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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 22
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
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Hinkmars von Repkow

Noten ohne Text.Se. Neue Beytr. zum Vergn. des Verst. und Witzes, 2 Band, 4 St. 1745.

 

 

Nunmehr thue ich den ersten Schritt in die gelehrte Welt. Schon vor dreyßig Jahren hatte mich die Natur mit so starken und dauerhaften Gliedmaaßen begabt, als zu einem Scribenten erfodert werden. Dennoch habe ich, welches fast unglaublich ist, jedesmal über mich selbst so viel Gewalt gehabt, daß meine Gelehrsamkeit noch niemals zum wirklichen Ausbruche gekommen ist, ich nehme einige kritische Versuche aus, welche ich im Jahre 1719, bey der damaligen großen Theurung, mir und dem guten Geschmacke zum Besten, doch jedesmal unter fremden Namen, der Welt mittheilen mußte. Seit dreyßig Jahren also habe ich nur einen Zuschauer unter den Gelehrten abgegeben. Meine ganze Aufmerksamkeit war dahin gerichtet, zu sehen, welches die sichersten und leichtesten Mittel wären, sich auf einmal über andre zu schwingen, und bis auf die späteste Nachwelt berühmt zu werden. Ich habe angemerkt, daß die Bemühungen der Geschichtschreiber, der Philosophen, der Dichter, und aller übrigen Gelehrten, so beschwerlich, so ungewiß, und so gefährlich sind, daß ich mich wohl hüten werde, mich mit einer von diesen Arten Schriften zu vermengen. Hingegen getraue ich mir, durch hundert Exempel zu behaupten, daß man durch kein Mittel in der Welt leichter zur gehörigen Autorgröße gelangen kann, als durch die Beschäfftigung, die Schriften andrer Männer durch Noten zu vermehren, und zu verbessern. Leute, von denen man schwören sollte, daß sie die Natur zu nichts weniger, als zu Gelehrten, geschaffen hätte; Leute, welche, ohne selbst zu denken, die Gedanken der Alten und anderer berühmten Männer erklären; solche Leute sind es, die sich groß und furchtbar machen; und wodurch? Durch Noten! Noten also sind der rechte Weg, zu demjenigen Zwecke zu gelangen, welchen alle Gelehrte, auf verschiedne Arten, aber mit ungleichem Erfolge, suchen. Ich brauche nicht zu beweisen, daß bey einem dergleichen Buche des Herrn Verfassers Noten allemal das vornehmste und wichtigste sind, der Text selbst aber nur etwas zufälliges, wenigstens von der Erheblichkeit lange nicht ist, als die angehängten Noten. Ich beziehe mich auf die Vorreden, so man vor diesen Büchern findet, und worinnen mein Satz allemal, nur auf verschiedne Art, behauptet ist. Einem solchen Verfasser würde es daher gleich viel gelten, wenn der Text auch gar untergienge. Nur um seine Noten darf die Nachwelt nicht kommen; dieser Verlust wäre unersetzlich. Diese Betrachtung hat mich zu dem Entschlusse gebracht, Noten zu schreiben, ohne um einen Text besorgt zu seyn, da dieser, wie gedacht, ohnedem nur ein Nebenumstand bey einem Buche ist. Ich überlasse die Beschäfftigung, einen Text zu gegenwärtigen Noten zu machen, andern, die weder diejenige Erfahrung, noch Geschicklichkeit, besitzen, die ich mit gutem Gewissen von mir selbst rühmen kann. Es sollte mir lieb seyn, wenn ich dadurch unsrer itzigen Jugend Gelegenheit gäbe, sich in Texten zu üben. Es kann gleich viel gelten, ob sie eine Materie von den itzigen politischen Umständen, oder aus der Arzneykunst, oder aus den bürgerlichen Rechten dazu wählen wollen. Eine Abhandlung von dem leeren Raume sollte sich auch nicht unrecht dazu schicken; denn dergleichen Betrachtungen werden nicht sehr gelesen, und solche Texte braucht ein Notenautor, wie ich bin, am liebsten. Ich wollte wünschen, daß sich bald wieder ein Komet sehen ließe. Meine Noten sollten sich ganz vortrefflich ausnehmen, wenn sie unter einer Abhandlung davon stünden. Man wird zwar darinnen nicht ein einziges Wort von Kometen finden: Aber desto besser wäre es; denn natürlicher Weise haben dergleichen Noten, wie die meinigen sind, ohnedem mit dem Texte weiter kein Verhältniß, als das, welches ihnen der Setzer giebt. Mit einem Worte, mit dem Texte mag ich gar nichts zu thun haben, den überlasse ich kleinen Geistern. Ich bin ein Gelehrter, und zwar ein Gelehrter bey Jahren, darum schreibe ich Noten; denn das ist ein wichtiges Werk! Ich erstaune, wenn ich zurück sehe, und eine unzählbare Menge Männer hinter mir erblicke, welche sich so viele Jahre lang mit so vieler Sorge, auf so verschiedene Art, um den Namen eines Gelehrten bemüht haben, von mir aber in einer Zeit von zween Tagen, auf die bequemlichste Art von der Welt, und ohne meinem Verstande und Nachdenken die geringste Gewalt anzuthun, eingeholt, ja weit übertroffen sind. Allen meinen Enkeln will ich es anrathen. Noten sollen sie machen! Und, wollen sie es so hoch bringen, wie ihr Großvater, so machen sie Noten ohne Text! Eine Sache, welche, außer mir, wohl noch kein Deutscher gewagt hat. Nun werden es die übermüthigen Franzosen doch auch glauben, daß es in Deutschland Schöpfer gebe, welche von sich selbst etwas hervorbringen, und noch mehr thun können, als nachahmen. Wie sehr werde ich mich vergnügen, wenn ein gelehrter Mann und Beförderer der schönen Künste und Wissenschaften sich berühmt, und Noten über meine Noten machen wird! »Der große Repkow, wird es einmal heißen, bedient sich in seinen gelehrten Noten ohne Text, unter andern, folgender sehr nachdenklichen Worte &c.« Kann ein Schriftsteller zu seiner Beruhigung wohl mehr verlangen, als wenn sich ein andrer Schriftsteller auf ihn beruft? Wie prächtig wird es klingen, wenn ein gelehrter Abt des künftigen Jahrhunderts in der französischen Akademie seine Meinung durch mein Ansehen behaupten, und sagen wird: »Voyez le Savant Allemand, Monsieur Enkemar de Repikof dans ses remarques sans Texte &c.« Und wer ist mir wohl dafür gut, daß nicht vielleicht, so bald gegenwärtige Abhandlung nur die Presse verlassen hat, schon irgendswo ein berühmter Mann mit Schmerzen auf meinen Tod wartet, nur, daß er in sein historisches Universallexicon, unter dem Buchstaben R, diese Nachricht setzen könne: »Repkow, (Hinkmar von) auf Budigaß, ein Nachkomme des großen Ecko von Repkow, schrieb Noten ohne Text, und starb. Er war ein billiger Verehrer seiner eignen Schriften, und überhaupt ein sehr gelehrter Mann. Seine vortrefflichen Noten ohne Text hat man in viele Sprachen, und so gar ins Norwegische, übersetzt. Die verschiednen Auflagen davon sind unzählig; doch ist diejenige wegen ihres breiten Randes und der artigen Leiste die beste, welche wir dem Fleiße des geschickten Herrn Cowley Lizards in London zu danken haben. Von ihm stammt die berühmte Secte der Avtonotisten ab, und er ist der Urheber des beruffnen methodi Repkovianae. Mehrere Nachricht von ihm findet man in dem theatro Budigassiano de claris Repkoviis.« Gewiß! von wem die Nachwelt ein solches Urtheil fällt, dessen Mühe ist reichlich vergolten; denn dieses begreift alles dasjenige in sich, was der Ehrgeiz eines Gelehrten wünschen kann.

