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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 20
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Ich richtete also meine Aufmerksamkeit auf die Umstehenden, welche auf verschiedne Art an diesem Abentheuer Antheil zu nehmen schienen. Einige waren so muthwillig, daß sie durch ein unaufhörliches Huß! Huß! diese erhitzten Vertheidiger der Wahrheit in ihren kritischen Untersuchungen noch mehr anfeuerten, und so oft ein Schlag geschah, so oft bezeigten sie durch ein leichtsinniges Händeklopfen ihren Beyfall; ja, ich sah so gar, daß einige unter ihnen den Kämpfern Geld zuwarfen, wodurch sie dieselben ganz wütend zu machen wußten. Einige der Zuschauer lachten. und diese schienen mir am meisten unpartheyisch zu seyn, weil sie beyde für unsinnig hielten. Andre waren bemüht, die Streitenden aus einander zu reissen; aber, sie bemühten sich nur vergebens, und verschiedne waren so unglücklich, daß sie von ihnen in dieser Unordnung für ihre guten Absichten empfindliche Stösse bekamen. Die meisten nahmen Antheil an dieser Zerrüttung, und es schien beynahe ein allgemeiner Krieg zu werden. Ein jeder schlug seinen Nachbar in die Augen, ohne ihn zu kennen, oder zu wissen, warum? Verschiedne, welche man vorher gar nicht gesehen noch gekannt hatte, und welche ganz ruhig hätten bleiben können, verliessen ihren Ort, eilten hinzu, und holten sich Schläge, nur in der Absicht, damit man sie kennen lernen möchte, und sie schienen recht vergnügt zu seyn, wenn sie sahen, daß man auch über sie lachte.

Endlich wurden unsre beyden Fechter, welche alle diese Unruhe veranlaßt hatten, ihres Streits müde. Sie giengen von einander, und ich war so verwägen, den Ueberwinder, welcher den andern von seinem guten Geschmacke so handgreiflich überführt hatte, zu fragen, was die Ursache ihres hitzigen Kampfs gewesen sey. Vermuthlich, sagte ich zu ihm, haben Sie, mein Herr, Sich des wahren Wohls Ihres Vaterlandes angenommen. Vermuthlich haben Sie eine Wahrheit zu vertheidigen gewußt, ohne welche viel tausend Menschen unglücklich hätten werden müssen. Ist es nicht das ewige, so wird es doch wenigstens das zeitliche Wohl ihrer Mitbürger seyn, welches Sie mit Hindansetzung Ihres Ruhms und Ihrer Ehre vertheidigt haben. »Ach! Noch viel mehr! war seine Antwort; Noch etwas viel wichtigers! Solche Kleinigkeiten gehen mich nichts an! Bedenken Sie nur einmal, mein Herr, bedenken Sie nur einmal den Rasenden, den Unsinnigen, das Scheusal der gelehrten Welt, den – O! –« weiter konnte er vor Zorn nichts sprechen. Was ist denn aber das Erschreckliche, das dieser Rasende, dieser Unsinnige begangen hat? »Die ganze Natur möchte sich entsetzen! antwortete er mir. Abscheulicher ist es niemals erhört worden! Turnus! Die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich dran gedenke! Ueberlegen Sie es nur selbst! Turnus, spricht der verstockte Bösewicht, habe blaue Augen gehabt. Und ich, mein Herr, als ein so berühmter Scholiast, der schon vor zweyhundert Jahren ein grosser Mann gewesen ist; ich habe es ihm aus einer Stelle des Virgils bewiesen, daß Turnus schwarze Augen hatte, und gleichwohl hat er mir öffentlich widersprochen, da er doch mein Schüler gewesen ist? Ist das wohl erhört?«

Wer war froher, als ich! Nunmehr sahe ich, daß die Welt wohl nicht untergegangen seyn würde, wenn mein Held auch nicht recht behalten hätte, und ich freute mich, da ich hörte, daß sich ein paar Kunstrichter aus den vorigen Jahrhunderten lächerlich gemacht hatten. Denn, dem Himmel sey Dank! unsre Kunstrichter machen es gar nicht so. Diese untersuchen die gelehrten Wahrheiten ohne die geringste Heftigkeit, ohne Eigenliebe, ohne Vorurtheil. Mitten in ihren Streitigkeiten sind sie bescheiden. Sie geben mit Vergnügen nach, so bald sie überführt werden, daß ihre Meinung irrig ist, und freuen sich, wenn man sie davon überführt. So machen es unsre heutigen Kunstrichter in diesen gesitteten und aufgeklärten Zeiten. Aber vor Alters war es freylich ganz anders!

Dieses waren ohngefähr meine Betrachtungen, welche ich damals bey mir anstellte, und ich hieng ihnen mit solchem Vergnügen nach, daß ich meinen Führer nicht vermißte, welcher sich indessen in die Höhe begeben hatte, und mir, als ich ihm nachsah, winkte, daß ich ihm folgen sollte. Er zeigte mir von fern in der Stadt die ängstliche Beschäfftigung einer abgeschiednen Seele. Wir begaben uns näher hinzu, und ich ward gewahr, daß sie sehr verhungert aussah. Sie schwärmte um einen prächtig vergoldeten Wagen, welcher vor dem Hause eines Kaufmanns hielt, dessen Name mir wohl bekannt war, sehr vielen aber in der Stadt noch bekannter, als mir, ist, weil sie seinen Staat durch ihren Vorschuß unterhalten müssen. Anfänglich war ich zweifelhaft, was die Absicht dieser unruhigen Seele seyn müßte, und beynahe hätte mich die zerrißne, und übelgeflickte Kleidung auf die argwöhnischen Gedanken gebracht, es sey eine von denen Seelen, welche in der Welt eine doppelte Berufsarbeit haben, und die Reisenden entweder um ein Allmosen ansprechen, oder bestehlen. Allein ich merkte meinen Irrthum, als ich näher kam, und sah, daß es die wirthschaftliche Seele des Vaters von diesem jungen Kaufmanne war. Ich erinnerte mich, ihn in seinem Leben gekannt zu haben. Er war der Reichste dieser Stadt, und darum merkwürdig, weil er sich, mit ökonomischen Händen, die Schuhe und Strümpfe selbst geflickt, und es vor allen seinen Mitbürgern in der Kunst, zu hungern, am weitesten gebracht hatte. Wohl nimmermehr hätte er geglaubt, daß sein landüblicher Wucher und seine exemplarische Sparsamkeit dem Sohne Gelegenheit geben sollte, sich mit lachendem Muthe, und vollen Händen, desjenigen zu entschütten, was er unter Sorgen und Kummer einzeln zusammen gescharrt hatte. Und eben dieses war die beständige Marter, welche seine abgeschiedne Seele seit ihrer Trennung vom Leibe gequält hatte. Jeder Tag gab dem Sohne eine neue Gelegenheit zur Verschwendung, und also auch jeder Tag dieser Seele eine neue Art von Peinigung.

