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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 76
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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»Von dem Briefe der itzt folgt, weis ich nichts zu erinnern. Er erkläret sich ohne eine Vorrede. Hätte ich ihn vor zehn Jahren geschrieben, so würde ich vielleicht wegen einiger Stellen in den Verdacht gefallen seyn, als machte ich auf mich selbst eine Satire. Nunmehr bin ich über diese Besorgniß weg. Das wird wohl nicht nöthig seyn zu erinnern, daß die Satire in diesem Briefe nicht allgemein ist, und nur diejenigen trifft, welche dergleichen Vorwürfe verdienen. Eine Erinnerung, die ich müde bin zu wiederholen, und die ich vielleicht für einen unachtsamen, oder argwöhnischen Leser nicht oft genug wiederholen kann!«

 

Gnädiger Herr,

Ich bin in der That ganz andrer Meynung, als Sie sind. Sie glauben viel gewonnen zu haben, daß Sie, bey dem Processe mit Ihren Unterthanen, die Commißion an einen jungen Mann auszubringen Gelegenheit gefunden, der zum erstenmale in dergleichen Geschäften gebraucht wird. Sie irren sich gewiß, Gnädiger Herr, wenn Sie sich Hoffnung machen, ihn, als einen ungeübten, und noch unerfahrnen Mann, nach Ihrem Willen zu lenken. Mich hat es die Erfahrung gelehrt, daß gemeiniglich niemand gefährlicher sey, als ein junger Commissar. Seine Begriffe von der Pflicht sind noch zu wenig ausgearbeitet. Da er noch niemals dergleichen Auftrag gehabt; so glaubt er, er arbeitet vor den Augen des Hofs, und des ganzen Landes. Ein amtsmäßiger Hochmuth, und das Verlangen, sein künftiges Glück zu empfehlen, macht ihn strenge. Er versteht nur das Finstre und Schwere der Pflicht, und vergißt die Billigkeit darüber. Er ist hart gegen den Unterthan, um ein treuer Diener seines Fürsten zu scheinen. Die Gesetze sind ihm noch zu neu, als daß er sie genau kennen sollte. Er weis es noch nicht, daß dergleichen Gesetze eben so wohl zum Besten des Landes, als dazu gegeben sind, die Rechte des Fürsten zu schützen. Ueberzeugen Sie ihn, daß er gefehlt, daß er die Gesetze nicht recht verstanden hat; so wird ihm sein junger Stolz nicht verstatten, es einzusehen. Auf Ihre Unkosten wird er seine Meinung behaupten. Ein Commissar muß sehr unrecht haben, wenn er davon überführt werden soll. Sie werden ihn beleidigen, wenn Sie ihn durch Geschenke auf Ihre Seite bringen wollen. Vielleicht nimmt er sie künftig an; itzt darf er es noch nicht thun, ohne seinem künftigen Glücke, und dem Ansehn zu schaden, in das er sich durch seine Gerechtigkeit setzen will. Aber er weis es, daß Sie selbst Gelegenheit gegeben haben, daß er zum Richter in Ihrer Streitigkeit gewählt worden ist. Eben das ist die Ursache, Gnädiger Herr, warum ich so viel böse Folgen für Sie befürchte. Ist Ihre Sache ungerecht, so wird er sich freuen, es Sie nachdrücklich empfinden zu lassen, daß er einer ungerechten Sache feind sey. Haben Sie Recht, so ist es für Sie noch weit gefährlicher. Er wird alle Kräfte daran setzen, Ihnen Ihr Recht streitig zu machen, um bey Ihrem Gegner, und andern, den Vorwurf zu vermeiden, daß er parteyisch, und um deswillen auf Ihrer Seite sey, weil Sie selbst ihn zum Richter vorgeschlagen haben. Keine Parteylichkeit ist gefährlicher, als diejenige, welche die Richter begehen, um unparteyisch zu scheinen. Was ich hier sage, das schreibe ich aus einer Ueberzeugung, die mich die Erfahrung gelehrt hat.

Ein alter Richter, ein Mann, dem schon oft die Untersuchung der Streitigkeiten aufgetragen worden, ist bey seiner Erfahrung vorsichtig, gelassen, gegen beyde Theile gefällig, und nachsehend. Sein Ehrgeiz ist beruhigt. Hat er geirrt, so giebt er nach, weil er so oft Gelegenheit gehabt hat, zu sehen, wie leicht es einem Richter möglich sey, sich zu irren. Er wird zur Ungebühr nicht strenge seyn, weil er weis, daß das Glück seines Fürsten allein auf dem Wohlstande seiner Unterthanen beruht. Niemals wird er behutsamer seyn, als wenn er einen Vorschlag thun, oder ein Gutachten geben soll, von welchem oft das Wohl einer ganzen Gemeine abhängt. Er weis es, daß noch die Urenkel die unglücklichen Folgen eines übereilten, und zu hitzigen Urtheils empfinden. Die Seufzer der Nachwelt bewegen ihn schon itzt; er ist aufmerksam, und unparteyisch, damit nicht sein Andenken noch in späten Jahren verflucht werde.

Wird es Sie nunmehr bald gereuen, Gnädiger Herr, daß Sie auf den Einfall gekommen sind, sich die Unwissenheit eines jungen Richters zu Nutze zu machen? Ueberlegen Sie, was ich Ihnen so aufrichtig geschrieben habe, und ändern Sie es noch, wenn es möglich ist.

Niemand ist strenger, als ein junger Rathsherr, der als Richter die galanten Sünden bestrafen soll, die er gestern selbst begieng, da er noch nicht Rathsherr war; Niemand ist grimmiger, als ein junger Officier, der in Friedenszeit zum erstenmale vor den Augen seiner gnädigen Mama und Fräulein Schwester commandirt; Niemand ist parteyischer, als ein junger Commissar, der zum erstenmale Gelegenheit sucht, zu zeigen, daß er gerecht sey! Drey Geschöpfe, Gnädiger Herr, vor denen ich auch meine Feinde warne! Ich werde mich freuen, wenn ich erfahre, daß Sie meine Freymüthigkeit nicht beleidigt hat. Ich hoffe dieses von Ihrer Freundschaft, und bin &c.

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