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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 67
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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»Ich habe bisher größtentheils nur von der unmittelbaren Bestechung geredet. Es ist nöthig, daß ich noch ein Wort von der mittelbaren sage, welche einen so grossen und wichtigen Theil von der Historie unsrer Processe ausmacht.

»Es gründet sich dieses auf den alten und wahren Satz: daß eine grosse Anzahl unsrer Richter unmündig ist. Sie stehn sehr oft unter der Vormundschaft ihrer Weiber, oder ihrer Kinder, oder ihrer Subalternen. Das erste, was ein vernünftiger Client thun kann, ist dieses, daß er sich nach dergleichen Umständen wohl erkundiget. Gemeiniglich sind die Weiber der Richter die erste Instanz für die Parteyen. Man hüte sich ja, sie zu übergehen. Ich wenigstens bin allemal der Meinung gewesen, daß es besser sey, den Richter und die Gesetze, als des Richters Frau, wider sich zu haben. Nach dem ordentlichen Laufe der Natur hat der Richter nur in der Richterstube, seine Frau aber im ganzen Hause zu befehlen. Der Richter lenkt die Gesetze nach seinem Gutbefinden, die Frau den Mann nach ihrem Winke. Ein Richter, er sey auch wie er wolle, hat doch immer einen gewissen Zwang von seiner Pflicht und seinem Gewissen: die Frau des Richters ist durch keine Pflicht gebunden; und wenn sie sich einmal vornimmt, Recht zu behalten, so überschreyt sie die Gesetze und alle Rechtsgelehrten.

»Was ich hier sage, braucht keinen Beweis, die Erfahrung lehrt es, und ich will einem jeden, dem seine gerechte Sache lieb ist, wohlmeinend rathen, sich nach dieser Erfahrung zu richten.

»Besondre Regeln braucht man dabey nicht. Es gelten hier eben diejenigen, die ich oben wegen der Richter festgesetzt habe. Man gebe sich Mühe, die herrschenden Leidenschaften der Frau zu erfahren. So viel herrschende Leidenschaften eine Frau hat, und man sagt, deren wären eine ziemliche Anzahl; so viel Wege hat man, zu seinem Zwecke zu gelangen. So viel ist gewiß, mit alten Münzen und Gemmis werde ich die Frau eines Richters nicht verführen; aber das weis ich sehr wohl, daß eine Garnitur Meißner Porcellan, zu seiner Zeit angebracht, Wunder thut. Ein guter Freund von mir war durch die Unachtsamkeit seines Advocaten so unglücklich. daß er seinen Proceß verlohr. Keine Leuterung, keine Appellation half ihm mehr; er war ganz abgewiesen. Endlich fand er ganz unvermuthet einen Weg, sich durch einen reichen Stoff am rechten Orte zu empfehlen; und da hieß es: Nunmehro aus den Acten so viel zu befinden &c.

»Wer die Kunst recht versteht, den Beyfall der Frau seines Richters zu gewinnen, der hat viel Vortheile, die man nicht hat, wenn man sich nur an den Mann hält. Es macht bey der Richterinn einen viel stärkern Eindruck, wenn ich nachtheilig von andern Frauenzimmern, und besonders von der Frau meines Gegners rede. Ich kann es sicher wagen, ihr damit zu schmeicheln, daß sie ihr weibliches Ansehn über ihren Mann und sein Amt behaupte. Ist eine solche Frau noch über dieses zärtlich; wieviel haben wir gewonnen; Das muß man nicht allemal verlangen, daß sie schön aussieht. Sieht sie schön aus, desto besser, unser Vortheil ist doppelt. Sieht sie häßlich aus, wer kann sich helfen; man drücke die Augen fest zu, und verläugne seine Empfindungen. Wie viel leidet ein Mensch nicht, sein Glück zu machen!

»Weil ich angefangen habe, alle meine Sätze durch Briefe zu erläutern; so will ich es auch hier thun. Man wird aus einem jeden dieser Briefe sehen, in welchem Falle er zu gebrauchen ist; Ich habe nicht nöthig, es darüber zu schreiben.

