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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 29
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Gottlieb Wilhelm Rabeners Satiren. Dritter Theil.

 

 

Vorbericht.

Es ist noch gar nicht lange, daß man über den Mangel deutscher Briefe klagte, und vielleicht mit gutem Grunde. Man beschwerte sich, daß diese Gegend des deutschen Witzes noch am wenigsten angebaut, oder doch nur hin und wieder von Pedanten, lateinischen und deutschen Pedanten, Pedanten vom Hofe und von der Stadt, bewohnt sey.

Seit etlichen Jahren haben wir nicht mehr Ursache, über diesen Mangel uns zu beschweren. Wir sind mit Briefen und Briefstellern in ziemlicher Menge versorgt. Bald werden wir wünschen, daß unsre Landsleute sich mit einer andern Art von Witze beschäfftigen möchten.

Es ist vielen unter unsern Deutschen sehr gewöhnlich, daß ihr Witz langsam und spat erwacht; erwacht er aber auch einmal, so sind sie bis zum Ekel witzig. Der Beyfall, den einige anakreontische Oden verdienten, machte das halbe Land anakreontisch. Man sang von Wein und Liebe, man tändelte mit Wein und Liebe, und die Leser gähnten bey Wein und Liebe. Ein Heldengedichte, dessen Vorzüge vielleicht erst in hundert Jahren den verdienten Beyfall allgemein haben werden, macht zwey Drittheile des Volks episch. Aus allen Winkeln, wo ein Autor schwitzt, kriechen epische Hochzeitwünsche, epische Todtenflüche, epische Wiegenlieder hervor, und der kleinste Geist flattert, so weit er kann, in die Höhe um über geschwärzten Wolken hoch daher rauschend zu donnern. Mit den Briefen gehet es uns eben so, und wir sind in Gefahr, bey dieser Art des Witzes noch mehr auszustehn, je gewisser ein jeder glaubt, daß es sehr leicht sey, Briefe zu schreiben, und je leichter es ist, aus allem, was man geschrieben hat, einen Brief zu machen.

Mit Erlaubniß dieser meiner Herren Collegen will ich hier die Kunst ihres Handwerks ein wenig verrathen. Sie haben gelesen, daß man einen Brief so schreiben soll, wie man rede; aber weiter haben sie nicht gelesen, sonst würden sie gefunden haben, daß man vorher im Stande seyn müsse, vernünftig zu reden und zu denken, wenn man es wagen wolle, vernünftige Briefe zu schreiben. Viele von ihnen reden und denken pöbelmäßig, und wie sie reden und denken, so schreiben sie auch ihre Briefe; sie schreiben sehr viele Briefe, weil ihnen der Mangel des Verstandes den Vortheil verschafft, daß sie mit großer Geschwindigkeit wenig denken, und viel plaudern. So muß man es machen, wenn man, nach ihrer Art, scherzhafte, freundschaftliche, oder vertraute Briefe der Welt mittheilen will. Der steife und strotzende Witz, den uns die Ausländer so oft vorwerfen, äußert sich besonders bey denen, welche fühlen, daß sie gelehrt und belesen sind, auf eine andre Art. Sie machen sehr tiefsinnige Abhandlungen von uralten Wahrheiten, jagen solche durch alle Fächer der Dialektik und Schulberedtsamkeit durch, machen dieses gothische Gewebe mit Sentenzen der Alten erbaulich, und mit schönen Sinnbildern anmuthig, und wenn sie endlich unter Mühe und Angst sechs Bogen zusammen gepredigt haben; so setzen sie darüber:

Hochedelgebohrner Herr,
      Hochzuehrender Herr, und vornehmer
            Gönner!

den Augenblick wird dieses gelehrte Werk ein Brief.

Das ist das große Geheimniß, und der wahre Kunstgriff, dessen sich ein arbeitsamer Deutscher bedienen kann, wenn er ein gelehrter Briefsteller von vier Quartbänden werden will. Durch dieses vortreffliche Mittel getraue ich mir aus allen Folianten meines Vaterlandes Briefe zu machen. Sollte dieses nicht ein Weg seyn, der asiatischen Banise, welche bey Kennern und andern ihren vorigen Werth verlohren hat, zu ihrem alten Ansehen wieder zu verhelfen, wenn man nach dem itzigen herrschenden Geschmacke einen Brief daraus machte? Wie das angehen könne? Sehr leicht. Wir wollen es versuchen:

Gnädiges Fräulein,

Blitz, Donner und Hagel, als die rächenden Werkzeuge des erzürnten Himmels, zerschmettern die Pracht der mit Gold bedeckten Thürme, und wie es etwan weiter lautet. Dieses: Gnädiges Fräulein, wiederholt man auf allen Seiten ein paar mal; so ist es ein Brief, oder der Leser, der es läugnen will, muß gar keinen Geschmack, und gar keine gesunden Begriffe von einem Briefe haben. Das will ich doch nicht wünschen, daß sich jemand diesen kritischen Fluch muthwillig auf den Hals laden möchte, welcher bey andern Gelegenheiten schon vielen so schrecklich gewesen ist.

