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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 24
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Versuch

eines

deutschen Wörterbuchs.S. Neue Beytr. zum Vergn. des Verst. und Witzes, 3 Band, 1 St, 1745.

 

 

Da einige Gelehrte unter uns so muthig sind, und es wagen, ihrer deutschen Muttersprache sich nicht weiter zu schämen; so werde ich es verantworten können, daß ich mir vorgenommen habe, durch gegenwärtigen Versuch den Plan zu einem vollständigen deutschen Wörterbuche zu entwerfen.

Ich habe gefunden, daß viele deutsche Wörter so unbestimmt sind, daß oftmals derjenige, der sie braucht, etwas ganz anders dabey denkt, als er eigentlich denken sollte; und derjenige, der sie hört, wird, wo nicht gar betrogen, doch leicht irre gemacht.

Es will daher unumgänglich nöthig seyn, daß die Gelehrten sich mit vereinten Kräften bemühen, die wahrhafte Bedeutungen der Wörter fest zu stellen. Der Vortheil, den wir im gemeinen Leben davon haben werden, ist unaussprechlich. Wir werden einander besser, und mit völliger Zuverläßigkeit, verstehen; alle Zweydeutigkeiten werden sich verlieren; und mancher, den man itzt aus Misbrauch einen gepriesnen Mäcenat genannt hat, wird künftig hören, daß er ein Dummkopf sey.

Ich ersuche meine Landsleute um ihren Beytrag zu diesem Wörterbuche. Für mich allein ist dieses Werk viel zu groß und wichtig. Vielleicht bin ich zu offenherzig, daß ich dieses Bekenntniß von mir selbst thue. Bey denen, welche glauben, derjenige sey noch kein rechter Gelehrter, der nicht wenigstens sechs Folianten ediren könne; bey diesen werde ich mich, durch meine Bescheidenheit, in schlechte Hochachtung setzen. Aber es sey darum! Kömmt nur mein Wörterbuch zu Stande; so wird es sich alsdann schon zeigen, ob diese arbeitsamen Creaturen noch ferner Gelehrte genannt werden können, ohne der Sprache Gewalt zu thun.

Von der Einrichtung dieses Wörterbuchs habe ich nicht nöthig, etwas weiter zu erinnern. Aus denen Proben, welche ich davon liefere, wird man meine Absicht deutlicher sehen können. Ich verlange darinnen etwas mehr, als eine grammatische Abhandlung. Meinethalben mag man es ein Reallexicon nennen. Ich bin es zufrieden. Glaubt man, daß ich bey einigen Artikeln zu weitläuftig gewesen sey und Sachen ausgeführt habe, welche die Absicht und die Gränzen eines Wörterbuchs überschreiten; so will ich diesen Vorwurf doch lieber leiden, als etwas ausstreichen. Ich will hundert Artikel im Bayle aufweisen, wo man deutlich sieht, daß der Titel der Anmerkungen wegen da steht, und dennoch bleibt es Baylens Wörterbuch.

Ich habe weiter nichts zu erinnern, als daß ich mein Vorhaben den Gelehrten nochmals aufs beste empfehle, damit ich dieses wichtige Werk durch ihre Beyhülfe, so bald nur möglich, zu Stande bringen könne.

Compliment.

Gehört unter die nichtsbedeutenden Wörter. Einem ein Compliment machen, ist eine gleichgültige Bewegung eines Theils des Körpers, oder auch eine Krümmung des Rückens und Bewegung des einen Fusses; und ordentlicher Weise hat weder Verstand noch Wille einigen Antheil daran.

Ein Gegencompliment ist also eine höfliche Versicherung des andern, daß er den Rücken auch beugen könne, ohne etwas dabey zu denken. Aus der Krümme des Rückens kann man urtheilen, wie vornehm diejenigen sind, welche einander begegnen, und dieses ist auch beynahe der einzige Nutzen, welchen die Complimente haben. Ein Mensch ohne Geld, er mag so klug, und geschickt seyn, als er will, kann sich nicht tief genug bücken, denn er ist der geringste unter allen seinen Mitbürgern. Ein begüterter Mann aber, den der Himmel bloß dazu erschaffen hat, daß er so lange ißt und trinkt, bis er stirbt, der hat das Recht, nur mit den Lippen ein wenig zu wackeln, wenn ihm jener begegnet. Gestern sah ich einen alten ehrwürdigen Bürger, welcher in seiner Jugend das Vaterland vertheidigt, bey zunehmenden Alter sich von seinem Handwerke ehrlich genährt, dem Landesherrn seit vierzig Jahren Steuern und Gaben richtig abgetragen, dem gemeinen Wesen sechs Kinder wohl erzogen, und bey allen seinen Nachbarn den Ruhm eines redlichen Mannes hatte. Dieser machte einem jungen und begüterten Rathsherrn ein zwar altväterisches, doch sehr tiefes Compliment. Der junge Rathsherr beugte seinen ehrenfesten Nacken nur ein klein wenig, und überließ seinem Bedienten die Mühe, den Hut abzunehmen. Hieraus sieht man die Verhältnisse der Complimente eines Armen gegen einen Reichen sehr deutlich. Ich aber sah bey dieser Gelegenheit noch dieses daraus, daß der junge begüterte Rathsherr ein Narr war. Dieses mag genug seyn von den Complimenten, so weit sie die mechanische Stellung des Körpers betreffen.

Die Formulare sind gewöhnlich, wenn wir sprechen: Ich bitte dem Herrn mein Compliment zu machen; und: Machen Sie dem Herrn wieder mein Compliment! Was aber dieses eigentlich heiße, das läßt sich im Deutschen gar nicht erklären, weil es selbst im französischen Grundtexte nicht das geringste bedeutet.

Ohne Complimente, mein Herr, ich bitte gehorsamst, ohne alle Complimente; wir sind ja gute Freunde! Wenn ich dieses nach dem rechten Sprachgebrauche übersetzen sollte; so könnte es ungefähr also lauten: »Ich würde Sie für den gröbsten Menschen von der Welt halten, wenn Sie glaubten, daß wir wirklich so gute Freunde wären, daß Sie nicht nöthig hätten, mir so viel Complimente zu machen.«

Unterthäniger Diener; ganz unterthäniger Diener; unterthänigster Diener; ich verharre Euer Hochedl. gehorsamst ergebenster &c. ich verbleibe mit aller geziemenden Devotion &c. ich werde Zeitlebens nicht ermangeln, zu seyn Deroselben &c. Dieses sind lauter Complimente, und bedeuten unter Leuten, welche nach der wahren Methode der heutigen Welt artig und galant sind, nichts.