Eben itzt hatte sich der Kaufmann eine Kutsche machen lassen, welche gleich so viel kostete, als sein Vater durch eine vorsichtige Abschwörung eines eigenhändig ausgestellten Wechsels sich und seinen Nachkommen zum Besten verdient hatte. Hätte wohl unsrer Seele irgend etwas empfindlicher seyn können, als dieses? Wohl hundertmal versuchte sie den Kutscher vom Sitze zu werfen, aber vergebens. Dieser war zu körperlich, und die Seele zu ätherisch. Sie fiel den Pferden in den Zügel, sie brausten; weiter konnte sie nichts thun.

Sie verließ also diesen unglückseligen Wagen unter vielen Vermaledeyungen, und schwang sich auf einmal in die Zimmer ihres Sohnes. Ich folgte ihr aus Neugierde nach, und sahe Wunder. Was konnte ihr erschrecklicher seyn, als der Anblick des kostbaren Porcellans, der prächtige Aufsatz von Gläsern, und der Glanz etlicher Spiegel, in welchem allem leider ein todtes Capital von vielen tausend Thalern lag? Dreymal stampfte sie auf das sündliche Canapee. Fünf und achzig Thaler! rief sie, und seufzte. Eine vergoldete Tapete machte ihr eine neue Beängstigung. Sie fiel auf das Gold zu, sie suchte es abzukratzen; aber freylich vergebens. Hundert Vorwürfe zeigten sich ihr, aber auch hundert Höllenmartern. Endlich erblickte sie ein Contobuch. Dieses schien ihr einige Erquickung zu geben. Sie las, sie ward ruhig; aber diese Ruhe war nur von kleiner Dauer. Denn in dem Augenblicke trat ihr Sohn in das Zimmer, hielt ein sauberbeschriebnes Pergament in der Hand, auf welchem ich das Wort, Von, deutlich sehen konnte. Er gieng zur Casse, vermuthlich in der Absicht, seine ritterlichen Verdienste geltend zu machen. Welcher entsetzlicher Anblick für unsre Seele! Sogar das Contobuch ließ sie liegen. Sie eilte zur Casse, sie setzte sich drauf, sie stemmte sich nach äusserstem Vermögen, deren Aufschliessung zu verhindern, sie suchte sich des unglückseligen Pergaments zu bemächtigen; aber alles vergebens! Der Kaufmann schloß mit der größten Zufriedenheit seine Casse auf. Er langte einen Beutel heraus, welcher wenigstens so wichtig war, als sechzehn Ahnen, und gieng im Triumphe davon. Nimmermehr werde ich die Verzweiflung vergessen, welche unsre Seele von sich blicken ließ. Sie blieb ganz trostlos auf der Casse liegen. Sie umarmte dieselbe, und rief mit wimmernder Stimme einmal über das andre: O Levi! O Marx! Diese Angst gieng mir nahe. Ich wollte sie trösten. Ich wollte mir von der Ursache ihres Kummers nähere Nachricht geben lassen. Ich nahm sie freundlich bey der Hand, und sagte. Geben Sie mir doch – – »Was! Geben! rief sie: ich bin selber ein armer unglücklicher Mann! Helf euch Gott. So ein großer Bengel kann arbeiten! Geht ins Allmosen!« Diese Antwort verdroß mich; ich eilte davon.

Ich bezeigte gegen meinen Führer, wegen verschiedner Ursachen, ein Verlangen, aus der Stadt, und wieder an dem Orte zu seyn, wo wir uns vorher befunden hatten. Er war so gefällig, mich ohne Weigerung dahin zu begleiten. Wir stunden still, und sahen uns um, ob wir irgendwo eine Seele in einer Beschäfftigung erblicken möchten, welche unsre Aufmerksamkeit verdiente. Indem rief jemand hinter mir mit einer gebietherischen Stimme: Vorsehn! Ich sprang auf die Seite, in der Meinung, es wäre vielleicht die abgeschiedne Seele eines Sänftenträgers. Wie groß war nicht meine Verwunderung, als ich an der Stelle einen Schatten sahe, dessen Kleidung machte, daß ich, nach der Gewohnheit unsrer Stadt, den Hut vor ihm abzog. Er dankte mir mit einer stolzen Miene, welche mich bewog, ihm näher in die Augen zu sehen, und ich fand in seiner Gesichtsbildung eine lächerliche Vermischung von Scheinh – – – – – – – chmü – – – – – – – jüdischen und niederträchtigen – – – – – – – – – – – – – – – usuraria – – – – – – und Waisen – – – – – dennoch eifern – – – – – – kurz – – – – – ärger – – – – – – tüffensIn dem eingesandten Manuscripte findet sich hier eine grosse Stelle, welche, man weis nicht, durch was für einen unglücklichen Zufall, vermuthlich aber auf der Post, dergestalt zerrieben, und unleserlich gemacht worden, daß man, aller angewandten Mühe ungeachtet, nicht im Stande gewesen ist, den eigentlichen Innhalt zu errathen, und die Lücken auszufüllen. Dieser Verlust ist höchlich zu bedauern, weil dadurch die ganze Erzählung so dunkel und unverständlich gemacht worden ist, daß man gar nicht errathen kann, wer eigentlich dieser Schatten gewesen seyn müsse, welchen der Herr Verfasser im Traume gesehen hat. Die Kürze der Zeit hat es nicht erlauben wollen, ihn um eine Erläuterung darüber zu bitten, zumal da es demselben gefallen hat, den eigentlichen Ort seines Aufenthalts zu verschweigen. Inzwischen ersucht man denselben um eine vollständige Abschrift seines Charakters. Man hat es ohne sein Vorwissen nicht wagen wollen, solchen gänzlich herauszulassen, und der Eingriff würde zwar vielleicht gelehrt, aber dennoch strafbar gewesen seyn, wenn man solchen selbst hätte ergänzen, und unsre Arbeit für das Original desselben hätte ausgeben wollen. Der beste Rath hat dieser zu seyn geschienen, wenn man die ganze Stelle aufs sorgfältigste so drucken liesse, wie sie in dem Manuscripte noch zu erkennen gewesen. Vielleicht erlangt man dadurch bey denjenigen Gelehrten einen grossen Beyfall, welche in dergleichen Art von verstümmelten Schriften, in denen kein Verstand ist, die größte Weisheit suchen, und ihren Namen durch deren mühsame und wichtige Ergänzungen zu verewigen gedenken. Man erwartet von den deutschen Grutern und Gronoven alle billige Erkenntlichkeit für die kritische Aufgabe, und will nur wünschen, daß durch deren Untersuchung nicht zu neuer Heftigkeit und Verbitterung in der gelehrten Republik Anlaß gegeben werden möge! Unter seinem Arme hielt er ein Buch, welches sehr gebraucht zu seyn schien Ich konnte aber auf dem Titel weiter nichts lesen, als die Worte: Der allzeit fertige &c. Er schien sehr tiefsinnig zu seyn, und murmelte etwas zwischen den Zähnen, wovon ich noch dieses ganz eigentlich verstund: Der Ketzer hätte mir gar wohl acht pro Cent geben können! Ich fragte meinen Begleiter, ob er diesen verkappten Wuchrer kenne? Er legte mir aber die Hand auf den Mund, und warnte mich, nicht ein Wort mehr von ihm zu reden.

