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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 17
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Schreiben

des

Gratulanten an den Autor,

nebst den

Gedanken des Autors

darüber.Unter dem Namen, der Autor, sind verschiedene Stücke in die Belustigungen des Verstandes und Witzes eingerückt worden. Gegenwärtiges findet sich daselbst im Hornung 1744.

 

 

Mein Herr,

Ich muß es Ihnen ohne Schmeicheley gestehen, daß ich mich niemals des Lachens enthalten kann, so oft Sie mir auf der Gasse begegnen. Sie sind ein Autor; und da ich mit Ihnen, wie ich bald erweisen will, gleiches Recht zu diesem prächtigen Titel habe, so glaube ich, ein Autor kann den andern so wenig, als vormals bey den alten Römern ein Vogeldeuter den andern, ohne Lachen ansehen. Sie schreiben aus Liebe zum Vaterlande; und so oft ich die Feder ansetze, so oft ist dieses meine Sorgfalt, daß ich meine geneigten Leser mit einer patriotischen Miene versichere, bloß die Liebe gegen meine Mitbürger, und die zärtlichste Neigung gegen das menschliche Geschlecht überhaupt, habe mich auf den rühmlichen Einfall gebracht, ihre Glückseligkeit durch meine Schriften zu befördern. Sie, mein Herr, haben alle gebührende Hochachtung gegen sich selbst, und ich lasse mir in diesem Stücke alle Gerechtigkeit wiederfahren; denn das Wohlwollen, welches ich gegen mich hege, ist so stark, daß ich mich für die vollkommenste Creatur unter der Sonnen halte, meine Schriften niemals ohne Bewunderung ansehe, und ihnen den billigen Vorzug einräume, welchen sie vor allen andern haben. Ja ich beobachte die Pflichten meines Berufs so genau, daß ich niemals ohne Verachtung an diejenigen Werke gedenken kann, welche künftig die Presse verlassen werden. Sie schreiben, ohne zu denken, (wenigstens suchen Sie uns dieses zu bereden,) und ich muß Ihnen zugestehen, daß Sie, nach meiner Einsicht, diesen Character mit vieler Wahrscheinlichkeit zu behaupten wissen. Mir aber läßt dieses, ohne Ruhm zu melden, noch weit natürlicher, als Ihnen. Wer mich kennt, und es kennen mich viel Leute, der giebt mir das Zeugniß, daß man gleich bey dem ersten Anblicke, bey den ersten Worten, die ich rede, auf die sinnlichste Art überführt werde, daß mich die Natur recht dazu erschaffen zu haben scheint, ein Autor, nach Ihrer Erklärung zu seyn; denn ich bin im Stande, viel Stunden hinter einander eine ganze Gesellschaft zu unterhalten, ohne daß man die geringste Spur eines Nachdenkens in mir entdeckt. Ich glaube, dieses würde genug seyn, Ihre Hochachtung zu verdienen; allein Sie wissen wohl, mein Herr, daß ein Autor am liebsten von sich selbst redet, und um deswillen werden Sie es nicht ungütig nehmen, wenn ich Ihnen noch ein kleines Verzeichniß meiner autormäßigen Fähigkeiten mittheile. Ich finde, wo ich mich nicht sehr irre, daß Sie der Himmel mit aller derjenigen Herzhaftigkeit ausgerüstet hat, welche Ihnen und Ihren Herren Collegen, in diesem streitbaren Jahrhunderte, so unentbehrlich ist. Aber sollten Sie nur die Ehre haben, mich genauer