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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 5
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Eine Rede,

beym Antritte,

in die

Wünschende Gesellschaft,

nach den,

im vorstehenden 8 §. und der beygefügten Anmerkung,

vorgeschriebnen Regeln,

aus dem Stegreife gehalten

von

Martin Scriblern, dem Jüngern.


Am 2 Jenner 1740.

 

 

Antrittsrede

von der

wahren Beschaffenheit eines vernünftigen Bürgers.

Meine Herren,

Wir machen uns allerseits ein Vergnügen daraus, wenn man uns für ehrlich und vernünftig hältVir bonus, et prudens dici, delector ego, ac tu. Horat..

Ein solcher Mann wird durch seine Ehrlichkeit ansehnlich, und ein jeder muß die Verdienste desselben mit Stillschweigen bewundernTum pietate grauem, ac meritis, si forte virum quem
  Conspexere, silent
Virgil.
.

Es ist aber auch nichts so gut, es ist zu etwas schädlich. Was ist so nützlich, als das Feuer? Und gleichwohl kann man die prächtigsten Gebäude dadurch vernichten. Was dient mehr zu unsrer Sicherheit, als das Schwerdt? Und oft bringt es uns selbst den TodNil prodest, quod non laedere possit idem.
Igne quid vtilius? Si quis tamen urere, recta
  Comparat, audaces instruit igne manus.
Et latro, et cautus praecingitur ense viator,
  Ille sed insidias, hic sibi portat opem.
Ovid.
.

Wer Ehrlichkeit und Verdienste selbst von sich rühmen will, dem glaubt man nicht, der macht sich verhaßt, der schadet sich selbstQuodcunque ostendis mihi sic, incredulus odi. Horat..

Für einen Großsprecher wird man ihn haltenQuid dignum tanto feret hic promissor hiatu! Horat., und glauben, daß er seine Fehler unter dem scheinbaren Namen der Tugend verbergen wolleFallit enim vitium specie virtutis et vmbra! Iuuenal..

Wer dasjenige in der That seyn will, was er von sich berühmt, der hat unter allen Regeln besonders viere wohl in Acht zu nehmenQuatuor ex omni – – – – Virgil..

Er muß seinen Beruf wohl abwarten, und nicht eher ruhen, bis er seiner Pflicht eine völlige Gnüge geleistet hat– – – Susceptum perfice munus! Virgil.;

Er muß das Wahre von dem Falschen vorsichtig zu unterscheiden wissen– – – Pulsa, dignoscere cautus,
  Quid solidum crepet et pictae tectoria linguae.
Pers.
;

Er muß, was seinem Amte wohlanständig ist, auf das genaueste beobachten– – – Rigidi seruator honesti. Lucan.;

Er muß endlich der weisen Vorsicht des Himmels alles ruhig überlassenPermittes ipsis expendere numinibus, quid
  Conueniat nobis, rebusque sit utile nostris.
  Nam pro iucundis aptissima quaeque dabunt Di:
  Charior est illis homo, quam sibi.
Iuuen.
.

Aber wie wenige unter uns thun dieses! Wie wenige kennen ihre eigne Schwäche– – – Egomet me noui.
SY. Pauci istud faciunt homines, quod tu praedicas.
Nam in foro vix decimus quisque est, qui ipsus se noverit.
Plaut.
!

Wie wenige warten ihren Beruf gebührend ab! Man sollte zwar meinen, sie wären in beständiger Arbeit und Unruhe; in der That aber thun sie garnichtsEst ardelionum quaedam Romae natio,
  Trepide concursans, occupata in otio,
  Gratus anhelans, multa agendo nihil agens.
Phaedr.
.

Fodert ihr Beruf eine Verschwiegenheit, so glauben sie doch, es sey ihnen erlaubt, alles, was sie hören, was in der Macht der Vergessenheit, was noch so tief versteckt bleiben sollte, in der ganzen Welt auszubreiten– – – Loca nocte silentia late,
Sit mihi fas audita loqui: sit numine vestro
Pandere res alta terra, et caligine mersas.
Virgil.
.

Fällt ihnen auch zuweilen ihre Pflicht ein, finden sie eine innerliche Regung solche zu beobachten; so reut sie doch dieser Vorsatz gleich wieder. Sie bleiben bey dem ersten Schritte still stehen, weiter gehen sie nicht fortDum licet, et modici tangunt praecordia motus,
Si piget, in primo limine siste pedem.
Ovid.
.

Viele stört die Rachbegierde in Beobachtung ihrer Pflichten, und diese verrathen, wie klein, wie niederträchtig ihre unedle Seele sey– – – Quippe minuti
Semper et infirmi est animi, exiguisque voluptas
Vltio.
Iuuenal.
.