Die Nachricht, daß sich die Seele des Cicero in Gesellschaft verschiedner Griechen und Römer in dem Garten eines nicht weit von hier gelegnen Landguts habe blicken lassen, machte unter allen Geistern eine grosse Bewegung. Ein jeder eilte aus Neugier dahin, und ich selbst war unter dieser Zahl. Der Anblick vergnügte mich, und seine Mienen, welche etwas grosses zeigten, prägten mir alle diejenige Ehrfurcht ein, welche man dieser patriotischen Seele schuldig ist. Ich bemerkte inzwischen dennoch etwas niedergeschlagnes an ihr, welches von einer Scham herrührte, die ich nicht errathen konnte. Um deswillen nahm ich Gelegenheit, mich bey einem Schatten, welcher dem Cicero folgte, und sein Freygelaßner gewesen seyn mochte, darnach zu erkundigen. Er hat wohl Ursache, antwortete mir dieser, niedergeschlagen und beschämt zu seyn, weil er erfahren, daß man ihn in eurem Lande den unerbittlichen Händen eines Geschlechts Preis gegeben, welches, unter dem Vorwande, ihn zu ehren, ihn lächerlich, und wenn es hoch kömmt, aus einem römischen Consul zu einem lateinischen Sprachmeister macht. Die größte Betrübniß für ihn ist noch diese, daß er wegen dieser Mishandlung sich bey den Göttern seines Landes beschwert, aber zur Antwort erhalten hat, eben dieses sey die Strafe, wozu ihn Pluto verdammt, weil man ihm Schuld gegeben, daß er zum öftern viel Eitels, und einen unanständigen Hochmuth an sich habe blicken lassen, welcher nicht besser gezüchtigt werden könne, als durch ewige Commentatores. Ich erschrack über dieses strenge Urtheil des Pluto, welches mir fast unglaublich vorkommen wollte, wenn ich nicht durch folgende Begebenheiten darinnen bestärkt worden wäre.

Ohngefähr hundert Schritte von uns erblickten wir eine Menge tiefsinniger Seelen in bestaubter Kleidung. Ihre Schritte waren ernsthaft, und ihr Gang monarchisch. Sie schienen sehr uneinig unter einander zu seyn, und je näher sie uns kamen, desto deutlicher hörte man ihren Streit, so gar, daß ihr Anführer sich umkehren, und mit drohender Faust, und einem fürchterlichen: Me Dius fidius! Friede gebieten mußte. Dieser Aufzug schien die Seele des Cicero sehr zu befremden. Er vermuthete sich eines wichtigen Antrags, und glaubte, wie ich nachdem erfuhr, daß es vielleicht Gesandten eines auswärtigen Volks, oder so genannter Barbaren, wären, welche sich aus Hungersnoth gezwungen sähen, bey dem Rathe und Volke um Brodt aus Sicilien oder Aegypten anzusuchen. Er empfieng sie mit einer mitleidigen Miene: Aber, wie sehr erstaunte er nicht, als der Anführer dieser Proceßion ihm eine sehr wunderliche Verbeugung aus dem Alterthume machte, welche nach Grävs Berichte zu den Zeiten des Ennius unter den Stutzern in Rom Mode gewesen seyn soll. Cicero hielt diesen ersten Anfall standhaft aus, und es schien, daß er den Vortrag mit einiger Ungeduld erwartete. Dieser erfolgte endlich, nachdem der Orator dieser Gesandschaft sich unter vielen Verzuckungen in die gewöhnliche rhetorische Positur gesetzt, und mit wiederholter Verbeugung ihm ein erschrecklich grosses Buch überreicht hatte, welches viere der stärksten seiner Collegen auf ihren Schultern trugen, und auf dessen Rücken die Worte glänzten: OPERA OMNIA. Cicero entsetzte sich ein wenig über diese ausländische Maschine; noch aufmerksamer aber ward er, als ihn der Anführer folgender gestalt anredete: Omnino, si quid est in me ingenii, quod sentio, quam sit exiguum – exiguum – quod sentio, quam sit exiguum. Vermuthlich mochte diese unumstößliche Wahrheit die Kräfte unsers Demosthenes so sehr mitgenommen, oder auch der Anblick des Cicero, welchen er sich ganz anders vorgestellt hatte, eine so grosse Verwirrung in seinem Gemüthe verursacht haben. Er hielt eine lange Weile innen, und ließ dem Cicero Zeit, sich von seiner Verwunderung zu erholen, welcher von der ganzen Anrede nicht ein Wort verstanden hatte, und seinen Atticus fragte: was dieses für eine Sprache sey? Denn darauf wäre er wohl niemals gefallen, daß dieses lateinisch seyn sollte, so fremd und unvernehmlich kam ihm die Aussprache vor. Endlich erholte sich unser Redner, nachdem er seine Zuflucht zum Hute genommen, in welchem das Concept lag. Er versicherte den Cicero in dem feinsten und in ciceronianischem Lateine, daß er und seine Gesellschaft für Freuden ausser sich wären, und diesen Tag mit einem weissen Steine bezeichnen wollten, an welchem sie das Glück gehabt, denjenigen kennen zu lernen, welcher zu seiner Zeit das schönste Latein geredet, und dessen Gelehrsamkeit ihnen zu Erlangung der Leibesnahrung und Nothdurft dienlich gewesen wäre. Er rühmte besonders seine eigne Wenigkeit, da er an den Schriften des Cicero das Werk die Liebe und Barmherzigkeit erzeigt, und sie in gegenwärtigem bequemen Formate durch die kostbaren und tiefsinnigsten Noten, durch Sammlung aller nur ersinnlichen Lesarten, und durch ein erstaunendes Register brauchbar, und zugleich ihrer beyden Namen unsterblich gemacht habe. Zum Schlusse beseufzte er die verstockte Blindheit seiner deutschen Landsleute; welche von einem Gelehrten noch etwas mehr, als lateinisch, fodern wollten, und sogar anfiengen, die Heiligthümer Latiens durch eine Sprache, welche in Deutschland auch der Pöbel verstehen könnte, freventlich zu entweihen. Hier beschloß er seinen Vortrag mit einem freudigen Dixi! und Cicero, welcher überdrüßig seyn mochte, einem ihm unverständlichen Gewäsche zuzuhören, antwortete nichts weiter, als: Cura, vt valeas! und ließ ihn stehen.