Vor Entzücken über die dankbare Nachwelt vergesse ich beynahe meine itztlebenden Leser, welche es vielleicht zufrieden seyn würden, wenn ich von mir selbst etwas weniger redete. Ich will zwar abbrechen, aber mich nicht entschuldigen; denn alles, was ich bisher gesagt habe, das vertritt die Stelle einer Vorrede zu gegenwärtigen Noten ohne Text. Die Vorreden aber schreibt der Verfasser wohl nicht leicht um des geneigten Lesers willen, sondern seinetwegen. Mein Trost ist, daß ich im Nachstehenden noch öfters Gelegenheit haben werde, von mir selbst ausführlich, doch ohne die geringste Parteylichkeit, zu reden.

Hinkmar von Repkow.

 

 

Noten zur Zueignungsschrift.

O Musen helfet mir!) Ueberhaupt muß ich erinnern, daß dergleichen Anrufung der Musen bey glückwünschenden Dichtern nichts weiter ist, als ein bloßes Compliment. Die Musen mögen nun helfen oder nicht, dadurch wird sich der Dichter doch nicht irre machen lassen. Diese Formel sagt eben so wenig, als diejenige, wenn man spricht:

Erlaube, theurer Mann!

Wenn es auch gleich der theure Mann nicht erlauben wollte, so würde er dennoch, auch wider seinen Willen, hören müssen, daß er die vollkommenste Creatur unter allen Creaturen sey; denn das Carmen ist einmal gedruckt, und mit gutem Gewissen kann er es dem ehrlichen Dichter nicht zumuthen, daß er die Unkosten umsonst sollte aufgewandt haben. Ich misbillige darum diese Anrufung der Musen gar nicht. Es sind die poetischen honneurs, die wir unsern Mäcenaten machen. Eine Schildwache thut nur ihre Schuldigkeit, wenn sie bey der Ankunft eines vornehmen Mannes: Ins Gewehr! ruft, und auf dem Parnasse ist die größte Ehrenbezeugung diese, wenn wir alle neun Musen paradiren lassen. Ich halte es um deswillen denen sehr für übel, welche diese gute Ceremonie abschaffen wollen. Sie bringen den armen Dichter um ein paar Verse, die ihm nicht sauer werden können, und die zum wenigsten nichts schaden, wenn sie auch nichts helfen sollten.

Dieß schwere Werk, dich, Gönner aller Gönner) Es ist allerdings vielmals sehr schwer, denjenigen mit einiger Wahrscheinlichkeit zu rühmen, an den die Zuschrift gerichtet ist. So leicht es ist, Reinbecken, als einen großen Gottesgelehrten, Wolfen, als einen Philosophen, Hofmannen, als einen geschickten Arzt, und Canitzen, als einen Dichter vorzustellen, so ein schweres Werk ist es hingegen, wenn ich den Aberglauben, als einen Mann, auf dessen Brust Licht und Recht glänzen, oder Starrkatern in Eulenburg, dessen der hamburgische Patriot gedenkt, als einen Priester der Gerechtigkeit abbilden soll. Wie viel Mühe kostet es nicht, wenn wir denjenigen zum Apollo unsrer Zeiten machen, welcher mit einem Gelehrten weiter keine Aehnlichkeit hat, als die große Perücke! Wir beschwören das Alterthum, und bannen alle Weisen Griechenlands und Roms zusammen, damit sie zu ihrer Beschämung anhören sollen, daß in unsern Tagen ein Mann lebt, der Davus heißt.

