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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 71
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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»Ich habe in den Schriften des Plato eine Stelle gefunden, die mich sehr aufmerksam gemacht hat. In der Abhandlung von der Einrichtung seiner neuen Republik ist er sehr weitläuftig, wenn er auf die Fehler des Magistrats zu reden kömmt. Bey dieser Gelegenheit führt er ein attisches Sprichwort an, welches ungefähr so viel sagt, daß einige Ratsherren in Athen zum Nutzen, andre aber nur zur Zierde des Vaterlandes zu dieser Ehrenstelle erhoben wordenΤους μεν φασι εργω ωφελουντας, τους δε δια τε σεμνυνεσθαι κοσμον παρεχοντας. Plato. Rep. I. 2.p. 4. 413.. Ich habe diesen Gedanken ganz neu gefunden; und ich wundre mich, daß seit so viel Jahrhunderten niemand darauf gefallen ist, durch den Ausspruch eines so weisen Mannes den verjährten Eigensinn zu besiegen, der sich noch in allen Städten durchgängig behauptet, und der verhindert, daß niemand in den Rath kommen kann, als wer die Geschicklichkeit und den Willen hat, dem Vaterlande zu nützen. Wie viele wohlgebildete Kinder der Stadt, denen es am Verstande fehlt, würden Brodt haben, wenn man wenigstens eine gewisse Anzahl aufnähme, welche nur zur Zierde des Vaterlandes ernährt würden. Man könnte diesen Gedanken noch weiter ausführen, und zum Besten einer ieden Republik allgemeiner machen, wenn man einige zum Nutzen, einige zur Zierde, einige so wohl zum Nutzen als zur Zierde, und endlich noch andre in dergleichen Aemter aufnähme, welche weder zum Nutzen noch zur Zierde des Vaterlandes gereichten. So widersinnig dieses letztere klingt, so groß würde doch der Nutzen seyn, den man davon zu erwarten hätte. Dergleichen Männer sind in Aemtern so unentbehrlich, als der Schatten im Gemälde. Ein Mann, der zum Nutzen des Vaterlandes dienet, würde weniger in die Augen fallen, wenn nicht ein College neben ihm säße, der nicht zum Nutzen, sondern bloß zur Zierde des Vaterlandes geschaffen wäre. Und dieser würde sehr unbemerkt da sitzen, wenn es nicht noch andre gäbe, die weder zum Nutzen, noch zur Zierde des Vaterlandes gereichten. Dadurch, daß man bisher niemanden das Ansehen eines Vaters der Stadt hat zugestehen wollen, als nur demjenigen, der so wohl zum Nutzen als zur Zierde des Vaterlandes geschickt ist, durch dieses Vorurtheil ist es gekommen, daß man so viel Mühe hat, die erledigten Stellen zu besetzen. Oft sind sie zum unersetzlichen Schaden des gemeinen Wesens wegen Mangel geschickter Candidaten lange Zeit und wohl ganz und gar unbesetzt geblieben; oft hat man seine Zuflucht zu einer einzigen erleuchteten Familie nehmen, und durch Vater und Sohn, und Enkel, und Schwiegersohn, die Gerechtigkeit müssen verwalten lassen, welche gar leicht zu einer Familiengerechtigkeit hätte werden können, wenn wir nicht in den glücklichen Zeiten lebten, wo die Gesetze mehr gelten, als eigennützige Absichten.

»Ich wollte, daß ich Gelegenheit geben könnte, diesen Unbequemlichkeiten abzuhelfen. Die Nahrung würde allgemeiner seyn; die Aemter würden viel leichter besetzt, und viel lustiger verwaltet werden. Ein jeder würde in den Stand kommen, dem Vaterlande zu dienen, wo nicht mit dem Verstande, doch mit einem wohlgewachsnen Körper, und wo auch mit diesem nicht, doch wenigstens mit seinem Daseyn.

»Ich sollte hoffen, daß meine patriotischen Vorstellungen einigen Eindruck machen würden; aber ich weis auch leider, wie schwer es hält, eingewurzelte Vorurtheile auszurotten. Vielleicht giebt man sich nach und nach; vielleicht erleben unsre Kinder dasjenige, was uns itzt unmöglich scheint.

