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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 2
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Vorbericht
vom Misbrauche der Satire.

 

 

Einige Ursachen haben mich veranlaßt, diejenigen satirischen Schriften in zween Theile zusammen zu bringen, welche ich seit einigen Jahren in verschiedenen periodischen Blättern einzeln drucken lassen.

Die Gefälligkeit meiner Freunde gab mir Gelegenheit, mich dieses Mittels zu bedienen, um das Urtheil der Welt zu erfahren, und die vernünftigen Kritiken der Kenner mir zu Nutze zu machen.

Beydes ist mit gutem Erfolge geschehen. Ich bin so glücklich gewesen, daß die meisten meiner Schriften öffentlichen Beyfall gefunden haben, und die verbindliche Nachsicht, welche man gegen meine Arbeiten gezeigt, hat mich aufgemuntert, gegen mich selbst desto weniger Nachsicht zu brauchen, und nicht allein diejenigen Fehler auszubessern, welche man auf eine sehr bescheidne Art und mit gutem Grunde dabey ausgesetzt; sondern auch denen, so viel möglich, abzuhelfen, welche bey einer strengen Beurtheilung verdient hätten, angemerkt zu werden.

Eine gute Aufnahme gegenwärtiger Sammlung wird mir Muth machen, diese Arbeit fortzusetzen, wofern mich nicht mein unruhiges Amt zu sehr zerstreut, oder andre Vorfälle es hindern.

Vielleicht giebt es Leser, welche eine Rechtfertigung von mir erwarten, wie ich es habe wagen können, Satiren zu schreiben. Ich bin nicht Willens, eine Schutzschrift für mich aufzusetzen. Vernünftigen Lesern würde ich nichts neues sagen; für unvernünftige aber schreibe ich nicht.

Ich weis wohl, wie zweydeutig die Begriffe sind, welche sich viele von der Satire machen. Sie sind gar zu sehr gewohnt, das Pasquill mit der Satire zu verwechseln. Sie haben zwar gelernt, daß ein Pasquill eine Schmähschrift sey, wo man, ohne sich zu nennen, den ehrlichen Namen des andern zu verunglimpfen, und ihm Laster oder Verbrechen anzudichten sucht; Sie wissen auch so viel, daß die Satire nur die Laster der Menschen, und das Lächerliche einer thörichten Aufführung durch Spotten kennbar zu machen sucht, um andern einen Ekel dawider beizubringen, und wo möglich, die Lasterhaften selbst tugendhaft zu machen. Beydes wissen sie, und dennoch seufzen sie über einen Satirenschreiber so sehr, als über einen Pasquillanten.

Ich glaube, die Ursachen dieser ungereimten Urtheile liegen an den Schriftstellern so wohl als an den Lesern.

Ich will mich bemühen, einige Ursachen aus einander zu setzen, warum viele Leser auf eine so unbillige Art von der Satire urtheilen.

Die vorgefaßte Meinung ist wohl eine der wichtigsten. Man hat es uns in unsrer Jugend gesagt, daß die Satire vom Pasquille wenig oder nichts unterschieden sey. Wir würden selbst nachdenken müssen, wenn wir diesen Unterschied finden wollten; vielmals aber können wir nicht selbst denken, und noch öfter sind wir zu bequem dazu. Ohne uns also weiter zu bekümmern, sagen wir in kindlichem Gehorsame nach, was unsre Mutter und Großmutter vor uns gesagt haben; und diese waren doch auch christliche Weiber! Dergleichen Leser sind in der That mehr zu bedauern, als zu bestrafen. Sie können bey ihrer gemächlichen Unempfindlichkeit immer ganz fromme Leute seyn, denn viele Leute sind auch aus Dummheit fromm, und ihre guten Absichten ersetzen das, was ihnen am Verstande fehlt.

Diejenigen sind weit weniger zu entschuldigen, welche auf die Bemühungen, die Laster lächerlich und verhaßt zu machen, unerbittlich eifern, und doch unermüdet sind, von ihrem unschuldigen Nachbar alles Böse zu reden, was ihnen der Neid oder andre Leidenschaften eingeben. Vielleicht halten diese es für einen Eingriff in ihr Amt: denn dazu haben sie zu viel Eigenliebe, daß sie ihre Verleumdungen für Bosheit, und die Absichten eines Satirenschreibers für Menschenliebe halten sollten. Gemeiniglich rührt ihre Wut aus der Quelle so vieler Laster, aus der Heucheley, her. Sie fühlen es, daß ihre Aufführung schändlich ist; sie haben sich zu lieb, als daß sie solche ändern sollten; sie glauben, genug gethan zu haben, wenn sie ihr einen guten Anstrich geben. Sie eifern auf die Satiren, um auf die Verleumdung eifern zu können, und unter dieser ehrbaren Maske verfahren sie so lieblos mit ihrem Nächsten, ohne den Vorwurf zu befürchten, daß sie gefährliche Verleumder sind. Denn wie wollte der ein Verleumder seyn, welcher eben um deswillen die Satiren verflucht? Es kann seyn, daß ich diesen niedrigen Geschöpfen zu viel thue. Vielleicht ist die Heucheley nur in ihren jüngern Jahren die Ursache dieser Ausschweifungen; bey zunehmenden Alter erlangen sie durch die unermüdete Uebung, Böses zu reden, eine solche Fertigkeit darinnen, daß sie es wirklich mit Ueberzeugung reden, daß sie glauben, Buße zu predigen, wenn sie lästern, und daß ihnen die Satire im Ernste verdächtig wird, weil sie allein den Beruf haben, Heyden zu bekehren.

Bey vielen ist die Begierde, auf die Satire zu schmähen, nichts anders, als die Sprache eines bösen Gewissens. Davon sind sie überzeugt, daß die rühmliche Absicht der Satire nur diese ist, die Laster zu verfolgen. Weil sie aber so gar unempfindlich noch nicht sind, daß sie ihre eignen Laster nicht wahrnehmen sollten; so wird ihnen diese Absicht schrecklich. Jeden Streich, der auf die Laster geschieht, fühlen sie auf ihrem Rücken. Können diese wohl etwas bessers thun, als daß sie diese Satire überhaupt verdächtig machen? Wie viel haben sie zu ihrer eignen Sicherheit gewonnen, wenn sie diese große Absicht erreichen? Nun mag die Satire wider die Laster eifern; sie ist verdächtig. Man fängt an, Mitleid mit den Lastern zu haben, weil man gehört hat, daß die Absichten der Satire boshaft sind, daß man nicht bessern, sondern nur verunglimpfen, daß man nicht die Laster verfolgen, sondern den armen unschuldigen Nebenchristen um seinen guten Namen bringen will. Hinter dieses Vorurtheil verbergen sie sich, und genießen ihre Laster geruhig. Sucht man sie in ihrem Hinterhalte auf, entblößt man ihre Fehler, so schreyen sie über Gewalt, und man bedauert sie, an statt daß man über sie lachen sollte. Mit einem Worte, sie sind wie die muthwilligen Knaben, welche die Ruthe verbrennen, um ungestraft muthwillig seyn zu können.

