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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 4
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Gottlieb Wilhelm Rabeners

Satiren.

Erster Theil.

De
Epistolis Gratvlatoriis

ΕΞΩΤΙΚΟΘΑΥΜΑΤΟΥΡΓΗΜΑΤΟΤΑΜΕΙΟΙΣ.

Oder deutlich zu reden:

Von der Vortrefflichkeit

der

Glückwünschungsschreiben

nach dem neuesten Geschmacke.

 

 

Wodurch

Herrn N. N.

als Derselbe die hohe Schule rühmlichst verließ,
seine Ergebenheit bezeugen wollte

Dessen

aufrichtigster Freund und Diener,

Martin Scribler, der Jüngere.Diese Abhandlung ward zum erstenmale gedruckt in den Belustigungen des Verstandes und Witzes M. August 1741.

 

 

Virgilivs.

Procumbit humi bosEs ist ein erbaulicher Gebrauch, daß man zum Anfange eines jeden Buchs aus einem alten Schriftsteller einige Worte setzet. Wenn in dem ganzen Buche nichts gutes ist, so sind wenigstens die Worte des alten Schriftstellers gut; ich habe es also auch nicht unterlassen wollen. Ich habe mir wenigstens angelegen seyn lassen, eine solche Stelle ausfündig zu machen, welche mit meinem gegenwärtigen Vorsatze gar kein Verhältniß hat. Denn dieses ist nach dem neuesten Geschmacke.

 

 

Mein Herr,

Sie haben mir vielmals deutliche Proben von Ihrer aufrichtigen Freundschaft gegeben, und haben mich dadurch Ihnen sehr verbunden gemacht; ich gestehe es anitzt öffentlich. Ich bekenne aber auch zugleich vor der ganzen Welt, daß meine Verbindlichkeit gegen Sie niemals so groß gewesen ist, als itzt, da Sie diesen Ort verlassen. Ihr Abschied würde mir zwar schmerzlich fallen. Allein, das Vergnügen, Sie mit einem gedruckten Bogen zu begleiten; die Zufriedenheit, meinen Namen auf dem Titelblatte zu sehen; das Verlangen, der gelehrten Welt, wo nicht zu dienen, doch bekannt zu werden; kurz, ein mir und meinen Landsleuten so natürlicher, als rühmlicher, Eifer zu schreiben; dieses sind die Ursachen, warum ich Ihren Abschied so gelassen ansehen kann.

Nur etwas bedaure ich. Ihr Abschied kömmt mir zu unvermuthetDieses ist die erste Spur in gegenwärtiger Abhandlung, welche von der Stärke zeuget, die ich in Verfertigung eines Glückwünschungsschreiben, nach der neuesten Mode, besitze. Ihr Abschied ist mir gar nicht unvermuthet gekommen. Ich habe ihn vor vielen Wochen gewußt. Schon seit dem Tode des Kaisers bin ich mit dieser Schrift fertig gewesen. Ich habe mit innigsten Schmerzen auf eine Gelegenheit gewartet, sie unter die Presse zu bringen. Es würde aber ein wesentliches Stück weggefallen seyn, wenn ich nicht so bestürzt und eilfertig gethan hätte. Meine werthesten Mitbrüder, die wünschende Gesellschaft, sieht die Schönheit davon vortrefflich ein. Und es würde sehr altväterisch geklungen haben, wenn ich gesagt hätte, daß dieses Werkchen mit gründlichem Vorbedachte, und reifer Ueberlegung geschrieben sey.. Nur vor wenig Tagen habe ich diesen Ihren Entschluß erfahren. Ich bin also nicht im Stande gewesen, auf gegenwärtige Arbeit den gehörigen Fleiß zu wenden. Sie ist eine unreife FruchtDieses Urtheil fälle ich von mir, aus einer gelehrten und allen Autoren gewöhnlichen Schamhaftigkeit; will es aber bey dem geneigten Leser möglichst verbitten. Es widerleget sich auch aus obigem von selbst, und ist nur eine Figur. weniger Stunden, und die darinn häufig vorkommenden Fehler wird nichts, als Ihr Wohlwollen, und meine beynahe ganz unglaubliche Eilfertigkeit entschuldigen müssen. Von der wenigen MußeIch beziehe mich hier auf obige Anmerkungen. Wenn ich spräche, daß ich nichts zu thun hätte, und allem Ansehen nach so bald nicht mit einem Amte oder überhäufter Arbeit beschwert werden dürfte, so redete ich zwar die Wahrheit; aber ich sagte etwas, quod indignum esset nostris temporibus, indignum autore, indignum gratulante, et fausta quaevis apprecante., die ich habe, und der überhäuften Arbeit, wodurch ich auf eine verdrüßliche Art gebunden bin, mag ich nicht einmal etwas erwähnen.