zu kennen; so würden Sie an mir einen deutschen Burmann, einen kritischen Panduren, mit einem Worte, einen solchen Kunstrichter finden, der an Dreistigkeit, und, wenn ichs sagen darf, an Unverschämtheit alle diejenigen übertrifft, welche bisher unserm Vaterlande so manche vergnügte Stunde gemacht haben. Bey Ihren Schriften, mein Herr, haben Sie keine andre Absicht weiter, als daß Ihr Name unsterblich, und die Bewunderung der spätesten Nachwelt seyn möge. Dieses ist der einzige Umstand, in welchem ich von Ihrer Sittenlehre abgehe. Ich schreibe zwar auch für die Nachwelt; deswegen aber mag ich nicht für die Nachwelt hungern, und wenigstens scheint mir derjenige eine sehr betrübte Figur zu machen, welcher mit dem Lorbeer auf dem Haupte, und einem leeren Magen, der Unsterblichkeit entgegensehen muß. Ich bin für das Vaterland geboren, und mein Vaterland ist für mich da. Die Pflichten gegen mich selbst bleiben mir allezeit die stärksten, und ich empfinde den innerlichen Beruf, ein Autor zu werden, niemals überzeugender, als wenn mich hungert. Ich will nicht hoffen, daß mir dieses freye Bekenntniß bey Ihnen zum Nachtheil gereichen wird; denn ich kenne meine Herren Collegen gar zu genau, und weis es aus der Erfahrung, daß sie niemals großmüthiger thun, als wenn sie die Freygebigkeit des Verlegers zur Unsterblichkeit aufgemuntert hat. Es war nöthig, Ihnen dieses alles im Voraus zu sagen; denn nunmehr werden Sie wohl einsehen, daß ich zwar ein Autor, aber ein solcher Autor bin, dem sein Leben so lieb ist, als sein Nachruhm. Wollten Sie daran nur im geringsten zweifeln, so darf ich Ihnen nur ein Wort sagen. Ich bin ein Poet, und eigentlich ein glückwünschender Poet; denn es darf es kein Mäcenat oder keine Mäcenatinn wagen, einen Namens- oder Geburtstag, oder ein andres Fest zu begehen, denen ich nicht auf einen großen Regalbogen mit vieler Lebhaftigkeit erzähle, daß ich mit der tiefsten Ehrfurcht, jedoch nicht ohne Ursache, verharre, der unterthänigst gehorsamste Autor. Ich würde mich gegen Sie, mein Herr, nicht so aufrichtig erklären, wenn Sie nicht selbst ein Bekenntniß von Ihrem guten Geschmacke in der Poesie abgelegt hätten. Ich weis wohl, was für Poeten auf ihre Hochachtung einen Anspruch machen dürfen. Leute, welche die Poesie zu andern Dingen, als zum Gratuliren und Condoliren, anwenden; Leute, denen die Fundgruben der edlen Reimkunst so wenig entdeckt sind, daß sie ihnen nicht, statt aller Wissenschaften, dienen können; Leute, welche das Amt, zu wünschen, für so geringe halten, daß sie dabey noch Zeit haben, etwa zu lernen; solche Leute, sage ich, verdienen Ihre und meine Betrachtung eben so wenig, als alle Autoren überhaupt, welche noch unter dem Zwange der Vernunft stehen. Da ich aber hievon völlig frey bin; so würden Sie gegen Ihren Mitbruder sehr barbarisch seyn, wenn Sie mir, bey meinen Umständen, die ich Ihnen gleich entdecken will, Ihr Mitleiden versagen wollten. Ich finde nämlich an meinem eignen Exempel, daß der Geschmack zu den schönsten Künsten und Wissenschaften leider in grossen Verfall