Verschiedene von ihnen sind noch etwas feiner. Sie finden das Lächerliche von ihren Fehlern meiner Satire abgeschildert; sie schweigen hämisch dazu stille, und beseufzen nur das Unrecht, welches andre neben ihnen zugleich leiden müssen. Sie vertheidigen ihre Mitbürger, um unparteyisch zu scheinen, und von diesen wieder vertheidigt zu werden. Können sie gar ihre ungerechte Sache zur Sache des Herrn machen; so haben sie doppelt gewonnen, und für einen lasterhaften Heuchler ist nichts zu ehrwürdig. Ein Mann, welcher die heiligen Lehren seines Amts durch ein unheiliges Leben entkräftet, findet sein Bild. Er erschrickt, und schweigt. Er sucht mit boshafter Mühe eine Stelle, nur einen Ausdruck, welcher durch eine unbillige Auslegung den Verfasser zum Religionsspötter machen kann. Er findet ein Wort, welches in seinem tückischen Munde zur Lästerung wird. Nun ruft er mit freudiger Rache das Wehe! aus, und verdammt den Verfasser. Sein Pöbel, welchen der Schein blendet, hebt Steine auf, und verfolgt im Namen des Herrn denjenigen, welcher nur aus wahrer Hochachtung für die Religion ihren lasterhaften Diener entlarven wollen. In der That sind diese die gefährlichsten Feinde der Satire; aber eben um deswillen verdienen sie kein Mitleid, und die Religion selbst fodert es, daß wir sie, wenn gar keine Besserung zu hoffen ist, ohne Barmherzigkeit vertilgen.

Es giebt noch andre Feinde der Satire. Diese sind die traurigen Leser. Sie sind wirklich nicht untugendhaft; Sie hassen die Laster von Herzen; Sie würden es zufrieden seyn, wenn man alle Lasterhafte dem Teufel mit Leib und Seele übergäbe; aber spotten soll man nur nicht über die Laster. Ich weis nicht, wie diesen engbrüstigen Leuten zu helfen ist; vielleicht weis es mein Barbier. Die Eigenliebe der Menschen wird durch nichts so empfindlich gerührt, als wenn man sie lächerlich macht. Sie bleiben gleichgültig, wenn ich ihnen sage, daß ihre Laster abscheulich sind; wenn es hoch kömmt, so werden sie verdrüßlich. Aber alsdann schämen sie sich, wenn ich ihnen ihre Schooßsünden, wenn ich ihnen ihre Fehler, mit denen sie sich brüsten, auf der lächerlichen Seite zeige. Wir können unsern Kindern die äußerlichen Fehler des Uebelstandes nicht leichter abgewöhnen, als wenn wir solche vor ihren Augen nachahmen; sie sehen alsdann, wie häßlich sie lassen, und schämen sich. Wollen wir erwachsenen Personen weniger Einsicht zutrauen? Wenn ich die Absicht habe, zu bessern; so thue ich am vernünftigsten, ich wähle diejenigen Mittel, welche die Erfahrung bewährt gemacht hat. Inzwischen glaube ich, es wird gut seyn, wenn ich mit diesen traurigen Feinden der Satire gemeine Sache mache. Sie sollen mit den Lastern zanken; ich will über die Laster spotten. Vielleicht sind wir glücklicher, wenn wir mit zusammengesetzten Kräften unsre Mitbürger tugendhaft zu machen suchen; sie mit Feuer und Schwerdt, ich aber mit Scherze. Wenn ich sage, daß viele um deswillen Feinde der Satire sind, weil sie nicht wissen, was die Ironie sey, und worinnen deren Stärke und Schönheit bestehe; so sage ich wirklich etwas, welches dem guten Geschmacke meiner Landsleute eben nicht zur Ehre gereicht. Inzwischen ist es doch wahr, und alles, was ich thun kann, ist dieses, daß ich mich in ihren Namen schäme. Spreche ich: »Die wollüstigen Ausschweifungen der Jugend sind die Ursachen einer unglücklichen Ehe, eines schimpflichen Alters, und eines trostlosen Sterbens:« So verstehen sie mich ganz wohl, und werden diesen Gedanken für gar erbaulich halten. Wollte ich aber sagen: »Glückliche Jünglinge, die ihr die kurzen Augenblicke einer sinnlichen Wollust dem ungewissen Vergnügen vorzieht, welches die murrische Tugend dem Alter verspricht; die ihr zu vornehm erzogen seyd, als daß ihr den gemeinen Mann um die altväterische Glückseligkeit einer gesegneten Ehe beneiden solltet! Es kostet euch in eurer Jugend tausend Unruhe, und oft euer ganzes Vermögen, um einem siechen und beschwerlichen Alter mit starken Schritten entgegen zu eilen. Fahrt unermüdet fort! Nur der gesittete Pöbel lebt tugendhaft, um ruhig zu sterben; sterbt ihr, sterbt ihr auch mit Schrecken, so wißt, daß Leute von euerm Stande und Vermögen weit über diesen ängstlichen Gedanken erhaben sind!« Wollte ich dieses sagen; so würde ich in Gefahr seyn, von diesen unwissenden Richtern für einen Verführer der Jugend gehalten zu werden. Was soll man mit diesen Leuten anfangen? Man schicke sie wieder in die Schule! Da mögen sie den Voßius lernen, und sich erklären lassen, was die Figur der Ironie heiße!

Nichts ist gemeiner, als die Frage: Wer hat dir aber den Beruf gegeben, Satiren zu schreiben? Das ist leicht zu beantworten. Sagt mir erst: Wer hat euch den Beruf gegeben, mich zu fragen? Uns: Die Begierde, dich von deinem sündlichen Vorhaben abzuziehen; das Verlangen, die Unschuld deinen bittern Spöttereyen zu entreißen! mit einem Worte, die allgemeine Menschenliebe: Ist dieses nicht Beruf genug? Gut! Und eben diese allgemeine Menschenliebe ist auch mein Beruf, Satiren zuschreiben. Die Laster zu schrecken, die lächerlichen Fehler den Menschen verächtlich vorzustellen, vernünftige Bürger zu schaffen, alle Welt mit mir glücklich zu machen; sind euch diese Ursachen nicht wichtig genug? Brauche ich dazu eine schriftliche Vocation? Ich werde mich weiter verantworten, wenn man eben diese Frage an alle diejenigen thut, welche Bücher schreiben.

Es kommen also diese feindseligen Urtheile, denen die Satire ausgestellt ist, gemeiniglich von solchen Lesern her, welche sich aus angeerbten Vorurtheilen, aus einer übel verstandnen Frömmigkeit, aus eigner Schmähsucht, aus hämischer Heucheley, aus murrischem Eigensinne, aus Unwissenheit und aus andern Leidenschaften das bittre Vergnügen machen, sich zu Feinden der Satire aufzuwerfen. Ich habe aber oben gesagt, daß die Verfasser eben so wohl, als die Leser, an den übeln Begriffen Ursache sind, welche sich viele von der Satire machen, und ich getraue mir zu behaupten, daß sie die allermeiste Schuld daran haben.