Wenn dergleichen Leute solche Formeln unter ihre Briefe setzen; so denken sie dabey eben so wenig, als mein Schneider bey den Worten: Laus Deo! oder ein Kaufmann, welcher in der Zahlwoche bankerut machen will, und zum Anfange der Messe unter seine Wechsel schreibt: Leiste gute Zahlung, und nehme Gott zu Hülfe!

EidschwurHier ist dasjenige nachzusehen, was im ersten Theile dieser Satiren, und zwar in der Abhandlung vom Mißbrauche der Satire auf der 18 und folgenden Seiten erzählt worden..

In den alten Zeiten kam dieses Wort nicht oft vor, und daher geschah es auch, daß unsre ungesitteten Vorfahren, die einfältigen Deutschen, glaubten, ein Eidschwur sey etwas sehr wichtiges. Heut zu Tage hat man dieses schon besser eingesehen, und je häufiger dieses Wort so wohl vor Gerichte, als im gemeinen Leben, vorkömmt, desto weniger will es sagen.

Einen Eid ablegen, ist bey Leuten, die etwas weiter denken, als der gemeine Pöbel, gemeiniglich nichts anders, als eine gewisse Ceremonie, da man aufrechts steht, die Finger in die Höhe reckt, den Hut unter dem Arme hält, und etwas verspricht, oder betheuert, das man nicht länger hält, als bis man den Hut wieder aufsetzt. Mit einem Worte: es ist ein Compliment, das man Gott macht. Was aber ein Compliment sey, davon siehe Compliment.

Etwas eidlich versichern, heißt an vielen Orten so viel, als eine Lügen recht wahrscheinlich machen.

Van Höken, in seinem allzeit fertigen Juristen, nennt den Eid herbam betonicam, und versichert einem den Eid deferiren, sei nichts anders, als seinem klagenden Clienten die Sache muthwillig verspielen; und die Formel, sich mit einem Eide reinigen, heißt so viel, als den Proceß gewinnen, denn zu einem Reinigungseide gehöre weiter nichts, als drey gesunde Finger, und ein Mann ohne Gewissen. Jene hätten fast alle Menschen, und dieses die wenigsten. Und wenn auch ja jemand von den Vorurtheilen der Jugend eingenommen wäre, und ein so genanntes Gewissen hätte; so würde es doch nirgends an solchen Advocaten fehlen, welche ihm eines bessern belehren, und für ein billiges Geld aus seinem Irrthume helfen könnten.

Gott strafe mich! oder: Der Teufel zerreiße mich! ist bey Matrosen und Musketirern eine Art eines galanten Scherzes, und in Pommern lernte ich einen jungen Officier kennen, der schwur auch so; doch schwur er niemals geringer, als wenigstens bey tausend Teufeln, weil er von altem Adel war.

Ich will nicht zu Gott kommen! Ich bin des Teufels mit Leib und Seele! ist das gewöhnliche Sprüchwort eines gewissen Narrens, welcher gar zu gern aussehen möchte, wie ein Freygeist. Er würde es in der That sehr übel nehmen, wenn man ihn mit andern kleinen Geistern vermengen wollte, daß er einen Himmel oder eine Hölle glaubte; und dennoch schwört er alle Augenblicke mit der witzigsten Miene von der Welt bey Gott und allen Teufeln. Mir kömmt dieses eben so kräftig vor, als wenn unser Münzjude Jesus Maria! rufen wollte.

Seinen Eid brechen! will nicht viel sagen, und wird die Redensart nicht sehr gebraucht. Auf der Kanzel hört man sie noch manchmal; aber eben daher kömmt es, daß sie so geschwind vergessen wird, als die Predigt selbst. In der That bedeutet es auch mehr nicht, als die Ehe brechen. Und um deswillen ist ein Ehebrecher und ein Meineidiger an verschiednen Orten, besonders in großen Städten, so viel als ein Mann, der zu leben weis. Diese Bedeutung fängt auch schon an, in kleinen Orten bekannt zu werden: denn unsre Deutsche werden alle Tage witziger, und in kurzen werden wir es den Franzosen beynahe gleich thun.

Ewig.

Ist ein Wort, welches ein jeder nach seinem Gutbefinden, und so braucht, wie er es für seine Umstände am zuträglichsten hält. Eine ewige Treue zuschwören, wird gemeiniglich bey Neuverlobten vier Wochen vor der Hochzeit gehört; allein diese Ewigkeit dauert auch gemeiniglich nicht länger, als höchstens vier Wochen darnach, und im letztverwichnen Herbste habe ich einen jungen Ehemann gekannt, dessen ewige Treue nicht völlig vier und zwanzig Stunden gewährt hat.

Ewig lieben, ist noch vergänglicher, und eigentlich nur eine poetische Figur. Zuweilen findet man dergleichen noch unter unverheiratheten Personen, und es kömmt hierbey auf das Frauenzimmer sehr viel an, wie lange eine dergleichen ewige Liebe dauren soll. Denn man will Exempel wissen, daß eine solche verliebte Ewigkeit auf einmal aus gewesen sey, so bald ein Frauenzimmer aufgehört habe, unempfindlich zu seyn, und angefangen, eine ewige Gegenliebe zu fühlen.

Wie es mit der Liebe ist, so ist es oftmals mit der Freundschaft auch. Ich erinnere mich, daß ich in einer Gesellschaft, wo sehr stark getrunken ward, an einem Abende drey ewige Freundschaften überlebt habe. Wenn es hoch kömmt, so hält eine dergleichen ewige Freundschaft nicht länger wieder, als der Rausch, welcher Schuld daran ist; denn cessante caussa, cessat effectus.

Einen ewigen Frieden schließen, ist ein Gallicismus, bedeutet in der französischen Sprache so viel, als bey uns ein Waffenstillestand, und, mit einem Worte, ein Friede, welcher nicht länger dauert, als man seinen Vortheil dabey sieht.