gerathen ist. Es verlohnt sich beynahe nicht mehr der Mühe, daß man den Leuten alles ersprießliche Wohlergehen anwünscht. Ich erinnere mich der glückseligen Zeiten noch wohl, da Braut und Bräutigam noch nicht das Herz hatten, sich ohne unsre poetische Einsegnung zu Bette zu legen. Kein Magister durfte sich unterstehen, mit gutem Gewissen den Ring zu tragen, wenn er nicht wenigstens ein Dutzend gedruckte Zeugnisse von dem Besitze der sieben freyen Künste aufzuweisen hatte. Wir Poeten, (die Thränen treten mir in die Augen, wenn ich daran gedenke,) wir göttliche Poeten, hatten an der Geburt, und an dem Absterben unser Nebenmenschen eben so viel Antheil, als die Hebammen und Aerzte. So bald ein Kind auf die Welt kam, so schwuren wir, so lange wir noch Athem und Reime hatten, daß es des theuren Vaters Ebenbild und die Hoffnung des hohen Hauses, sowie des ganzen Vaterlandes wäre. Starb aber jemand, so war keine Muse auf dem Parnasse, welche nicht mit zu Grabe gehen mußte; denn es fehlte oftmals dem Wohlseligen an betrübten Erben, und dem Dichter an Geld. Bartholus und Baldus hatten keine ruhige Stunde; denn so bald ein gelehrter Herr Candidat, durch die weise Vorsehung seiner Mama, zum Priester der Gerechtigkeit eingeweihet wurde; so zog ich diese graubärtigen Rechtsgelehrten aus ihrer Gruft hervor, und ließ sie die Weisheit des jungen Herrn Doctors bewundern. Vergeben Sie mir, mein Herr, daß ich Sie mit Erzählung solcher Sachen aufhalte, die Ihnen nicht fremde sind, aber doch noch bekannter seyn würden, wenn Sie so, wie ich, unter Reimen und Wünschen grau geworden wären. Ich bin niemals weitläuftiger, als wenn ich auf die Glückseligkeit der vergangnen Zeiten zu reden komme, in welchen kein Handwerksmann lebte, der nicht auch zugleich ein Mäcenat war. Es geht mir, wie den alten Schönen, welche sich derjenigen Jahre mit Wollust erinnern, da sie der Gegenstand verliebter Seufzer und zärtlicher Blicke gewesen, aber eben um deswillen ein gerechtes Misfallen empfinden, da sie nunmehr ihre Schönheit verschwunden, und sich von der Menge ihrer Anbeter verlassen sehen. Wenn es so fortgeht, so muß ich der unglücklichste Mensch auf der Welt werden. Niemand verlangt etwas von meiner Waare. Man freihet, man stirbt, man wird geboren, und alles dieses ohne mich. Nichts Böses soll man den Leuten wünschen; wünschet man ihnen aber etwas Gutes, so wird es nicht bezahlt. Wo will hernach der Segen herkommen? Und sind unsre verstockten Mitbürger nicht selbst Schuld daran, wenn sie weder Stern noch Glück haben? Gewiß, mein Herr Autor, ich fürchte, es sind itzt die letzten Zeiten, und die Atheisterey, die Philosophie, der Undank – – –. O mein Herr, die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich daran gedenke. Halten Sie mir meinen Eifer zu gute! Ich eifre nicht für mich, ich eifre für das Vaterland, für mein undankbares Vaterland, welches sich um tausend gute Wünsche, und mich um manchen Gulden bringt. Ich habe vielmals den Einfall gehabt, ob es nicht billig wäre, daß die Obrigkeit für die alten Poeten meiner Art eben die