine Bewegungen Acht. Wie gesagt, grüssen Sie die ehrlichen Leute; wenn ichs recht überlege, habe ich eben nicht Ursache, mich ihrer zu schämen. Leben Sie wohl. Ich habe die Ehre zu seyn,

Mein Herr,
Deren
dienstwilliger Freund
—   —   —   —   —   —

N. S. Vornehme Leute pflegen des Wohlstandes wegen gemeiniglich an einem oder mehrern Theilen der Religion zu zweifeln. Geben Sie mir einen guten Rath, an welchem zweifle ich? Ich dächte, weil ich erst anfange, mich in der Welt zu zeigen, ich zweifelte noch zur Zeit nur an der Hölle. Kömmt Zeit, kömmt Rath. Was meinen Sie?

 

Gnädiger Herr,

Da Ew. Gnad. die Miene einer Excellenz machen, und um deswillen nöthig finden, bey der übrigen Equipage auch einen Secretär mit zu halten; so wünschte ich mir wohl, diese Stelle zu erlangen. Ich weis, daß ich dabey weiter nichts zu thun habe, als der gnädigen Frau ihre Wäschzeddel abzuschreiben, den Verwalter einen Esel zu heissen, und den Schuldleuten auf ihre Mahnbriefe in den gnädigsten und freundlichsten Ausdrückungen zu sagen, daß sie nicht bezahlt werden sollen. Ich glaube daher, Geschicklichkeit genug zu haben, diesem Amte vorzustehn, und ich will, mit Hülfe einer reichen Weste, in dem Vorzimmer so wichtig thun, daß man glauben soll, Ew. Gnaden arbeiteten in Ihrem Cabinette am allgemeinen Frieden. Da ich weis, Gnädiger Herr, daß Sie zuweilen ein wenig hitzig sind; so will ich versprechen, es mit aller Geduld auszuhalten, wenn Sie mir erlauben wollen, daß ich zu meiner Schadloshaltung, so oft Sie in Ihrem Zimmer gegen mich hitzig sind, im Vorzimmer gegen diejenigen grob seyn darf, die weniger sind, als ich, oder die bey Ew. Gnaden etwas zu suchen haben. Sie werden kein Bedenken finden, mir dieses zu erlauben, da es in den meisten Vorzimmern der kleinen Potentaten, wie Ew. Gnaden sind, Mode ist. Um den Gehalt werden wir uns vergleichen. Ich sehe hauptsächlich auf die Ehre, und verlange daher zum Anfange mehr nicht, als zweyhundert Thaler, bey freyer Beköstigung und Wohnung. Dieses aber bitte ich mir zugleich unterthänig aus, daß alle diejenigen Gelder, welche Ew. Gnaden ausborgen, durch meine Hände gehn. Ich werde Ihnen dadurch Ihre Mühe sehr erleichtern. Denn da Sie die hohe Absicht haben, längstens in zehn Jahren einen Ihrem Stande gemässen Bankerutt zu machen; so getraue ich mir, es in fünf Jahren so weit zu bringen, daß ich einige tausend Thaler erworben habe; daß Ihre Gläubiger betrogen, und Ew. Gnaden ein Bettler sind. Ich bin mit unterthäniger Hochachtung &c.

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