Alle diese Hindernisse übersteige ich auf eine muthige Art. Ich liefre Ihnen diese Arbeit, und widme Ihnen eine, wo nicht ganz neueWir leben anjetzt, dem Himmel sey Dank, in denen Zeiten, wo alles, was Athem hat, neue Wahrheiten erfindet. Neue Wahrheiten bey dem Richterstuhle, neue Wahrheiten bey dem Krankenbette, ja sogar neue Wahrheiten auf der Kanzel; und ich wäre nicht werth, in diesem Jahrhunderte geboren zu seyn, wenn ich nicht im Stande wäre, binnen weniger Frist eine ganze Kette neuer Wahrheiten zu entdecken. und von mir zuerst erfundne, doch noch nicht sattsam erkannte Wahrheit. Der Nutzen unsrer gelehrten Glückwünschungsschreiben ist zu wichtig, als daß ich denselben mit Stillschweigen übergehen sollte. Ich will denselben angenehm, deutlich, gründlich und so beschreiben, daß mir hoffentlich niemand seinen Beyfall versagen, sondern vielmehr zugestehen wird, gegenwärtige Schrift sey nach dem neuesten Geschmacke, und als ein Urbild aller gelehrten und zu unsrer Zeit im Schwange gehenden Glückwünschungsschreiben anzusehen. Besonders werde ich mich der Kürze befleißigenDieses ist eine edle Tugend, welche mir und meinen Collegen, ohne Ruhm zu melden, nebst der Ordnung im Vortrage, und der Bündigkeit im Denken, ganz eigen ist. Sed bono vino hedera non opus est..

§. 1. Im ParadieseIch bin, wie es überhaupt gebräuchlich ist, allemal gewohnt, die Schönheiten meiner Schriften zuerst anzumerken, damit es dem Leser desto leichter falle, weiter nachzudenken. Gegenwärtigen Abschnitt halte ich für ein Meisterstück eines Glückwünschungsschreibens. Ich hatte versprochen, kurz zu schreiben, und fange, aller Kürze unbeschadet, vom Paradiese an. Wie schwer sollte es einem andern fallen, die Wörter Paradies, Arche Noah, babylonischen Thurm, Sem, Asien, braune Mohren, Lydien, Japhet, Norden, bemalte Leute und Columbus, auf eine so natürliche, lebhafte und bündige Art mit einander zu verknüpfen? Dieses kann ich und meine Mitbrüder. Was die Natur in einer Weite von vielen tausend Meilen faßt, das stellen wir auf einer einzigen Seite vor, und was in sechs tausend Jahren geschehen ist, das wissen wir in wenig Punkte zu schließen. Noch mehr. Wer hätte meinen sollen, daß ich den Ursprung unsrer heutigen Glückwünschungsschreiben in dem Paradiese zu suchen wüßte? Der folgende Abschnitt wird es weisen, daß ich ihn rühmlichst gefunden habe. Lauter neue Wahrheiten! Es sey voritzt genug. Nunmehr weis der Leser, was er sich von mir zu versprechen hat. Und die Folge wird weisen, daß dieses und alle auf solche Art eingerichtete Schreiben nichts anders sind, als εξωτικοθαυματουργηματοταμει̃α. lebten unsre ersten Aeltern bey der größten Zufriedenheit. Dieses Glück dauerte nur wenige Zeit. Je häufiger sich ihre Nachkommen mehrten, desto heftiger nahm die Unruhe und das Elend der Sterblichen zu. Der kleine Ueberrest der alten, und die einzige Hoffnung der neuen Welt, schwammen in einem Kasten. Die Ruhe und Einigkeit schienen wiederhergestellt zu seyn: Es währte aber nicht lange. Die Herrschsucht wollte sich einen Thurm bis in die Wolken bauen. Doch eine höhere Vorsicht zerstörte dieses verwegene Gebäude, und verwirrte die Sprachen. Die Kinder Noah verstunden einander nicht mehr. Sie mußten sich trennen. Die stolzen Nachkommen Sems ließen sich in dem fetten Grunde Asiens nieder. Der braune Mohr erwählte sich die sandigten Gegenden Lybiens. Ob es die Söhne Japhets gewesen, welche sich unsere nördliche Gegend zum Sitze ausgelesen, mag ich nicht untersuchen Und es bemühen sich die Geschichtsforscher noch bis itzt vergebens, wie die bemalten Einwohner in jenes Land gekommen sind, welches Columbus nach so späten Jahren wieder bekannt gemacht hat. So sehr wurden diejenigen zerstreut, welche allerseits Kinder eines Vaters waren; und so wenig verstehen die Nachkommen einander, deren Aeltern nur eine Sprache geredet haben.