Sich verewigen, ist unter einigen Gelehrten eine gewisse Bewegung der rechten Hand, von der linken zur rechten Seite, welche ohne Zuthun der Seele und des Verstandes etwas auf weißes Papier schreibt, und es dem Drucker übergiebt. Die Schlüssel zur Ewigkeit also hat der Setzer, und sie bestehen aus gewissen bleyernen Buchstaben, welche mit schwarzer Farbe bestrichen, und auf ein weißes Papier gedruckt werden.

Nach der Ewigkeit streben, (siehe Unsterblichkeit) besteht in einer gewissen Krankheit, welche nicht so wohl dem Patienten selbst, als vielmehr andern, beschwerlich ist. Gemeiniglich überfällt sie junge Leute, und verliert sich bey zunehmenden Alter; doch geschieht es zuweilen, daß auch alte Männer damit behaftet sind, und alsdenn ist sie nicht allein desto gefährlicher, sondern auch allen denen ganz unerträglich, welche einem solchen Patienten nicht ausweichen können. Starke und scharfe Mittel darwider sind nicht zu rathen, weil alsdenn der Paroxismus nur stärker und heftiger wird, und hierinnen haben dergleichen Kranke sehr viel ähnliches mit wahnwitzigen Personen, welchen man auch nicht widersprechen darf, ohne ihr verderbtes Gehirn noch mehr zu erhitzen. Das beste Mittel darwider soll dieses seyn, wenn man, so oft sich eine dergleichen preßhafte Person in der menschlichen Gesellschaft blicken läßt, dennoch, ungeachtet des großen Geräusches, das mit dergleichen Krankheit verknüpft ist, nicht thut, als ob man sie hörte, oder sähe, oder das geringste von ihnen wüßte, auch ihren Namen bey keiner Gelegenheit nennt, mit einem Worte, weder Gutes noch Böses von ihnen spricht. Das Recept mag nicht unrecht seyn. Ueber die eigentlichen Ursachen dieser Krankheit sind die Arzneyverständigen untereinander noch sehr streitig. Einige halten sie wegen der wunderlichen Geberden, die der Kranke macht, und weil sie, wie andre epidemische Krankheiten, zu gewisser Zeit und oft wiederkömmt, für eine Art der fallenden Sucht, zumal, da sie angemerkt haben, daß sie dadurch gehemmt werde, wenn man den Patienten den rechten Daum ausbricht, wie es bey der fallenden Sucht gebräuchlich ist. Andre glauben, sie komme von einer verderbten Galle her. Galen hält sie für nichts anders, als für einen heftigen Magenkrampf, und der selige Herr Geheimderath Hofmann in Halle nennt sie das Autorfieber, im dritten Capitel seiner Abhandlung von gelehrten Seuchen.

Ehrwürdig.

Hier will ich nur von dem figürlichen Verstande dieses Worts reden; denn was es im eigentlichen Verstande heißt, solches ist bekannt genug, und ich trage gegen alles, was im eigentlichen Verstande ehrwürdig ist, zu viel Ehrfurcht, als daß ich es wagen sollte, dessen Bedeutung in meinem Wörterbuche fest zu stellen. Im figürlichen Verstande heißt ehrwürdig so viel, als schwarz, und ein Ehrwürdiger Mann so viel, als ein Mann in einem schwarzen Rocke. Ich gründe diese Erklärung auf die Erfahrung. Denn unter diesen Männern in schwarzen Röcken sind viele, an denen man nicht das geringste Ehrwürdige findet, als das schwarze Kleid. Ich könnte sie mit Namen nennen; aber es ist überflüßig, denn ich weis gewiß, sie werden sich bey Lesung dieses Artikels selber nennen, und ihren Namen durch einen Eifer verrathen, der in ihrer Sprache Amtseifer, und in unsrer Sprache das böse Gewissen heißt. Meine Leser dürfen also nur auf diejenigen schwarzen Männer Achtung geben, welche den Verfasser dieses Wörterbuchs in die Ketzerrolle setzen, und sie können sich alsdann darauf verlassen, daß eben diese und keine andern diejenigen ehrwürdigen Männer im figürlichen Verstande sind, welche ich meine, und welche man gewiß für Layen ansehen würde, wenn sie nicht schwarz gekleidet giengen.

Wenn ich also diese Erklärung des Worts ehrwürdig voraus setze; so werde ich dadurch Gelegenheit haben, meine deutsche Muttersprache merklich zu bereichern. Ein Mann in einem schwarzen Rocke, welcher den Armen aus christlichem Erbarmen Geld gegen acht und höchstens zwölf pro Cent vorstreckt, welcher einer nothleidenden Wittwe zu Erhaltung ihrer unerzogenen Kinder mitleidig beyspringt, und auf ein Pfand, das zweymal so viel werth ist, einige Thaler leiht, unter der billigen Bedingung, daß binnen Jahrsfrist das Pfand eingelöst werden, oder verfallen seyn soll; dieser Mann wird künftig ein ehrwürdiger Wucherer heißen: Denn gienge er nicht schwarz gekleidet, so wäre er kein ehrwürdiger, sondern ein gemeiner Wucherer, und nach den Gesetzen unsers Landes zu bestrafen. Ehrwürdige junge Herren würde man wohl in Deutschland nicht gesucht haben; aber ich kenne einen, welchen man gewiß für einen verkleideten Marquis halten sollte, so natürlich weis er die Rolle eines jungen Herrn unter seinem schwarzen Rocke zu spielen. Ein ganz neuer Beweis, daß man tändeln, eitel thun, und lächerlich seyn kann, ohne einen Stock, eine Schnupftabacksdose, und Manschetten zu haben!

Ein ehrwürdiger Rausch, ist ein ganz neues Wort, aber eine sehr alte Sache, und ich will wohl wetten, daß man vielmals nicht unterscheiden sollte, welcher von beyden Berauschten der Schuldheiß im Dorfe, oder der Pastor loci wäre, wenn Ihro Wohlehrwürden nicht schwarz giengen.

Sich ein ehrwürdiges Ansehen geben, heißt bey dieser Art Leuten so viel, als eine große Unterkehle und einen steifen Nacken machen, und, ein ehrwürdiges Amt bekleiden, so viel, als den Beruf haben, Fehler öffentlich zu verdammen, welche man zu Hause selbst thut, und welche von andern nicht getadelt werden dürfen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, daß ihnen der Weg zum Glücke und zum Himmel verrennt wird.