Da ich der schreibenden Welt diese beyden Handgriffe bekannt gemacht habe; so scheint es fast überflüßig zu seyn, weitere Anleitung zu Briefen zu geben. Nun weis man, wie man artig, vertraut und geschwind, man weis auch, wie man gelehrt schreiben solle.

In diese Classen werden sich, glaube ich, die meisten Briefe einschränken lassen. Allenfalls nehme ich diejenigen aus, welche man Amts- und Berufsbriefe nennen könnte, und welchen der Kanzleystyl eigen ist. Die Gewohnheit rechtfertigt diese Schreibart, und macht sie unentbehrlich. Wer diesen Kanzleystyl zur Unzeit unterläßt, ist eben so wohl ein lächerlicher Pedante, als derjenige, der ihn zur Unzeit braucht.

Von der Titulatur muß ich noch etwas gedenken. Es ist uns Deutschen nicht zuzumuthen, daß wir unser gezwungnes und buntes Wortgepränge auf einmal verlassen sollten, mit dem wir die Eingänge unsrer Briefe prächtig machen. Am wenigsten wollte ich, daß die witzigen Köpfe die ersten wären, diese Gewohnheit lächerlich, und das Mein Herr, oder Madame, allgemein zu machen. Ihnen wird man es gewiß als eine ungesittete Vertraulichkeit, oder eine Verabsäumung des Wohlstandes auslegen. Diejenigen, welche durch die Gewohnheit ein Recht haben, weitläuftige und prächtige Titel zu fodern, haben auch allein das Recht, sich davon los zu sagen. Es wäre zu wünschen, daß sie es nach und nach thäten, und dadurch unsre deutsche Ehrenbezeugungen biegsamer und natürlicher machten. So lange sie sich dieses Rechts nicht selbst begeben; so lange gehören dergleichen verzerrte Titulaturen unter die nothwendigen Unbequemlichkeiten des Ceremoniels. In erdichteten Briefen, und bey unsern Freunden können wir das vertraute Mein Herr ohne Gefahr brauchen, und wir thun wohl, wenn wir es in dergleichen Fällen allgemein machen.

Ich wollte wünschen, daß sich jemand die Mühe gäbe, eine chronologische Geschichte der Complimente und Titulaturen zu schreiben. Ich habe angemerkt, daß das Lächerliche der Titulaturen in eben dem Grade gestiegen, in welchem der gute Gehalt der Münzen gefallen ist. Als wir noch nach zinnischem Fuße ausmünzten, da war ein Edler ein wichtiger, und verehrungswürdiger Mann. Nach und nach stieg man auf Wohledler, auf Hochwohledler, auf Hochedel. Itzt hat noch nicht einmal Hochedelgebohrner den innerlichen Werth, den sonst Edler hatte, und der Himmel weis, ob wir nicht in funfzig Jahren so hoch hinauf getrieben werden, daß wir denjenigen, den wir vor hundert Jahren Edler hießen, alsdann in Gott Vater und Herrn nennen müssen.

Da ich so viel nachtheiliges von den Briefen, von ihren Verfassern, und von andern dabey vorfallenden äußerlichen Umständen sage; so werden meine Leser vermuthen, daß ich mich dieses Augenblicks bediene, desto vortheilhafter von mir und meinen Briefen zu sprechen, um auch für mich das angemaaßte Recht der Autorn zu behaupten, die gemeiniglich nicht eher zu ihrem Lobe schreiten, als wenn sie zehn andre Schriftsteller der Welt verdächtig gemacht haben. Ich werde es nicht thun. Ich will mich und meine Sammlung dem Urtheile der Leser überlassen, ohne zu flehen, und ohne zu trotzen. Man kann leicht glauben, daß ich als Autor zu viel Empfindung habe, bey diesem Urtheile gleichgültig zu bleiben. Der Beyfall der Kenner macht mich stolz; der Beyfall derer, die nicht Kenner sind, macht mir ein Vergnügen. Ich wünsche mir von keinem von beyden getadelt zu werden, es sey mit Grunde, oder ohne Grund. Ich bin noch kein so abgehärteter Autor, daß ich bey dem Tadel meines Lesers, wer der auch sey, gelassen seyn könnte.