Von Kleinigkeiten groß, von schlechten Dingen fein,
Von albern Sachen klug, von Stümpern ungemein,
Und endlich unvermerkt stets von sich selbst zu singen,
Sind Künste, die uns spät, der Lobsucht stets gelingen.

Eben diese Lobsucht ist noch das einzige Mittel, welches unsern Dichtern bey ihren Zuschriften die größten Schwierigkeiten erleichtern hilft. Sie wollen loben! Das ist genug! Ob aber die Züge in ihrer Lobschrift dem Originale ähnlich sind, das ist eine Sache, die man eben so genau nicht untersuchen, noch viel weniger aber von ihnen verlangen darf. Sie gleichen darinn einer gewissen Art von Malern, welche die Bildnisse großer Fürsten und Herren feil haben. Alle diese sehen einander ähnlich, und die Bilder von Ludwig dem vierzehnten an, bis auf den General Menzel, haben nur ein Gesicht. Der einzige Unterschied besteht in der Tracht und Farbe des Kleides, und, wenn es hoch kömmt, in einem Schnurrbarte. Dem ungeachtet weis man, wen es vorstellen soll, und derjenige muß blind seyn, der es nicht aus der Unterschrift sehen sollte. Machen es die meisten unsrer heutigen Scribenten in ihren Zuschriften wohl anders? Sie haben nur eine Art zu loben, und ein jeder, den das Verhängniß dazu ersehen hat, daß er unter ihre Hände gerathen, und ihr Mäcenat werden soll, den stellen sie uns allemal, als den vollkommensten, als den tugendhaftesten Sterblichen vor. Kurz, auch ihre Gönner und Helden haben nur ein Gesicht; den Unterschied macht weiter nichts, als der Titel des Gönners.

Mit Zittern wagt mein Kiel.) Ich bin ein Poet, das ist ein postulatum, und ich will es keinem Menschen rathen, mir zuzumuthen, daß ich diesen Satz beweisen soll. Wenn man also im obigen Texte die Worte, Mit Zittern wagt mein Kiel, nicht von der demüthigen Positur verstehen wollte, mit welcher einige Dichter von meiner Art ihre Gönner anzureden, und ihnen die Proben ihrer unterthänigsten Ehrfurcht zu überreichen pflegen, so würde es allerdings sehr unnatürlich seyn, zu sagen, daß der Dichter zittere. Wir, die wir mit Göttern eben so vertraut umgehen, wie mit einer Schäferinn, wir werden vor einem Sterblichen zittern. Ein Dichter, der von seiner Fertigkeit zu reimen, von seinem Geldmangel, und von den Capitalen seines Gönners gewiß überzeugt ist, ist das unerschrockenste Geschöpf unter allen Thieren. Läßt sich also wohl mit Grunde von ihm sagen, daß er zittere? Ich glaube es nicht, und wenn er ja zittert, so geschieht es doch nur dem Reime und dem Sylbenmaaße zu gefallen.

Und wenn du, großer Held,) Dieses Beywort ist so gewöhnlich, daß ich kein Bedenken trage, solches dem unbekannten Gönner beyzulegen, welchem gegenwärtiges Werk künftig einmal dedicirt werden könnte. Ein Autor schmiegt sich gemeiniglich in seinen Zueignungsschriften dergestalt vor den Füßen seines Gönners, daß ihm derselbe natürlicher Weise nicht anders, als groß, vorkommen muß, und einen Helden nenne ich ihn um deswillen, weil ich zum voraus setze, daß die Zueignungsschrift an keinen von bürgerlichem Stande, sondern an jemanden meines gleichen gerichtet wird. Wir sind Ritter. Alle Ritter sind, vermöge der Erfahrung, Helden, und große Helden werden wir, so bald uns ein Autor braucht. Hierbey fällt mir eine Geschichte ein, welche ich anführen muß. Als ich dem Pfarrer in meinem Dorfe seinen Sohn zum Substitute gab; so ward, wie man leicht glauben kann, dieser wichtige Umstand der Kirchenhistorie von mehr, als einem Rohre, besungen. Es würde zu weitläuftig seyn, alle die schönen Gedanken anzuführen, welche bey dieser vortrefflichen Gelegenheit verschwendet wurden. Keiner aber hat mich so sehr gerührt, als derjenige, da ein Dichter den jungen Substituten des großen Vaters großen Sohn nannte. Ich bin versichert, daß dieser prächtige Ausdruck bey dieser Gelegenheit nicht zum erstenmale angewandt ist, und sonder Zweifel auch in folgenden Zeiten seine Liebhaber finden wird. Aber eben dadurch suche ich auch obige Worte meines Textes zu rechtfertigen. Denn schickte er sich für einen Dorfpfarrer, und seinen Substituten; so wird man ihn einem Kirchenpatrone gewiß nicht streitig machen können.

Mich deiner Gunst empfohlen) Gunst heißt hier, und bey andern dergleichen Zuschriften, in poetischem Verstande, so viel, als baares Geld.