Seine Abwesenheit bewog uns, diesen Ort auch wieder zu verlassen. Wir kehrten zurück, und es begegnete uns eine Seele, welche sich uns mit taumelnden und schleichenden Schritten zu nahen schien. Sie dehnte sich, sie wischte die Augen, und gähnte zu zweyenmalen so laut, daß ich stehen blieb, um zu sehen, ob sie aufwachen, oder einschlafen würde. Nach einer langen Weile kam sie uns so nahe, daß ich weichen mußte, aus Furcht, von ihr getreten zu werden. Mein Führer winkte mir, und ich merkte bald, seine Meinung wäre, daß ich mich in ein Gespräch mit ihr einlassen sollte. Ich that es, und redete sie mit lauter Stimme an, um sie zu ermuntern. Kaum aber hatte ich ein paar Worte gesagt, als sie die Augen erschrecklich weit aufsperrte, die Arme von sich streckte, auf den Rasen niedersank, und weiter nichts sagte, als: Gute Nacht! und in dem Augenblicke schlief sie auch sanft und ruhig.

Ich war verdrüßlich, daß ich mich von meinem Führer hatte bewegen lassen, diese träge Seele anzureden. Er lachte aber nur, und sagte: Ich habe wohl gewußt, daß es dir nicht anders gehen würde, als wie es mir, und noch vielen hundert Seelen gegangen ist, welche mit ihr haben reden wollen. Dieses ist eben die Seele des berühmten Träumers, welcher in seinem Leben so oft auf dem hamburgischen Walle nur darum spatzieren gefahren ist, daß er in seiner Kutsche desto gemächlicher schlafen könnte. Eben darinnen bestund seine einzige Arbeit. Keine Leidenschaft hat ihn jemals stören können. Dieses brachte ihn zu einem feisten Körper, und sehr hohen Alter. Man hat niemals zuverläßig erfahren können, wie lange er gelebt habe; so viel aber ist gewiß, daß er etliche funfzig Jahr geschlafen hat. Seine Vorältern hatten in ihrer Handlung durch eine unermüdete Arbeit und Wachsamkeit so viel erworben, daß ihr Sohn mit der größten Gelassenheit schlafe konnte. Er ist eben derjenige, welcher die Sonne in seinem ganzen Leben nicht hat aufgehen sehen. Es ist lächerlich genug, wenn es wahr ist, was mir einige Schatten von ihm erzählt haben. Sie sagen, es sey noch sehr früh und in der Morgendämmerung gewesen, als er gestorben. Seine Seele habe sich anfangs gar nicht entschlüssen können, sich von dem Bette zu entfernen, worinnen es ihr so lange Jahre wohlgegangen, und worinnen sie jederzeit ihre größte Glückseligkeit gefunden. Endlich sey sie doch genöthigt worden, solches zu verlassen, weil sie der Lärm, und das geschäfftige Bezeigen ihrer Hinterlaßnen beunruhigt, und beynahe munter gemacht hätte. Sie habe sich mit halbgeschloßnen Augen aus dem Zimmer gewagt, und sey gleich zu der Zeit in diese Gegend gekommen, als die Sonne hervorgebrochen. Dieser Anblick sey ihr so unerträglich gewesen, daß sie die Hand vor das Gesicht gehalten, und getaumelt habe; nicht anders, als ein Gefangner, welcher viele Jahre unter der Erde gesessen hat, und auf einmal an das Tageslicht kömmt. So viel ist indessen gewiß; so lange ich ihn kenne, so lange hat er sich auch in dieser Gegend aufgehalten, wo er noch itzt schläft, ohne sich zu bekümmern, wo er eigentlich sey, oder was um ihn herum vorgehe. Einige seiner Landsleute haben mich versichert, daß er beständig träge, und unempfindlich gewesen, und wenn er auch gegessen, getrunken, oder sonst etwas gethan, was er zur Erhaltung seines Körpers unumgänglich thun müssen; so habe man doch eigentlich gemerkt, daß es mit der größten Schläfrigkeit geschehen sey. Zuweilen hat er ausgesehen, wie ein andres vernünftiges Geschöpf, welches wacht; so bald er aber angefangen, den Mund zu bewegen, wie ein wachender Mensch, welcher reden will, so hat man gleich gemerkt, daß er in der That sehr fest geschlafen, denn seine Worte sind ebenso verwirrt, und ohne Verstand gewesen, wie die Worte derer sind, welche man noch vor Mitternacht in ihren Träumen stört. Unterdessen hat er doch ein sehr exemplarisches Ende genommen. Anfänglich ist er ungemein unruhig gewesen, als ihm sein Seelsorger auf des Arztes Anrathen die Nachricht gebracht, daß er sterben müsse. Er hat durchaus davon nichts hören wollen. Bey den erbaulichsten und tröstlichsten Beschreibungen von der Glückseligkeit jenes Lebens hat er mit dem Kopfe geschüttelt. Als aber sein Beichtvater von ohngefähr die Worte sagte: Wie glückselig sind die, welche zur ewigen Ruhe gelangen, und selig entschlafen! so drückt er ihm die Hände, gähnt ihn an, und stirbt.

Diese Erzählung machte, daß ich noch einige Zeit vor dieser träumenden Seele stehen blieb. Ich konnte sie nicht ohne Mitleid ansehen. Wie unglückselig dachte ich bey mir selbst, ist so ein Mensch, welcher in der Welt lebt, ohne im geringsten die Pflichten zu erfüllen, die er sich und seinen Mitbürgern schuldig ist. Seine Trägheit verhindert ihn, des Vergnügens zu geniessen, welches ihm tausend angenehme Gegenstände zeigen. Wäre er nur einiger maßen aufmerksam, so würde er nicht einen Schritt thun können, ohne die Pracht der Natur zu bewundern, in welcher sich die Grösse des allgemeinen Schöpfers entdeckt. Er genießt sein Vermögen nicht, weil er es, wenn es hoch kömmt, nur anwendet, sich durch unordentliches Essen und Trinken in seiner Trägheit zu erhalten. Des edeln Vergnügens muß er entbehren, welches diejenigen empfinden, die Gelegenheit suchen, auch andre glücklich, und durch eine vorsichtige Austheilung ihres Vermögens mehr als eine Nachwelt sich verbindlich zu machen. Sein Leben ist ein beständiger Tod, und eine Marter für diejenigen, welche mit Schmerzen auf sein Absterben warten, weil er erst alsdann anfängt, ihnen nützlich zu werden.