Wer den Namen eines Satirenschreibers verdienen will, dessen Herz muß redlich seyn. Er muß die Tugend, die er andre lehrt, für den einzigen Grund des wahren Glücks halten. Das Ehrwürdige der Religion muß seine ganze Seele erfüllen. Nach der Religion muß ihm der Thron des Fürsten, und das Ansehen der Obern das Heiligste seyn. Die Religion und den Fürsten zu beleidigen, ist ihm der schrecklichste Gedanke. Er liebet seinen Mitbürger aufrichtig. Ist dieser lasterhaft; so liebt er den Mitbürger doch, und verabscheut den Lasterhaften. Die Laster wird er tadeln, ohne der öffentlichen Beschimpfung die Person desjenigen auszustellen, welcher lasterhaft ist, und noch tugendhaft werden kann. Er muß eine edle Freude empfinden, wenn er sieht, daß sein Spott dem Vaterlande einen guten Bürger erhält, und einen andern zwingt, daß er aufhöre, lächerlich und lasterhaft zu seyn. Er muß die Welt und das ganze Herz der Menschen, aber vor allen Dingen muß er sich selbst kennen. Er muß liebreich seyn, wenn er bitter ist. Er muß mit einer ernsthaften Vorsicht dasjenige wohl überlegen, was er in einen scherzhaften Vortrag einkleiden will. Mit einem Worte, er muß ein rechtschaffner Mann seyn!

Wären alle Satirenschreiber dieses, wie sie es alle seyn sollten; so glaube ich gewiß die meisten ihrer Feinde würden ihre öffentlichen Freunde werden, und diejenigen, welche nicht dazu gemacht sind, vernünftig zu denken, würden sich, wo nicht vor sich selbst, doch wenigstens vor der Welt schämen, länger ihre Feinde zu heißen. Es ist wahr, wir würden, wenn diese strengen Regeln beobachtet werden sollten, ein paar hundert Satirenschreiber weniger haben. Aber, das ist auch in der That alles, was man dem Vaterlande nur wünschen kann. So lange dieser Wunsch unerhört bleibt; so lange haben die Verfasser die meiste Schuld, daß die Satiren so vielen Lesern verdächtig sind.

Kein Pasquillant ist zu lasterhaft, er flüchtet sich hinter die Satire. Er schämt sich nicht, dem Unschuldigen Laster anzudichten; aber ein Pasquillant zu heißen, schämt er sich doch. Seine Bosheit ist gefährlicher, als die Tücke des Straßenräubers. Er verdient, wie dieser, die Rache der Gesetze, und er ist unwürdig, daß wir weiter seiner gedenken.

Wir sind sehr geneigt, die Fehler an unsern Feinden lächerlich zu machen, und schmeicheln uns, daß wir eine Satire schreiben, wenn wir dieses thun. Ich zweifle daran. Schreiben wir aus redlichen Herzen? Schreiben wir, unsern Feind zu bessern? Hat er die Fehler auch wirklich an sich, die wir lächerlich machen? Drey schwere Fragen! Wie leicht betrügen wir uns selbst, wenn wir dasjenige für einen Trieb der Menschenliebe halten, welches wohl nichts, als eine aufwallende Hitze der Rachbegierde, ist. Wir sind beleidigt; unser Feind soll es empfinden, wie gefährlich es sey, denjenigen zu beleidigen, der seine Fehler einsieht, und Witz genug hat, ihn lächerlich zu machen. Wollen wir ihn bessern? Nein! denn er ist unser Feind, und wir verlören zu viel, wenn derjenige durch seine Besserung sich die Hochachtung der vernünftigen Welt verdiente, welchen wir bey der vernünftigen und unvernünftigen Welt lächerlich machen wollen. Vielmals hat er keinen Fehler weiter, als diesen, daß er unser Feind ist. Schwachheiten machen wir zu Verbrechen, und was wir bey uns Versehen heißen, das stellt uns der Haß an unsern Feinden als die abscheulichsten Laster vor. Wie können wir verlangen, daß dasjenige eine Satire seyn soll, was wir, wenn es wider uns gerichtet wäre, eine rachsüchtige Verleumdung nennen würden? Ich glaube auch, daß es sehr unvorsichtig ist, wider seinen Feind Satiren zu schreiben; gesetzt, daß wir in der That die Absicht hätten, ihn zu bessern, und gesetzt, daß er wirklich lasterhaft wäre. Unser Feind gewinnt zu viel über uns. Er darf nur sagen, daß wir von ihm beleidigt sind, und daß wir als Feinde schreiben; so hat er seine Fehler vertheidigt, und kann ganz ruhig lasterhaft bleiben. Er bringt die Leser auf seine Seite, welche ohnedem geneigt genug sind, an der guten Absicht der Satire zu zweifeln. Wir werden der Welt verdächtig, an statt, daß wir die Fehler unsers Feindes lächerlich machen wollten.

Wenn wir bey manchen die Ursachen untersuchen wollten, warum sie mit so vieler Bitterkeit wider die Fehler der Menschen eifern; so würden wir finden, daß es aus Misgunst, und aus ihrem schwarzen Geblüte herkomme. Ein rechtschaffner Satirenschreiber wird sich freuen, wenn es aller Welt wohlgeht; diese aber knirschen über das Glück ihres Mitbürgers. Es wäre zu verwägen, ihm sein Glück vorzuwerfen. Was sollen sie thun? Sie vergiften ihm seine Zufriedenheit; sie machen die Quelle verdächtig, aus der sein Glück entsprungen ist, und werfen ihm vor, daß er sich dessen nicht vernünftig bediene. Dadurch schaffen sie sich ein frommes und weises Ansehen, und wollen uns bereden, daß sie dieses Glücks weit würdiger wären. Unter hundert Satiren, wider die Pracht und Verschwendung der Reichen, kommen gewiß funfzig aus der Feder solcher Verfasser, welche innerlich mit dem Himmel murren, daß sie durch ihre Armuth gehindert werden, auf eine so prächtige und verschwenderische Art, wie jene, lasterhaft zu seyn. Sie sind Bettelmönche, welche Mäßigkeit predigen. In ihren Augen ist ein Richter ohne Unterschied ein ungerechter Mann. Er und sein Vater müssen Wuchrer gewesen seyn; wo kämen sonst die Schätze her? Die Tugend adelt nur, reich macht sie nicht; sagt der Herr Verfasser mit einer bittern Miene, und schielt ganz kleinmüthig auf seinen abgetragnen Rock. Sind dergleichen Scribenten nicht selbst Ursache, daß der Verschwender und der Wuchrer die Satiren verdächtig machen?

Es ist ein Unglück für die Satire, wenn sie denen in die Hände geräth, welche witzig genug sind, Lachen zu erregen, aber nur aus Muthwillen spotten. In der That sind sie weder boshaft, noch neidisch; aber sie sind muthwillig. Sie wollen nicht gern allein lachen; die Welt soll mit lachen. Sie spähen die Fehler des andern aus, nicht, ihn zu bessern, sondern ihn lächerlich zu machen. Sie sind froh, daß es Fehler giebt; sonst könnten sie nicht witzig seyn. Wären alle Menschen tugendhaft; wie sehr würden sie sich ärgern! Sie warten nicht, bis ihr reifender Verstand durch die Erfahrung die gründliche Einsicht erhält, welche nöthig ist, das Herz eines Lasterhaften zu durchforschen, um nur diejenigen Fehler zu züchtigen, welche eine Züchtigung verdienen. Nein; so bald sie vernehmlich reden und leserlich schreiben können, so bald reden und schreiben sie Böses. Sie spotten, ehe sie denken lernen, und weil noch immer viel Gutes unter dem Muthwillen eines so lebhaften Jünglings verborgen liegt, welches sich gemeiniglich mit den Jahren durcharbeitet; so wird man finden, daß sie aufhören, zu spotten, so bald sie anfangen, zu denken. Inzwischen muß derjenige von ihnen leiden, welcher es nicht verdient hat. Die Satire wird verhaßt, weil sie ihre Spöttereyen für Satiren ausgeben; und es gehören viele Jahre dazu, ehe sie das Andenken ihres jugendlichen Muthwillens auslöschen; man gebe einmal acht, ob nicht diese eben diejenigen sind, welche in den gelehrten Kriegen das größte Lärmen machen.