Du selbst ein Dichter bist, der Ewigkeit entgegen) oder wie es im Zusammenhange des Textes heißen würde: Du siehst der Ewigkeit entgegen, weil du selbst ein Dichter bist. Man sieht wohl, daß diese Zueignungsschrift in Versen abgefaßt ist; und weil sie in Versen abgefaßt ist, so folgt natürlicher Weise, daß der Verfasser ein Poet seyn muß: denn eben dadurch unterscheidet sich ein Poet von andern Geschöpfen, daß er Verse macht. Es ist also nichts neues, wenn ein Poet glaubt, er könne seinem Gönner nicht angenehmer schmeicheln, als wenn er ihn auch einen Dichter heißt. Es erklärt sich dieses aus den Regeln der Eigenliebe, welche eine jedwede Art der Schriftsteller für ihr Handwerk hat. Wird ein Arzt ein Schriftsteller, so wird er sagen, daß ein Mäcenat, an den die Zueignungsschrift gerichtet ist, auch ein Arzt sey; und ein schreibender Rechtsgelehrter macht alle seine Gönner zu Ulpianen. Ich kenne einen Kunstrichter, welcher zu der Freygebigkeit eines ziemlich begüterten Landkramers ein so großes Vertrauen hatte, daß er ihm ein Buch zueignete, welches von den kritischen Streitigkeiten unsrer Zeit handelt. »Ich widme dir diese Blätter, sagte der Verfasser in seiner Zueignungsschrift, da du so glücklich bist, selbst ein Kritikus zu seyn.« Der Landkramer erschrack. Er fragte seinen Informator, was ein Kritikus für ein Ding sey? Und weil ihm dieser eine verhaßte Beschreibung davon machte, so fehlte nicht viel, daß jener den Verfasser nicht rechtlich belangte.

Noten zur Vorrede.

Und mit Anmerkungen) Anmerkungen heißen diejenigen Zeilen, welche der Buchdrucker unter den Text setzt. Mit diesem haben sie keine Verbindung weiter, als daß sie auf eben der Seite stehen, oder, wofern der Raum dieses nicht zulassen will, wenigstens sich allemal auf diejenige Seite beziehen, wo die Worte des Textes zu finden sind. Besonders zweyerley wird dabey erfordert. Sie müssen in die Augen fallen, und unerwartet seyn. Jenes geschieht, wenn man sagt, was andre schon gesagt haben, oder, kunstmäßig zu reden, wenn man die Alten und Neuen fein häufig anführt, und die Gelehrten, welche gegen alle vier Winde wohnen, citirt. Das Unerwartete hingegen besteht darinnen, wenn ich Sachen sage, welche kein Mensch in meinen Anmerkungen suchen würde. Zum Exempel: Im Texte steht das Wort, Cicero, und in der Anmerkung untersuche ich die Frage: Ob Nebucadnezar auch wirklich Gras gefressen habe, wie ein Vieh?

Zu dieser Vorrede) Denn eine Vorrede heißt nur um deswillen eine Vorrede, weil sie gleich auf das Titelblatt, oder die Zueignungsschrift folgt. Der Herr Verfasser darf sich gar kein Gewissen machen, wenn er darinnen Sachen sagt, die zum Buche gar nicht gehören.

Erläutert) Das ist ein erschrecklicher Druckfehler und soll erweitert heißen, welches ein jeder ehrengünstiger Leser in seinem Exemplare zu ändern beliebe. Ich wäre nicht werth, daß ich ein Autor hieße, wenn ich bey diesen Anmerkungen die Absicht gehabt hätte, den eigentlichen Verstand des Textes zu erklären, oder zu erläutern, zu geschweigen, daß vielmals ein Text keinen eigentlichen Verstand hat. Aber das ist die wahre Pflicht vieler unsrer heutigen Scribenten, daß sie eine Sache weitläuftig dehnen, und dasjenige auf etlichen Bogen sagen, was der ungelehrte Pöbel in wenig Zeilen fassen würde.

Ich weis aber nicht, ob ich dieser meiner Schrift die Ewigkeit versprechen darf:) Das ist nur eine bescheidne Verstellung von mir; ich weis dieses aber ganz gewiß, denn ich bin ein Autor. Diese Formel ist der gewöhnliche väterliche Segen, welchen wir unsern Büchern mittheilen, wenn wir sie in die Welt schicken. Von dem Nachdrucke dieses Segens kann niemand besser urtheilen, als wer Gelegenheit gehabt hat, entweder durch die Erfahrung, oder auf andrem Wege, sich einen hinlänglichen Begriff von derjenigen innbrünstigen Zärtlichkeit zu machen, welche man die väterliche Liebe nennt. Ein Schriftsteller empfindet diese in dem stärksten Grade. An unsern Kindern halten wir dasjenige für Schönheiten und Artigkeiten, was wir an den Kindern andrer Leute für Leibesgebrechen und Laster ansehen. Ein Autor, welcher die Mängel andrer Schriften aufs schärfste beurtheilt, ist dennoch oftmals von einer blendenden Liebe gegen seine eigne Arbeit dergestalt eingenommen, daß er denjenigen für einen neidischen Klügling, für einen Verräther des Vaterlandes ausschreyen wird, welcher sich untersteht, ihm und andern zu sagen, daß seine gelehrte Geburt nur ein Krüpel, oder gar eine Misgeburt sey. Er wird ergrimmen, wie ein Bär, dem man seine zottigte Brut raubt, und wer ihm in dieser Wut begegnet, der ist verloren. Ich getraue mir, noch mehr zu behaupten. Ich glaube, daß die Liebe eines Scribenten gegen seine witzige Zucht diejenige Neigung weit übertrifft, welche Aeltern ordentlicher Weise gegen ihre Kinder haben. Ein Vater wird dasjenige Kind niemals, ohne ekelhaften Widerwillen, ansehen können, von dem er gewiß weis, daß es nicht sein ist; ein Scribent aber keinesweges. Oefters ist dieser bemüht, der Welt diejenigen Sachen, als seine leiblichen Kinder, anzupreisen, welche ihr ganzes Wesen und Daseyn dem Fleiße andrer Gelehrten, ihm aber weiter nichts, als den Namen, zu danken haben. Dennoch erkennt er sie für die Seinigen. Derjenige greift ihm ans Herz, welcher ihm den Titel eines Vaters absprechen will. Da nun unsre Gelehrten und Schriftsteller so geneigt sind, ihren Gedichten und Büchern die Ewigkeit zu prophezeihen, wie empfindlich, wie schmerzhaft muß es nicht einem so liebreichen und zärtlichen Vater fallen, wenn er sieht, daß er das Werk seiner Hände, welches er der Nachwelt zugedacht hatte, noch selbst überleben muß! Kömmt dieses frühzeitige Absterben von der schwächlichen Natur, und der hinfälligen Beschaffenheit unsrer Schriften her, so ist allerdings noch einiger Trost dabey. Geschieht es aber, daß sie durch einen gewaltsamen Tod dahin gerissen, und durch die unerbittlichen Hände eines grausamen Kunstrichters aufgerieben werden, so kann ich mir in der That keine verzweifeltern Umstände vorstellen, als diejenigen sind, in welchen sich ein so gebeugter, und in die tiefste Trauer versetzter Scribent befinden muß. Er ist desto unglücklicher, da ihm nicht leicht jemand sein Beyleid bezeigen, und diesen unverhofften Verlust beklagen wird. Ein Trost, den zum wenigsten andre Väter, bey dem Tode ihrer Kinder, zu gewarten haben.