Ich glaube, ich wäre in diesen ernsthaften Betrachtungen noch weiter fortgefahren; ehe ich mir es aber versahe, bekam ich mit einem Prügel einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß ich ganz schwindlicht darüber ward, und daß mir der Hut auf die Erde fiel. Ich kehrte mich voll Verdruß um, in der Absicht, denjenigen zu sehen, welcher vermögend wäre, dergleichen niederträchtige Grobheit zu begehen. Ihr seyd sehr unbescheiden, mein Freund, fuhr ich ihn mit Heftigkeit an, daß ihr Leuten, die ihr nicht kennt, und die euch nichts gethan haben, auf eine so ungeschliffne Art begegnet! Und ihr seyd ein ziemlicher Narr, wie ich merke, versetzte er mit einem lauten Gelächter, daß ihr einen witzigen Scherz übel nehmt. Merkt ihr denn nicht, daß ich ein satirischer Kopf bin? Diese unverschämte Antwort bewog mich, ihn genauer anzusehen, und ich entsann mich, ihn gar wohl gekannt zu haben, weil er erst vor einem Jahre gestorben war, und sich über einer Satire zu Tode geschimpft hatte.

Ich war durch diese verdrüßliche Begebenheit so unruhig geworden, daß ich befürchtete, es möchte mir vielleicht noch ein witziger Kopf aufstossen, und mich braun und blau satirisiren. Um deswillen that ich meinem Begleiter den Vorschlag, daß wir uns in eine schattigte Gegend zurückziehen wollten, welche vor uns lag, und von der ich glaubte, daß es darinnen, wo nicht einsamer, doch sichrer seyn würde.

In beyden betrog ich mich. Ich erblickte daselbst eine grosse Gesellschaft, die meistens aus Frauenzimmern bestund. Weil sie in eben der Stadt gelebt hatten, wo ich mich aufhielt; so kannte ich sie alle, und ich fand ihre Beschäfftigungen nicht im geringsten verändert. Sie spielten, sie tranken Caffee, manche redeten gar nichts, die meisten aber schlugen ein so lautes Gelächter auf, daß ich begierig ward, diese zuerst zu beobachten. Ich nahte mich ihnen; ich hätte aber nicht gemeint, daß eben ich die Ursache dieser allgemeinen Lebhaftigkeit und Freude gewesen wäre. Je näher ich kam, desto heftiger fiengen sie an, zu lachen. Ich verlangte von ihnen die Ursache zu wissen; aber sie waren so boshaft, und sagten mir solche nicht. Doch eine von ihnen, um welche ich mich in ihrem Leben, durch ein ganz artiges und sinnreiches Sonnet auf ihren Mops, sehr verdient gemacht hatte, war so dankbar, und half mir aus meiner Verwirrung. Ich will es Ihnen nur sagen, sprach sie zu mir, warum wir so lustig sind. Wir hatten schon viel Stunden lang in der verdrüßlichsten Stille beysammen gesessen, ohne ein Wort zu reden, weil wir müde waren, die Trachten, den Gang, und die Mienen aller der Seelen, die bey uns vorbey gehen mußten, zu beurtheilen. Auch mit den Abwesenden waren wir bereits fertig, ja, was das allerbetrübteste war, so waren wir auch schon darüber einig, daß es heute schönes Wetter wäre. Wir sahen einander ganz niedergeschlagen und verdrießlich an, die Zeit ward uns lang, und, wenn dieser artige Herr hier, einer von meinen ehmaligen Schäfern, den sie noch wohl kennen müssen, nicht zuweilen gepfiffen hätte, so glaube ich, wir würden vor langer Weile gar eingeschlafen seyn. Von ohngefähr erblickten wir sie von weitem, und zwar in einer Positur, die wichtig genug war, daß wir alle aus vollem Halse lachten. Hier hielt sie inne, stemmte beyde Arme in die Seite, und fieng von neuem mit ihrer ganzen Gesellschaft ein so lautes Gelächter an, daß ich ganz beschämt da stund. Merken Sie es denn noch nicht? fuhr sie fort, als sie einiger massen sich erholt hatte. Um des Himmels willen, sehen Sie doch ihren Hut an, wie bestaubt er aussieht! Wenn dieses allein an mir das Lächerliche ist, antwortete ich, so kann ich ihm bald abhelfen. Ich erzählte ihnen, daß mir ihn ein witziger Geist vom Kopfe gescherzt hätte, wodurch er eben so staubicht geworden wäre. Ich machte ihn wieder rein, und dadurch benahm ich ihnen auf einmal diese reiche Materie ihrer Lebhaftigkeit, so, daß sie von neuem in ein tiefsinniges Stillschweigen verfielen, und ich selbst nicht länger Lust hatte, mit ihnen zu gähnen.

Ich schlich mich um deswillen unvermerkt fort, und traf nicht weit davon, in Gesellschaft andrer Frauenzimmer, die Seele eines Stutzers an, welcher in seinem Leben eben diese Gesellschaft durch seine Einfälle ergetzt hatte, die sie damals galant, ungezwungen, sinnreich, und, ich weis selbst nicht mehr, wie vortrefflich nannten. Ich fand ihn aber, wider die Natur der andern abgeschiednen Seelen, ganz verändert. Er war stumm, trocken, nicht eine einzige Person in der Gesellschaft schien das artige und witzige Wesen, so er vormals gehabt, an ihm zu finden. Ich bezeigte ihm meine Verwunderung darüber. Er zuckte die Achseln, und versicherte mich, er sey die Unglückseligste unter allen Seelen. Sein Absterben sey ihm so plötzlich und unvermuthet gekommen, daß er in der Eil weder Uhr, noch Stockband, noch Tobaksdose mit sich genommen. Drey Sachen, rief er, in welchen meine ganze Lebhaftigkeit, mein ganzer Witz bestund! Was ist doch der Verstand eines Stutzers ohne diese Stücke? Wenn ich einen artigen Scherz machen will, so vermisse ich mein Stockband, und meine feinen Einfälle auf einmal. Ich bin nicht im Stande, das geringste Urtheil von Staats- und gelehrten Sachen, ja nicht einmal von einem Gedichte zu fällen, weil ich keine Prise Tobak nehmen kann! Ich bedauerte diesen entkräfteten Stutzer um desto aufrichtiger, da ich schon in meinem Leben dergleichen Geschöpfe niemals ohne herzliches Mitleiden ansehen können. Ich war nicht im Stande, ihm zu seinem Witze wieder zu verhelfen, um deswillen ersann ich eine Ursache, welche mich, wie ich vorgab, nöthigte, ihn zu verlassen.