Die Schreibart, deren man sich bey der Satire bedienet, will mit einer außerordentlichen Vorsicht gewählt seyn, wenn sie nicht anstößig werden und den Leser wider die Satire aufbringen soll. Viele glauben, recht herzhaft zu lehren, wenn sie recht anzüglich schreiben. Sie murren die Fehler der Menschen an, an statt daß sie mit ihnen lachen sollten; aus Liebe zur Wahrheit schimpfen sie. Sie thun sehr unrecht. Kömmt ihre Herzhaftigkeit nicht aus einem bösen, so kömmt sie wenigstens aus einem groben Herzen her: das ist alles, was man zu ihrer Entschuldigung sagen kann; aber wie viele von den Lesern sind geneigt, diese Entschuldigung gelten zu lassen? Und dennoch sind sie allemal weit erträglicher, als der ungezogne Witz derer, welche nicht satirisch seyn können, ohne unflätig zu seyn. Ich kenne Männer, welche sich einbilden, sehr fein zu denken; welche im Stande sind, einen ganzen Abend lang eine Gesellschaft beyderley Geschlechts mit den gröbsten Zweydeutigkeiten zu unterhalten, ohne ein einzigmal roth zu werden. Sie sind gemeiniglich die ersten, die über ihre satirischen Einfälle lachen, und sie zwingen dadurch wenigstens den Wirth, aus Gefälligkeit mit zu lachen. Vernünftige aber werden einen so niederträchtigen Witz verabscheuen. Verhängt es nun der Himmel in seinem Zorne, daß ein dergleichen ungesitteter Mensch gar schreibt, und seine Satiren, wie er es nennt, drucken läßt; was für einen Begriff müssen die Leser von einer Satire bekommen? Hoffen sie etwan zu bessern? Ich glaube nicht, und sie werden es auch nicht gestehen, daß sie für den Pöbel schreiben; ob sie gleich die Sprache des Pöbels reden.

Viele gehen in ihrem Eifer, das Lächerliche der Menschen zu zeigen, gar zu weit, und verschonen keinen Stand. Es ist wahr, es giebt in allen Ständen Thoren; aber die Klugheit erfodert, daß man nicht alle tadle, ich werde sonst durch meine Uebereilung mehr schaden, als ich durch meine billigsten Absichten nutzen kann. Der Verwägenheit derer will ich gar nicht gedenken, welche mit ihrem Frevel bis an den Tron des Fürsten dringen, und die Aufführung der Obern verhaßt, oder lächerlich machen wollen. Ist es nicht ein innerlicher Hochmuth, daß sie in ihrem finstern Winkel schärfer zu sehen glauben, als diejenigen, welche den Zusammenhang des Ganzen vor Augen haben; so ist es doch ein übereilter Eifer, der sich mit nichts entschuldigen läßt. Sie haben selbst noch nicht gelernt, gute Unterthanen zu seyn; wie können wir von ihnen erwarten, daß sie uns die Pflichten eines vernünftigen Bürgers lehren sollen? Es giebt andre Stände, welche zwar so heilig nicht sind, daß es ein Verbrechen wäre, das Lächerliche an ihren Fehlern zu entdecken; bey denen aber doch die Billigkeit erfodert, daß man es mit vieler Mäßigung thue. Ich rechne darunter die Lehrer auf Schulen. Die Jugend ist ohnedem geneigt genug, das Fehlerhafte an denenjenigen zu entdecken, deren Ernsthaftigkeit ihren Muthwillen im Zaume halten soll. Wollen wir sie durch bittre Satiren auf ihre Lehrer noch muthwilliger machen? Gesetzt, ein solcher Lehrer hat seine Fehler, welche verdienten, bestraft zu werden! Vielleicht ist er eigennützig, vielleicht pedantisch, vielleicht ein elender Scribent. Es kann seyn. Werfe ich ihm diese Fehler vor, stelle ich ihn dem Gelächter seiner Schüler bloß, gesetzt auch, daß ich es aus redlichem Herzen thäte, um ihn zu bessern; so werde ich allemal mehr schaden, als nutzen. Ich werde ihn vielleicht nicht bessern, und seine Schüler werden glauben, ein Recht bekommen zu haben, demjenigen nicht zu gehorchen, welchen die Welt für lächerlich hält. So oft er sie ihrer Pflichten erinnert, so oft wird ihnen einfallen, daß sie von einem eigennützigen Manne, von einem Pedanten, von einem elenden Scribenten daran erinnert werden. Dieses Andenken macht ihnen die wichtigsten Pflichten verächtlich; und ein Schüler, bey dem dieses Vorurtheil die Oberhand gewinnt, wird selten als ein redlicher Mann sterben. Bin ich nicht Schuld? Einen Pedanten habe ich nicht gebessert; dem Vaterlande aber habe ich an seinen Schülern hundert ungesittete Bürger gezogen. In der That erschrecke ich allemal, wenn ich sehe, daß ein Schulmann unter die Geißel der Satire fällt. Ihn bedaure ich selten; aber die Folgen davon sind mir zu ernsthaft. Und thun dergleichen Lehrer wohl Unrecht, wenn sie der Jugend fürchterliche Begriffe von der Satire beyzubringen suchen?

Die Geistlichen haben gemeiniglich das Unglück, daß der Witz satirischer Köpfe auf sie am meisten anprellt. Ich bin sehr unzufrieden damit. Da verschiedne unter ihnen so wenig sorgfältig sind, ihre Fehler zu verbergen; so können sie von uns nicht verlangen, daß wir sie nicht wahrnehmen sollten. Sie sind nicht über die Satire erhaben, das räume ich ihnen nicht ein; viele sind tief unter derselben, wenn man sie nach ihrer unanständigen Aufführung beurtheilen soll, und viele würden gar zu sorglos seyn, wenn ihre ehrwürdige Kleidung sie vor allen Streichen der Satire schützte. Dennoch glaube ich, daß man nicht vorsichtig genug dabey verfahren könne. Es gilt hier beynahe eben das, was ich oben von den Lehrern in Schulen gesagt habe. Die Religion läuft Gefahr, verächtlich zu werden, wenn man die Fehler desjenigen verächtlich macht, welcher gesetzt ist, die Religion zu predigen. Das Volk ist nicht allemal einsehend genug, einen Unterschied zwischen der Person desjenigen, der sie lehrt, und zwischen seinen Lehren selbst zu machen. Wage ich nicht zu viel, wenn ich einen bessern will, und dadurch in Gefahr komme, das Ansehen der ganzen Religion zu schwächen, welche man dem Volke nicht ehrwürdig genug vorstellen kann? Ist ein Geistlicher wirklich lasterhaft; so überlasse man ihn der Obrigkeit, welche aufmerksam genug ist, dem Aergernisse zu steuern, das seine lasterhafte Aufführung in der Kirche veranlassen kann. Hat er lächerliche Fehler, und wir finden schlechterdings nöthig, diese zu züchtigen; so muß unsre Satire so allgemein seyn, daß nur die Fehler lächerlich werden, seine Person aber, so viel es möglich ist, verdeckt und unerkannt bleibt. Sind es Kleinigkeiten, sind es gelehrte Schwachheiten, die ihm anhängen; so habe man Geduld, oder mäßige wenigstens die Bitterkeiten mit aller Vorsicht. Ist er ein Ignorant, und doch exemplarisch, (denn es giebt viel exemplarische Ignoranten); so verehre man ihn wegen seines guten Wandels, und verzeihe ihm seine Unwissenheit. Durch Donatschnitzer kömmt die Kirche nicht in Gefahr, und wir können uns mit der angenehmen Vorstellung beruhigen, daß wir gelehrter sind, als er.