Dieses mag von den ehrwürdigen Männern im figürlichen Verstande, oder von solchen Männern, genug seyn, welche man ihrer ungezognen Aufführung wegen im gemeinen Wesen nicht dulten würde, wenn sie nicht schwarze Röcke trügen. Wie wenig also diese Anmerkungen diejenigen treffen, welche wegen ihrer tugendhaften und erbaulichen Aufführung die größte Ehrfurcht und den Namen eines ehrwürdigen Mannes im eigentlichen Verstande verdienen: Solches werden alle vernünftige, aber nur die nicht einsehen, welche auf einmal lächerlich und verächtlich werden würden, wenn man ihnen ihre schwarze Kleidung, und das Amt nähme, in welches sie sich geschlichen haben. Noch eine Redensart fällt mir ein. Ein ehrwürdiges Amt suchen, heißt in einigen Parochien so viel, als des gnädigen Herrn Kammermädchen heirathen.

Gelehrt.

Das Wort gelehrt hat mit dem Worte tugendhaft beynahe ein gleiches Schicksal. Alle Leute wollen tugendhaft, alle, die studirt haben, wollen gelehrt seyn; aber, im Vertrauen zu sagen, sind es die wenigsten. Freylich liegt dieser Fehler nicht an denen, welche sich des Titels eines Gelehrten anmaaßen, sondern nur an etlichen eigensinnigen Köpfen, welche uns bereden wollen, es sey noch ein sehr großer Unterscheid zwischen einem Gelehrten und zwischen einem Manne, der keine Profeßion oder kein Handwerk treibt, der in seiner Jugend die niedern Schulen frequentirt, auf höhern Schulen absolvirt. und endlich promovirt hat. Diese närrischen Richter vergehen sich so weit, daß sie nicht einmal alle diejenigen für Gelehrte wollen gelten lassen, welche Bücher geschrieben haben. Was bleibt aber alsdenn übrig? Sollten etwann nur diejenigen den Namen eines Gelehrten verdienen, welche sich den Wissenschaften mit ganzem Ernste widmen; die guten Schriften der Alten und Neuern mit Aufmerksamkeit lesen; die höhern Wahrheiten durch eignes Nachdenken untersuchen; sich bemühen, ihnen noch weiter nachzuforschen; auf das bloße Wort ihres Lehrers nichts treuherzig glauben; von der Gründlichkeit eines jeden Satzes sich selbst überführen wollen; Sachen, die in der Welt zu nichts nütze sind, als höchstens eine kritische Neugierigkeit zu befriedigen, für Kleinigkeiten halten, und sich auf solche Wissenschaften legen, welche der menschlichen Gesellschaft wahren Nutzen bringen; und welche diese Wissenschaften auch wirklich zum Nutzen andrer anzuwenden suchen? Nur diese sollen den Namen eines Gelehrten verdienen? Das ist beynahe zu viel. Wenn das gelten soll; so stehe ich nicht dafür, daß ein Gelehrtenlexicon, welches itzt in zween Foliobänden kaum Platz hat, sich nicht binnen kurzer Zeit in einen mäßigen Octavband verwandeln wird. Es fehlt wahrlich weiter nichts, als daß man noch von einem Gelehrten fodert, daß er bescheiden, ohne Eigenliebe, und eben so tugendhaft, als philosophisch, sey. Verlangt man noch dieses; was für ein kleines Häuflein wird aus unsrer großen gelehrten Welt werden? Ich wünschte mir nicht, dieses Unglück zu erleben! Viel tausend Menschen würde man, auf solche Art, um ihre gelehrten Titel und Aemter bringen. Und da sie, außer ihrer gelehrten Miene, sonst nichts verstehen, wodurch sie sich nähren könnten, wie viel Bettler, wieviel müßiges Volk würden wir ins Land kriegen! Selbst in meiner Familie würden wenigstens sechs bis acht Männer mit Weib und Kind verhungern müssen! Ich wünsche es nicht, ich sage es noch einmal. Weil man aber doch nicht alle Fälle wissen kann; so will ich gegen diese meine werthen Angehörigen immer im voraus liebreich seyn, damit ich sie nicht hernach ernähren darf; Ich will meinen Lesern sagen, worinnen die Gelehrsamkeit von einigen unter ihnen besteht, wenn sich etwan jemand finden sollte, der sie zu gebrauchen wüßte.

Den ersten Platz verdient mein Oheim, der gelehrte Herr Professor Titus Manlius Vermicularis. Es geht nunmehr in das drey und funfzigste Jahr, daß er mit unermüdeten Eifer, Tag und Nacht, mit Zusetzung seiner eignen Gesundheit, bloß aus Liebe zum gemeinen Besten, und der Nachwelt zur Warnung, Donatschnitzer gesammelt hat; und zwar, welches wohl zu merken ist, aus den besten lateinischen Schriften der gelehrten Männer unsrer Zeit. Der ehrliche Mann sollte mich sehr dauern, wenn man seine erbaulichen Bemühungen für eine ungelehrte Arbeit ansehen wollte. Ich kann es theuer versichern, er thut dem gemeinen Wesen mit seiner Gelehrsamkeit nicht den geringsten Schaden, und ich habe unter allen seinen Schriften nicht eine einzige gesehen, worinnen etwas wider Gott und den Staat gestanden hätte. Wie würde sich mein belesener Herr Oheim wundern, wenn über die Gründlichkeit seiner Wissenschaften ein so grausames Urtheil ergehen sollte! Er läßt sich darauf todt schlagen, daß er ein Gelehrter ist! So oft er jemanden auf seine grammatischen Wahrheiten tractirt: so oft heißt es immer über das andre Wort: Prout nos docti loquimur! Denn das ist wohl zu merken, was er redet, das klingt, wie lateinisch, und mit niemanden spricht er deutsch, als mit seiner Magd, und mit dem Hausknechte, denn diese gehören zum Pöbel. Der gute Vetter, wenn er noch lange lebt; so bin ich nicht für seinen gelehrten Ruhm Bürge. Ich denke aber, er soll bald sterben. Denn das Unglück hat ihm ein lateinisches Programma zugeführet, in welchem er so viel himmelschreyende Schnitzer wider die Reinigkeit der alten römischen Sprache entdeckte, daß ihm gleich bey Lesung der ersten Seite alle Sinne vergiengen. Er ermannte sich doch, und las weiter; aber den Augenblick kriegte er den Krampf in Hände und Füßen, er keichte, und im Gesichte ward er ganz schwarz. Es ist noch wenig Hoffnung zu seiner Besserung da: Wenn das Ding so fortgeht; so wird er noch an diesem ketzerischen Programma elendiglich ersticken müssen. Der gelehrte Mann!