Noten zur Abhandlung.

FARRAGO LIBELLI:) Bey diesen Worten, welche ich aus dem Juvenal zur Ueberschrift über gegenwärtige Abhandlung gewählt habe, muß ich vor allen Dingen verschiednes erinnern. Die Verse des Juvenals heißen eigentlich so:

Quicquid agung homines, vortum, timor, ira, voluptas,
Gaudia discursus, nostri est farrago libelli.

Ich habe aber mit Fleiße nur die letzten Worte davon behalten, weil ich befürchten mußte, viele meiner Leser möchten ein gar zu schlechtes Vertrauen zu dieser Schrift bekommen, wenn sie durch die angezognen Verse des Juvenals auf die Meinung gebracht würden, als wollte ich Sachen darinnen abhandeln, welche, gewisser Ursachen wegen, nicht allemal gern gelesen werden.

Indessen schicken sich diese Worte, farrago libelli, her. Ich weis sie nicht nachdrücklicher zu übersetzen, als durch das Wort, Mischmasch; und dieses zeigt meinen Lesern auf einmal an, was sie, in diesen Noten ohne Text, zu suchen haben.

Ich bin so neidisch gar nicht, daß ich mich dieser Ueberschrift ganz allein anmaaßen und andern Schriftstellern verwehren wollte, sich derselben, in gleichem Falle, zu bedienen. Nichts wünsche ich eifriger, als daß ich in diesem Stücke Nachfolger finden möge, welche mit der gelehrten Welt eben so offenherzig umgehen, als ich thue. An statt der ausschweifenden Titel: Kurze, doch gründliche Abhandlung von &c. Neue, und höchstnöthige Wahrheiten &c. Exegetisch-theoretisch-praktische Untersuchung, ob &c. Unumstößlicher Beweis, daß &c. Versuch einer heilsamen und erbaulichen &c. Abgenöthigte, doch mit vieler Bescheidenheit abgefaßte, und in der Wahrheit selbst gegründete, Vertheidigung wider &c. Universal &c. An statt aller dieser Titel würden die meisten ihrer Verfasser mit besserm Rechte, und mit mehrerer Wahrheit sich dieser Worte bedienen, Farrago libelli; und die Nachwelt hat es bloß meiner Bemühung zu danken, daß nächstens ein guter Freund von mir sich eben dieser Worte, bey seinem Buche, bedienen wird, welches er von dem eigentlichen Grunde des Natur- und Völkerrechts, und zwar methodo mathematica abgefaßt hat.

Ich kann diese Gelegenheit nicht vorbey lassen, ohne von dergleichen Ueberschriften noch etwas überhaupt zu gedenken. Ich finde einen großen Misbrauch darinnen, daß sich die meisten solcher Sentenzen aus alten Poeten und Philosophen anmaassen, welche sie, ohne die Wahrheit zu beleidigen, und ihr Autorgewissen zu beschweren, vor ihre Schriften gar nicht setzen sollten. Ich will an deren Stelle einige andre vorschlagen, und ich traue meinen Lesern so wohl, als den zukünftigen Autoren, so viel Geschmack und Einsicht zu, daß sie die Wahl, vor welche Bücher eine jede dieser Ueberschriften gehöre, selbst treffen werden, ohne daß ich nöthig habe, mich darüber zu erklären. Diese Arbeit ist wenigstens wichtig, und dem Vaterlande eben so vortheilhaft, als die Bemühung des Herrn Woldemars von Zschaschlau, welcherSiehe vorstehende Abhandlung, a. d. 275 S. seinen muthwilligen Witz an einer Abhandlung von Buchdruckerstöcken verschwendet hat, und dabey gewisse eigensinnige Regeln vorschreiben wollen, welche die Fruchtbarkeit unsrer Schriftsteller zu merklichem Schaden der gelehrten Nahrung auf einmal niederschlagen würden, wenn diese nicht bereits viel zu großmüthig wären, als daß sie den pedantischen Vorschriften der Vernunft Gehör geben sollten. Hier sind meine Ueberschriften, und finde ich, daß die Welt erkenntlich genug ist, so behalte ich mir vor, in einer besondern, und hoffentlich sehr weitläuftigen, Abhandlung deren mehr zu liefern.

Duceris, ut neruis alienis mobile lignum Horat.
– – – Nihil mea carmina curas?
Nil nostri miserei? Mori me denique cogis
Virgil.
Scilicet oblitus patriae, patrisque, LATINE? Horat.
Quid faciam, praescribe. Quiescas. Ne faciam, inquis,
Omnino versus? Aio. Peream male, si non
Optimum erat. Verum nequeo dormre – –
Horat.
Quos ego? – – – – – – Virgil
– – – Procumbit humi – Virgil.
– – Κυνος ομματ' εχων. Homer.
Grammatici certant, – – –
        – – rabies armauit,– –
                – – et vsque
Certantes, donec cantor, Vos plaudite, dicat.
Horat.
Quae virtus, et quanta – – –
Nec meus hic sermo est
Horat.
Felices errore suo Lucan.
Dic aliquid dignum promissis. Incipe: nil est. Horat.
– – Dî te, Damasippe, Deaeque
Verum ob consilium donent tonsore –
Horat.