Die Einrichtung meiner satirischen Briefe ist ungefähr diese. Ich habe gewisse Anmerkungen von dem Lächerlichen oder Lasterhaften der Menschen gemacht. Diese Anmerkungen habe ich durch Briefe erläutert. Um meinen Lesern durch die Abwechslung die Sache angenehm zu machen, habe ich hin und wieder diesen Briefen die Gestalt einer zusammenhangenden Geschichte gegeben. Da sie alle nur erdichtet sind; so habe ich besonders in Ansehung der Titularen nicht nöthig gehabt, sorgsam zu seyn. Es ist meine Absicht nicht gewesen, meinen Lesern durch diese Sammlung Formulare in die Hände zu geben, die sie bey andern Gelegenheiten brauchen könnten. Ich wollte es wohl wünschen, daß man in der Welt schriebe, wie man dächte; auf diesen Fall würde meine Sammlung ungemein praktisch seyn, und ich würde vor andern Briefstellern unendliche Vorzüge erlangen. Weil man aber in der Welt gemeiniglich anders schreibt, als man denkt; so will ich zufrieden seyn, wenn man durch meine Bemühung, und durch mein gegebnes Beyspiel nur so viel lernt, wie man einen Brief verstehen soll, in welchem der Verfasser anders gedacht hat, als er schreibt.

Das zu Ende stehende Verzeichniß der in dieser Sammlung befindlichen Briefe wird die ganze Einrichtung des Werks, und meine Absichten näher entdecken.

Von der Behutsamkeit, die ich gebraucht habe, auch in diesem Theile meiner Schriften weder den Wohlstand zu verletzen, noch jemanden persönlich zu beleidigen, will ich weiter nichts sagen. Die gerechteste Sache wird verdächtig, wenn man sie zu oft, und zu mühsam entschuldigt. Zugleich würde ich meine Leser beleidigen, wenn ich an ihrer Billigkeit und Einsicht bey aller Gelegenheit zweifeln wollte. Das einzige, was ich hierbey thun kann, ist dieses, daß ich denen, welche mich und meine Schriften noch nicht kennen, das Glaubensbekenntniß meiner Satire empfehle, welches ich in der Vorrede zum ersten Theile meiner Schriften abgelegt habe.Siehe dieser Satirischen Schriften Ersten Theil, und dessen Vorbericht auf der achtzehnten Seite bis zum Ende des Vorberichts.

 

Leipziger Ostermarkt.
1752.

 

 

 

Gottlieb Wilhelm Rabener.

 

 

»Die Klagen wegen der Kinderzucht sind so alt, und so allgemein, daß ich nicht Willens bin, mich gar zu lange dabey aufzuhalten. Diejenigen, welche Kinder haben, beschweren sich mit der größten Bitterkeit, daß es so viele Mühe koste, Jemanden zu finden, der den Willen und das Geschicke habe, die Kinder redlich zu unterweisen, und vernünftig anzuführen. Eben so unzufrieden und misvergnügt sind auf der andern Seite diejenigen, welche sich, unter dem Titel der Hofmeister und Informatoren, der Unterweisung der Kinder in Familien unterziehn. Denn von dieser Art der Kinderzucht rede ich itzt; die Fehler der öffentlichen Schulen verdienen eine besondere Betrachtung. Ich glaube, man hat auf beyden Seiten Ursache sich zu beschweren, und gemeiniglich sind beyde Schuld daran.

»Aeltern, welche die Pflichten der Aeltern nicht verstehen, und wie viele verstehen sie nicht? Aeltern, welche in ihrer Jugend selbst keine Erziehung gehabt, und nicht verlangen, daß ihre Kinder vernünftiger werden, als sie sind, die vielmehr nur darauf sehen, daß sie mit einer sorgfältigen Ersparung alles Aufwands dieselben heranziehen mögen; solche Aeltern verdienen das Glück kaum, einen geschickten Mann in ihr Haus zu bekommen, welcher es getreuer und redlicher mit ihren Kindern meint, als sie es selbst mit ihnen meinen.

