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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 18
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Gottlieb Wilhelm Rabeners Satiren. Zweyter Theil.

 

 

Beweis,

daß die Reime in der deutschen Dichtkunst

unentbehrlich sind,

bey einer gewissen Gelegenheit im Jahre 1737 verfertigt.S. Belust. des Verst. und Witzes, Wintermonat 1741.

     

Nein! Länger schweig ich nicht! Mein Zorn bricht endlich los.
Der Frevel wird zu kühn, der Uebermuth zu groß,
Womit die blinde Welt der edlen Dichtkunst spottet,
Ihr mit dem Falle droht, und sich zusammen rottet.
Drey ganzer Jahr hab ich geduldig zugesehn,
Wie ihre Feinde sich verschwören, sie zu schmähn,
Wie weit die Barbarey in ihrer Wut gestiegen;
Und dennoch hab ich stets vor Furcht und Gram geschwiegen.

Vor diesem, wenn Lucil von Versen übel sprach,
So schlich ihm unvermerkt mein junger Satyr nach,
Und riß, durch Zorn beherzt, dem Spötter der Gedichte,
Mit ungestrafter Hand, die Larve vom Gesichte.
Das aber wagt ich nur, als ich ein Jüngling war:
Mein reifender Verstand bemerkte die Gefahr.
Mein scheuer Satyr sah das klägliche Geschicke,
Das Vers und Wahrheit traf; bestürzt wich er zurücke,
Warf seine Geißel hin, und fluchte seiner Kunst.
Die Muse winkte mir, und hielt mir ihre Gunst,
Und mein Versprechen vor; sie drohte, mich zu hassen,
Verhieß, und bat. Umsonst! Ich schwur, sie zu verlassen;
Ich schwur, und hielt es auch. Doch endlich siegt die Pflicht;
Ich breche meinen Schwur, und schweige länger nicht.
Die größten Flecken sucht, durch freches Splitterrichten,
Der schönsten Poesie der Tadler anzudichten.

Will ein erhabner Geist, ein zweyter Lohenstein,
Des Phöbus Hofpoet, und erster Günstling seyn,
Und der geneunten Zahl, mit reingewaschner Lippe,
Im gläserhellen Quell des Pferdebrunns Enippe,
Der Andacht Weihrauch streun; bricht sein erhitzter Muth,
Beschwängert von der Kunst, durch Flammen, Blitz und Glut;
Ruft er der Schwefelbrunst der donnerharten Flammen,
Und ruft Megärens Zunft, und ruft den Styx zusammen:
Tanzt er auf Stelzen her, wenn er Gewitter wälzt,
Und eine Feuersbrunst des Herzens Marmor schmelzt;
Läßt er rund um sich her des Unglücks Nordlicht glänzen;
Macht er in Gleichnissen, seufzt Crien, weint Sentenzen:
So kömmt ein Zoilus und ruft: Der Dichter schwillt!
Sein ganzer Vers ist Rauch, sein Kopf mit Dunst erfüllt.
Seht, wie er die Vernunft in Demantketten führet,
Im Paroxysmus singt, und Oden phantasiret.

Wenn unser Seladon so süß, so lieblich singt,
Und seiner Lalage Zimmt, Mosch und Biesam bringt,
Crystall und Perlen weint, den Kiel in Nektar tauchet,
Zibeth und Calmus kaut, und Ambra von sich hauchet,
Auf Nelken, Klee, Jesmin und Anemonen geht,
Verzweifelt, wenn kein West bey seiner Schönen weht,
Beklagt, daß seine Pein kein Thau, kein Balsam lindert,
Die neue Welt erschöpft, und die Levante plündert,
Zu sagen, daß sein Kind vor andern ihn entzückt,
Das ganze Firmament in ihrem Aug erblickt,
Und in ihr Angesicht, das wie die Venus stralet,
Von Blumen aller Art, ein ganzes Chaos malet:
Was meint ihr? Was vergilt die Müh des Seladon,
Wenn er so kostbar reimt? Was ist sein ganzer Lohn?
Man lachet über ihn. Der Neid, statt ihn zu preisen,
Eilt gleich, ihm seinen Platz im Tollhaus anzuweisen.

Rächt, Musen, euch und uns! Seht, wie die dreiste Welt
Von Bürgern euers Reichs ein schnödes Urtheil fällt!
Straft sie – – Doch haltet noch mit euerm Zorn zurücke!
Es giebt der Spötter mehr! Kommt! Werfet eure Blicke
Auf jenen frechen Schwarm, der voller Tücke schnaubt,
Euch nach dem Herzen greift, und Ruhm und Lorbeer raubt;
Ja gar, o Frevelthat! – ja gar, ach, soll ichs sagen! –
Den Reim, den edlen Reim, will aus den Versen jagen.
Eilt, Musen! Reißt den Blitz aus euers Vaters Hand!
Der Schwarm wird mächtig. Eilt, eh er uns übermannt!
Und kommt, und kämpft, und siegt, und schlagt die Feinde nieder,
Und schützt den werthen Reim, das Hauptwerk deutscher Lieder!