 

Madame,

Sie haben völlig Recht, die Eitelkeit dieser Frau ist ganz unerträglich. Sollte man wohl glauben, daß diese Prinzeßinn die Frau eines Mannes sey, der mich um sechs hundert Thaler ungerechter Weise verklagt, und der so ängstlich thun kann, als wenn er mit Weib und Kind verhungern müßte, wenn ihm nicht schleuniges Recht wider mich verschafft würde? Ich habe mich gestern erkundiget, wie viele die Elle von den Spitzen koste, mit denen sie sich am Sonntage in Ihrer Gesellschafft so brüstete. Wie viel meynen Sie wohl, Madame? Sie werden es kaum glauben. Ich bin so glücklich gewesen, noch acht Ellen von dieser Sorte aufzutreiben. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen damit aufwarten darf. Mich dünkt, Madame, sie schicken sich für Ihren Stand besser, als für diese Närrinn. Aergert es Sie, daß diese Frau sich anmaßt, eben so kostbare Spitzen zu tragen, als Sie tragen, Madame: so vermitteln Sie nur, daß ich meinen Proceß gewinne. Ist das wahr, was mein Kläger bey den Acten sagt; so wird ihn sodann die Noth zwingen, die prächtigen Spitzen seiner Frau zu verkaufen, um etwas zu haben, wovon er lebt. Ist das aber nicht wahr, was er dem Richter so kläglich vorseufzet; so verdient der Heuchler, und seine strotzende Frau Ihre Rache doppelt. Mit einem Worte, Madame, Sie haben itzt diese Familie in Ihren Händen. Sie kennen ihren Bettelstolz; züchtigen Sie ihren Hochmuth, und schaffen Sie dadurch Ihnen und mir Recht. Von Ihren Händen allein erwarte ich mein Recht, und bin,

Madame, u. s. w.

 

Hochzuehrende Frau Amtmanninn,

Wird Sie es nun bald gereuen, daß Sie gestern die Partey von meinem Gegner so eifrig nahmen? Aber vielleicht wissen Sie das noch nicht, was schon die ganze Stadt weis. Im Ernste wissen Sie es noch nicht? Ich will es Ihnen sagen. Der Mann, welcher nicht einmal so viel Vermögen hat, mir die dreyhundert Thaler zu bezahlen, die ich von ihm aus dem Testamente fodere; der durch den Mangel so weit gebracht ist, daß er sich nicht schämt, mir die Richtigkeit der Foderung zu läugnen; der Mann, der gestern das Glück hatte, von Ihnen bedauert zu werden; dieser Mann hat heute einen Befehl gebracht, daß er den Rang über den Herrn Amtmann haben solle. Sehn Sie, Madame, so bald Sie nun wieder mit seiner Frau in Gesellschaft kommen; so werden Sie Ihren Platz zu nehmen wissen, der Ihnen nach dem Befehle gehört. Die guten Zeiten sind vorbey, wo die Frau Amtmanninn oben an saß, und alsdann erst Madame. Gewiß, bedauren Sie mich immer ein wenig, ich verliere am meisten dabey. Wird nun der Herr Amtmann wohl noch das Herz haben, mir wider einen Mann Recht zu verschaffen, den die Vorsicht so hoch über ihn und seine Frau erhoben hat? Ich beklage Sie von ganzem Herzen. Mehr kann ich nicht thun. Bey allen diesen Unglücksfällen, die Sie treffen, bin ich dennoch mit der größten Ehrfurcht,

Hochzuehrende Frau Amtmanninn,

Ihr                        
gehorsamster Diener.