§. 2. Das Gute hat seinen Ursprung vielmals einem Uebel zu danken. Aus der Zerrüttung der Sprachen entstunden Gesellschaften. Diejenigen, welche eine Sprache redeten, verstunden einander, und schlugen sich daher zusammen. Die meisten von solchen Gesellschaften hatten zwar keine andre Absicht, als sich zu schützen, und zu nähren: Viele aber giengen hierinnen weiter. Die Sorge für ihren Leib hinderte sie nicht, an dasjenige zu denken, was noch weit edler war. Sie bemühten sich, ihre Seele und deren Kräfte zu bessern. Sie richteten Schulen auf. Sie erfanden schöne Wissenschaften, und brachten sie in Aufnahme. Aegypten legte den ersten Grundstein zu diesem vortrefflichen Gebäude. Griechenland that es ihm nach, und übertraf seinen Lehrmeister. Rom entriß Griechenland Zepter und Lorbeer, und pflanzte beydes auf die fruchtbaren Höhen des Capitoliums. Innerliche Zerrüttung, und fremde Gewalt verjagten die Musen aus dieser angenehmen Wohnung. Sie zogen sich weiter nach dem rauhen Norden, und wir sind nebst unsern Nachbarn so glücklich geworden, ihres Umgangs zu genießen. Leipzig, das gelehrte Leipzig, hat sich hierinnen vor allen andern hohen Schulen eines besondern Vorzugs zu rühmen. Tausend vortreffliche Werke sind unverwerfliche Zeugen hiervon. Ich übergehe die meisten mit Stillschweigen, und will nur eine Art derselben anführen. WerEs versteht sich von selbst, daß ich hier nur von denen rede, welche ich mir zum Muster vorgesetzt habe, und denen gegenwärtiges zu einem rühmlichen Exempel dienen kann. Es giebt noch eine große Menge andrer Glückwünschungsschreiben, die aber bey ihrer Trockenheit nur denen gefallen können, die an unsrer itzigen und neuesten Art zu denken keinen Geschmack haben. thut es uns in Glückwünschungsschreiben zuvor? Wir haben es hierinnen aufs Höchste gebracht. Ein jedes derselben ist ein Innbegriff seltner Schönheit; ein Kern ausbündiger Sachen, und ein Muster, welches die Vorfahren mit stummer Verwunderung verehren würden, die späteren Nachkommen aber als unverwesliche Merkmale unsrer Glückseligkeit rühmen müssen. Dieses alles schreibt sich aus dem Paradiese her, W. Z. E. W.Finis coronat opus. Diese vier Buchstaben wollen mehr sagen, als alle hieroglyphische Figuren der ägyptischen Priester. Sie zeigen an, daß ich fertig bin, daß ich ordentlich gedacht habe, daß mein Beweis unumstößlich ist. Man mag schreiben, wie man will! Man setze nur zum Schlusse W. Z. E. W. so schreibt man mathematisch. Diese Buchstaben sind nichts anders, als das alte Plaudite. Der Verfasser bittet sich dadurch den Beyfall des Lesers aus, daß er seine philosophische Rolle so vortrefflich gespielet hat.

§. 3. Ich habe also den rühmlichen Ursprung der Glückwünschungsschreiben auf so eine Art dargethan, daß kein vernünftiger MenschEs ist die löbliche Gewohnheit meiner Brüder, daß man auf einen jeden Beweis einen Trumpf setzet. Im Lateinischen klingt es noch männlicher: Cui sanum est sinciput & occiput. In meiner ratiocinatione practica, welche künftige Ostermesse ans Licht treten wird, sind zwey Alphabete solcher gründlicher Formeln angemerket, welche aber größtentheils aus dem Holländischen genommen sind. etwas daran auszusetzen haben wird.

Nunmehr muß ich auch entwerfen, was ich eigentlich unter den nach der neuesten Mode eingerichteten Glückwünschungsschreiben verstehe. Nämlich, ich verstehe darunter nichts anders, als eine sauber gedruckte Abhandlung, worinnen viele Worte, auf eine ungefähre Art, mit allen nur ersinnlichen Anmerkungen ausgezieret sind, damit die Belesenheit des Verfassers in die Augen falle, die gelehrte Welt einen tröstlichen Zuwachs erhalte, und bey dieser Gelegenheit dem Gönner oder Freunde etwas annehmliches vorgesaget werde. Hiervon will ich ausführlicher handeln.

§. 4. Mit großem Vorbedachte habe ich oben gesagt, ich wollte, was die Glückwünschungsschreiben wären, entwerfenIch kann den Unterschied nicht besser ausdrücken, als durch die Distinction: Inter definitionem & descriptionem.. Ich bin so pedantisch nicht, daß ich eine ordentliche Definition davon machen wollteEs kömmt allerdings auf mein Wollen an. Denn ich weis sehr umständlich, was zu einer Definition erfordert wird, indem ich mehr als eine Logik eigenthümlich besitze, und daselbst nur nachschlagen dürfte. Mehr gehöret zu einem rechtschaffnen Gelehrten nicht.. Dieses ist viel zu verdrüßlich, zugeschweigen, daß es wider die Pflicht eines guten Bürgers läuft, eine Definition zu geben, indem uns die Gesetze selbst davor, als vor etwas gefährlichem, warnenL. 202. D. de R. I. Omnis definitio &c. periculosa est &c.. Nur ehedem gieng es an, da man noch eigensinnig war, da man genau wissen wollte, wovon eigentlich die Rede wäre; kurz, da man noch wenig schrieb, und viel dachte. Es ist dieses bis itzt ein beschwerlicher Fehler vieler Gelehrten, welche etwas bey Jahren sind. Ich und die Herren Scribenten von meinem Alter haben uns dieser Sklaverey entrissen. Dieses unterhält unsre Fähigkeit, daß wir mehr schreiben können, als wir denken. Wir entwerfen; und behalten dadurch die Freyheit zu sagen, was uns einfällt. Wer mir nicht glauben will, der lese unsre Glückwünschungsschreiben.