Dieses würde genug seyn können, zu zeigen, wie redlich ich es mit meinem gelehrten Vaterlande meine. Ich will aber noch mehr thun, und den Witz aller muntern Köpfe in Deutschland in Bewegung bringen. Virgil sagt an einem gewissen Orte:

Caedicus Alcathoum – – Sacrator Hydaspen,
Partheniumque Rapo, et praedurum viribus Orsen,
Messapus Cloniumque, Lycaoniumque Ericaten,
– – Atronium Salius, Saliumque Nealces.
– – – – – – – – – – – – – – –
Di Iouis in tectis iram miserentur inanem
Amborum, et tantos mortàlibus esse labores!

Hiermit fodre ich alles auf, was nur einen Finger regen, und schreiben kann! Derjenige, welcher die gründlichste Nachricht geben wird, vor welches Buch sich diese Ueberschrift schicke, der soll bey dem Verleger sechs Dukaten zum Preise erhalten! Mit Freuden sehe ich dem ämsigen Lärmen entgegen, welcher, wegen dieser ansehnlichen Belohnung, unter unsern Gelehrten entstehen wird. Dieses verlange ich noch, daß sie ihre Briefe postfrey einsenden, und ihre Namen versiegelt beylegen, zugleich auch eine Anweisung geben, an wen der Preis bezahlt werden soll. Als einen kleinen Nebenumstand muß ich nur dieses noch erinnern, daß ich selbst an der Auflösung dieser gelehrten Aufgabe mit arbeiten werde. So viel kann ich inzwischen bey aller der Aufrichtigkeit versichern, welche mir und allen Scribenten meiner Art bey dergleichen Fällen so eigen ist, daß ich zur Zeit nicht weis, welche Art von Büchern ich zu dieser Ueberschrift eigentlich vorschlagen sollte. Weil ich aber doch aus der Erfahrung weis, daß ich, im Vertrauen zu sagen, gar öfters ganz feine und scharfsinnige Einfälle habe; so will ich nicht gut dafür seyn, daß ich diesen aufgesetzten Preis nicht selbst verdienen sollte.

Und die friedfertige Antwort jenes Landedelmanns ist zu bekannt, als daß ich &c.) Weil nicht alle meine Leser Gelegenheit haben, diese Worte in dem vortrefflichen Theatro Europaeo selbst nachzulesen; so will ich solche allhier mit einrücken: »Ich bin auf meiner väterlichen Hufe geboren und erzogen. Niemals habe ich die geringste Neigung gehabt, mich in die Händel der Welt zu mischen, oder mit dem Degen in der Faust dasjenige zu thun, was die meisten meiner unruhigen Nachbarn, fürs Vaterland fechten, nennen. Ich habe allemal geglaubt, es sey besser, bey gesundem Körper unbekannt, als bey verstümmeltem Körper berühmt zu seyn. Der Lorbeer auf dem Haupte, und ein hölzerner Arm oder Fuß ist für mich niemals eine so reizende Vorstellung gewesen, daß ich mich hätte bewegen lassen, meiner Ruhe und Bequemlichkeit zu entsagen. Das ganze Dorf weis, und mein Pfarrer wird es sub fide pastorali, und manu propria bezeugen können, daß ich nichts weniger, als blutdürstig bin; ich nehme diejenige Zeit aus, da die Jagd offen ist.« So redet unser Junker.

Kritisch und gelehrt.) Dieses ist ein Pleonasmus. Man denke ja nicht, als wären es zwo ganz unterschiedne Sachen, kritisch und gelehrt zu schreiben. Keinesweges! Ein Kritikus von der Art, deren unser Text erwähnt, ist ein Mann, welcher allemal Recht hat, und ein Gelehrter, nach meinem Begriffe, darf niemals andern Recht geben. Jener ist mit keinem Menschen, mit sich selbst aber gar wohl zufrieden; ein Gelehrter auch. Kurz, die Kritik ist von der Gelehrsamkeit so unzertrennlich, als die gründliche Wissenschaft der Rechte von einem consultissimo juris utriusque Doctore, oder Verstand und Tugend von einem Capitalisten.

Die Größe deiner Gaben.) Wenn ein Dichter an seinem Helden die Grösse seiner Gaben rühmt, so versteht der Leser ordentlicher Weise dessen Gemüthsgaben darunter. Dasjenige nennt man zwar auch Gaben, was er, für sein sauber eingebundnes Carmen, von seinem großmüthigen Gönner erhält. Allein so unbescheiden ist nicht leicht ein Dichter, daß er dieser Gaben ausdrücklich gedenken sollte. Es versteht sich wohl von selbst, daß er sich und der Wahrheit so große Gewalt nicht umsonst anthun, und Tugenden rühmen wird, welche vielmals derjenige, der sie besitzen soll, selbst nicht an sich gemerkt hat. Mancher würde nicht besungen werden, wenn sich der Dichter nicht auf die Grösse seiner Gaben Rechnung machte. Simonides sollte einen Wettstreit mit Mauleseln besingen. Derjenige, dessen Maulesel den Preis davon getragen hatte, mochte sein Geld so lieb haben, als seine Ehre, und bot um deswillen dem Dichter nur eine geringe Belohnung an. Dieses empfand Simonides übel. Ich, sagte er, besinge keine Maulesel! So bald man ihm aber die Belohnung erhöhte, so bald sang er von Mauleseln, und rufte:

Χαιρετ' αελλοποδων θυγατρες ιππων!