Der Hochedle, Veste, Rechtshochgelahrte Herr D. Valentin Vanno, ist mein Vetter, und auch ein Gelehrter, denn er ist Doctor! Das will ich zwar ihm gar nicht nachgesagt haben, daß er das geringste von der Rechtsgelehrsamkeit verstehe; aber er ist doch Doctor. Sein seliger Herr Großvater, ein Mann, der am Verstande nicht gestorben ist, war der gelehrte Doctor Pancratius Vanno. Seinen Herrn Vater habe ich noch wohl gekannt! Das war ein ganzer Mann! Er hatte eine so gelehrte Unterkehle, als zehen andre seines gleichen nicht hatten, und darum mußte er auch ein Doctor werden. Ihro Hochedeln, unser Herr Vanno, hieß schon der kleine Doctor, als er noch in der Kappe herumlief; und es ist gut, daß er es nach der Zeit im rechten Ernste geworden ist; er würde sonst gewiß noch bis auf die heutige Stunde nichts seyn. Er hat einen einzigen Sohn, einen allerliebsten Knaben! Das ist der leibhafte Papa! Er ist kaum funfzehn Jahr alt, und kann schon lateinisch lesen. Dieser muß auch Doctor werden, und im kurzen wird er es seyn! Die wackern Männer! Es steckt dieser gelehrten Familie recht im Geblüte, daß sie alle Doctor seyn müssen. Und dennoch ist es mir sehr leid im sie, ob sie es in zehen Jahren noch werden wagen dürfen, sich Gelehrte zu nennen. Spricht man ihnen alsdann mit der Gelehrsamkeit auch den Doctortitel ab; so werden sie die betrübteste Figur von der Welt vorstellen! Wie sehr würde ich meinen Lesern verbunden seyn, wenn sie sich alsdann dieser verunglückten Familie annehmen wollten!

Meiner Schwester Sohn, Georg Knut, ist ein so grundgelehrter Mann, daß er die alten römischen Münzen weit besser kennt, als die Batzen. Wenn ihm ein alter verschimmelter Nummus in die Hände fällt; so sieht er so lustig und freundlich aus, als Harpax kaum aussehen kann, wenn er feinsilbrige Zweydrittheile einwechselt. Nur ohnlängst ist er in eine sehr heftige Verbitterung mit einem andern auch so gelehrten Manne gerathen. Sie schimpften einander in Schriften dergestalt, daß die Leser ganz zweyfelhaft wurden, welcher unter beyden eigentlich der größte Narr wäre. Die ganze Mordgeschichte veranlaßte eine Gemma. Mein Vetter sagte, sie stellte die Venerem victricem vor; sein Widersacher aber behauptete, sie bedeute die Venerem armatam der Lacedämonier. Auf beyden Seiten ward die Heftigkeit zum höchsten getrieben. Und wie unglücklich hätte nicht auch die gelehrte Welt werden können, wenn diese wichtige Wahrheit unausgemacht geblieben wäre! Venus war es gewiß; darinnen waren diese großen Männer einig. Ob sie aber victrix oder armata seyn sollte, das war noch ungewiß. Sie giengen in ihrem Eifer so weit, daß eine ordentliche Zerrüttung unter ihrer Familie entstund. Selbst die Weiber dieser beyden Gelehrten grüßten einander nicht mehr. Sie wußten zwar gar nicht, worauf der Streit ankam; aber dennoch schimpften sie einander so muthig, als ihre Männer kaum thun konnten. Endlich ward das Ding gar zu arg. Die andern Gelehrten schlugen sich ins Mittel. Man untersuchte die Sache. Es blieb Venus victrix! Wie froh war mein Vetter! Er ließ die ganzen Streitschriften zusammen drucken, und war so listig, daß er auf das Titelblatt die Worte setzen ließ:

– – – – – – Quid me galeata lacessis?
    Vincere si possum nuda, quid arma tenens?

Ueber diesen Sieg ward er und seine ganze Familie so muthig, daß so gar seine Köchinn allen Leuten erzählt, was der Herr Knut für ein gelehrter Mann ist! Aber mir ist doch nicht wohl dabey zu Muthe. Ich fürchte immer, er werde einer von den ersten seyn, welchen man die Gelehrsamkeit abspricht, und ich kann es meinen Lesern beynahe nicht zumuthen, daß sie ihn künftig ernähren sollen; den er ist über seine Antiquitäten ganz verwirrt geworden, und sieht so zerstreut im Gesichte aus, daß es recht gefährlich ist, in der Nähe mit ihm zu reden.