Mein Begleiter war eben im Begriffe, mir die bekannte Geschichte von der abgeschiednen Seele eines Harlekins zu erzählen, welche ihre bunte Kleidung und mit dieser allen Harlekinsverstand verloren hatte; als wir durch ein neues Abentheuer gestört wurden. Eine Frauenzimmerseele, die ich nicht wahrgenommen hatte, weil ich ihr den Rücken zukehrte, war mir nachgeschlichen, und fiel mir von hinten zu um den Hals, um welchen sie die eine Hand schlug, mit der andern aber die meinige auf eine so zärtliche Art drückte, daß ich aus dieser wollüstigen Beredtsamkeit mehr errathen konnte, als wenn sie sich mündlich erklärt hätte. Ich konnte leicht merken, daß es eine von den irrenden Schönen wäre, und die Dunkelheit des einsamen Orts, wo wir uns befanden, vermehrte meinen Verdacht. Sie schien in mich so verliebt zu seyn, als es eine Person von dergleichen Charakter zu seyn fähig ist. Ich spürte deutlich, daß sie alle Augenblicke erhitzter, und in ihrer Vertraulichkeit immer unverschämter ward. Ich war begierig, dieser dreisten Schönen ins Gesichte zu sehen. Ich fand ein Mittel mich von ihren Armen loszumachen. Ich wandte mich um. Welcher Anblick! Ich sprang zurück! Bist du es? sagte sie, und gieng kaltsinnig fort. Meine Leser werden es wohl ohne Note errathen können, daß dieses die Seele meiner Frau war. Sie hatte mich verkannt, darum that sie freundlich. So bald sie mich sah, ward sie verdrüßlich, und floh. Ich freute mich, daß sie gieng. Wird nunmehr jemand noch zweifeln, daß unsre Seelen nach dem Tode eben dasjenige thun, was sie am meisten in ihrem Leben gethan haben?

Ein ängstliches Wimmern, welches ich nicht weit von mir hinter einem dicken Gesträuche hörte, machte mich aufmerksam. Ich eilte aus Mitleid hinzu, weil ich gewiß glaubte, es müßte diese ächzende Seele ein grosses Unglück betroffen haben. Ich fand sie unter einer Buche liegen, in der Kleidung, wie die Dichter, und unsre Comödianten, ihre Schäfer vorstellen. Er hielt einen Hirtenstab in der Hand, an welchem ein grünes Band hieng, welches er unter tausend Seufzern mit solcher Entzückung küßte, daß er mich nicht eher gewahr ward, als bis ich bey ihm stund. Endlich sah er mich mit zerstörten Blicken an. Er sprang auf, fiel vor mir nieder, umfaßte meine Knie. »Grausame! rief er; hast du dich doch endlich bewegen lassen? Ich sehe schon, anbetenswürdige Sylvia, ich sehe schon in deinen Augen das Mitleid, welches du gegen den unglückseligen Thyrsis hegest!

Ach strenge Sylvia! warum verachtst du mich?
Die Sonne brennt, und wirft die Stralen unter sich:
Luft, Feld, und Erde brennt, die kühlen Steine brennen
Von Flammen, die auch schon die jungen Lämmer kennen;
Dein Thyrsis aber fühlt mehr, weder alle Pein;
Und du alleine nur willst Schnee und Kälte seyn?
So bald ich neulich dich, (du wirst es wohl noch wissen.)«

Du irrst dich, mein Freund, sagte ich zu ihm, ich bin nicht deine Sylvia, und dennoch – – »Ja, verstelle dich nur, rief er mit einer rechten Schäferwut, verstelle dich nur, du mörderische Schöne! Freylich bist du nicht meine Sylvia! Menalks Sylvia bist du! Glückseliger Menalk! Verlaßner Thyrsis! Ich habe es mit meinen Augen gesehen, daß Menalk den Strauß auf seinem Hute getragen, den ich für dich, nur für dich allein, gebunden hatte. Ich setzte dich zur Rede, die Hirten wissen es alle. Du antwortetest mir nicht einmal! Du eiltest von mir! Du giengst zu deiner Heerde! Unempfindliche Schäferinn! Sind meine Flammen strafbar, so strafe mich; aber strafe vorher dich selbst, denn nur die Blitze deiner Augen sind es, welche mich in Brand gesetzt haben.

Wer böse Zauberey getrieben,
Dem wird das Feuer sonst in Rechten zuerkannt.
Ich weis von solcher nichts, und wollte nur was lieben,
Und werde doch darum verbrannt,
Der Richter, welcher mich so grausam will verdammen,
Schlägt selbst das Feuer auf, und trägt das Holz zusammen.«

Nunmehr fieng mir an, beynahe Angst zu werden, und ich wünschte mir, aus den Händen dieser schwärmenden Seele befreyt zu seyn. Er hielt meine Knie so fest umschlossen, daß es nicht möglich schien, mich von seiner Zärtlichkeit frey zu machen. Endlich aber gelang es mir. Ich wollte zurück; aber dadurch ward mein Schäfer ganz außer sich gebracht. Er faßte mich von neuem bey der Hand, und sagte: »O Sylvia! ich bitte dich bey den Göttern dieser Flur! Höre einmal auf, grausam zu seyn! Wenn dein Herz nicht noch härter ist, als jene Felsen, so laß dich mein Unglück rühren! Laß mich seufzen! Ich beschwöre dich bey den Nymphen, welche dort hinter jenem Busche lauschen, und bey den crystallnen Fluthen, welche hier über diese Kiesel rollen, habe Mitleiden mit dem Unglückseligsten!

Laß mich seufzen, laß mich klagen,
Und den stummen Buchen sagen,
Wie mich Sylvia gequält!
Gönnt mirs, ihr verschwiegnen Bäume,
Daß ich von der Marter Träume,
Die mein Mund so oft erzählt!
Laß mich seufzen, laß mich klagen,
Und den stummen Buchen sagen,
Wie mich Sylvia gequält!«

Hier konnte ich mich nicht länger enthalten, über diesen Opernschäfer zu lachen. »Und du lachst noch! schrie er, indem er von der Erde aufsprang. Und du spottest noch mit meiner Verzweiflung!

Nun weis ich Aermster nicht, was weiter übrig ist,
Als daß ich meinen Rumpf an einen Eichbaum henke,
Vielleicht liebst du mich todt, weil ich dich lebend kränke.«

Kaum hatte er diese Worte gesagt, als er von mir, und in die Sträucher eilte!