Je leichter sie diesen Fehler vermeiden könnten, desto thörichter handeln sie, daß sie es nicht thunTu quod cauere possis, stultum admittere est. Terent..

Und wie könnten sie diese Leidenschaft wohl leichter überwinden, als wenn sie bloß die Liebe zum Vaterlande ihr Augenmerk seyn ließenVincet amor patriae – – Virgil.?

Die zweyte Pflicht war:

Man muß das Wahre vom Falschen vorsichtig zu unterscheiden wissen.

Man dürfte hier nur der Wahrheit selbst folgen, welche durch ihren Glanz die dickste Finsterniß vertreibtNoctem flammis funalia vincunt. Virgil..

Dieses ist der erste Grund, worauf diese ganze Wissenschaft ruht; nur diesen dürfte man sich bekannt machenElementa velint vt discere prima. Horat..

Allein, man ist zu verdrossen, und dieses macht uns die leichteste Sache beschwerlichNulla est tam facilis res, quin difficilis fiet,
Quam inuitus facias – –
Terent.
.

Oft haben wir zu viel Eigenliebe; wir wollen unserm verdrüßlichen Hochmuthe nicht entsagen, und eben dadurch wird unsre ganze Vorsicht zu Schanden gemachtIngratam – – pone superbiam
Ne currente retro funis eat rota.
Horat.
.

Oft glauben wir dem äußerlichen Scheine zu vielNimium ne crede colori. Virgil..

Wenn man drittens in seinem Berufe das Wohlanständige beobachten will; so darf man kein abgeschmackter Nachahmer alles desjenigen seyn, was uns vorkömmtScribere si fas est imitantes turpia Mimos. Ovid..

Es ist unanständig, wenn man sich selbst groß machen will. Nur diejenigen betrügt man dadurch, die uns nicht kennen; denen, die uns besser kennen, wird man lächerlich– – – Verbis iactans gloriam
Ignotos fallit, notis est derisui.
Phaedr.
.

Es ist unanständig, wenn ein solcher Mann andrer spotten, und über ihre Beschimpfung frohlocken willScit risisse vafer, multum gaudere paratus,
Si Cynico barbam peruilans Nonaria vellat.
Pers.
.

Es ist unanständig, wenn man sich der öffentlichen Gebräuche entziehen will, welche nichts abergläubisches, nichts eitles bey sich haben– – – Non haec solennis nobis
Vana superstitio – – –
Virgil.
.

Kurz. Bey allen seinen Handlungen darf er auch das schärfste Urtheil der ganzen Welt nicht scheuen– – – Volet haec sub luce videri,
Iudicis argutum quae non formidat acumen.
Horat.
.

Die vierte und letzte Pflicht ist, daß er sich der liebreichen Vorsorge des Himmels überlasse.

Die Welt ist ein verführerisches Labyrinth; man muß alles der Leitung des Himmels anheim stellenVt quondam Creta fertur Labyrinthus in alta,
Parietibus textum caecis iter: ancipitemque
Mille viis habuisse dolum, qua signa sequendi
Falleret indeprensus et irremeabilis error.
Virgil.
.

Je weniger man von ihm verlangt, desto mehr erhält man von ihmQuanto quisque sibi plura negauerit,
A Dis plura feret – – –
Horat.
.

Es heißt hier gar nicht:

– –   Cupidine caedis
Vtitur – et nunc quoque sanguine gaudet
– – – Cupidine caedis
Vtitur – – et nunc quoque sanguine gaudet.
Ovid.
.

Man thue seine Berufsarbeit, dafür trage man Sorge; für das Uebrige sorgt der Himmel! Was will man weiterEt dubitant homines ferere, atque impendere curam?
Quid maiora sequar?
Virgil.
?

Eine reiche Erndte wird sodann unsre Belohnung seynQuid faciat laetas segetes. Virgil..

Wir können dieses thun, wir haben die Fähigkeit dazu vom Himmel erlangt– – Equidem credo, quia sit diuinitus illis
Ingenium – –
Virgil.
, und dieser ist auch der erste Urheber davon– – Horum omnium causa
Constituisse Deum fingunt. – –
Lucret.
.

Non omnes arbusta iuuant humilesque myricaeNon omnes arbusta iuuant humilesque myricae! Virgil. !

Man darf nicht einen Augenblick aufschieben, seine Lebensart vernünftig einzurichtenIncipe: qui recte viuendi prorogat horam,
Rusticus expectat, dum defluit amnis; at ille
Labitur, et labetur in omne volubilis aeuum.
Horat.
, und eine Blutegel läßt nicht eher ab, zu saugen, bis sie ganz voll Blut istNon missura cutem, nisi plena cruoris, hirudo. Horat..