Mich dünkt, wir besingen heut zu Tage unsre Mäcenaten noch eben so!

Hierbey muß ich einen kleinen Handgriff anrathen, welcher im gemeinen Leben seinen guten praktischen Nutzen hat. Ist ein Dichter von der Freygebigkeit seines Gönners schon hinlänglich versichert, so wird er am besten thun, wenn er mit einer philosophischen Großmuth alle vergängliche Reichthümer unter seine Füsse tritt, die Geldbegierde, als das unanständigste Laster eines Gelehrten verflucht, und die poetische Mäßigkeit mit den lebhaftesten Farben abschildert.

Wofern es aber bekannt ist, daß unser Gönner die Musen zwar liebt, aber nicht bezahlt, und nur poetische Fröhner haben will, so wollte ich einem jeden, dem sein eigner Magen lieb ist, wohlmeinend gerathen haben, daß er sich wegen seiner Hauptabsicht etwas deutlicher erklärte. Er lobe den Verstand seines Gönners, seine Freygebigkeit aber noch mehr. Er erzähle ihm die betrübte Geschichte jenes griechischen Fechters, an welchem die Götter sichtbarliche Zeichen und Wunder gethan, und ihn um deswillen zerschmettert haben, weil er so unverschämt gewesen, und den ehrlichen Simonides um zwey Drittheile seines sauer verdienten Lohns betrügen wollen. Pindar, der Schutzgott aller Poeten, die ums Geld loben, hat diese Kunst auch verstanden. Die Stelle ist bekannt, da er dem Xenokrates unter die Augen sagt, »daß die Mode, umsonst zu singen, schon vorlängst abgekommen, und altvätrisch geworden sey. Zwar ehedem, spricht er, waren die Musen nicht gewinnsüchtig, keine ließ sich für Geld dingen, und Terpsichore verkaufte ihre Lieder noch nicht. Nunmehr aber ist es gar wohl erlaubt, dem gegründeten Ausspruche jenes Argiers nachzuleben, welcher zwar selbst weder Geld noch Freunde hatte, dennoch aber sagte: Das Geld, nur das Geld macht einen Mann! Du bist ein kluger Mann! Xenokrates, du wirst mich verstehen!«

Feruet, immensusque ruit profundo
                    Pindarus ore,
Laurea donandus Apollinari!

Das Ansehen dieses grossen Dichters schützt uns wider alle Vorwürfe. Es ist zwar allerdings, wie Horaz uns warnet, sehr gefährlich, dem Pindar nachzuahmen, aber nur in diesem Stücke nicht. Denn, sind wir nicht so feurig, wie Pindar, so sind wir doch wenigstens eben so geldgierig. Man sage ja nicht, daß ich mich an so berühmte Leute des Alterthums wohl aus andern Ursachen, als wegen ihrer Fehler, erinnern könnte. Es geschieht gar nicht, dieselben zu verkleinern, sondern die grossen Beyspiele unsrer Zeiten durch andre grosse Beyspiele zu rechtfertigen, und dadurch zu zeigen, wie sehr sich bereits die meisten meiner Landsleute den Alten genähert haben. Es ist überdieses noch zu erweisen, ob das Verlangen nach einer verdienten Belohnung ein Fehler ist. Ich glaube es nicht, und kenne, zu meiner Beruhigung, Leute genug, welche meiner Meinung sind.

Ohne eigennützige Absichten, ohne Vorurtheil, bloß zur Beförderung des gemeinschaftlichen Wohls, und zur Aufnahme der schönen Wissenschaften.) Eine jede Zunft der Gelehrten, und derer, welche sich zu den Gelehrten rechnen, hat ihre gewissen Formeln, unter welchen sie ihre wahre Absichten zu verbergen weis. So viel ich Quacksalber gehört habe: So viele haben auch versichert, daß sie nicht etwan deswegen öffentlich ausständen, um ihren Vortheil dabey zu suchen. Nein, keinesweges! Nur preßhaften Personen beyzuspringen, und ihren Nebenchristen aus Mitleid die Zähne auszubrechen; dieses ist die wahre Ursache, warum sie von Stadt zu Stadt ziehen, und die Jahrmärkte besuchen. Zu Beförderung der heilsamen Justiz, zu Vertheidigung der Unrechtleidenden, und vermöge der aufhabenden theuern Pflicht werden die Sporteln gemacht, und wenn eine gewisse Art der Rechtsgelehrten, so der unstudierte Laye Rabulisten nennt, die Wittwen und Waisen um ihre Häuser bringen will; so geschieht es zwar, aber wie? Allemal mandatario nomine, nobilissimum iudicis officium desuper implorando. Ja, ich kenne einen hochwohlehrwürdigen Mann, welcher in seinem Berufe niemals unermüdeter ist, als wenn er liquidiren soll. Allezeit aber geschieht dieses, welches ja wohl zu merken ist, Amts und Gewissenswegen. Dieses könnte schon genug seyn, obige Worte meines Textes zu erklären, wenn ein Autor sagt, er schreibe ohne eigennützige Absichten, ohne Vorurtheil, bloß zur Beförderung des gemeinschaftlichen Wohls, und zur Aufnahme der schönen Wissenschaften. Diese Formel ist allemal das Wesentliche einer Schrift, und da ich in einem freyen Lande wohne, wo weder die sächsischen Whigs, noch die schweizerischen Torrys, zu fürchten sind; so getraue ich mir, ohne Scheu zu behaupten, daß bey vielen unsrer heutigen Scribenten die Bewegursachen eigennützig, und voller Leidenschaften sind. Freylich sagen wir dieses nicht ausdrücklich. Aber das wäre auch wider alles Herkommen. Wir versichern vielmehr den Leser, daß unsre Schriften das Tageslicht nimmermehr würden erblickt haben, wenn uns nicht die Erbauung des Nebenchristen, die Besserung der Gemüther, die Beförderung des Wohls unsrer Mitbürger, die schwere Amtspflicht, die ernsthafte Aufmunterung unsrer Obern, das Anliegen des Buchhändlers, und noch hundert andre rühmliche Ursachen dazu bewogen hätten. An unserm eignen Ruhme ist uns so wenig gelegen, daß wir versichern, wir würden ganz gleichgültig bey den Urtheilen des Lesers seyn. Ja, wir erniedrigen uns vielmals so weit, daß wir bitten, man möchte uns unsre Fehler zeigen, und uns auf den rechten Weg führen. Aber, dem mag der Himmel gnädig seyn, der dieses nur einmal versucht! Man wage es nur, und sage uns, daß unser Vortrag unordentlich und trocken sey, daß unsre Wahrheiten sehr alte Wahrheiten wären, daß kein Mensch einen Nutzen aus unsern Schriften erlangen könnte, daß wir unsrer Amtspflicht eine bessere Gnüge geleistet haben würden, wenn wir gar geschwiegen hätten; man zieht in Zweifel, ob unsre Obern, und nicht vielmehr wir selbst, uns aufgemuntert haben: In was für eine Wut wird man uns Patrioten bringen! Wie grimmig werden wir mit ihnen verfahren! Nicht das Vaterland, nicht die Erbauung des Nebenchristen, nicht das Wohl unsrer Mitbürger, nein; uns selbst, unsre beleidigte Ehre werden wir vertheidigen!

