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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 41
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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»Ein sehr wichtiger Beweis von der Größe und Stärke unserer Religion ist gewiß dieser, daß sie auch an denenjenigen Orten gewaltig und fruchtbar ist, wo die geistlichen Aemter zu ihrer Schande durch die Vorsorge solcher Männer besetzt werden, welche kaum unvernünftiger seyn könnten, als sie sind, wenn sie auch gar keine Religion hätten.

»Ich habe schon sonst Gelegenheit gehabt, meine Gedanken davon bekannt zu machenSiehe Antons Panßa von Mancha Abhandlung von dem Sprüchworte: Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch den Verstand, im vierten Bande dieser Schriften.. Damit das Unsinnige desto besser in die Augen falle, welches diejenigen begehn, die auf eine so unvorsichtige Art das wichtige Recht misbrauchen, welches die Obrigkeit ihren vernünftigern Vorfahren gegönnt hat; und damit das Unanständige denen desto mehr in die Augen falle, welche, ungeachtet ihrer ungesitteten Lebensart und pöbelhaften Unwissenheit, unverschämt genug sind, die ewigen Wahrheiten eine Gemeine zu lehren, die ihnen nicht einmal ihr Vieh zu hüten anvertrauen würde; so habe ich die Züge in nachstehenden beyden Briefen ziemlich stark und deutlich gemacht, und von einem jeden dergleichen Charaktere einen Strich entlehnt, um meine Copey recht verabscheuungswürdig zu machen. Sie werden darum nicht unwahrscheinlich; ich glaube, daß fast in einer jeden Diöces wenigstens ein Original seyn wird.

»Ich habe diesen Eingang etwas ernsthaft abfassen müssen, weil ich hier mit einer Art Leser zu thun bekomme, unter denen verschiedne sind, welche nebst vielen andern Sachen, die sie nicht verstehn, auch dieses nicht wissen, was die Eigenschaft der Satire und Ironie erfodere, und daher schon öfters auf den unglücklichen Einfall gekommen sind, mich in ihrem kleinen unwissenden Herzen, und wohl öffentlich, zu verketzern, wenn ich von dem Thörichten ihres Standes, und von den unbilligen Absichten ihrer Beförderer, in der lachenden Sprache der Satir geredet habe, um diejenigen desto verehrungswürdiger zu machen, welche eine wahre Zierde ihres Amts, und also ganz anders sind, als sie.«

 

Lieber Herr Bruder,

Es ist mir recht lieb, daß dein Alter sich abgeführt hat. Das verdammte Schmälen hatte kein Ende. Ich weis nicht, ob die Leute sich einbilden, daß wir ihnen darum Amt und Brodt geben, daß sie uns alle Sonntage die bittersten Wahrheiten vorpredigen, und uns dem Teufel in den Rachen schieben sollen. Für die Bauern ist das gut genug, und wenn ich ein Bauer wäre, so lebte ich vielleicht auch fromm, weil ich sonst nichts zu thun hätte; aber für Männer von Stande, und für uns, die wir alte Landedelleute sind, sieht das andächtige Kopfhängen sehr albern aus. Wäre es nach deinem alten Murrkopfe gegangen, so würdest du ein ehrbarer frommer christlicher Bürger, und dem ganzen Adel lächerlich geworden seyn. Was meinst du, Brüderchen, was ist rühmlicher, über der Postille, oder beym Deckelglase einzuschlafen? Laß die Pfaffen für uns beten, wie wollen für sie saufen. Jeder nach seinem Berufe! Aber auf diese Art fahrt ihr dahin, wie das Vieh, sagte dein Alter. Gut! Wer weis denn auch, obs wahr ist. Fahren wir, wie unsere Alten; so wollen wir auch leben, wie unsere Alten. Es waren doch beym Henker ganze Leute, die auf ihren alten Adel hielten. Ländlich, sittlich! Ein rechtschaffner Deutscher müßte sein Vaterland wenig lieben, wenn er deswegen nach Frankreich reisen wollte, daß er Wasser trinken lernte. Aber zum Hauptwerke zu kommen. Du brauchst einen neuen Pfarrer. Ich will dir einen vorschlagen, das ist ein ganzer Kerl. Er ist zehn Jahre als Feldprediger bey meinem Regimente mit herumgelaufen, und er ist recht, wie ich mir ihn wünsche. Er hat an mich geschrieben, und gebeten, dir ihn vorzuschlagen. Da, lies den Brief selbst. Ich verliere ihn ungern. Der ist recht nach deinem Herzen. Und wenn du gar nicht in die Kirche kämst, so wird er nicht muksen. Gieb ihm alle Wochen ein paarmal zu fressen, so ist er zahm, wie ein Lamm. Du wirst deine Freude mit ihm haben. Er säuft dich und deine hochadelichen Gäste alle unter den Tisch, und wenn er die schwarze Kutte ausgezogen hat, so flucht er, wie ein Corporal. Nimm ihn, Brüderchen, ich rathe dirs, es wird dich nicht gereuen. Gelernt hat er nichts; aber er predigt dir, der Henker hole mich, seinen Stiefel weg, daß es eine Art hat; und der Heuchler steht so fromm da, als wenn er von der Kanzel gen Himmel fahren wollte. Meine Cathrine konnte ihn recht gut leiden. Ich glaube gar, der Ketzer gieng mir manchmal ins Gehege! Nun Brüderchen, wie gesagt, nimm ihn. Seinethalben magst du leben, wie du willst. Und wenn du heute zum Teufel fährst, so fährt er morgen nach. Es ist ein braver Kerl. Grüße mir deine Menscher. Lebe wohl.

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