Ich erschrack, ich befürchtete, seine Verzweiflung dürfte nicht ohne Wirkung seyn. Ich wollte ihm nachgehen, um seiner Raserey Einhalt zu thun: aber mein Führer hielt mich zurück. Du kannst ganz ruhig seyn, sagte er. Dieses ist der Schatten eines von den Schäfern, welche ihr Leben am höchsten bringen, wenn sie alle Tage verzweifeln, und welche sich niemals besser aufbefinden, als wenn sie von Gift und Dolche reden. Er war in seinem Leben sehr zärtlich, und glaubte, für keine Creatur schicke es sich besser, zärtlich zu seyn, als für einen Schäfer. Er ward also ein Schäfer, nur in der Absicht, damit er recht regelmäßig seufzen könnte. Tag und Nacht war er beschäfftigt, durch Lesung solcher Schriften sich vollkommen zu machen, welche von Feuer und Flammen rauchen, und von verliebtem Mord und Todschlägen voll waren. Und eben dadurch gerieth sein Gehirn in solche Unordnung, daß er, als ein arkadischer Don Quichot, auf Abentheuer ausgieng. Diese grausame Sylvia, für welche er dich ansah, ist nirgends anders, als in seiner Einbildung, möglich gewesen. Sein ganzes Leben hat er in dergleichen Entzückung zugebracht, und noch auf dem Todbette hat er von nichts, als Klee und Milch, geredet; ja so gar den Arzt, als ihm dieser an den Puls fühlen wollen, hat er auf dem Rücken gestreichelt, weil er ihn für seinen Hylax hielt. Du darfst dich also nicht wundern, daß er dich schlechterdings zu seiner Sylvia machen wollte. Ich glaube nicht, daß außer ihm in der ganzen Welt noch ein Schäfer gewesen ist, welcher seine verderbte Einbildung so gar sehr wahnwitzig gemacht; doch soll es, wie man mir gesagt hat, noch hin und wieder verschiedne Seladonchen geben, welche einen ziemlichen Ansatz zu dieser hitzigen Krankheit haben.

Zum größten Unglücke entdeckte mich der Schatten meines ehemaligen Barbiers. Es war nicht möglich, ihm aus dem Wege zu gehen, so sehr ich es auch wünschte, weil ich mich noch wohl erinnerte, wie unerträglich er in seinem Leben, durch sein unermüdetes und politisches Geschwätz, gewesen war. Es half aber nichts, ich mußte mich gefaßt machen, seine tiefsinnigen Beurtheilungen von Staatssachen noch einmal auszuhalten. Die Freude war ganz außerordentlich, die er darüber bezeugte, daß er mich hier sehen sollte. Hundert Fragen that er an mich, und ließ mir nicht Zeit, eine einzige zu beantworten. »Sie sind doch allemal fein gesund gewesen? sagte er; Sie haben sie doch alle wohl verlassen? Und ihre Jungfer Muhme? – Sie werden mich wohl verstehen? Nun das will ich eben nicht sagen. In der That wollte ich ihr es gönnen. Das Mädchen ist gut. Lebt denn der alte Hauptmann noch? Ich habe tausend Spaß mit ihm gehabt. Was ich Ihnen sage. Der konnte recht erzählen, wenn er bey Humor war! Den pommerschen Krieg, den wußte er auf ein Haar! ohne Flatterie! Er würde gewiß ganz anders abgelaufen seyn, wenn er nicht abgedankt hätte. Aber hören Sie nur an. Ich weis nicht, das Ding sieht sehr bunt aus. Mit meinem Willen ist es gar nicht geschehen, daß Prinz Carl übern Rhein gieng. Es war doch nun mit alle dem, wie es war. Der Franzose, es mag nun seyn, wie es will, er ist doch einmal der Franzose, und ein Christ, so gut als wir. Was ich Ihnen sage. Er hätte es können bleiben lassen. Mit alle dem mag der Rhein ein ziemlich breites Wasser seyn. Aber hören Sie nur an. Ich denke, ich denke, es soll bald anders werden. Der eine von den Herrn Cantons – Ich will es Ihnen schon einmal erzählen, wenn wir allein seyn werden. Vor dem Türken? Ach! der Bluthund, der darf sich nicht breit machen! Was ich Ihnen sage. Das merkte ich gleich im voraus, ohne Flatterie. Meine Großmutter seliger – – ich weis nicht, ob Sie sie werden gekannt haben. Es war eine kleine bucklichte Frau. Sie wohnte hinten am Walle. Hören Sie, das war eine Frau! Sie hat mich noch aus der Taufe gehoben. Es gieng bey ihrem Testamente auch mit Kräutern zu. Was geschehen ist, das ist geschehen. Ich habe, gottlob, auch mein Brodt gehabt. Ich spreche immer: ehrlich währt am längsten; und mein kleines Christel war noch dazu ihr Pathe. Ja, was wollte ich denn sagen? Ich habe es ganz drüber vergessen! Ja, der Türke – –« Ja, ja, der Türke, antwortete ich voll Verdruß, ich kenne ihn wohl; aber hier läßt es sich davon nicht gut reden. Wir sprechen einander schon weiter, itzt habe ich nicht Zeit, mich länger aufzuhalten. Ich ließ ihn stehen, und gieng fort.