Meine Rede könnte hier wohl manchem unordentlich und verwirrt scheinen– – Farrago libelli. Iuunenal., wenn man nicht bedächte, daß der Mensch um deswillen aufrecht erschaffen sey, damit er den Himmel betrachten solleOs homini sublime dedit caelumque tueri
Iussit, et erectos ad sidera tollere vultus.
Ovid.
.

Glückselig ist derjenige, welcher von freyen Stücken ohne Zwang thut, was recht ist, und keinen Richter scheuen darf– – – – Vindice nullo
Sponte sua sine lege fidem rectumque colebat.
Poena metusque aberant, nec verba minacia fixo
Aere legebantur. Nec supplex turba timebant
Iudicis ora sui, sed erant sine iudice tuti.
Ovid.
.

Dieses geschah in den ersten Zeiten; itzt sind sie viel schlimmer, und die Bosheit nimmt überhandQuippe aliter tunc orbe nouo coeloque recenti
Viebant homines – –
Omne aliud crimen mox ferrea protulit aetas.
Iuunenal.
.

Die Waffen sind schädlich; Wollust aber schadet weit mehr– – Saeuior armis
Luxuria incubuit. – –
Iuuenal.
.

Sehr wohlbedächtig hat Horaz gesagt:

Torquet ab obscoenis iam nunc sermonibus aurem,
Mox etiam pectus praeceptis format amicis,
Asperitatis et inuidiae corrector et irae.
Recte facta refert
Torquet ab obscoenis iam nunc sermonibus aurem,
Mox etiam pectus praeceptis format amicis,
Asperitatis et inuidiae corrector et irae.
Recte facta refert
Horat.
.

Und handelt derjenige nicht am vernünftigsten, welcher nichts thörichtes unternimmtQuanto rectius hic, qui nil molitur inepte. Horat.?

Doch wo gerathe ich hin! Ich komme zu weit ab. Ich verliere mich von meinem Zwecke.

Horaz, den ich nur itzt gelobt habe, straft mich selbst, wenn er sagt:

                    Seruetur ad imum,
Qualis ab incepto processerit, et sibi constet
– – Seruetur ad imum,
Qualis ab incepto processerit, et sibi constet
Horat.
!

Der Haß gegen die Wollust hat diese kleine Unordnung verursacht. Und gewiß ist dieser Eifer nöthig, denn wer die Schamhaftigkeit einmal verliert, findet sie nicht wiederLaesa pudicitia est, deperit illa semel. Ovid..

Allem es ist mein Vorsatz nicht, die Laster zu richten, und alle Narren durch die Musterung gehen zu lassen– – Huc propius me,
Dum doceo insanite omnes, vos ordine adite.
Horat.
.

Wenn würde ich fertig mit tadeln? Denn es ist alles voll von lächerlichen Fehlern– – O quantum est in rebus inane! Pers..

Ich handle von den Pflichten eines ehrlichen und vernünftigen Mannes. Ich habe oben vier Regeln gegeben; ich will noch die fünfte hinzuthun:

Man muß friedfertig seyn, wenn man Gelegenheit zu streiten hat; man muß dem Nächsten helfen, wenn man ihm gleich schaden könnte; man muß sich der Tugend befleißigen, wenn es auch erlaubt wäre, lasterhaft zu seynTum certare odiis, tum res rapuisse licebit.
Nunc sinite, et placidum heri componite faedus.
.

Wer diese Regeln beobachtet, von dem kann man wohl nicht sagen, daß er sich mit geringen Kleinigkeiten beschäfftigetRem peragit nullam – – Martial..

Es ist dieses ein wesentliches Stück des Gottesdienstes, welchen die Natur selbst den entlegensten Völkern bekannt gemacht hat, und von welchem Lucrez sagt:

Nunc, quae causa Deum per magnas numina gentes
Peruolgauerit, et ararum compleuerit vrbes,
Non ita difficile est, rationem reddere verbis
Nunc, quae causa Deum per magnas numina gentes
Peruolgauerit, et ararum compleuerit vrbes,
Non ita difficile est, rationem reddere verbis
Lucret.
.

Ich weis, meine Herren, Sie haben einerley Meinung mit mir. Ich wünsche, daß diese flüchtige Probe den entscheidenden Beyfall einer so ansehnlichen Gesellschaft erlangen möge. Dieses, und die Ehre ihr Mitglied zu werden, wird mich aufmuntern, Sie bis in meinen Tod mit Wünschen zu überhäufen.

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