§. 5. Ich nenne die Glückwünschungsschreiben eine Abhandlung. Es sey aber ferne von mir, daß ich dadurch anzeigen wollte, als müsse man dasjenige, was auf dem Titelblatte steht, darinnen ordentlich ausführen. Dieses ist schlechterdings wider den Charakter meiner Glückwünschungsschreiben. Man muß etwas sagen, dessen sich der Leser nicht versieht. Das Unerwartete rührt am meisten. Zum Exempel: Man thut, als wolle man von den Regeln der Geselligkeit handeln, und erzählt die Geschichte des Aeneas und Turnus. Man verspricht die Mittel zu zeigen, wodurch man glücklich werden kann, und beschreibt dafür das Wesen des Schwefels und Salzes. Man stellet sich, als wolle man die Vorzüge der heutigen Poesie anführen, und rühmt die Fabeln des CrispinusMeine Leser werden es bestens entschuldigen, daß bey diesem Abschnitte keine Note ist. Es ist ein Versehen, welches mir, besonders bey gegenwärtiger Abhandlung, beynahe nicht zu verzeihen wäre, wenn ich mich nicht hierdurch anheischig machte, es in folgenden Abschnitten wieder einzubringen..

§. 6. Diese Abhandlungen müssen sauber gedruckt seyn. Dieses wird hauptsächlich erfodert; darum habe ich es auch zuerst angemerket. Es nimmt den Leser unvermerkt ein, und indem er den schönen Druck bewundert, so übersieht er manchen Fehler. Zum Titel, bey welchem man sich der längstenDer Titel, welchen ich dieser Schrift vorgesetzt habe, kann diesen Satz am besten beweisen. Ich hatte eine rechte Freude, als er fertig war, und mancher Dichter empfindet bey denen Versen, die er zur Welt gebracht, die kützelnde Zufriedenheit lange nicht, welche ich bey mir verspürt, als ich den ersten Bogen aus der Druckerey bekam. und fürchterlichsten Wörter zu bedienen hat, nimmt man die ansehnlichsten Lettern. Soll er recht zierlich seyn, so muß er aussehen, wie die Grabschrift eines reichen Müßiggängers, in welche der vergnügte Erbe weit mehr setzen lassen, als der Verstorbne in seinem ganzen Leben zu thun fähig gewesen ist. Daß der AnfangsbuchstabeVideatur mein S beym Anfange dieser Schrift! in einem zierlich geschnittnen Stocke stehen muß, verseht sich von selbst. Und jedermann wird zu SteuerBey dem Worte Steuer fällt mir eine rare Münze bey, welche ich auf den Titel stechen lassen. Ein andrer, der meine Fähigkeit im Denken nicht besitzt, würde nimmermehr darauf gekommen seyn. Weil ich dieses Werk selbst verlegen werde, so habe ich die Kosten nicht gescheut, dieses Kupfer verfertigen zu lassen. Es ist die allerneuste Mode. Es macht ein Buch beliebt. Und was das schönste ist, so wird gar nicht erfodert, daß sich die Münze zur Abhandlung schicke, oder etwas davon in derselben gedacht werde. Wer hätte in meiner Lobschrift auf die Glückwünschungsschreiben eine Steuermünze suchen sollen? Bloß dem Wort Steuer hat der Leser das schöne Bildchen zu danken. der Wahrheit bekennen müssen, daß eine schlechte Abhandlung weit erträglicher sey, als ein schlechter Anfangsbuchstabe.

§. 7. Die Abhandlung muß aus zusammen verknüpften Worten bestehen. Worte sind also das Hauptstücke unserer Glückwünschungsschreiben. Wenn man diese hat, so hat man alles. Es giebt noch viele unter unsern Gelehrten, deren Namen ich aber aus Mitleiden verschweige, welche in dem irrigen Wahne stehen, man müsse zuförderst wissen, was man schreiben wolle, und alsdann erst um die Worte und Ausdrücke bekümmert seyn. Verkehrte Meinung! Worte muß man zuförderst haben. Diese muß man mit einander verknüpfen, und alsdann sieht man, was man geschrieben hat. Es ist hier eben, wie mit der Poesie. Wenn ich den ReimIch werde hiervon in meinem Poeta in nuce, oder in meiner Sammlung 10000 auserlesener Reime, vermittelst welcher man, besonders bey Magisterpromotionen, auf die leichteste poetische Art, satirische und ernsthafte Gedichte binnen kurzer Zeit zu Papier bringen kann, ausführlich handeln. habe, so habe ich auch den Gedanken, welcher in den Vers soll; und wenn der Reim fehlt, so ist mir der schönste Gedanke nichts nütze.