Indem hörte ich hinter mir ein lautes Gelächter. Ich wandte mich um, und erblickte eine Seele, welche so verhungert aussah, wie ein Goldmacher, und so tückisch, wie ein Schatzgräber. Sie drückte mir sehr vertraulich die Hand, und sagte: »Sie haben recht wohl gethan, daß Sie sich den unsinnigen Schwätzer vom Halse geschafft haben. Ich habe ihrem ganzen Gespräche zugehört, und mich über Ihre Geduld gewundert. Es ist ewig zu bejammern, daß es Leute giebt, die sich um Sachen bekümmern, welche sie nicht verstehen. Wenn es nur Barbiere wären, welche sich in politische Händel mischten; so möchte es allenfalls noch hingehen, und es würde sich vielleicht darüber lachen lassen. Aber, es giebt Männer mit großen Parücken, die es nicht viel besser machen, als Ihr Barbier. An statt, daß sie für ihre Pflicht, und für das Beste ihres Vaterlandes sorgen sollten; so sitzen sie beysammen, und plaudern über die Zeitungen. Ich bin, wie Sie mich hier sehen, in meinem Leben auch aus dem politischen Stande gewesen, und habe dabey Gelegenheit gehabt, einzusehen, was das heisse, ein Land zu regieren. Mit einem Worte! Ich war eines Edeln Hochweisen Raths Straßenbereuter, ein geschworner Mann, und hatte meine theure Pflicht. Die Finanzsachen waren meine liebste und vornehmste Arbeit, und wenn es nach meinem Vorschlage gegangen wäre, die Stadtcasse hätte alle Jahre um hundert tausend Thaler reicher seyn müssen. Aber freylich, wie es nun geht. Wer etwas versteht, der hat seine Feinde. Der Bürgermeister merkte, daß ich ihn übersehen konnte, das war schon genug, mich zu stürzen. Nur mein Vaterland dauert mich, dem ich zu frühzeitig entrissen worden bin. Tag und Nacht habe ich mitten in meiner schweren Berufsarbeit auf Mittel und Wege gesonnen, das Wohl meiner Mitbürger in bessre Aufnahme zu bringen. Ich merkte wohl, in was für einen kläglichen Verfall das Finanzwesen gerathen war; denn als ich um eine Zulage für meine patriotisch geleisteten Dienste ansuchte, so gab man mir abschlägliche Antwort, und zur Ursache gab man dieses an: Es sey kein Geld in der Casse. Von diesem Augenblicke an nahm ich mir vor, meinem Vaterlande unter die Arme zu greifen. Alle Tage gab ich ein neues Mittel an die Hand, die gemeinen Einkünfte zu erhöhen, und eben dadurch verdiente ich den würdigen Beynamen des Projectmachers. Ja, mein Herr, hätte man mir nur gefolgt. Ich hatte auch meine theure Pflicht auf mir, so gut als der Bürgermeister; und gleichwohl wiesen sie mich mit meinen Vorschlägen allemal ab. Was meinen Sie? Ich machte ein Project, daß man die Geistlichen abschaffen, ihre Besoldungen einziehen, und die Rathsherren anhalten sollte, daß sie selbst nach der Zeche und zur Fröhne predigen müßten. Was hätte man nicht ein Jahr lang in der Stadt ersparen können? Und den Geistlichen war ich so nicht gut, besonders unserm dicken Oberpfarrer, der hätte es auf diese Art gewiß empfinden sollen, was das heiße, einen geschwornen Mann von der Kanzel zu werfen. Glauben Sie wohl, daß mein Vorschlag angenommen ward? Ich versuchte es auf eine andre Art. Ich überreichte eine Schrift, in welcher ich aufs deutlichste ausgerechnet hatte, daß die Stadtcasse alle Monate um dreytausend Thaler vermehrt werden würde, wenn eine jede Frau, welche die Herrschaft über ihren Mann führte, monatlich drey Mark zur Einnahme erlegen müßte. Hätte wohl ein Vorschlag billiger und vernünftiger seyn können, als dieser? Aber es fehlte nicht viel, daß mich nicht alle Weiber, von der Bürgermeisterinn an bis auf meine eigne Frau, gesteinigt hätten. In der That durfte ich mich vier Wochen lang nicht sehen lassen, und das war die Belohnung für meinen wohlgemeinten Eifer. Dennoch ward ich nicht müde, in der Hoffnung, daß wenigstens einmal meinen Mitbürgern die Augen zu ihrem Besten aufgehen würden. Unser Küster, welcher auch kein Narr seyn wollte, gab mir unter den Fuß, ich sollte eine Vorstellung thun, daß man auf die Möpse eine Kopfsteuer legen, und daß die Gratulanten ordentliche Hausierzeddel lösen, auch alle ihre Glückwünsche auf Stempelpapier drucken lassen sollten. Aber ich weis nicht, das Ding kömmt mir zu überstudirt vor, und ich traue Ihnen die Einsicht zu, daß Sie gestehen werden, daß meine Projecte nicht allein die besten und einträglichsten, sondern auch die vernünftigsten sind, denn ich habe meine theure Pflicht. Was meinen Sie davon? Sagen Sie mir es offenherzig!«

Ich weigerte mich anfänglich; endlich aber gestund ich, nach meiner gewöhnlichen Aufrichtigkeit, daß mir des Küsters seine Einfälle nicht unrecht zu seyn schienen. Die Menge der Gratulanten sey so ansehnlich, daß aus den Hausierzeddeln, und aus dem Stempelimpost, der auf die guten Wünsche gelegt werden sollte, der gemeinen Stadtcasse eine grosse Summe zuwachsen könnte. Es wäre dieses auch als eine gewisse und beständige Einnahme anzusehen, da man nicht befürchten dürfte, daß diese Art von poetischen Insecten jemals vergehen würde, wenigstens so lange nicht, als es noch Leute gäbe, welche sich von Geburts- und Namenstagen nähren müßten. Es gereiche auch dieses dem gemeinen Wesen nicht zur Last, weil man dergleichen mechanischen Dichtern gar wohl zulassen könnte, daß sie ihre unterthänigste Devotion um etliche Schillinge steigerten. Die Kopfsteuer auf die Möpse habe meinen völligen Beyfall, zumal, wenn sie bey Strafe der Confiscation ausgeschrieben würde. Denn ich wüßte gewiß, ein jedes Frauenzimmer würde ihren Schooßhund gern mit zwölf bis funfzehen Mark lösen, und die Summe lieber geben, als wenn man auf die Männer eine Kopfsteuer legte; wenigstens würden sich in diesem letztern Falle viele vor der Strafe der Confiscation nicht fürchten. Hingegen könnte ich ihm nicht verhalten, daß durch seinen Vorschlag eine große Unordnung in den Familien vorgehen dürfte, wenn die Weiber ihre Herrschaft über die Männer mit drey Mark erkaufen müßten. Diese würden es alsdann entgelten sollen, und sie würden es auch nicht einmal zulassen, daß die Weiber den Beytrag entrichteten, weil ein Mann es nicht leicht zugestünde, daß seine Frau Herr sey, so, wie ein jeder nur seinen Nachbar für einen guten geduldigen Mann, niemals aber sich selbst dafür hielte. Der Vorschlag wegen Abschaffung der Geistlichen wäre so abgeschmackt, und parteisch, daß ich gewiß glaubte, es könnte auf denselben niemand fallen, als ein Straßenbereuter. Der geistliche Stand habe allemal das Unglück, denen am meisten zu mißfallen, welche den wenigsten Verstand besäßen, und man fände, daß ordentlich der Pöbel – – »Was! Pöbel! rief mein Projectmacher mit einer grimmigen Stimme; Weis der Herr wohl, was er redet? Weis der Herr wohl, wer ich bin? Weis der Herr wohl, daß ich ein geschworner Mann bin? Daß ich meine theure Pflicht habe? Das soll er mir nicht umsonst gethan haben! Er ist ein Verräther des Vaterlandes! Ein Rebell! Ein Meineidiger! Ich will ihm meine theure Pflicht –« und damit fiel er über mich her, und würgte mich mit seinen patriotischen Klauen dergestalt, daß ich seine Liebe zum Vaterlande auf das erschrecklichste empfunden haben würde, wenn nicht mein Begleiter mit einer Hand voll Geld seine theure Pflicht besänftigt hätte. So gleich ließ er mich los, und gieng fort.

Nunmehr könnte ich mit Ehren von meinem langen Traume ganz unvermuthet aufwachen. Was wäre wohl natürlicher, als daß ich mich mit dem Kopfe an das Bette stieße, und erwachte? Allein ich habe noch keine Lust, munter zu werden. Ich hoffe, künftiges Jahr weiter fort zu träumen, denn ich kenne in der Stadt, wo ich wohne, wenigstens noch zwölf Originale, deren Tode ich mit schmerzlichem Verlangen entgegen sehe, weil ihre Bemühungen in dieser Welt so lächerlich und abgeschmackt sind, daß ich mir meine Leser gewiß verbindlich machen werde, wenn ich ihnen alsdann erzähle, womit sich ihre Seelen beschäfftigen. Es verlohnt sich also die Mühe noch wohl, daß ich ihren Tod schlafend erwarte.

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