Sorgfalt trüge, welche sie für abgedankte Soldaten, oder für abgelebte Männer und Weiber hat. Sollte es nicht dem gemeinen Wesen sehr vortheilhaft seyn, wenn sie ein Gratulantenspital errichtete? Wenigstens sollte es mir ein besonders Vergnügen seyn, wenn ich den vorüberreisenden Fremden die Allmosenbüchse vorhalten, und ihnen, für ihre Gaben, Gottes reichen Seegen anwünschen sollte. Denn ich bin das Wünschen gewohnt, und um deswillen sollte mir diese Arbeit nicht schwer fallen. Ich werde es aber wohl nicht erleben, daß dieser gute Vorschlag jemals zu Stande kömmt, und um deswillen wird es nöthig seyn, daß ich auf andere Mittel sinne, welche zu meiner Erhaltung dienen können. Es hat mir ein vornehmer Gönner den Vorschlag gethan, daß ich um die Stapelgerechtigkeit ansuchen sollte, vermöge welcher nur ich allein, und sonst niemand, binnen zwanzig Meilen um meinen Aufenthalt herum, die Freyheit haben sollte, meinem Nächsten etwas Gutes zu wünschen. Allein zu geschweigen, daß mir dieser Vorschlag ein wenig zu weitläuftig aussieht; so fürchte ich mich auch der Sünde, da ich manche Seufzer und Thränen auf mich bringen, und die Menge meiner glückwünschenden Mitbrüder in die erbärmlichsten Umstände setzen würde. Ich habe noch einen andern Einfall. Sie sind berühmt, mein Herr Autor. Sie sind in den witzigsten Gesellschaften bekannt, und ich höre, daß ihre Worte nicht ohne Nachdruck sind. Thun Sie das Werk der Barmherzigkeit an einem unglückseligen Collegen, an einem Autor, an einem Poeten, der vor guten Wünschen bersten möchte! Empfehlen Sie mich Ihren Lesern zu freygebigem Wohlwollen! Sagen Sie ihnen, daß ich einen natürlichen Trieb zu singen habe; so werden sich Gönner genug finden, welche eine natürliche Begierde besitzen, besungen zu werden. Umsonst können sie es freylich von mir nicht verlangen; aber ich will es doch gewiß billig machen. Ich will sie alle loben, ich gebe Ihnen mein Wort; und ob ich gleich die Verdienste meiner Helden noch nicht weis, so gehört dieses doch nicht zur Hauptsache. Ich bin versichert, sie werden nicht unerkenntlich seyn, und schon dieses ist lobenswürdig genug. Damit Sie aber auch wissen mögen, wieviel Sie sich von meiner Fähigkeit zu versprechen haben: so will ich Ihnen einige Proben davon bekannt machen. Ich habe einen ziemlichen Vorrath schöner Gedanken, wovon die meisten bereits ausgearbeitet sind, und nur auf den Titel warten. Wollte aber jemand das Carmen auf seine besondern Umstände eingerichtet haben, oder wäre er etwa gar so glücklich, einen Namen zu führen, welcher zu sinnreichen und tröstlichen Einfällen Anlaß giebt; so bitte ich, mir solches nur zu melden. Man darf nur nach dem Gratulanten fragen; es kennen mich alle Kinder. Ich werde nicht undankbar seyn. Sie können Sich darauf verlassen; und ich wollte nichts mehr wünschen, als daß ich Ihren Vornamen wüßte, so sollte ein ganz Dutzend Götter in Ihrem Befehle stehen. Hier haben sie ein kleines Verzeichniß meiner Gedichte! Die Taxe steht gleich dabey, und Sie werden finden, daß sie billig ist. Uebrigens verharre ich,

