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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 44
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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»Damit ich meine Briefe auch für diejenige Art der Gelehrten brauchbar mache, welche ganz anders denken und anders reden, als Vernünftige denken und reden, so will ich nachstehenden Brief einrücken. Man gebe mir nur nicht Schuld, daß die Sache übertrieben sey. Findet man nicht allemal aphthonianische Chrien, und ist auch nicht allemal auf dem Rande beygesetzt, wie der Gedanke im Griechischen oder Lateinischen heißt, den man vorbringt; so findet man doch das Wesentliche dieser Pedanterey sehr oft. Man mache mit einem jeden Briefe, den ein Pedant mit Fleiß, und, nach seiner Art, mit Ueberlegung schreibt, die Probe, und zergliedere ihn nach den Regeln der Schulkunst, so wird man das Steife, und das Schematische auch alsdann finden, wenn sich schon der Verfasser die Gewalt angethan hat, weder Sentenzen seiner Alten, die er Weisheit nennt, noch todte Sprachen, die seine Gelehrsamkeit ausmachen, darunter zu mischen. Ich bin von dieser Wahrheit so überzeugt, daß ich mir gewiß zu behaupten getraue, mein Brief würde bey dieser Art Schriftstellern großen Beyfall gefunden haben, wenn ich ihn nicht durch diesen Vorbericht verdächtig gemacht hätte.«

CHRIA APHTHONIANA.

Wird um eine Rectoratstelle in einem kleinen Städtchen gebeten.

Hochedelgebohrne Frau,
Hochzuehrende Frau Bürgermeisterinn,

Laus
auctoris
et di-
ctum

Sokrates, die Zierde Griechenlands, der Phönix seiner Zeit, der Weise, welcher unter den andern Weisen hervor leuchtete, gleichsam als der Mond unter den kleinen Feuern, tanquam inter ignes luna minores. Sokrates, sage ich, den, Hochedelgebohrne Frau, Xantippe Selbst nicht von seiner philosophischen Höhe herunter zanken konnte; dieser hat sehr wohl und gelehrt gesagt apud Xenophontem memor. Lib. IV. c. I.

Αι αρισται δοκουσαι ειναι φυσεις, μαλιστα παιδειας δεονται,

zu deutsch also lautend:

Drum glaubet mir zu dieser Frist,
Daß die Natur, so schön sie ist,
Dennoch den Unterricht vermißt.

Para-
phrasis.

Er wollte damit gleichsam andeuten, daß die vortrefflichsten Gemüther der Jugend die meiste Zucht nöthig hätten, oder, wie es nach dem eigentlichen Verstande unsers Grundtextes lauten möchte, daß sie mehr als andre der vernünftigen Anweisung eines gelehrten Schulmannes bedürften, und zwar schlechterdings und unumgänglich bedürften, wie das Wörtlein δεονται solches klärer, als die Mittagssonne, anzeigt.

Causa.

Denn wie nothwendig ist es nicht, Hochzuehrende Frau Bürgermeisterinn, daß man der Natur zu Hülfe komme, welche nur den rohen Stoff zu großen Geistern schafft, und das übrige der sorgfältigen Ausbildung der Schulleute überläßt?

Contra-
rium.

Unrecht, ja dreymal und viermal unrecht thun diejenigen, welche diese Vorsorge verabsäumen, und, da sie der Himmel in ein Amt, quasi in speculam gesetzt hat, darauf zu sehn, daß das Beste einer Stadt, und des gemeinen Wesens überhaupt, befördert werde, dennoch die Sorge für die Schulen verabsäumen, und die Sache nicht für so wichtig halten, allen Stein zu bewegen, damit sie fleißige und geschickte Lehrer dahin setzen, und diesen die Unterweisung der Jugend anvertrauen möchten, die diese Unterweisung desto nöthiger hat, je hoffnungsvoller sie ist, καὶ μαλιστα παιδειας δεονται, zu reden aus dem Sokrates, und dessen obangeführten Worten.

Parabo-
la.

Pferde von der besten Art müssen am meisten durchgearbeitet werden. Sie machen es bey dem edlen Feuer ihren Herren oft am schwersten; aber desto nöthiger ist es, sie sorgfältig zuzureiten. Ein träges unedles Pferd braucht diese Bemühung nicht; aber es ist auch nur für den Pflug geboren.

Exem-
plum.

Wer war größer, als Dionysius, der zweyte, da er noch Tyrann, und das Schrecken von Sicilien war? Das widrige Glück konnte ihm den Thron nehmen, aber niemals die Begierde der Welt zu nutzen. So groß er gewesen war, so wenig schämte er sich doch, die griechische Jugend zu lehren, und mit der Hand, womit er ganze Länder zerstört hatte, mit eben der Hand suchte er die Kinder der Corinther zur Weisheit zu führen.

Testi-
moni-
um.

Wie unglücklich diejenigen sind, so die Zucht ihrer Kinder verabsäumen, das beweisen die traurigen Folgen, welche zuerst ihre eignen Familien empfinden, und welche nach diesen das ganze gemeine Wesen treffen. Diese unglücklichen Aeltern möchten sich wohl lassen vom Homer zurufen:

Αιθ' οφελον, αγαμος τ' εμεναι, αγονοσ τ' απολεσθαι.

Epilo-
gus.

Sie sehn hieraus deutlich, Hochedelgebohrne Frau, wie nöthig es ist, daß E. E. Wohlw. Rath dieser Stadt das erledigte Schulrectorat ungesäumt besetze, und mit einem Manne besetze, dessen Standhaftigkeit, dessen Fleiß, dessen Treue, dessen Ansehn, dessen Gelehrsamkeit, dessen weise Einsicht in die grossen Wahrheiten, die uns Sokrates und Homer hinterlassen haben, dessen – – Jedoch, ich sage nichts weiter, Sie werden mich verstehn. Ich habe mich mit meinem Suchen an Sie gewandt, da ich weis, daß ihr theurer Ehegemahl in diesem Jahre unter Ihren auspiciis an der Regierung ist. Erlange ich das Vergnügen, daß Sie mit Ihren vielgeltenden, und erleuchteten Füssen in meine Meinung herabsteigen; so bin ich glücklich, und ich weis gewiß, daß sodann der ganze Ehrenveste Rath hinter drein steigt, & manibus pedibusque in Tuam descendit sententiam.

Ich verharre in dieser grossen Hoffnung ad extremum usque vitæ halitum,

Hochedelgebohrne Frau,
Hochzuehrende Frau Bürgermeisterinn,
                Ew. Hochedelgeb.

gehorsamst ergebenster, und eh-
rendienstwilligster

N. N.
       

 

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