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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 65
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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»Da, wie ich oben erinnert habe, die Kunst zu bestechen eine Kunst ist, sich der herrschenden Leidenschaften eines Richters zu seinem Vortheile zu bemächtigen; so wird es oft eine sehr vergebne Arbeit seyn, daß man ihn durch Mitleiden und Erbarmung zu bewegen suche. Diese Empfindungen sind allzu menschlich für einen Mann, den gemeiniglich sein Amt zu ernsthaft macht, als daß er bey den Thränen einer Wittwe weinen sollte. Er gewöhnt sich hart, um desto unparteyischer und von dieser Seite unempfindlich zu seyn; denn wenn er ja empfindlich seyn soll, so müssen die Ursachen dazu gewiß einträglich seyn. Das aber sind die Thränen des Armuths nicht. Man wird mir nicht zumuthen, dasjenige hier zu wiederholen, was ich so oft gesagt habe. Ich weis freylich, daß es Richter giebt, die zum grossen Schaden ihrer häuslichen Nahrung ganz anders gesinnt sind, ich weis auch, daß diese eine ziemliche Anzahl ausmachen; aber das weis ich auch, daß der größte Haufe von ihnen ganz anders, und gründlicher denkt. Und nur von diesem größten Haufen rede ich. Die andern sind Phänomena, die zur Ausnahme gehören. Wieder zur Hauptsache zu kommen! Man hüte sich also wohl, dem Richter durch Thränen und Klagen, und Erzählung unsers Elends einen Ekel gegen unsre Sache beyzubringen. Er wird die Augen wegwenden, um unsern Jammer nicht zu sehen. Hätten wir nicht so gar ängstlich und kläglich gethan, so würde er sich vielleicht noch einen guten Begriff von unsrer Sache gemacht haben; da wir ihn aber mit den dürftigen Klagen betäuben, so ist er nur unser Richter, und hört auf, unser Freund zu seyn. Eine Sache, welche die Erfahrung bestätiget, hätte eben nicht nöthig, mit Beyspielen erläutert zu werden; zum Ueberflusse aber will ich es doch thun.«

 

Mein Herr,

Es wird nun fast ein Jahr seyn, daß ich wegen der tausend Thaler klagen müssen, die Herr N. meinem verstorbnen Manne schuldig verblieben ist. Die Billigkeit meiner Forderung ist klar, und mein Advocat hat mich versichert, mein Beweis wäre so überzeugend, daß mir die Obrigkeit ohne Weitläuftigkeit zu meinem Recht verhelfen werde. Ich habe dieses Jahr über, mir und meinen Kindern den nothdürftigsten Unterhalt entzogen, um so viel Geld aufzubringen, als nöthig gewesen ist, Ihnen, mein Herr, an Gerichtsunkosten zu entrichten. Nun ist es mir weiter nicht möglich, einen Groschen daran zu setzen. Ich lebe in der größten Dürftigkeit. Stellen Sie sich, mein Herr, vier unerzogene Kinder vor, die mir am Halse hängen, und um Nahrung flehen, welche ich ihnen nicht geben kann. Ich küsse diese kleinen Unglücklichen, um sie zu beruhigen, und sage ihnen, daß wir unser Glück von den Händen eines gerechten und großmüthigen Richters erwarten. Die armen Kinder verstehen mich nicht, sie weinen, weil sie mich weinen sehen, und küssen meine mütterlichen Zähren. Gewiß, mein Herr, Sie haben das Leben von fünf Unschuldigen in Ihren Händen. Schaffen Sie mir Recht! Ich beschwöre Sie bey der Zärtlichkeit, die Sie als Vater gegen Ihre Kinder haben. Erbarmen Sie sich meiner! Verhelfen Sie mir zu dem, was mir gehört, und lassen Sie nicht zu, daß meine Feinde sich meines Armuths misbrauchen. Retten Sie mich, mein Herr, damit die Thränen meiner Kinder nicht etwan künftig einmal Ihren Kindern zu schwer werden. Ach, mein Herr, verzeihen Sie mir die Heftigkeit meiner Empfindungen! Ich bin ganz ohne Hülfe, wenn Sie mich verlassen. Verlassen Sie mich nicht, damit es Ihnen und den Ihrigen beständig wohl gehe! Ich erbitte dies auf meinen Knien von Gott, und bin,

Mein Herr,

Deren

demüthige Dienerinn.

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