Mein Herr,

Ihr bedrängter Freund und Diener,

Der Gratulant.
       

 

Liste einiger bis auf den Titel fertigen Gedichte.

  1. Der gedrückte, aber erquickte Apollo. 1 Thlr. 8 gr.
  2. Der jauchzende Pindus über die höchstunvermuthete Ankunft des &c. &c. Dieses ist um den gewöhnlichen Marktpreis zu haben.
  3. Historisch-genealogische Nachrichten, wie viele aus Versehen den Gradum angenommen. Erster Theil. Der zweyte Theil soll künftiges Jahr fertig werden, weil das Werk sehr weitläuftig wird. 2 Thlr.
  4. Le Jour sans parail, oder die Sonne in Galla, bey dem höchsterwünschten Geburts- und Namensfeste &c. &c. kostet wegen des französischen Titels 4 gr. mehr, als gewöhnlich.
  5. Die träumende Clio. 1 Thlr. NB. Dieses ist eine spitzige Satire, und muß ohne Censur gedruckt werden. Ich habe mich niemals in dieses Feld gewagt; aber zu itziger Zeit brauchet man nichts. als Muth dazu.
  6. Der Eselskopf, noch eine Satire, nach dem heutigen Geschmacke, in der ironischen Schreibart abgefaßt. Ist nur für Leute, welche sich meiner Geschicklichkeit bey Streitschriften bedienen wollen. 1 Thlr. 12 gr.
  7. Zwey Dutzend Sonnette von verschiedenem Inhalte, in welchem der letzte Vers allemal der schönste ist, weil der geneigte Leser daselbst aufhören kann. Das Stück 8 gr.
  8. Ein Dutzend dergleichen etwas feiner, weil ich die Pointen unterstrichen habe. Das Stück 12 gr. Es kann aber auch in Batzen gezahlt werden.
  9. Wohlgemeinter Himmelssturm bey dem glücklich erlebten Neuenjahre. 16 gr.
  10. Die erbärmliche Verzweiflung der Götter, bey dem Grabe u. s. w. Bey der Bezahlung richte ich mich nach der Leiche, nachdem ich ihr viel oder wenig Tugenden andichten muß.
  11. Hitziger Streit zwischen der Tugend und einer reichen Weste, entschieden von der liebenswürdigen N. N. bey ihrer Verbindung mit u. s. w. ein Schäfergedichte, ist unter Brüdern 2 Thlr. 2 gl. 6 pf. werth. Die 6 pf. gehen ab, wenn es baar bezahlt wird.
  12. Hymen und die Reue, bey der im Himmel geschloßnen Ehe &c. &c. Dieses Stück will ich um 12 gl. lassen, weil es mir schon lange auf dem Halse liegt.
  13. Trauer- und Leichenrede über den gewaltsamen Tod der Wahrheit, oder wohlgemeinter Wunsch, als der Wohledle, Großachtbare, und Wohlgelahrte Herr, Herr – – von – – der – – eifrigst Beflißner auf der hohen Schule zu – – die schon längst verdiente höchste Würde der Weltweisheit, nach aller Gelehrten sehnlichen Wünschen, rühmlichst erhielt &c. Dieses Stück wird umsonst ausgegeben.
  14. Ungefärbtes Zeugniß von den Verdiensten des &c. ausgestellt von Alethophilo, kaiserlichen geschworenen Notario. Es darf sich niemand durch den Titel abschrecken lassen, denn es ist poetisch ausgeführt. 1 Thlr.
  15. Die Blindheit des Schicksals, ein Leichengedicht. Ist durch und durch philosophisch, weil ich es selbst nicht verstehe, und wider die Anhänger der besten Welt. Wird nach Belieben bezahlt.

Anmerkung.

Die Herren Ausländer müssen die Preise doppelt bezahlen, denn ich schreibe blos aus Liebe zum Vaterlande.

 


Gedanken des Autors

über das Schreiben des Gratulanten.

Der rechtschaffne Mann! wie sehr würde ich dem guten Geschmack aufhelfen, wenn ich ihn bey der Welt in einiges Ansehen setzen könnte! Es ist ohnedem aus mit unsrer Poesie; es ist ganz aus damit, denn man hat andre Begriffe von ihren Regeln, und Schönheiten, als ich davon habe. Die Vorschläge die er indessen von mir erwarten kann, sind leicht vorauszusehen. Ich bin der Autor: ich rathe also zum Drucke. Vielleicht thut die undankbare Welt die Augen auf, wenn sie seine Wünsche beysammen sieht! Wenigstens können doch die Einkünfte davon auf einige Zeit seine Seufzer hemmen. Sollte sich aber, weil der Geschmack sehr böse ist, kein Verleger finden; so will ich ihm eine Heirath vorschlagen, die ich vielleicht selbst suchen würde, wenn keine Philippine wäre. Folgende Liebeserklärung, welche schon vergangne Michaelmesse bey meinem Verleger eingelaufen, aus Versehen aber liegen geblieben ist, wird ihm mehr Licht geben.


Allerschönster Herr Autor,

Als ich gestern, meiner Gewohnheit nach, um die Zeit, wenn die jungen Herren und die Schriftsteller sich in der Allee sehen lassen, auch daselbst spatzierte, um aus der Gesichtsbildung die Gemüther der Menschen zu untersuchen; so begegnete mir eine ungemein artige Person, welche sich vor den andern allen unterschied. Der Herr hatte den linken Arm in die Seite gestemmt und sah sehr ernsthaft aus. Zuweilen lachte er auch, und schien sehr zufrieden mit sich selbst zu seyn. Er redete mit dem Munde und den Händen, ob er gleich ganz allein war; er drehte den Hut in die Runde, und als er bey mir vorbey gieng, wäre er aus Tiefsinnigkeit beynahe hingestolpert. Ich bin von Stunde an in ihn verliebt geworden. Waren Sie es, allerliebster Herr Autor? Ich bin eben nicht häßlich, und habe ein ziemliches Vermögen, daß ich Sie daher mit Dinte, Federn und Papier wohl versorgen wollte. Ich sterbe vor Ungeduld, ehe ich Nachricht erhalte. Ich bin,

Allerschönster Herr Autor,

Ihre demüthige Dienerinn,
Elisabeth Contusch.