Ich habe bey dem Charakter eines Satirenschreibers gefodert, daß das Ehrwürdige der Religion seine ganze Seele erfüllen muß. Ist dieses, so wird er nicht allein in Ansehung der Geistlichen nach denen Regeln, die ich oben gegeben habe, viele Mäßigung brauchen; sondern er wird auch seine größte Aufmerksamkeit darauf gerichtet seyn lassen, daß durch seine Satiren das Ansehen der Religion nicht im geringsten geschwächt werde. Wie kann sich derjenige rühmen, daß seine Absicht sey, die Tugend allgemeiner zu machen, welcher gegen die Religion leichtsinnig ist? Ein solcher Mensch wird lasterhaft, um nicht lächerlich zu seyn. Von denen will ich nicht reden, welche unter dem gemisbrauchten Namen der Satire sich Mühe geben, den ganzen Bau unsers Glaubens zu erschüttern. Ihre unsinnige Wut, so ohnmächtig sie auch ist, verdient das Tollhaus, und keine vernünftigen Vorstellungen. Ich will nur eines Misbrauchs gedenken, welcher, wenn ich freundschaftlich urtheilen soll, mehr Leichtsinn, als Bosheit, verräth. Es giebt gewisse Gebräuche in der Kirche, welche gleichgültig sind, und zur Religion selbst nicht gehören; sie machen den Geistlichen Wohlstand aus. Man hüte sich ja, diese lächerlich zu machen! Ist das Volk abergläubisch, so wird es unsere Schriften verabscheuen; ist es so leichtsinnig wie wir, so wird es bey diesen gleichgültigen Gebräuchen nicht stillestehen, sondern wesentliche Stücke der Religion auch für gleichgültig halten, und endlich über die ganze Religion spotten lernen.

Es war in Deutschland eine Zeit, wo die Satire nicht anders, als auf Unkosten der Bibel, witzig seyn konnte. Wenn man recht fein scherzen wollte, so scherzte man aus den Psalmen, und es gab muntre Köpfe, welche, so zu sagen, eine ganze satirische Concordanz in Bereitschaft hatten, um in ihrem Witze unerschöpflich zu seyn. Zur Abwechslung brauchten sie die Gesänge der Kirche, und sie brachten dadurch in einer Minute mehr Narren zum Lachen, als Zuhörer der Geistliche durch Bibel und Gesange in einem ganzen Jahre zum Weinen bewegen konnte. Ich freue mich, daß wir uns von diesem verderbten Geschmacke, das ist der gelindeste Name, den man dieser Thorheit geben kann, wieder erholt haben. Worinnen bestund der Witz? Nicht in dem Gedanken, den man vorbrachte, sondern in der Art, wie er vorgebracht ward. Das kam den Zuhörern lustig vor, daß wir die geschwinde Fertigkeit besaßen, den ernsthaftesten Gedanken der Schrift durch eine poßierliche Verdrehung dermaßen zu verunstalten, daß er so abgeschmackt aussah, wie unser eigner Gedanke. Sie fanden dieses Mittel sehr bequem, spaßhaft zu seyn, ohne daß es nöthig gewesen wäre, Verstand zu haben; sie ahmten es mit Freuden nach; und in kurzer Zeit ward dieser Misbrauch so allgemein, daß niemand witzig war, als so ein bibelfester Lustigmacher. Hatte man vor dergleichen Scherze auch um deswillen keinen Abscheu haben wollen, weil sie wirklich dem ehrwürdigen Ansehen der Religion nachtheilig sind; so hätte man sich wenigstens darum ihrer schämen sollen, weil wir dadurch einen Eingriff in die Rechte des niedrigsten Pöbels thaten. Man gebe nur einmal acht! So bald ein Stallknecht sich fühlt, daß er feiner denkt, als die Viehmagd; so wird er sie mit seinem Spaße aus der Bibel, oder einem geistlichen Liede, überraschen. Das ganze Gesinde schreyt vor Lachen, alle bewundern ihn bis auf den Ochsenjungen, und die arme Viehmagd, welche so witzig nicht ist, steht beschämt da. Der satirische Stallknecht! Man lasse ihm seinen angeerbten Witz! Sind wir eifersüchtig darüber?

Darauf bin ich stolz, daß in meinen satirischen Schriften alles mit möglichster Sorgfalt vermieden ist, was einigen Leichtsinn gegen die Religion verrathen, oder als ein Misbrauch der Schrift und Gesänge angesehen werden könnte. Ich habe dieses jederzeit für meine erste Pflicht gehalten; und man wird Stellen finden, wo ich eine wahre Hochachtung gegen die Religion und ihre Diener ernsthaft genug geäussert habe. Desto empfindlicher hat mir es seyn müssen, da ich erfahren, daß man einer von meinen Schriften diesen Vorzug so gar gerichtlich streitig machen wollen. Meine Leser werden mir erlauben, daß ich mich dieser Gelegenheit bediene, etwas zu meiner Vertheidigung anzuführen. Vielleicht lesen sie es mit Vergnügen, denn dergleichen poßierliche Händel kommen nicht alle Jahre vor Gerichte vor.

