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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 46
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Mein Herr,

Ich will es Ihnen aufrichtig gestehen: Die Klage, die mein ehmaliger Mündel wider mich erhoben hat, ist leider gegründet genug. Ich habe einen ziemlichen Theil seines Vermögens theils verwahrloset, theils an mich gebracht. Vielleicht wäre ich wenigstens vorsichtiger gewesen, wenn ich nicht die Absicht gehabt hätte, meine Tochter an ihn zu verheirathen. Dieses würde meine Sache, und meine Rechnungen, gerechtfertigt haben. Mein Fehler ist es nicht, daß sich diese Ehe zerschlagen hat. Inzwischen bin ich unglücklich, daß ich über eine Sache angegriffen werde, da ich mich nicht vertheidigen kann. Es würde mir dieser Zufall noch empfindlicher seyn, wenn ich mit einem Richter zu thun hätte, der zu gewissenhaft wäre, sich bestechen zu lassen. Ich freue mich unendlich, mein Herr, daß Sie es nicht sind. Sie haben den Ruhm in der ganzen Stadt vor sich, daß Sie zuerst auf Ihren Vortheil, und hernach auf Ihrer Clienten Sache sehen. Sie werden mir nicht ungütig nehmen, daß ich hier eine Sache gegen Sie erwähne, die Sie, meines Wissens, niemals heimlich gehalten haben. In der That ist es auch für Sie kein Fehler. Und wäre es ja ein Fehler, so würde die Schuld auf diejenigen fallen, welche Sie in dieses Amt gesetzt, da Sie ihnen nicht haben unbekannt seyn können. Mit einem Worte, es ist hier etwas zu verdienen. Mein Advocat, ein Mann, welcher wohl verdiente, Ihr Nachfolger zu seyn, ist überzeugt, daß ich eine ungerechte Sache habe, und dennoch getraut er sich durch Deren gütige Vermittelung den Proceß wenigstens zwölf Jahre aufzuhalten, wenn ich tausend Thaler Gebühren dran wagen wollte. Dieser Vorschlag scheint mir, unter uns gesprochen, etwas eigennützig zu seyn. Ich habe es anders ausgerechnet. Von diesen tausend Thalern würden ungefähr dreyhundert Thaler an Sie, als Richter, kommen; Sie sollen aber fünfhundert davon haben. Zweyhundert sende ich Ihnen hiermit auf Abschlag, die übrigen dreyhundert bekommen Sie sofort, wenn ich den Proceß ohne Weitläuftigkeit gewonnen habe. Ich rede mit einem Manne von Erfahrung; es wird mir also nicht schwer, Ihnen die Billigkeit meines Suchens verständlich zu machen. Nehmen Sie es immer ohne Bedenken an. Sie, mein Herr, können an Ihrem ehrlichen Namen nichts weiter verlieren; ich aber kann einen Proceß dadurch gewinnen. Ich verlasse mich auf Ihre billige Einsicht, und bin,

Mein Herr,

Ihr Diener.

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