Je fremder die Worte sind, und je weniger sie, außer der Verknüpfung, Aehnlichkeit mit einander haben, desto schöner wird die Schrift. Es würde sehr gemein lassen, wenn man nichts setzen wollte, als was durch eine natürliche Folge aus einander flöße. Ich will ein GleichnisEs sollte mir hier schwer fallen, einen ordentlichen Beweis zu machen. Ich bediene mich also mit großem Nutzen der Freyheit, welche sich meine werthesten Mitbrüder vorlängst angemacht haben: Daß sie nämlich mit Gleichnissen reden, wenn ihnen die trocknen Schlüsse zu mühsam sind. geben. Sie kennen, mein Herr, jenes Frauenzimmer, welches ihre ganze Nachbarschaft in Verwundrung bringt. Ihre Spitzen nimmt sie aus Holland; die Ohrgehenke aus Indostan. Peru muß dasjenige liefern, was zum Halsschmucke nöthig ist. Die Kleidung ist ein Werk der Persianer. Ihr Fischbeinrock hat seinen Ursprung dem Nordpole zu danken, und sie würde tausend nöthige Dinge entbehren müssen, wenn nicht die Sorgfalt der Kaufleute solche von dem Süderpole herzuschaffen wüßte. Von ihrem Vaterlande hat sie nichts, als den Körper. Gleichwohl müssen Sie zugestehen, daß alle diese fremden Sachen auf eine geschickte Art zusammen verknüpft sind, und jedermann die wohlausgesponnene Pracht mit Hochachtung bewundert. Gleiche Beschaffenheit hat es mit unsern Glückwünschungsschreiben. Sie kommen mir nicht anders vor, als ein prächtig ausgeputztes Frauenzimmer. Asien, Aegypten, Griechenland, Rom, Frankreich, London, Himmel und Hölle haben ihren Antheil daran; alles muß etwas dazu hergeben. Dieses weis der Verfasser auf eine sinnreiche Art zu verknüpfen, daraus verfertigt er seine prächtige Schrift.

§. 8. Diese WorteDie Regeln, welche ich in diesem Abschnitte gebe, werden sich durch ein Exempel am besten erläutern lassen. Es war am 2 Jänner 1740, als ich in die wünschende Gesellschaft trat. Ich mußte eine Antrittsrede halten, um meine Fähigkeit zu zeigen. Der Vorsitzende redete mich zuerst an. Er sagte mir die Regeln und Gesetze seiner Gesellschaft. Ich versprach ihnen nachzuleben. Hierauf gab er mir den Freymäurer, welcher das Jahr vorher geschrieben war, in die Hand, wies mir die über jedem wöchentlichen Blatte stehende Ueberschrift, und sagte, daß ich nach dieser Ordnung alsobald meine Antrittsrede halten sollte. Ich fragte ihn, was für einen Satz ich ausführen sollte. Er besann sich ein wenig, und sagte mir, ich sollte handeln: Von der wahren Beschaffenheit eines vernünftigen Bürgers. Hierauf hielt ich sogleich eine bewunderungswürdige Rede. Als ich mit solcher fertig war, gab ich den Freymäurer dem Vorsitzenden zurück, welcher eine Gegenrede an mich hielt, und darinnen nach Anleitung und Ordnung eben dieser Ueberschriften, von der damaligen ungemeinen Kälte handelte. Er wendete dieses sehr natürlich auf unsre Gesellschaft, und besonders auf mich an, rühmte dabey, wie leicht zu vermuthen ist, meine Rede ungemein, und hielt es mir, als einem Anfänger, zu gute, daß ich mich in der ersten Hälfte derselben zu sehr an den aufgegebenen Satz gebunden hatte: versicherte mich zugleich, daß die andere Hälfte unverbesserlich, und nach ihrem neuesten Geschmacke sey. Man wird die Wahrheit dieses Urtheils selbst erkennen, wenn man sich das Vergnügen machen will, sie zu lesen; zu dem Ende habe ich sie dieser Abhandlung beydrucken lassen. müssen auf eine ungefähre Art mit einander verknüpft seyn. Was dieses sagen wolle, das ist in dem vorhergehenden Abschnitte größtentheils ausgeführt. An diesem Orte will ich nur einige praktische Regeln geben, welche man bey allen dergleichen Ausarbeitungen mit besonderm Nutzen wird anwenden können. Ich habe die Ehre, ein unwürdiges Mitglied von derjenigen Gesellschaft zu seyn, welche seit geraumer Zeit auf dieser hohen Schule blüht, und sich die wünschende Gesellschaft nennt. Sie besteht aus zwölf Personen, und einem Vorsitzer. Wir kommen alle Wochen einmal zusammen. Ein jeder von uns muß vier Gedanken mitbringen. Diese bestehen entweder aus einem weisen Spruche eines Gelehrten, oder aus einer Ueberschrift, oder aus einem Stücke des Alterthums und der Historie, oder aus einer kritischen Anmerkung. Sie dürfen nicht mit Fleiß ausgesucht, sondern müssen von ungefähr gefunden, mithin von einander ganz unterschieden seyn. Ein jeder Gedanke wird auf einen besondern Zettel geschrieben. Auf solche Weise bringen wir auf 52 Zetteln 52 bündige Gedanken zusammen. Diese wirft der Vorsitzende in seinen Hut, rühret sie wohl unter einander, und legt sie alsdann in einer Reihe auf den Tisch. Der, welchen die Ordnung zu reden trifft, steht alsdann auf. Der Vorsitzende sagt ihm einen Satz, welcher ihm zuerst beyfällt. Dieser muß sogleich abgehandelt werden, und in den 52 Zetteln findet er eine unerschöpfliche Quelle desjenigen, wodurch er, aus dem Stegreife, eine männliche, bündige, gelehrte, sinnreiche und lebhafte Rede, ohne Anstoß, vorbringen kann. Es ist dieses nichts unmögliches. Ein jeder Gedanke führt uns auf den andern. Ein zufälliges Wort ist hierzu genug. Will sich auch dieses nicht finden, so suchet man ein Gleichniß, oder ein Exempel. Das bewährteste Mittel ist die Erfindung, welche die Redner a contratio nennen. Sind aber die aufgegebnen Gedanken gar zu hartnäckigt, und wollen sie sich auf keine Weise verbinden lassen; so sagen wir dieselben in ihrer unzertrennten Ordnung her, und schließen mit einem verwundrungsvollen: Jedoch wo gerathe ich hin! Dieses heißt auf eine ungefähre Art verknüpfen.