Der Eidschwur ist ohnstreitig eine der wichtigsten Handlungen im gemeinen Leben, wir mögen den Menschen als einen Christen, oder nur als einen Menschen überhaupt, betrachten. Der Misbrauch der Eidschwüre ist mir vor vielen andern Lastern verabscheuungswürdig vorgekommen Den Grund dieses Misbrauchs habe ich nicht allein in dem Herzen des Menschen gesucht, welches immer geneigt ist, sich seiner Pflichten, so viel möglich ist, zu entlästigen; ich habe auch gefunden, daß die Richter selbst, und wohl vielmals ohne ihren Willen, Schuld daran sind. Die Vorsicht, mit welcher man in alten Zeiten sich des Eides bediente, war Ursache, daß er sich in seinem wahren Werthe erhielt. Je behutsamer man war, die Eide zuzulassen, desto mehr Ehrfurcht behielt man für dieselben im Gerichte. Itzt sind unsre Richter weit nachsehender, und ich weis nicht, ist es die Bosheit der Menschen, oder ist es eine andre Ursache, welche das Uebel beynahe unvermeidlich macht, daß man vor den meisten Gerichtsbänken fast mehr von Eiden, als von Sporteln, reden hört. Ich hatte wahrgenommen, daß ein unverschämter Leichtsinn bey Ablegung eines Eides gewisser maassen zu einer Art des Wohlstandes geworden war. Frauenzimmer, welche sich würden geschämt haben, ihrem Bräutigame vor dem Altar anders, als mit einer ehrbaren und gesetzten Mine, die Versicherung ihrer Treue zu geben, hüpften mit dem flatterhaften Leichtsinne einer Coquette vor den Richterstuhl, und schwuren mit lachenden Minen den schrecklichsten Eid. Männer, und Männer, deren Amt vielmals erfodert, daß sie selbst andre vor dem Meineide warnen müssen, verrichteten diese Handlung mit einer so frechen Sorglosigkeit, daß sie um nichts bekümmert zu seyn schienen, als wie sie ihre Füsse wohl stellen, den Hut unterm Arme anständig halten, und den Mantel auf eine galante Art zurückschlagen möchten. Wer sie in dieser Stellung gesehen hatte, der würde darauf nicht gefallen seyn, daß sie hier wären, vor dem Angesichte des obersten Richters sich entweder zu rechtfertigen, oder ewig zu verfluchen; er würde haben glauben müssen, daß sie da stünden, vor der anwesenden Gesellschaft einen Scaramutz zu tanzen. Der niederträchtige Eigennutz ungewissenhafter Advocaten ist an den meisten Meineiden Ursache. Können sie es nur so weit bringen, daß ihr Client zum Schwure kömmt; so haben sie gewonnen. Fühlt ihr Client noch einige Regungen der Menschlichkeit; ist er noch nicht ganz ohne Gewissen: So werden sie, um einige Thaler beym Processe zu erbeuten, alle ihre Beredsamkeit anwenden, ihn entweder eben so verstockt zu machen, als sie sind; oder, weil dieses so leicht nicht möglich ist, ihm wenigstens durch falsche Begriffe vom Eide, und von dessen geheimen Verstande, das Gewissen, wie sie es nennen, zu erleichtern, um ihn zu Ablegung eines ungerechten Eides zu vermögen.

Alles dieses hatte ich wahrgenommen, und ich setzte mir vor, meinen Mitbürgern diesen thörichten Leichtsinn lächerlich zu machen; in der Hoffnung, diejenigen, welche keiner ernsthaften Betrachtung fähig sind, würden sich wenigstens um deswillen schämen, weit diese Aufführung unanständig ist. Ich redete davon in der satirischen Sprache der Ironie, und sagte von dem Eidschwure: »In den alten Zeiten kam dieses Wort nicht oft vor, und daher geschah es auch, daß unsre gesitteten Vorfahren, die einfältigen Deutschen, glaubten, ein Eidschwur sey etwas sehr wichtiges. Heut zu Tage hat man dieses schon besser eingesehen, und je häufiger dieses Wort, so wohl vor Gerichte, als im gemeinen Leben, vorkömmt, desto weniger will es sagen. Einen Eid ablegen, ist bey Leuten, die etwas weiter denken, als der gemeine Pöbel, gemeiniglich nichts anders, als eine gewisse Ceremonie, da man aufrechts steht, die Finger in die Höhe reckt, den Hut unter dem Arme hält, und etwas verspricht, oder betheuert, das man nicht länger hält, bis man den Hut wieder aufsetzt; mit einem Worte, es ist ein Compliment, das man Gott macht. Ein Compliment aber gehört unter die nichts bedeutende Worte. Etwas eidlich versichern, heißt an vielen Orten so viel, als eine Lügen recht wahrscheinlich machen. Van Höken in seinem allezeit fertigen Juristen nennt den Eid herbam betonicam, und versichert, einem den Eid deferiren, sey nichts anders, als seinem klagenden Clienten die Sache muthwillig verspielen, und die Formel, sich mit einem Eide reinigen, heisse so viel, als den Proceß gewinnen, denn zu einem Reinigungseide gehöre weiter nichts, als drey gesunde Finger, und ein Mann ohne Gewissen. Jene hätten fast alle Menschen, und dieses die wenigsten. Und wenn auch ja jemand die Vorurtheile der Jugend an sich, und ein so genanntes Gewissen hätte; so würde es doch nirgends an solchen Advocaten fehlen, welche ihn eines bessern belehrten, und für ein billiges Geld aus seinem Irrthume helfen könnten. Gott straf mich! oder: Der Teufel zerreisse mich! ist bei Matrosen und Musketirern eine Art eines galanten Scherzes, und in Pommern lernte ich einen jungen Officier kennen, der schwur auch so; doch schwur er niemals geringer, als bey tausend Teufeln, weil er von altem Adel war. Ich will nicht zu Gott kommen; Ich bin des Teufels mit Leib und Seele, ist das gewöhnliche Sprüchwort eines gewissen Narrens, welcher gar zu gern aussehn möchte, wie ein Freygeist. Er würde es in der That sehr übel nehmen, wenn man ihn mit andern kleinen Geistern vermengen, und von ihm sagen wollte, daß er einen Himmel oder eine Hölle glaubte, und dennoch schwört er alle Augenblicke, mit der witzigsten Miene von der Welt, bey Gott und allen Teufeln. Mir kömmt dieses eben so kräftig vor, als wenn unser Münzjude Jesus, Maria! rufen wollte. Seinen Eid brechen, will nicht viel sagen, und wird diese Redensart nicht sehr gebraucht. Auf der Kanzel hört man sie noch manchmal; aber daher kömmt es, daß sie so geschwind vergessen wird, als die Predigt selbst. In der That bedeutet es auch nicht mehr, als die Ehe brechen, und um deswillen ist ein Ehebrecher und ein Meineidiger an verschiedenen Orten, besonders in großen Städten, so viel als ein Mann, der zu leben weis. Diese Bedeutung fängt auch schon an, in kleinen Orten bekannt zu werden, denn unsre Deutschen werden alle Tage witziger, und in kurzem werden wir es den Franzosen beynahe gleich thun.«

Ich würde meine Leser beleidigen, wenn ich ihnen nicht zutrauen wollte, sie könnten, ohne mein Erinnern, einsehen, daß dieses in der lachenden Sprache der Ironie eben dasjenige gesagt sey, was ich oben von dem Misbrauche des Eides, von dem strafbaren Leichtsinne der Schwörenden, und von der Bosheit dererjenigen ernsthaft geschrieben habe, welche ihre Clienten zu einem falschen Eide bereden. Ich ließ diese Stelle, nebst andern, in eben diesem ironischen Charakter, unter dem Titel: Versuch eines deutschen WörterbuchsSiehe diese Sammlung satirischer Schriften, den 2. Theil., in die Monatschrift der neuen Beyträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes, einrücken, und ich war so glücklich, daß dieser Aufsatz bey vernünftigen Lesern Beyfall fand.