»Kinder, und besonders Kinder vornehmer Aeltern, zu ziehen, ist die wichtigste, aber auch die schwerste Arbeit, die man sich vorstellen kann. Wird sich wohl ein Mann, der Gelehrsamkeit, Geschmack, und gute Sitten besitzet, so leicht entschließen können, ein Amt über sich zu nehmen, bey dem so wenig Vortheil, und oft noch weniger Ehre, allemal aber viel Verdruß und Arbeit ist?

»Ein Vater, welcher niemals gewohnt ist, vernünftig zu denken, ist auch nicht im Stande, sich vernünftige Vorstellungen von der Verbindlichkeit zu machen, die er einem Manne schuldig ist, der das schwere Amt der Erziehung mit ihm theilt. Er sieht diesen Mann als einen seiner Bedienten, und wenn er recht artig denkt, als den Vornehmsten seiner Bedienten an. Er wird ihm nicht mehr Achtung erweisen, als er einem seiner Bedienten erweist; und kann er alsdann wohl verlangen, daß seine Kinder diesen ihren Hofmeister mehr ehren sollen? Wie viel unglückliche Folgen fließen aus dieser einzigen Quelle, wenn die Kinder sich durch das Beyspiel der Aeltern berechtiget halten, denjenigen zu verachten, der ihr Führer und Lehrer seyn soll!

»Die Besoldung, oder wie es in vielen vornehmen Häusern genannt wird, der Lohn den man dem Hofmeister giebt, ist so kümmerlich und geringe, daß ein rechtschaffner Mann unmöglich Muth genug behalten kann, sein sklavisches Amt mit dem Eifer und der Munterkeit zu verwalten, die bey dieser Verrichtung so nöthig sind.

»Und, damit der Hofmeister sein Geld ja nicht mit Müßiggehen verdiene, so sind viele so sinnreich, daß sie von ihm alle Wissenschaften, und über die Wissenschaften alle mögliche Handdienste fordern, und es gern sähen, wenn er Hofmeister, und Perükenmacher, und Hausvoigt, und Kornschreiber zugleich wäre.

»Können dergleichen unbillige Aeltern sich es wohl befremden lassen, wenn ihre Kinder schlecht und niederträchtig erzogen werden, da sie mit demjenigen, der sie erziehen soll, so niederträchtig und eigennützig verfahren?

»Da ich dieses sage, so weis ich, daß ich alle diejenigen auf meiner Seite habe, denen in adlichen Häusern und andern Familien die Erziehung und Unterweisung der Jugend anvertraut ist. Sie werden so billig seyn, und mir in demjenigen auch Beyfall geben, was ich itzt anführen will.

»Sie geben den Aeltern eben so oft, und noch öfter, Gelegenheit, unzufrieden mit ihnen zu seyn.

»Viele sind verwägen genug, dieses Amt auf sich zu nehmen, und die anvertraute Jugend in Wissenschaften, und guten Sitten zu unterweisen, welche bey ihrer tiefen Unwissenheit, eine so schlechte Aufführung haben, daß sie selbst noch verdienten, unter der Hand eines Zuchtmeisters zu stehen. Die Sorgfalt, welche man wegen des äusserlichen Wohlstandes auch in den kleinsten Umständen beobachten muß, ist ihnen auf niedern und hohen Schulen so gleichgültig, und wohl oft so lächerlich gewesen, daß sie es für brav gehalten haben, ungezogen zu seyn. Nun kommen sie in ein Haus, wo rechtschaffne Aeltern eben so sorgfältig verlangen, daß ihre Kinder wohlgesittet erzogen, als daß sie in Wissenschaften unterrichtet werden mögen. Wie empfindlich muß es ihnen seyn, wenn sie diesem sich selbst gelassenen Hofmeister ihre Kinder zur Aufsicht anvertrauen sollen, welche gar leicht, ihrer Jugend ungeachtet, das Unanständige an ihrem Lehrer wahrnehmen müssen, da sie dergleichen weder bey ihren Aeltern, noch bey ihren Bedienten, zu sehen gewohnt sind. Die Bedienten selbst finden ihn lächerlich, und er wird es endlich dem ganzen Hause, da er sich so wenig Mühe giebt, seine Fehler zu verbergen, oder zu ändern. Und dennoch wird eben dieser ungesittete Mensch die bittersten Klagen führen, daß man ihm in diesem Hause nicht mit der Achtung und Ehrerbietung begegne, die er im Namen seines Amts fordert.