Johann Ulrich Matz, ist mein sehr naher Vetter; aber er schämt sich meiner, und seiner ganzen Freundschaft: Denn er behauptet, Trotz allen Genealogisten, daß sein Vater ein Hurkind von dem Cardinal Mazarin gewesen sey. Wer so liebreich seyn, und ihn überführen will, daß er ehrlicher Geburt, und sein Großvater ein guter ehrbarer Schneider gewesen, der wird sein Todfeind. Der Küster kam sehr schlimm an, als er ihm dieses aus dem Kirchenbuche beweisen wollte. Das hat ein Schelm geschrieben! rufte er, und holte den Mabillon her, damit er sehen sollte, daß sein Kirchenbuch nicht die geringste Beschaffenheit hätte, welche zu einem öffentlichen Documente oder Diploma erfodert würde. Gegenwärtig ist er mit den politischen Affairen außerordentlich beschäfftiget. Er ist sehr französisch gesinnt; aber in Italien wird ihm doch das Haus Bourbon beynahe zu mächtig, denn jenseits der Alpen hält er das Gleichgewicht. Er lacht recht in die Faust, wenn er in Gesellschaften von dem Prätendenten sprechen hört; denn das läßt er sich nicht ausreden, daß der Prätendent durch seine schlauen Anschläge bis nach Edenburg gekommen ist. Weiter aber darf er durchaus nicht, oder er macht Friede in Schlesien, denn er hat die Absicht gar nicht, den König von England ganz zu ruiniren. Mit Rußland ist er gar nicht zufrieden, und ich habe ihn seit etlichen Tagen so tiefsinnig herumgehen sehen, daß ich befürchte, es dürfte mit nächsten eine grosse Meuterey wider die Czaarinn auf seiner Studierstube ausbrechen. Denn das kann ich der Welt zum Troste sagen, daß sich seine politische Gelehrsamkeit nicht weiter erstreckt, als die vier Wände seiner Studierstube gehen. Bey alle dem aber schreibt er doch sehr viel Staatssachen, und so gar politische Monatschriften; doch werden sie, dem Himmel sey Dank, nicht gedruckt. Er behält sie alle im Concepte, und sagt: Dieses sey ein heimlicher Schatz, welchen er seinen Kindern sammle. Itzt arbeitet er an einer Deduction, worinnen er die gerechten Ansprüche des Königs in Frankreich an das orientalische Kaiserthum ausführt. Er hat es dem Cardinal Tencin dedicirt, aber auch nur im Manuscripte, und nennt es in der Ueberschrift, wie leicht zu glauben ist, eine gründlichgelehrte Deduction. Sollte dieser gründlichgelehrte Mann nicht noch in diesem Jahre, wie ich doch fast hoffe, ins Tollhaus gesperret werden; so werde ich ihn doch, wenn er künftig in Verfall seiner Gelehrsamkeit gerathen sollte, nach Frankreich zu bringen suchen, daß er alsdann in seinem vermeinten Vaterlande durch ein neues Project zur Universalmonarchie seinen Bissen Brodt ehrlich verdienen kann.

Ich weiß nicht, ob ich unter die Anzahl meiner gelehrten Freunde den Herrn M. Hieronymus Stephan rechnen darf. Er hat wirklich studirt, und ich habe ihn mit meinen Augen zu Leipzig in dem Degen gehen gesehen; sein Vater hat mir auch die Rechnung gewiesen, nach der er ihm in drey Jahren mehr, als zwey tausend Thaler, auf der Universität zu unterhalten gekostet hat. Ja, was noch mehr ist, er steht mit seinem ganzen Tauf- und Zunamen in dem itzlebenden gelehrten – –. Man wird doch nicht etwas mehr verlangen wollen, den Titel eines Gelehrten zu behaupten? Gelernt hat er nichts, nicht das geringste. Das kann ich die ganze Welt, als ein ehrlicher Mann versichern. In Leipzig heirathete er eine Jungemagd: denn sie wollte gern einen Herrn Magister haben, und er eine Frau. Noch zur Zeit nähren sie sich ganz gut mit einander, und so lange sie noch jung ist, und gut aussieht, so lange hat es keine Noth; es mag mit dem Gelehrten im übrigen gehen, wie es will. Sollte sie aber alt, oder häßlich werden; so läge freylich die ganze Nahrung auf einmal, und ich wollte sehr bitten, daß sich meine Leser des guten Mannes annähmen. Er ist in der That noch zu gebrauchen. zu einem Informator sollte er sich meines Erachtens vortrefflich schicken. Er versteht nichts; es ist wahr! Aber er wird auch die Kinder um ein Spottgeld informiren. Und da heut zu Tage die Liebe der Aeltern gegen ihre Kinder so beschaffen ist, daß man nicht eben darauf sieht, wie geschickt der Informator, sondern nur, wie wohlfeil er ist; so zweifle ich nicht einen Augenblick mehr an seinem guten Fortkommen. Geduld hat er auch, wie ein Hahnrey; und das hat er seinem lieben Weibe zu danken; eine nothwendige Tugend, die ein Mensch haben muß, welcher in vornehmen Familien Kinder unterweisen will. Er ist so geduldig, man kann mir sicher glauben; so geduldig ist er, daß er gar mit der Frau im Hause gut wird auskommen können; und wer weis denn, wie hoch der ehrliche Mann vielleicht noch sein Glück treibt, wenn er sich gewöhnen kann, der Amme und der Köchinn mit gebührender Ehrfurcht zu begegnen? Kurz, ich mag das Ding betrachten, wie ich will, an diesem Vetter erlebe ich gewiß noch die meiste Freude, und ich habe mir schon ein gewisses Haus in unsrer Stadt ausgesehen, wohin sich zu einem Informator kein Mensch besser schickt, als mein guter Vetter Stephan.

Dieses sind die Abbildungen einiger meiner Verwandten, und ich wollte wohl wünschen, daß sich Liebhaber zu ihren Künsten fänden. Nun kann man einen ungefähren Ueberschlag machen, wie viel unnütze Gelehrte in Deutschland seyn müssen, da allein in meiner Familie, welche doch die stärkste nicht ist, so viele sind, denen der Titel eines wahrhaften Gelehrten streitig gemacht werden kann.

Da ich bisher untersucht habe, was eigentlich ein Gelehrter sey; so muß ich noch ein paar Bedeutungen des Worts gelehrt anführen. Nichts ist gewöhnlicher, als daß man von Büchern das Urtheil fällen hört: Es ist ein gelehrtes Werk! Aber die Begriffe, die ein jeder dabey hat, sind sehr unterschieden. Was der Philosoph gelehrt nennt, das kömmt dem Rechtsgelehrten pedantisch vor, und ich habe einen finstern Mathematiker gesehen, welcher in seinem Leben zum erstenmale lachte, als er hörte, daß man eine witzige Monatschrift unter die gelehrten Bücher rechnen wollte. Mit einem Worte, es geht mit der Gelehrsamkeit, wie mit der Religion. Ein jeder hält nur die seinige für die wahre; alle andre Religionsverwandte aber für Ketzer.

Gelehrter Hochmuth; dieses Wort ist von einer so weitläuftigen Bedeutung, daß es eine absonderliche Abhandlung erfodert, welche wenigstens so viel Bände einnehmen dürfte, als die europäische Fama.

Gelehrter Wind, hievon siehe mit mehrern die meisten Vorreden.

Gelehrtes Frauenzimmer, ist ein Problema.

Menschenfeind.