Ich weis aber nicht, durch welchen unglücklichen Zufall diese Monatschrift den Bauern eines Dorfs im Voigtlande in die Hände gespielt wird. Sie finden in dem Artikel von Complimenten, in dem von Eidschwüren, und sonst einige Stellen, die ihnen auch als Bauern gefallen. Der Geistliche des Orts hört etwas davon, und weil er nichts als einzelne Stellen hört, so ist es ihm zu gute zu halten, daß er solche, außer ihrem Zusammenhange, für verdächtig hält. Auch dieses will ich bey ihm noch entschuldigen, daß er auf der Kanzel so wohl, als bey dem Kindtaufessen, ängstlich wider diese Schrift eifert; wider diese gefährliche böse Schrift, die er noch nicht gesehen hat. Kurz, er macht Lärmen, und der Gerichtsverwalter tritt ins Gewehr. Nun hebt sich das Schreiben an! Richter und Schöppen, Müller, Bauern und Einnehmer werden vorgefodert; man will das böse Buch heraus haben, es kömmt endlich, und man behälts im Arreste! Hätte man es hierbey bewenden lassen; so würde man an diesem Verfahren nichts weiter auszusetzen finden, als allenfalls eine zu hitzig geäusserte Vorsicht. Ich bin wenig damit zufrieden, daß dieses Buch den Bauern in die Hände gebracht worden. Es kann leicht geschehen, daß Leute von schwacher Einsicht eine Schreibart nicht verstehen, die ihr eigner Gerichtsverwalter nicht versteht, der doch lateinische Bücher hat. Das gemeine Volk misbraucht gar leicht etwas, wovon es die ernsthafte Absicht nicht übersieht, und eine Obrigkeit kann in der That nicht vorsichtig genug seyn, dergleichen Leuten alles wegzuräumen, was ihre Unwissenheit misbrauchen kann. Anfänglich glaubte ich auch, die Bauern hätten einen oder den andern Ausdruck unvorsichtig gemisbraucht, und über die Eide leichtsinnig gescherzt. Wäre dieses gewesen; so würden sie diejenige Strafe verdient haben, welche ein solcher leichtsinniger Misbrauch nach sich zieht; aber nein! Davon findet sich in den Acten nicht die mindeste Spur. Sie haben darinnen gelesen, sie haben mit Vergnügen darinnen gelesen, und das ist ein Verbrechen! Man treibt die Untersuchung weiter; man will alle wissen, die in diesem Buche gelesen haben. Es werden Zeugen vernommen, und das Ansehen der Eide zu vertheidigen, werden vergebne Eide geschworen, weil man alle diejenigen entdecken will, welche sich den Satan haben blenden lassen, das Buch zu lesen. Hätte man wohl eine grimmigere Untersuchung wider Faustens Höllenzwang anstellen können? Also gieng die Verfolgung bloß über die arme Schrift, welche mit öffentlicher Censur gedruckt, und im ganzen Lande orthodox war, nur in diesem Winkel von Sachsen nicht. Die Acten sind voll von beleidigenden Ausdrücken, von solchen Ausdrücken, welche einem Richter unanständig sind, und welche die Gesetze, als Beschimpfungen, gestraft wissen wollen. Man nennet meine Schrift: Verwegenste Sätze von Geringschätzung der Eidschwüre; gottlose, gewissenlose Lehren; ein ärgerliches Wesen; verdächtige und spöttische Ausdrückungen von Eidschwüren; ausgestreute Lehren vom Misbrauche des Meineids; öffentliches Aergerniß; Verführung unschuldiger Herzen; skoptische Sätze; Sätze, welche zu nichts geschickter sind, als ein zügelloses Leben zu aller heimlichen Bosheit zu befördern, und so weiter. Und wo kömmt denn Ihnen alle diese Weisheit her, mein Herr, daß Sie in einem Buche so viel giftiges finden, welches vor Ihnen niemand gefunden hat, und nach Ihnen niemand finden wird. Kann denn ich was dafür, daß ihre Bauern ein Buch gelesen haben, das weder für ihre Bauern, noch für Sie geschrieben ist? Muß man denn so ungezogen seyn, wenn man für die Ehre der Religion zu eifern glaubt? Und kann man sein Amt nicht verwalten, ohne grob zu werden? Wie sollte der Herr Gerichtsverwalter gesprudelt haben, wenn er in den Zeiten geboren wäre, wo die Hexenprocesse noch Mode waren! Es ist ein Glück für mich, daß wir in Sachsen kein Auto da Fe haben! Ich sehe im Geiste, wie er aus heiliger Einfalt ein Bündel Holz zu meinem Scheiterhaufen trägt. In der That bin ich überzeugt, daß dieses ganze Verfahren mehr Eifer, als Ueberlegung, zum Grunde hat. Ausserdem würde ich mich empfindlich rächen. Da ich Gelegenheit gehabt habe, mich zu verantworten; so bin ich geneigt, ihm ein Vergehen zu verzeihen, dessen er sich, wie ich aus christlicher Liebe hoffe, mit der Zeit schämen wird. Ich wünsche ihm mehr Gutes, als er von mir Böses gesagt hat. Ich will ihm, so viel ich kann, alle Wohlthaten vom Himmel erbitten, et magnum Dei beneficium est, sensu communi valere, sagt Cominäus!

Ehe ich schließe, muß ich noch eines Fehlers gedenken, welcher sich bey der Satire sehr oft äußert, und an dem die Verfasser so wohl, als die Leser, Schuld sind. Manche sind nicht im Stande, Satiren und lebhaft zu schreiben, wenn sie nicht einen aus dem Volke herausheben, und seine Laster oder lächerliche Gewohnheiten der Welt zur Schau stellen. Sie verfolgen und zerarbeiten ihn solange, bis er der ganzen Welt verhaßt oder lächerlich ist. Ich setze voraus, daß sie dieses in der That aus Liebe zur Tugend, und andre vor seinen Fehlern zu warnen, nicht aber aus Feindschaft und Verbitterung, nur um sich zu rächen, thun; denn alsdann verdienen sie den Namen eines Satirenschreibers nicht einmal. Gesetzt aber auch, ihre Absicht wäre billig; so glaube ich doch, daß diese verzweifelte Cur nicht eher zu brauchen ist, bis das Laster gar zu gefährlich ist, und zur Besserung sonst keine Mittel mehr übrig sind. Derjenige, welchen wir auf diese Art dem Hasse, oder dem Gelächter Preis geben, ist nunmehr ganz außer dem Stande, sich zu bessern; so wohl, als ein Missethäter, den man an der Stirne gebrandmarkt hat. Die öffentliche Schande muß ihn zur Verzweiflung bringen, und er wird öffentlich lasterhaft, da er es vorher vielleicht nur heimlich war. Ich glaube aber auch, daß wir selbst bey dieser persönlichen Satire, dieses ist ihr eigentlicher Name, Gefahr laufen, parteyisch zu werden. Aus allgemeiner Menschenliebe fangen wir an, seine Fehler zu tadeln, und aus Eigenliebe fahren wir fort, ihn ohne Barmherzigkeit niederzureißen, so bald er Muth genug hat, sich zur Wehr zu stellen. Ich will diesen Satz mit nichts beweisen, als mit unsern gelehrten Streitigkeiten. Ich glaube, dieser Beweis geht über alle. Außer der Gefahr, in welche sich auf diese Art ein Satirenschreiber begiebt, sich aus seinen Schranken zu verirren, wird er selbst sehr viel dabey verlieren. Ich habe das Herz nicht, einen Verfasser zu fragen, ob er nicht für die Nachwelt schreibe? wenigstens würde ich sehr betreten seyn, wenn man mich auf mein Gewissen darüber fragen wollte. Wir wollen es also nur aufrichtig gestehen; wir schreiben auch für die Nachwelt. Können wir wohl hoffen, daß wir durch die persönliche Satire diesen großen Zweck erlangen? Ich glaube es nicht. Unsre Satire wird nur denen gefallen, welche den lächerlichen Menschen kennen, den wir züchtigen. Wollen wir diesen Thoren mit verewigen? Wird die Nachwelt, die von ihm nichts mehr weis, als was wir von ihm gesagt haben, mit eben dem Vergnügen unsre Schrift lesen, wie es allenfalls die jetzt lebenden thun? Hundert kleine Umstände, die uns lächerlich sind, fallen sodann weg, und werden den Nachkommen gleichgültig. Wie viel vermissen wir, eben um deswillen, an den Satiren des Juvenals? Boileau, dessen Witz vielleicht bitterer, als aufrichtig, war, hat einen großen Theil der Unsterblichkeit seinen Scholiasten zu danken. Viele Schriften vom Swift kommen uns abgeschmackt vor, weil wir in Deutschland die Originale nicht kennen, und die Gelegenheiten nicht mehr wissen, welche seine persönlichen Satiren veranlaßt haben. Thun wir uns also durch dergleichen persönliche Satiren nicht selbst Schaden?