Denkt, Freunde, die ihr noch die Musen redlich liebt!
Ihr, denen bloß der Reiz die ganze Größe giebt!
Die ihr durch ihn allein die Zierden Deutschlands heißet,
Und euch vor Hunger schützt! Denkt, was man euch entreißet,
So bald man euch den Reim, den Witz der Verse, nimmt!
Daß unser großer Bav noch seine Saiten stimmt,
So manchen Namenstag in Demuth festlich feyert,
Und mit geschickter Hand die Mahlzeit sich erleyert;
Daß Mäv, der unsre Stadt durch seinen Ruhm erhebt,
Er, seiner Brüder Schmuck, im Ueberflusse lebt:
Daß Clelia nicht stolz den Dorimen verachtet,
Und er nicht ganz umsonst nach ihren Küssen schmachtet:
Daß Stentor sich mit Lust im Kupferstich erblickt,
Und sich die halbe Welt vor seinem Lorbeer bückt;
Daß itzt mein Pegasus nicht darf so ängstlich schäumen;
Dieß alles macht allein die Kunst, geschickt zu reimen.

Die Wahrheit schützt den Satz. Nehmt einen Todtenfluch,
Ein buntes Quodlibet, das schönste Liederbuch,
Das zierlichste Sonnet, das längste Hochzeitcarmen;
Und streicht die Reime weg. Was bleibt? Nicht ohn Erbarmen
Hört ihr, so lieblich es erst in die Ohren fiel,
Nur Scherze, sonder Kraft, ein frostigs Wörterspiel,
Ein abgenutztes Nichts, das immer wiederkehret,
Und ein Geschwätz, das man beym Pöbel besser höret.

Bewundert ehrfurchtsvoll des Reimes Zauberkraft,
Der Bücher voller Schall aus einem Nichts erschafft!
Der Reim? Wie? Dieser Zwang, der das Gedicht entseelet?
So wirft ein Tadler ein. Der Henker, der uns quälet,
Der Ordnung und Verstand auf seine Folter streckt,
Die Wörter radebrecht, dem Dichter Angst erweckt,
Selbst den Geduldigsten der Leser oft ermüdet,
Der Wahrheit und Natur in schwere Fesseln schmiedet.
Das Feuer
– Frevler, schweig! Des Zwanges Mühsamkeit
Bringt gegen ihn dich auf, und was du sprichst, ist Neid.
Wie sollte wohl der Reim Verstand und Ordnung hindern,
Der Wahrheit Abbruch thun, und Geist und Feuer mindern?
Geh! Zähle selber nach! Sieh, viele reimen nicht,
Von denen alle Welt aus einem Munde spricht,
Daß sie den größten Schmuck aus alten Dichtern stehlen,
Daß ihnen Feuer, Geist, Verstand und Ordnung fehlen;
Sie reimen gleichwohl nicht. Daß zwar so mancher sitzt,
Und voll Verzweifelung bey seinem Hübner schwitzt,
Ein Dutzend Federn kaut, die Hände kläglich ringet,
Und doch, nach langer Quaal, kein glücklichs Wort erzwinget,
Das hinten reimen muß; das alles glaub ich dir,
Das alles geb ich zu: Ich seh es wohl an mir.
Was ist es aber mehr? Ein inniges Ergetzen,
Wenn man den Reim erhascht, weis alles zu ersetzen.

Wie oft, wie glücklich zerrt des Reims geheime Macht
Den schönsten Einfall her, an den man nie gedacht.
Gesetzt, es schlösse sich der erste Vers mit Wonne!
So fällt ein kluger Kopf gleich auf die liebe Sonne.
Er denket weiter nach; er folgt der edlen Spur,
Beschreibt den ganzen Bau der wirkenden Natur,
Erwischt den großen Bär, besinnt sich auf Callisten,
Verflucht die Eifersucht, beseufzet, daß die Christen,
(Gleich brachte mich der Reim auf unser Christenthum,)
Beseufzet, daß die Welt so wenig nach dem Ruhm
Vergnügter Ehe strebt, und saget uns zur Lehre,
Daß sich ein Mädchen leicht in einen Bär verkehre.

Ihr Feinde dieser Kunst, gesteht es, daß ihr irrt.
Hört selbst, wie schlecht ein Vers dem Ohre schmeicheln wird,
Dem es an Reimen fehlt! Wagt es, bloß zu scandiren!
Versuchts! Wen werdet ihr durch euer Lied wohl rühren?
Tartüff der alte Schalk, betrügt die ganze Welt;
Sevil ist lüderlich; Crispin ein dummer Kerl;
Stax macht gelehrten Wind; Neran verdreht die Rechte;
Florinde lebt verhurt; und Harpax ist ein Knicker;
Clitande
r – – Doch genug! Ihr gähnt und schlummert ein;
Ich schlummre selber mit. Was könnte trockner seyn?
Ein angehängter Reim kann alle Schäden heilen.
Versucht es nur einmal! verändert diese Zeilen,
Und sprecht: Tartüffe bleibt ganz unverbesserlich;
Sevil lebt mit der Welt: Crispinus lebt vor sich;
Stax ist ein weiser Mann; Neran ein Advocate;
Florindchen lebt galant, und Harpax hält zu Rathe.

Sagt selbst, nimmt dieß das Ohr nicht schmeichelhafter ein?
Man liest, man lobet euch. Gesteht es, daß allein
Der Reim den Dichter macht! fangt an, euch zu bekehren!
Versöhnt der Musen Zorn, und lernt den Reim verehren!

Es lebe, was sich reimt! Schon stimmt mir Deutschland bey,
Daß ein geschickter Reim der Dichtkunst Kleinod sey.
Ich kann zu meinem Ruhm die Schutzschrift nun vollenden:
Denn, wem die Wahrheit hilft, der hat den Sieg in Händen.

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