N. S. Da ich unter meiner eignen Gewalt und Aufsicht stehe, so mag ich, ob ich gleich schon Doctorinn und Licentiatinn heißen könnte, doch keinen andern, als den Autor, heirathen. Ich lasse mir alle Morgen, bey dem Nachttische, wenn ich mir die Haare und das Gesicht zurichte, ein Stück von Ihren Schriften vorlesen, welche ordentlich hinter dem Spiegel liegen. Es ist, als wenn ich mir noch einmal so gut gefiele, wenn ich Sie ablesen höre. Wo ich mich erinnere, so hatte der Herr ein rund Gesicht, mit einer breiten Stirne.

 

Es ist nichts gewisser, als daß sich die Jungfer Contusch in ihren Muthmaßungen geirrt hat. Ich sage es zum andernmale, daß mich meine Arbeit nicht so viel Mühe kostet, daß ich nöthig hätte, dabey tiefsinnig auszusehen. Ich pflege auch nicht nachzudenken, wenn ich spatzieren gehe, sondern meine Schreibtafel setzt mich in Stand, auch da zu schreiben. Unfehlbar hat ihr also ein Poet begegnet. Und wie glücklich wäre der Zufall, wenn es mein Client gewesen wäre! Ich weis von guter Hand, daß das artige Kind noch nicht vor Ungeduld gestorben ist. Ich werde mir also ein besondres Vergnügen machen, zwo Personen zu vereinigen, die für einander geboren zu seyn scheinen. Wie artig wird es nicht lassen, wenn er ihr zu der Zeit, da sie sich das Gesicht zurichtet, seine Gedichte vorliest! Ich finde ohnedem in der Liste seiner Werke nichts verliebtes, und es wäre Schade, wenn er der Welt sein poetisches Talent, von so einer gefälligen Seite, verbergen wollte. Vielleicht stillt er mein Verlangen, wenn er wegen seines Magens in Sicherheit ist. Weil aber ein gewisser berühmter Schriftsteller sagt, daß man seit Erschaffung der Welt schon einige Beyspiele von dem Eigensinne des schönen Geschlechts aufzuweisen hätte; so könnte es leicht kommen, daß die Jungfer Contusch ihr Glück nicht erkennen, und eine Heirath ausschlagen wollte, wodurch sie alle Züge ihres Gesichts verewigen könnte. In diesem Falle ersuche ich meinen Herrn Clienten, nur nicht zu verzagen. Ich will für ihn sorgen. Nach dem Entwurfe, den ich mir von meiner künftigen Hoheit gemacht habe, ist es nunmehr Zeit, Streitschriften anzufangen. Ehestens werde ich meinen ersten Feldzug antreten. Mein Herr Client scheint über Ehre und Schande weg zu seyn, und solche Leute sind zu brauchen. Man frage mich nicht, wo meine Feinde sind, und wodurch man mich beleidigt habe? Vielleicht werde ich böse, daß mich niemand böse machen will. Ich weis freylich noch nicht recht, was ich für eine Ursache, den Frieden zu brechen, ergreifen werde. Es ist aber mein Trost, daß es nur Kleinigkeiten seyn dürfen, weswegen wir Antoren das Recht haben, uns unsinnig anzustellen. Crede mihi, leuia sunt, propter quae non leuiter excandescimus, qualia quae pueros in rixam et iurgia concitant. Nihi ex his, quae tam tristes agimus, serium est, nihil magnum. Seneca.

 

Ende des ersten Theils.

 

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