Wie unendlich sind die Vorzüge, welche die allgemeine Satire vor der persönlichen hat! Dadurch, daß ich Laster oder Fehler, welche vielen zugleich gemein sind, zum Gegenstande meiner Satire wähle, vermeide ich bey billigen Lesern den Vorwurf, daß ich aus Privatleidenschaften, aus persönlichem Hasse, aus Begierde, mich zu rächen, schreibe. Gewinnt ein Autor so viel, erlangt er das Zutrauen der Leser, daß seine Absichten tugendhaft, billig und uneigennützig sind; so hat er schon halb gewonnen. Er kann gewiß hoffen, daß seine Satiren bessern werden, und da er den Beyfall der vernünftigen Welt auf seiner Seite hat, so muß der Lasterhafte sich schämen, ihn anzufeinden. Ich lasse ihm Platz sich zu bessern, da ich seine Person geschont habe. Noch ist er unerkannt; noch weis niemand, daß er dieser Lasterhafte ist; nur ich weis es, und sein Gewissen. Er hat noch Zeit, tugendhaft zu werden; und die Welt soll es nicht erfahren, daß er lasterhaft gewesen ist. Es kann nicht fehlen; eine allgemeine Satire muß eine allgemeine Besserung wirken. Die Thorheit, die in Leipzig lächerlich ist, eben diese Thorheit ist in Lissabon und in Moskau lächerlich. Die Narren sehen, wie die Menschen, alle einander ähnlich; nur einige Züge verändert das Clima. Kann meine Eigenliebe etwas mehr verlangen, als die schmeichelhafte Vorstellung, daß, wenn ich die satirische Geissel wider die Ungereimtheiten meines Nachbars aufhebe, sich alle Thoren eines ganzen Landes bücken, aus Furcht, daß der Streich ihnen gilt? Wird aber dieses geschehen, wenn ich ihnen sage, daß ich meinen Nachbar meine? Eine allgemeine Satire bleibt der Nachwelt immer neu. Eben die Thoren, die uns lächerlich sind, sind auch die Thoren ihrer Zeit. Schildre ich das Laster allgemein; so liest der Enkel den Charakter eines Lasterhaften, er vergißt, daß dieser schon vor hundert Jahren gestorben ist, und sucht ihn in seiner Stadt.

Ich habe mich vor persönlichen Satiren in meinen Schriften mit allem Fleisse gehütet. Die Charaktere meiner Thoren sind allgemein; nicht ein einziger ist darunter, auf welchen nicht zehen Narren zugleich billig Anspruch machen können. Zeichne ich das Bild eines Hochmüthigen, so nehme ich die unverschämte Stirne von Baven, die stolzen Augenbraunen von Mäven, die vornehm-dummen Blicke von Gargil, die aufgeblasnen Backen vom Crispin, die trotzige Unterkehle vom Kleanth, den aufgeblähten Bauch von Adrasten, den gebieterischen Gang von Neran; und aus diesen sieben schaffe ich einen hochmüthigen Narren, der heißt Suffen. Können Bav und Mäv, können die übrigen sagen, daß ich sie gezeichnet habe? Suffen wird noch leben, wenn sie alle todt sind, und ein jeder von ihnen wird wohl thun, wenn er sich denjenigen Fehler abgewöhnt, welchen er in dieser Copie lächerlich findet. Habe ich mir auch eine einzelne Person zum Originale vorgenommen; so bin ich doch sorgfältig bemüht gewesen, so lange an ihm zu arbeiten, bis das Original durch viele fremde Züge unkenntlich, und zu einem neuen Originale geworden ist.

Ich bin diese Vorsicht meiner Pflicht und der allgemeinen Menschenliebe schuldig gewesen. Desto weniger aber können es diejenigen neugierigen Leser verantworten, welche so vorwitzig sind, und zu diesen allgemeinen Charakteren dennoch gewisse Personen aussuchen, welche darunter gemeint seyn sollen. Es ist dieses ein sehr gewöhnlicher Fehler der Menschen. Darf ich es wohl sagen, woher er rührt? Wir haben die ungerechten Begriffe von der Satire, daß sie nicht so wohl auf die Fehler der Menschen, als auf die Personen, gehen soll. Wir suchen daher Personen, so bald wir eine Satire in die Hände bekommen. Es ist eine gewisse Bosheit in uns, die uns in einer beständigen Beschäfftigung erhält, die Fehler andrer auszuspähen. Wir freuen uns, wenn andre lächerlich gemacht werden: denn wir sind sehr geneigt, mehr über die Fehler andrer zu lachen, als über ihre Tugend uns zu freuen. Mitten unter diesen Entdeckungen sind wir ruhig, daß nicht wir, wir tugendhaften Leute, sondern unser närrischer Nachbar gemeint ist. Könnten wir wohl so ruhig seyn, wenn wir nicht zu viel thörichte Eigenliebe besässen? Vielleicht glaubt unser Nachbar, die Satire gehe auf uns, und wir lachen wohl zu gleicher Zeit beyde über einander. Verdient nicht unser boshafter Vorwitz die schärfste Satire? Durch unsre Auslegungen wird dasjenige eine persönliche Beleidigung, was der Verfasser in der billigen Absicht geschrieben hat, keinen zu beleidigen, sondern alle zu bessern. Es ist wahr; für den Verfasser ist es sehr vortheilhaft, wenn man an zehen Orten zugleich den Thoren findet, den er auf seiner Stube geschildert hat! Man gesteht dadurch, daß seine Charaktere sehr allgemein, und die Thorheiten nach dem Leben gezeichnet sind. Aber diese Schmeicheley muß ihm so schätzbar nicht seyn, als der Ruhm, daß er nur die Fehler der Menschen verfolgt, die Menschen aber als ein vernünftiger Mitbürger liebt. Jener Beyfall kützelt nur seinen Witz; dieser aber macht, daß er ein Recht erhält, auf sein redliches Herz stolz zu seyn.

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