»Es versteht sich von selbst, daß ich für die Nachwelt schreibe. Dieses hat mich bewogen, ein Formular zu entwerfen, wie etwan in künftigen, vielleicht sehr späten Zeiten, ein junger Mensch es anfangen soll, wenn er einen innerlichen Beruf empfindet, zur Zierde des Vaterlandes ein Rathsherr zu werden. Diejenigen, welche an einer so problematischen Sache, und an den Sitten der Nachwelt keinen Antheil nehmen, können dieses Formular sicher überschlagen, ohne etwas dabey zu verlieren. Die folgenden zween Briefe sind schon etwas wichtiger, und mehr praktisch.«

 

Madame,

Ich habe das Glück, Ihre Pathe zu seyn. Dieses giebt mir ein Recht, auf alle diejenigen Aemter Anspruch zu machen, welche durch die Hand Ihres Mannes vergeben werden. Die nur unlängst eröffnete Rathsstelle erinnert mich an dieses Vorrecht. Sie wissen, Madame, wie vorsichtig und zärtlich meine Aeltern mich jederzeit erzogen haben. Ihre Sorge, mich durch eine pöbelmäßige Strenge und einen unzeitigen Fleiß zu früh niederzudrücken, und zu dem Amte, das ich itzt suche, ungeschickt zu machen, diese liebreiche Vorsorge meiner Aeltern hat mich in den Stand gesetzt, daß ich itzt bey einem gesunden, wohlgebauten, und gut genährten Körper das Vermögen, welches ich geerbt, ruhig genießen, und die kleinen Spöttereyen der Pedanten über den Mangel der Gelehrsamkeit und des Verstandes gelassen übersehen kann. Ich weis, Madame, und Sie wissen es noch besser, als ich, daß der Mangel dieser beyden Kleinigkeiten mich nicht unfähig macht, dem Amte, das ich suche, würdig vorzustehen. Zween unter uns können allemal Verstand und Gelehrsamkeit sicher entbehren, wenn nur der dritte zugleich in unserm Namen verständig, gelehrt, und fleißig ist. Man hat mich versichert, daß dieses Verhältnis fast in allen Aemtern gemein sey. Ich hoffe, man wird in unsrer Stadt von den Sitten unsrer Vorfahren, und den allgemeinen Gewohnheiten nicht abgehn. Glauben Sie, Madame, es ist für die Stadt allemal vorträglicher, wenn ihre Väter weniger gelehrt, und besser gebaut sind. Das Ansehen eines starken Körpers bringt beym Volke eine Hochachtung zuwege, die derjenige, welcher zwar verständig und gelehrt, aber so wohl nicht gewachsen ist, nur selten erlangt. Durch Ansehen und Hochachtung aber wird das Volk regiert, und die Gerechtigkeit gehandhabt. Es giebt gewisse Fälle, wo der Rath paradiren muß und wo man durch eine Garnitur wohlgewachsner Rathsherren mehr Beyfall und Vortheil erlangt, als durch den pedantischen Troß derjenigen, die incognito, und zugleich für uns, verständig und fleißig seyn müssen. Dieses sind die Fälle, Madame. wo ich hoffe, meinem Vaterlande dienen zu können, und wo ich vor Eifer brenne, es zu thun. Ich will meinen Stuhl wohl füllen, und meinem Amte Zierde machen. Verlassen Sie sich darauf. Machen Sie mich, und zugleich mein Vaterland glücklich. Verschaffen Sie mir ein Amt, für das ich gebohren und erzogen bin. Es kostet Sie nur ein Wort, so erlange ich meinen Wunsch. Dieses eine Wort werden Sie mir doch nicht versagen, Madame? Sie thun es nicht, ich weis es gewiß, und meine einzige Sorge ist diese, wie ich Ihnen sodann für ihre Bemühung meine Ergebenheit lebhaft gnug bezeigen will. Ich bin mit der tiefsten Hochachtung &c.

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