Und ein jeder glaubt, es werde noch in tausend Jahren Scholiasten geben, welche seine gelehrte Schrift mit kritischen Anmerkungen bereichern, und über eine zweifelhafte Lesart andern Scholiasten Verstand und guten Namen absprechen.) Und ich glaube, daß mir selbst dieses wiederfahren wird. Eine so schmeichelhafte Eigenliebe, als diejenige ist, wovon unser Text redet, ist niemanden zu gute zu halten, als mir, weil ausser mir niemand ein so wichtiges Werk geschrieben hat, als gegenwärtige Noten ohne Text sind. Ich stelle mir hierbey deren spätes Schicksal auf das lebhafteste vor. Ich übersehe, mit einem ehrgeizigen Blicke, eine Reihe von vielen Jahrhunderten, und empfinde eine stärkende Beruhigung in mir selbst, wenn ich an unsere spätesten Nachkommen gedenke, wie sie mit einer abgöttischen Ehrfurcht den Verstand und Witz des Hinkmars von Repkow bewundern werden. Ja, ich gehe in diesen prophetischen Betrachtungen noch weiter. Damals hießen unsre alten Deutschen noch Barbaren, als man zu Rom für die Aufnahme des guten Geschmacks in der Dichtkunst und Beredtsamkeit, mit eben der Sorgfalt, doch vielleicht nicht mit eben der Hitze, kämpfte, mit welcher wir, die gesitteten Nachkommen dieser barbarischen Deutschen, so viel gelehrte Kriege, in unserm eignen Vaterlande, auf das muthigste unternommen, und fortgeführt haben. Ist wohl also im geringsten zu zweifeln, daß nach Verlaufe vieler Jahrhunderte eben dieses die wichtigste Beschäftigung solcher Völker seyn kann, die wir itzt für eben solche Barbaren halten, für welche die Römer unsre Väter ansahen? Hätten es diese Römer wohl geglaubt, daß eine Zeit kommen könnte, in welcher die Nachkommen der alten Mysen Zeit und Kräfte verschwenden würden, die wahre Gestalt ihrer Schuhe ausfindig zu machen? Und wer leistet denn uns die Gewähr, daß nicht itzt ein Volk in Wildnissen und Wäldern herumirrt, dessen witzige Kinder nach tausend Jahren mit ängstlicher Bemühung untersuchen werden, ob die Hüte der alten Deutschen unter der Regierung Kaiser Carls des Siebenten hoch aufgesteift, oder niedrig gewesen sind? Ich verehre den Fleiß desjenigen grossen Mannes, welcher sich, unserm Vaterlande zum Besten, so manche unruhige Stunde, so viele schlaflose Nächte um ein V, oder wegen eines zweifelhaften Manuscripts, Christen zu Heyden macht. Ist es aber wohl unmöglich, daß auf eben derjenigen Stelle, wo itzt, indem ich dieses schreibe, ein räuberischer Tartar unter seinem Zelte auf Mord und Beute denkt, sein witziger Enkel künftig eine Catheder erbauen, sich auf derselben, als Kunstrichter, blähen, und um ein deutsches Wort über seine kritischen Widersacher ein grausames Blutgerichte halten wird? Ich getraue mir, es zu verantworten, wenn ich für mein Vaterland so viel Hochachtung habe, daß ich glaube, wir werden in tausend Jahren den Tartarn eben dasjenige seyn, was die alten Römer uns itzt sind. Ja, ich bin für Freuden ausser mir, wenn ich bedenke, daß alsdann meine Noten ohne Text vielleicht ein Autor Classicus für die jungen Tartarn in Oczakow seyn werden. Und vielleicht steht gar einmal ein kalmukischer Gräv auf, welchen mein Ruhm und die Begierde nach abendländischen Alterthümern in mein Vaterland treibt, welcher unter dem Schutte einer Stadt in Deutschland so viele Weisheit hervorzieht, als kaum in eilf Folianten Raum hat, und welchen die glückliche Ergänzung einer verloschnen Grabschrift, der Himmel weis, von welcher Schneidersfrau, in seinem Vaterlande unsterblich macht.

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