§. 9. Wenn ich meine Worte auf eine ungefähre Art verknüpfe; so muß ich sie auch mit allen nur ersinnlichen Anmerkungen auszieren, damit die Belesenheit des Verfassers in die Augen falle, und die gelehrte Welt einen tröstlichen Zuwachs erhalte. Wie nöthig, wie rühmlich dieses sey, das werde ich in dem folgenden weisen. ExEs wird dem gemeinen Wesen sehr zuträglich seyn, wenn ich hier anmerke, daß Virgilius das Wörtchen Ex besonders hundert und siebenzehnmal mit Nachdrucke anführet. Ecl. 3. Puero syluestri EX arbore lecta Aurea malum decem misi. Ecl. 6. Iniiciunt ipsis EX vincula fertis. Ecl. 7. EX illo Corydon. Ecl. 10. EX vobis vnus. Georg. L. 1. Collectae EX alto nubes. Ibid. Reuolant EX aequore mergi. Ib. nec minus EX imbri soles. Ib. L. 2. Inferitur vero EX foeru nucis &c. Ib. non vllo EX aequore cernes. Ib. EX se ipsa remittit. Ib. EX arbore Plantas. Ibid. Oscilla EX alta suspendunt. Ibid. L. 3. Pugnam EX auro. Ibid. EX hoste trophea. Ib. aliam EX alia generando. Wegen der übrigen Stellen beliebe der geneigte Leser den über Virgilii Opera verfertigten Indicem Nicolai Erythraei aufzuschlagen, welchen ich hier mascula imitatione ausgeschrieben habe. vnguea Graeco όνυχες, Terent. in Eun. Act. IV. Sc. 3 v. 6.
              Vnguibus in os alicui inuolare.
Tibull. Libr. I. el. 8 v. 12.   Vnguinum praesegmina.
Tertull. de Poenit. cap. 10.   Repastinare vngues.
Ovid. I. de arte amandi:
      Et nihil emineat, et sint sine fordibus vngues.
Horat. I. epist. VII. v. 51.
      Cultello proprio purgantem leniter vngues.
Videatur omnino Fabri Thesaurus, sub voce Vnguis.
leonemIch zweifle gar nicht, daß man nicht bey dem Worte Leo schöne Anmerkungen, aus den Alterthümern, Geschichten, Münzen, sinnreichen Sprüchen gelehrter Männer, der Naturkunde, Sternkunst, und andern Wissenschaften machen könnte. Es war auch dieses anfänglich mein löblicher Vorsatz, und es würde diesem Abschnitte eine sonderbare Zierde gegeben haben. Weil ich aber in allen Registern, die ich besitze, davon nichts rechtes finden können, so bin ich hinlänglich entschuldigt. Denn es ist bekannt, daß wir Gelehrte nichts weiter wissen, als was in den Registern steht.. Ich gestehe zwar gar gern zu, daß es eine etwas mühsame Arbeit ist. Ich weisHesiod. Op. et Dies, v. 172. ff.

Μηκέτ' έπειτ' ώφειλον, εγὼ πέμπτοισι μετει̃νου
’Ανδράσιν, αλλ' ὴ πρόσθε θαυει̃ν, ὴ έπειτα γενέσθαι.
Νυ̃ν γὰρ δὴ γένος επὶ σιδήρεον, ουδέ ποτ' η̃μαρ
Παύσονται καμάτου καὶ οϊζύος, ουδέ τι νύκτωρ,
Φθειρόμενοι. Χαλεπὰς δὲ θεοὶ δώσουσι μερίμενας.
aber auch, daß wir uns vielmals in andern Sachen keine Mühe verdrüßen lassen, welche von solcher Wichtigkeit lange nicht sind, als ein dergleichen löbliches Vorhaben. Diese Anmerkungen müssen aus vielerley Sprachen bestehen. Hierbey darf man schlechterdings nicht sparsam seyn. Man schreibt für Gelehrte, und also muß man sie auf eine gelehrte Art unterhalten. DiesesIch muß mich wundern, daß es Leute giebt, welche von einem Gelehrten mehr fodern wollen, als Sprachen. Es ist mir zu verdrüßlich, mich in diesen Streit einzulassen. Ich will meine Gegner nur auf den R. Moses ben-Maimon weisen, welcher sie zur Gnüge beschämt, wenn er in Hal. Sanhedr. c. 2. v. 7. folgendermassen redet:

וצריר לרשהרל ולרבוק שיחיו בולז בעלו מראח
גבוגי להש ושירעו כרוב לשונות כרי שלא
תשסשן מפי תורגסן׃

heißt aber gelehrt, wenn man viele Sprachen kann. Es ist eine leichte Sache, die Gottesgelahrheit zu fassen, die innländischen und auswärtigen Rechte zu lernen, die Arzneykunst zu begreifen, und ein Meister der Weltweisheit zu werden. Dazu gehört nicht mehr, als höchstens eine Zeit von drey Jahren, so ist man darinnen vollkommen. Aber Sprachen zu lernen; dieses ist dasjenige, womit wir in der zartesten Jugend anfangen, vom MorgenDieses drückt der Ebräer also aus: מבואו ממזרה־שמשער־ Wenn ich nun die Beschreibung der übrigen Morgenländer, als des Chaldäers, ממרנת שמשא ער מטציה und des Syrers,

und des Arabers,

bis auf den Abend zubringen, und doch in dem spätesten Alter noch nicht fertig sind. Sollte dieses nicht die wahre Gelehrsamkeit seyn? Sollten diese nicht die sichersten Merkmale seyn, wodurch man darthun kann, daß man ein würdiger Sohn des ApolloIch kann nicht läugnen, daß es mir sehr sauer geworden ist, den Apollo hier anzubringen, und wer nicht weis, worinnen die Schönheit eines Glückwünschungsschreibens besteht, der dürfte wohl gar glauben, es käme gezwungen. Allein, es hat ein italiänischer Poet gesagt: Ecceoti, benigno Lettore, un parto di poche sere, che se ben naro di nobile, non è però aborto di tenebre, ma si farà conoscer Figlio d'APOLLO con qualche raggio di Parnaso. Weil ich nun in meine Anmerkungen auch etwas Italiänisches setzen wollte, gleichwohl mir nichts anders, als vorstehendes, bekannt war: So habe ich lieber der natürlichen Ordnung ein wenig Gewalt anthun, als diese Schönheit missen wollen. sey?

Zwar möchte mancher einwenden: Es sey unmöglich, daß ein jeder eine so weitläuftige Wissenschaft in Sprachen besitze; man habe nicht allemal Gelegenheit sie zu erlernen; nicht ein jeder sey fähigOn voit peu d'Esprits sans doute, qui ne soient capables de quelque Art ou de quelque Science. Ils ont tous un certain desir d'apprendre & d'augmenter leurs lumieres, qui se peut fortifier par une bonne Methode. Mr. Noble dans l'Ecole du monde., solche zu fassen. Sollte man denn deswegen das reizende Vergnügen entbehren, etwas zu schreiben? Keinesweges. Ich sehe es nicht als eine unumgängliche Nothwendigkeit an, daß man viele Sprachen verstehen müsse: Ich verlange nur, daß die Anmerkungen aus vielen Sprachen bestehen sollen. Was man nicht selbst kann, das werden doch wohl unsre guten Freunde können. DieseIt is a true saying, that misfortunes alone prove one's friendships, they show us not only other people's for us, but our own for them; we hardly know our selves any other wise. New Letters of Mr. Al. Pope, p. 207. sind schuldig, uns in der Noth zu helfen, und uns aus der Schande der Unwissenheit zu reissen. Wer wollte mir zumuthen, daß ich Griechisch, Rabbinisch, Ebräisch, Chaldäisch, Syrisch, Arabisch, Französisch, Italiänisch, und Engländisch könne? Ich verstehe nichts als meine Muttersprache, und ein wenig Latein. Gleichwohl würde man es mir nimmermehr ansehen, wenn ich nicht so offenherzig wäre, und es anitzt öffentlich bekennte. Ich habeIch muß hier die aufrichtige Fürsorge meiner guten Freunde öffentlich und mit Danke rühmen. Ich habe durch ihre Beyhülfe einen so schönen Vorrath von Anmerkungen in verschiednen Sprachen, daß ich alle Stunden vermögend bin, ein neues Werk zu schreiben. Nur kann ich noch nicht schlüßig werden, wovon es handeln soll. ein halb Dutzend gute Freunde, welche mich von Zeit zu Zeit mit gelehrten und fremden Anmerkungen verlegen, und ich habe ihrer Freygebigkeit dasjenige einzig und allein zu danken, was ich in gegenwärtigem Abschnitte dem geneigten Leser mitgetheiletHerr Prof. Kehr in Petersburg hat mir eine auserlesene Sammlung von Noten in ausländischen, und bey uns ganz unerhörten, Sprachen versprochen. Es ist mir verdrüßlich, daß es in Erfüllung seines Versprechens so saumselig ist. Hätte ich sie anitzt gehabt, so würden sie gegenwärtiger Abhandlung ein besonderes Ansehen gegeben haben.. Es ist dieses gar kein Fehler von mir. Wenn niemand nichts schreiben wollte, als was er verstünde; so würde gewiß die Hälfte von den gelehrten Werken wegfallen, welche alle Messen an das Licht treten. Wir haben genug gethan, wenn wir unsre Namen auf den Titel setzen lassen.

§. 10. In unsern Glückwünschungsschreiben pflegen wir unsern Gönnern oder guten Freunden etwas annehmliches vorzusagen.