Unter diesem Namen verstehen einige Sittenlehrer gemeiniglich diejenigen verdrüßlichen und mürrischen Leute, welche mit ihrem Schöpfer hadern, daß er sie zu Menschen gemacht hat, und welche niemals misvergnügter sind, als wenn sie sich in Gesellschaft andrer Menschen befinden. Ich will nicht untersuchen, wie weit diese Sittenlehrer recht haben. Ich glaube aber, daß noch eine andre Bedeutung des Worts Menschenfeind statt haben kann.

Ich setze, und zwar, vermöge der Erfahrung, zum voraus, daß gemeiniglich der Mensch nichts anders ist, als ein Thier, welches nur sich für vollkommen, alle andre menschliche Thiere aber, die um dasselbe herum sind, für fehlerhaft und lächerlich hält; welches diejenigen Pflichten gegen andre niemals ausübt, die es doch von andern verlangt; welches glaubt, daß alles, was erschaffen ist, nur seinetwegen erschaffen ist; welches sich Mühe giebt, dasjenige zu scheinen, was es doch nicht ist; welches sehr mühselig lebt, um elend zu sterben; welches thöricht ist, weil es das Vermögen hat, vernünftig zu seyn; und welches nicht leiden kann, daß man ihm alle diese Wahrheiten vorsagt. Wer so verwägen ist dieses zu thun, der ist sein Feind.

Menschenfeinde also sind Leute, welche die Wahrheit sagen. Ein häßliches Laster, wodurch man die glückselige Einbildung andrer Leute stört, und zugleich sein eignes Glück hindert!

Ein Menschenfeind würde ich seyn, wenn ich sagen wollte, daß Neran, unter dem Vorwande seiner obrigkeitlichen Pflicht, Ungerechtigkeiten ausübte, die Bürger um ihre Nahrung brächte, mit den Schweiße gedruckter Unterthanen wucherte, die Seufzer der Wittwen wider sich reizte, und das Vermögen verlaßner Mündel an sich risse; daß diese noch in funfzig Jahren mit Thränen ihren Kindern die Räubereyen des Nerans wieder erzählen, und noch im Alter sein Andenken verfluchen würden. Alles dieses thut Neran; es ist wahr. Ich aber hüte mich wohl, dem Neran dieses vorzuhalten, denn ich mag keines Menschen Feind seyn. Einen Vater des Vaterlandes, einen Priester der Gerechtigkeit, den grossen Neran nenne ich ihn, so oft ich zu ihm komme; dieses aber geschieht alle Mittage um zwölf Uhr, und ich befinde mich wohl dabey. Wie Neran ist; so sind noch unzählig viele andre, und ich würde von den größten Pallästen anfangen, und bis in die Hütten des geringsten Landmanns gehen können, wenn ich nöthig hätte, durch mehrere Exempel zu beweisen, daß man ein Menschenfeind würde, so bald man die Wahrheit sagt.

Und wie froh wäre ich, wenn meine Lehren einigen Eindruck bey den boshaften, gefährlichen, unbedachtsamen, verstockten, (ich weis beynahe nicht, wie ich sie arg genug schimpfen soll! mit einem Worte, bey den verhaßten Satirenschreibern fänden, welche einen rechten Beruf daraus machen, Erbfeinde der Menschen zu seyn, und welche so unbesonnen sind, zu glauben, daß man Tartüffen einen Heuchler, und einen Narren einen Narren nennen dürfe! So lange die weltliche Obrigkeit nicht Anstalt macht, diese Menschenfeinde auszurotten: So lange wird ein Betrüger nicht eine Stunde sicher seyn können, den angemaaßten Titel eines ehrlichen Mannes zu behaupten, und, was das erschrecklichste ist, so gar Leute, welche sich durch den Bannstral, den sie in ihren drohenden Händen führen, beym Pöbel ansehnlich und furchtbar machen, werden dennoch diesen verwägnen Menschenfeinden nicht fürchterlich genug aussehen. Ich kann nicht ohne Zittern daran gedenken, wenn ich mir vorstelle, daß vielleicht morgen derjenige lächerlich seyn wird, den man heute für ehrwürdig gehalten hat.

Unter diesen satirischen Menschenfeinden halte ich diejenigen für die unerträglichsten, welche mit lachendem Munde das Thörichte an den Menschen entdecken. Nichts erbittert mehr, als eine solche Wahrheit, die man uns mit einer spöttischen Miene sagt; denn oftmals sind wir hierinnen den Affen gleich, welche nie grimmiger werden, als wenn man ihnen spottend nachahmet, und die Zähne blöckt.

Zum ewigen Ruhme unsers schönen Geschlechts muß ich erinnern, daß alles, was ich bisher gesagt habe, von ihm nicht zu verstehen ist. Nichts auf der Welt ist ihm angenehmer, als eine ungeheuchelte Wahrheit, und bey ihm ist nur der ein Menschenfeind, welcher schmeichelt. Brigitte ist abergläubisch, neidisch, und verläumdet ihren Nächsten; Flavia ist verbuhlt, und überläßt ihre Gunst an den Meistbietenden; Cälie ist so hochmüthig, daß sie ihrer reichen Nachbarinn im Stande nicht im geringsten nachgeben würde, und sollte sie mit ihrem Manne auch Bettelbrodt essen müssen. Dennoch habe ich das Herz, alles dieses Brigitten, Flavien und Cälien trocken unter die Augen zu sagen, ohne von ihnen ein Menschenfeind genannt zu werden. Sie werden sich schämen, sie werden sich bessern, sie werden mir für meine Wahrheiten unendlichen Dank sagen. So merklich sind die Vorzüge, welche solches Frauenzimmer vor uns, eingebildeten Männern, hat, welches wir doch aus einem lächerlichen Stolze nur schwaches Werkzeug nennen.

Pflicht.

Pflicht, Amtspflicht, theure Pflicht, Pflicht und Gewissen, sind bey unterschiednen Leuten, die in öffentlichen Geschäften stehen, eine gewisse Art Formeln welche zu den Curialien gehören. In der That haben sie weiter nichts zu bedeuten, als was die übrigen Curialien bedeuten; inzwischen aber sind sie doch so unentbehrlich, als diese, und gehören mit zur Legalität.