 

Gnädige Frau Amtshauptmanninn,

Eine Abbitte, und eine Ehrenerklärung ist das wenigste, was ich von Ihnen fodern kann. Können Sie mir im Ernste einen so schlechten Geschmack zutrauen, daß ich das Gesichte der Commerzenräthinn für reizend halten sollte? Die Schmeicheleyen, die ich ihr gestern sagte, giengen wenigstens ihr Gesicht nicht an. Könnte ich mir auch so viel Gewalt anthun, sie zu lieben; so müßte es gewiß nur darum geschehen, daß ich mich an ihrem Manne rächte, der mich in einen so verdrießlichen Rechtshandel verwickelt hat. Es ist wahr, die ehrliche Frau verläßt sich auf ihre alten Reizungen so sehr, als ihr guter Mann auf die Gerechtigkeit seiner Sache, die er wider mich auszuführen gedenkt; doch will ich hoffen, sie sollen beyde verlieren. Dem ungeachtet muß ich gestehen, die Commerzenräthinn ist eine billige Frau. Sie hat mir gestern ins Ohr gesagt, daß Sie, gnädige Frau, noch ganz erträglich aussähen, und gesteht, daß Ihre Hände schön sind. Ich kam zugleich auf meinen Proceß zu reden, und that ein wenig stolz auf die Billigkeit meiner Sache. Es kann seyn, sagte sie mit ihrer hohen Miene; aber vielleicht wird sie der Herr Amtshauptmann so gar gerecht nicht finden, wenn ich nur einmal Gelegenheit habe, mündlich mit ihm davon zu sprechen. Verstehen Sie diese triumphirende Sprache, Gnädige Frau Amtshauptmanninn? Ich will wünschen, daß sie Ihr Gemahl nicht versteht. Unterbrechen Sie diese Cabale. Gewiß eine solche Schönheit, von der vorigen Regierung, ist gefährlich. Ich bitte mir die Erlaubniß aus, daß ich Ihnen diesen Abend aufwarten, und diejenigen Hände küssen darf, welche das Glück haben, selbst von Ihren Feinden bewundert zu werden. Ich werde in der gebeugten Stellung eines demüthigen Clienten gekrochen kommen, wegen meines Rechtshandels Ihren Vorspruch bey Ihrem Gemahl mir auszubitten. Werden Sie wohl, Gnädige Frau, das Herz haben, es mit den hinreissenden Blicken der Frau Commerzenräthinn anzunehmen, die für den Herrn Amtshauptmann desto gefährlicher seyn müssen, da sie schon seit dreißig Jahren gewohnt sind zu siegen? Ich habe die Ehre zu seyn,

Gnädige Frau Amtshauptmanninn,

Ihr
unterthäniger Diener
—   —   —   —   —   —
       

 

Madame,

Ich habe Willens, meinen Nachbar zu verklagen. Von der Billigkeit meiner Klage, und von der Bündigkeit meines Beweises bin ich überzeugt; ich wage es aber doch nicht, ehe und bevor ich weis, ob es mit Ihrer Zufriedenheit geschieht. Wir wissen es alle, Madame, daß Ihr Mann das Amt hat, Sie aber den Verstand haben, der zu seinem Amte gehört. Er ist so billig, daß er sich Ihrer Leitung überläßt, und, wie es auch einem gehorsamen Ehemanne gebührt, nichts thut und ausspricht, als was Sie thun, und zu sprechen ihm anbefehlen. Stehen Sie meiner Sache bey. Versichern Sie sich meiner Dankbarkeit, von der das beyliegende Päcktchen nichts, als nur eine kleine Probe ist. Geben Sie nur einen Wink, so weis ich, daß die ganze Richterstube zittert, und Ihr Mann ein beyfälliges Urtheil für mich abfaßt, noch ehe er meine Klage zu sehen bekömmt. Wie glücklich ist unsre Stadt, Madame, da Sie regierender Stadtrichter sind! Wir bekommen unser Glück von Ihnen durch den Mund Ihres Mannes. Der Himmel erhalte diesen noch lange Jahre, damit wir Sie nicht verlieren. Das ist, Madame, der aufrichtigste Wunsch Ihres gehorsamen Dieners.

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