Es könnte das Ansehen gewinnen, als wäre dieses der Hauptendzweck: Er ist es aber nicht. Wir schreiben nicht darum, weil wir etwas wünschen wollen; sondern wir wünschen, damit wir schreiben können. Die Erfahrung wird dieses am besten beweisen. Man sehe unsre Glückwünschungsschreiben an. Den größten Theil macht eine so genannte Abhandlung aus. Diese steht uns zu Ehren da. Ein kleiner Anhang gehört unserm Gönner oder guten Freunde. In jenem sagen wir ganz ausführlich, ohne uns zu nennen, was für tiefsinnige und unentbehrliche Mitglieder der gelehrten Welt wir sind. In diesem aber bedauern wir in möglichster Kürze, daß die Schrift wider alles Vermuthen uns unter den Händen gewachsen, und stärker geworden sey, als unser Vorsatz gewesen. Wir bezeigen unsern Unwillen, daß wir abbrechen müssen; wir beklagen, daß der Raum zu enge, und die Zeit zu kurz ist, und was wir noch alles gleichsam auf der Flucht sagen können, ist dieses: Die VerdiensteSie werden also, werthester Freund, mir nicht zumuthen, daß ich Ihnen itzt einen ausführlichen Wunsch, oder ein wohlgesetztes Lob liefern solle. Ich gönne Ihnen alles gutes. Sie besitzen mehr ruhmwürdige Eigenschaften, als sich in ein Glückwünschungsschreiben von dieser Art schicken. Ich liebe Sie aufrichtig. Allein: Sie werden mir nicht für übel halten, wenn ich davon gar nichts sage. Ich würde das Gelübde brechen, welches ich bey meinem Antritte in die glückwünschende Gesellschaft gethan; ich würde mir meine Mitbrüder zu Feinden machen. Dieses können Sie mir nicht ansinnen. Zu geschweigen, daß gegenwärtige Abhandlung fertig gewesen, ehe ich an Sie gedacht habe. Ich und meinesgleichen aber haben für dasjenige, was wir einmal geschrieben, zu viel Liebe und Hochachtung, als daß wir etwas ausstreichen oder ändern sollten. unsers Gönners oder Freundes wären ohne dieß jedermann bekannt, und wir würden unbillig handeln, wenn wir uns wagen wollten, etwas zu loben, welches wir bloß zu erzählen nicht einmal vermögend wären; empfehlen uns anbey dessen hohem Patrocinio oder Freundschaft, und verharren, bis zu dem letzten Hauche unsers Lebens, Diener und Freunde.

Wünsche von dieser Art schicken sich für alle; und dergleichen weitläuftige Ausdrücke sind darum unentbehrlich, weil wir mit unsern Lobschriften vorher fertig sind, ehe wir noch wissen, wen wir loben.

§. 11. Nunmehr habe ich den Ursprung der Glückwünschungsschreiben ganz kürzlich gezeigt. Ich habe gesagt, was ich unter Glückwünschungsschreiben verstehe. Ich bin diesen gemachten Entwurf stückweise durchgegangen. Ich habe Regeln gegeben, und bin solchen selber gefolget. An Noten und Anmerkungen wird hoffentlich kein Mangel seyn; und wenn ich nicht gar zu sittsam wäre, so würde ich sagen: daß gegenwärtige Schrift ein Muster aller Glückwünschungsschreiben, eine unleugbare Probe meiner unerschöpflichen Fähigkeit im Denken, ein Innbegriff vieler inn- und ausländischen Schönheiten, und ein solches Werk wäre, welches, wie wir großen Geister tiefsinnig zu reden pflegen, wo nicht sich selbst übertreffe, doch seine eigne Parallel sey.

 

CorollariumWeil Corollarium nicht mehr, wie bey unsern Vorfahren, eine solchen Proposition heißt, die aus denen vorherstehenden Sätzen durch eine natürliche Folge fließt; sondern vielmehr dadurch dasjenige angezeiget wird, was auf das letzte weise Blatt gedruckt wird: So bin ich befugt gewesen, diesen Anhang ein Corollarium zu nennen..

Als ich gegenwärtige Abhandlung einem guten Freunde zu lesen gab; so entdeckte dieser gleich anfangs einen großen Fehler daran. Ich hätte nämlich, sagte er, vergessen, dem Zoilus, beim Eingange meiner Schrift, eines zu versetzen. Ich hätte ihn warnen sollen, daß er sich mit seinem alles begeifernden Zahne nicht an mich wagen sollte: Allein, es ist mit gutem Vorbedachte unterlassen worden. Ich will gar nicht böse werden, wenn sich jemand wider dieses Werkchen auflehnt; es soll mir vielmehr ein besondres Vergnügen seyn. Auf solche Weise bekomme ich wieder Gelegenheit, etwas neues, und vielleicht noch viel zu schreiben. Ich habe mich schon auf verschiedene beissende und satirische Gedanken gefaßt gemacht, womit ich meinen Gegner lächerlich machen will. Hiermit will ich also jedermann, wer es auch sey, zu einem gelehrten Kampfe auffordern. Sollte aber niemand, wie ich fast vermuthe, das Herz haben, sich an mir zu vergreifen; so werde ich mich genöthigt sehen, in dem nächsten Glückwünschungsbriefe, unter verdecktem Namen, selbst wider mich zu schreiben. Ich hoffe hierdurch im Stande zu seyn, in weniger Zeit der gelehrten Welt eine starke Sammlung auserlesener Streitschriften unter dem Titel Scribleriana zu liefern. Schreiben muß ich, und zwar viel schreiben. Denn ich bin ein Gelehrter!

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