Einen in Pflicht nehmen, wird also bey dergleichen Leuten so viel heissen, als einem ein Amt geben, worinnen er, unter dem Vorwande seiner aufhabenden Pflicht, dasjenige ausüben kann, was ein unverpflichteter zu thun nicht wagen darf, ohne seine Leidenschaften zu verrathen. Weil in gewissen Gegenden sowohl geistliche, als weltliche Aemter, nicht anders, als durch viele Geschenke und aufzuwendende Unkosten, erlangt werden: So ist es gar wohl zu verstehen, was die geleistete theure Pflicht heißt; und alsdenn wird der Ausdruck, seine Pflicht sorgfältig zu erfüllen suchen, nichts anders sagen, als wenn ich spreche: sich sorgfältig bemühen, auf alle mögliche Art von andern so viel wieder zu erpressen, als das Amt gekostet hat.

Es läuft wider meine Pflicht, wird ein gewissenhafter Richter sprechen, wenn ihm der Beklagte Geschenke anbietet. Ein vernünftiger Beklagter aber wird es gar leicht begreifen, daß des gewissenhaften Richters seine Frau Liebste nicht in Pflichten steht; und sich daher mit seinen Geschenken zu dieser wenden, wenn er anders, von ihrem Manne, ein pflichtenmäßiges Urthel verlangt. Ich habe einen Schösser gekannt, welcher das Expensbuch beständig vor sich liegen hatte, und daher von sich selbst rühmte, daß er seine Pflicht niemals aus den Augen ließe; denn er glaubte nur um deswillen sey er ein verpflichteter Schösser, daß er seinen Bauern liquidiren könne. Ex officio arbeiten, würde ein Schulmann vielleicht durch: pflichtmäßig arbeiten, übersetzen. Aber das wäre ein erschrecklicher Schnitzer wider den juristischen Donat. Wer es gründlicher lernen will, was es bedeutet, den will ich an einen gewissen Amtmann weisen. Wenn dieser über die nahrlosen Zeiten und den Verfall der Sporteln klagt; so spricht er allemal: »Ein ehrlicher Mann kann es fast nicht mehr ausstehen. Lauter Arbeit ex officio! Bald Armensachen! Bald Bericht wegen brandbeschädigter Unterthanen! Bald wegen herrschaftlicher Sachen! Alles ex officio!« Sachen also, davon in der Taxordnung nichts steht, sind Sachen ex officio, und freylich sind dergleichen Arbeiten bis in den Tod verhaßt.

Verstand.

Weil ich hier nicht willens bin, eine philosophische Abhandlung zu schreiben; so wird man mir nicht zumuthen, von demjenigen Begriffe etwas zu gedenken, welchen man sich auf der Catheder von dem Worte, Verstand macht

Ich schreibe nicht für Pedanten, sondern für die grosse Welt, und in der grossen Welt heißt Verstand so viel, als Reichthum.

Ein Mensch ohne Verstand, ist nichts anders als ein Armer. Er kann ehrlich, er kann gelehrt, er kann witzig, mit einem Worte, er kann der artigste, und nützlichste Mann in der Stadt seyn, das hilft ihm alles nichts; der Verstand fehlt ihm, denn er hat kein Geld.

Es ist nicht für einen Dreyer Verstand darinnen! spricht mein Wirth, wenn er ein vernünftiges Gedicht liest. Warum? Mein Wirth ist ein Wechsler, welcher in der Welt nichts gelernt hat, als addiren, und er glaubt, wenn er die schönste Ode auf die Börse trüge, so würde er doch nicht einen Dreyer dafür bekommen.

Das Mädchen hat Verstand, sagt ein Liebhaber, der nur aufs Geld sieht, wenn gleich sein Mädchen nichts thut, als daß es Caffee trinkt, Lomber spielt, Knötchen macht, zum Fenster hinnaus sieht, und wenn es hoch kömmt, über das Nachtzeug ihrer Nachbarinn spottet. In Gesellschaften, wo sie keines von diesem allen thun kann, ist sie nicht im Stande, etwas weiter zu sagen, als ein trocknes Ja und Nein; und spielte sie nicht mit ihrem Fächer: So würde man sie für eine Statue ansehen. Aber, das thut alles nichts; für ihren Liebhaber hat sie doch viel Verstand, denn ihre Mutter hat ihr ein sehr schönes Vermögen hinterlassen.

Der Mensch hat einen sehr guten natürlichen Verstand, heißt so viel: Er hat von seinen Aeltern eine reiche Erbschaft überkommen, und nicht nöthig gehabt, selbst Geld zu verdienen.

Was also dieses heißt: Er wuchert mit seinem Verstande, das darf ich niemanden erklären; es versteht sich von sich selbst.

Ich bin der dümmste eben nicht, denn ich habe auch etwas weniges von Vermögen, und dieses hat mir Gelegenheit gegeben, durch eine dreyßigjährige Erfahrung die verschiednen Grade des Verstandes kennen zu lernen. Nach gegenwärtigem Cours kann ich von dem Verstande meiner Landsleute ohngefähr folgenden Tariff machen:

1000. Thaler, nicht ganz ohne Verstand;
6000. Thaler, ein ziemlicher Verstand;
12000. Thaler, ein feiner Verstand;
30000. Thaler, ein großer Verstand;
50000. Thaler, ein durchdringender Verstand;
100000. Thaler, ein englischer Verstand;

und auf solche Weise steigt es mit jeden tausend Thalern.

Ich habe den Sohn eines reichen Kaufmanns gekannt, welcher kaum so klug war, als sein Reitpferd. Er besaß aber viermal hundert tausend Thaler, und um deswillen versicherte mich mein Correspondente, daß er in ganz Meklenburg beynahe der Verständigste wäre.

Der Kerl hat seinen Verstand verloren! wird man also von einem bankerutten Kaufmanne sagen, und ich kenne einige davon, welche dieser Vorwurf weit mehr schmerzt, als wenn man sagen wollte, sie hätten ihren ehrlichen Namen verlohren. Dieses ist noch der einzige Trost für dergleichen Männer. daß ihre Weiber, welche durch ihre üble Wirthschaft, und durch ihren unsinnigen Staat an diesem Verluste gemeiniglich die meiste Ursache haben, dennoch ihren eingebrachten Verstand, daß ich mich kunstmäßig ausdrücke, oder deutlich zu reden, ihr eigenes Vermögen, und daher noch allemal so viel übrig behalten, als nöthig ist, sich und ihren unverständigen Mann auf das bequemlichste zu ernähren.

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