»Es ist ein Unglück, daß gemeiniglich nur diejenigen sich dieser Lebensart widmen, welchen die Armuth ihrer Aeltern, und ihre niedrige Geburt die Hoffnung benimmt, ihre Absichten auf etwas höheres, als auf die Erlangung einer Dorfpfarre, zu richten. Es geschiehet alsdann gar zu leicht, daß ihre Aufführung entweder zu schüchtern und kleinmüthig ist, weil sie gewohnt sind, einsam und im Dunkeln zu leben; oder sie ist zu trotzig und zu stolz, weil sie zu wenig Gelegenheit gehabt haben, sich und die Welt kennen zu lernen. Beydes sind Folgen, welche ihnen bey der Unterweisung der Jugend nachtheilig sind. Kömmt endlich dieses noch dazu, daß ihre Absichten allzueigennützig sind, daß sie die Beförderung in ein Amt je eher je lieber zu erlangen wünschen, es geschehe auch, wie es wolle; so wird ihnen die übernommene Arbeit desto verdrüßlicher, und die geringste Verzögerung ihrer Hoffnung unerträglich fallen.

»Aber darum getraue ich mir noch nicht, zu behaupten, daß ein Mensch deswegen, weil er nicht von armen Aeltern, und nicht von niedriger Geburt herstammt, weil er vielleicht höhere Absichten seines künftigen Glücks hat, als eine mittelmäßige Beförderung, weil er nicht einsam und im Dunkeln, sondern vor den Augen der Welt erzogen worden, daß, sage ich, ein solcher Mensch stets geschickt sey, die Jugend zu unterrichten, und vernünftig zu erziehen. Nein, dieses getraue ich mir nicht zu behaupten; die Erfahrung würde mir widersprechen. Man bemerket es nur gar zu oft, daß diejenigen am meisten ungesittet sind, welche die beste Gelegenheit gehabt haben, wohl erzogen zu werden.

»Ich kann mir kein lebhafter Vergnügen vorstellen, als wenn vernünftige Aeltern, die keine Mühe und Kosten sparen, ihren Kindern eine anständige Erziehung zu verschaffen, einen Mann finden, der bey einer gesitteten Aufführung ein redliches Herz und die Geschicklichkeit besitzt seinem Amte vollkommen vorzustehen; wenn sie die Früchte seiner redlichen Bemühungen von Zeit zu Zeit wahrnehmen; und wenn sie alsdenn eine Gelegenheit erlangen, das Glück dieses rechtschaffenen Mannes auf eine vortheilhafte Art zu befestigen.

»Ich will hier mit einer Anmerkung schlüßen, die ich aus einem lateinischen Buche entlehne, und zwar aus einem Buche, das viele von denen Herren nicht gelesen haben, welche doch glauben, daß sie gelehrt, geschickt, und beredt genug sind, die Jugend, und künftig eine ganze Gemeine zu unterweisen. Es fasset diese Stelle ein unvergleichliches Recept in sich, wie man bey der Wahl eines Informators und Hofmeisters verfahren soll. Wer Kinder hat, und diese Stelle, darum weil sie lateinisch ist, nicht versteht, der lasse sich solche von seinem Informator verdeutschen, und gebe ihm dabey genau auf die Augen Acht, ob er sich im Gesichte verwandele. Ist er gelehrt, und geschickt, und wohlgesittet; so wird er diese Stelle sehr billig finden. Ist er alles dieses nicht; so wird er es sehr übel nehmen, daß man ihm die Erklärung einer so pedantischen Aufgabe, die sich auf unsere Zeiten gar nicht mehr schickt, zumuthen können. Aber vielleicht versteht er zu seiner innerlichen Beruhigung so viel Latein nicht, als nöthig ist, sie deutsch zu erklären. Hier ist die ganze Stelle:

»De paedagogis hoc amplius, vt aut sint eruditi plane, quam primam esse curam velim, aut, se non esse eruditos, sciant. Nihil enim peius est iis, qui paulum aliquid vltra primas literas progressi, falsam sibi scientiae persuasionem induerunt. Nam et cedere praecipiendi peritis indignantur, et, velut iure quodam potestatis, quo fere hoc hominum genus intumescit, imperiose atque interim saeuientes, stultitiam suam perdocent. Nec minus error eorum nocet moribus.

QVINTILIANVS.

»Damit ich nicht das geringste verabsäume, meinen Satz deutlich und begreiflich zu machen; so will ich ein paar Briefe einrücken, welche dasjenige näher beweisen werden, was ich hier, vielleicht ein wenig zu ernsthaft, voraus erinnert habe.«

 

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