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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 165
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Hochgeehrter Herr Doctor,

Ich will es Ihnen aufrichtig gestehn. Von allen Ihren Vorschlägen, die Sie mir gethan haben, gefällt mir nicht ein einziger. Sie sind sehr praktisch, es ist wahr; und ich glaube gewiß, daß es hundert Personen von meinem Stande giebt, welche niederträchtig genug sind, dergleichen Mittel zu ihrer Rettung zu ergreifen. Ich mache Ihnen deswegen keinen Vorwurf. Die unbestimmte Art, mit der ich Sie um Ihren Beystand ansprach, und mit der Sie vielleicht von vielen angesprochen worden sind, die, wie Sie sich ausdrücken, so pöbelmäßig gewissenhaft nicht sind, als ich es bin; diese freye Art, sage ich, hat Ihnen vermuthlich ein Recht gegeben, von mir eben so nachtheilig als von andern meines gleichen zu denken, und mir Vorschläge zu thun, über die ich mich in ihrem Namen schämen muß.

Die unruhigen Umstände, in denen ich mich diese Messe wegen verschiedner drückenden Schulden befinde, haben mir Gelegenheit gegeben, über mich selbst ernsthafter nachzudenken. Ich finde es, daß ich von meinen ersten Jahren an leichtsinnig genug gewesen bin, Gelder aufzuborgen, ohne zu wissen, ob ich jemals im Stande seyn würde, sie wieder zu bezahlen, und ohne mich durch diesen Gedanken lange zu quälen. Die vernünftige Vorsicht meines Vaters, die ich in meinen akademischen Jahren Geiz nannte, gab mir das, was zu einer standesmäßigen Aufführung und zu meinem Studiren gehörte, überflüßig, dasjenige aber nur nothdürftig, was ich zu meinem Nebenvergnügen brauchte. Ich gerieth in eine Gesellschaft junger Leute, welche, ihrem Range nach, weniger waren, als ich, und gleichwohl mehr Aufwand machen konnten. Ein übelverstandner Ehrgeiz nöthigte mich, es ihnen gleich zu thun. Dieses konnte ich nicht thun, ohne Schulden zu machen, und ich fiel einigen Wuchrern in die Hände, welche meine Thorheit zu ihrem Vortheile misbrauchten. Dieses stürzte mich von einer Schuld in die andre. Ich hatte mir vorgenommen, sie redlich zu bezahlen. Ich that es auch wirklich bey dem Tode meines Vaters, dessen Verlassenschaft aber so ansehnlich nicht war, daß ich es ohne meine Unbequemlichkeit hätte thun können. Die Gelegenheit, die ich fand, bey Hofe mein Glück zu machen, nöthigte mich zu einem Aufwande, der über meine Kräfte gieng. Ich borgte vom neuen, und bey jeder Stufe, die ich höher stieg, verwickelte ich mich in neue Schulden. Diejenigen, die mir ihr Geld vorstreckten, waren größtentheils eben so ungewissenhaft, als diejenigen Wuchrer, welche mich auf Schulen geplündert hatten. Mit einem Worte, eine jede Schuld nöthigte mich, eine noch schlimmere Schuld zu machen, um mich von jener zu befreyen; und ich wagte alles daran, um den Ruhm nicht zu verlieren, daß ich ein ehrlicher Mann sey. Nunmehr bin ich aber so weit getrieben, daß ich nicht mehr weis, wie ich mich retten soll.

Sehn Sie, mein Herr, das ist die wahre Geschichte meines Unglücks, und die Genealogie aller meiner itzigen Schulden. Ich habe sie Ihnen mit Fleiß so umständlich geschrieben, damit Sie nicht allein Gelegenheit haben sollen, von mir besser zu denken, sondern auch von andern Cavaliern eine billigere Meinung zu fassen, die, wie ich, ihre Schulden nicht bezahlen können, und die oft bey dem redlichsten Herzen, das Sie haben, bankrut werden müssen. Sie werden nach und nach eingeflochten, bis Sie ganz verlohren gehn. Die Ungerechtigkeit ihrer Gläubiger, unrichtige Begriffe von der Ehrbegierde, eine Unachtsamkeit in ihrer Wirthschaft, und die träumende Hoffnung auf ein unerwartetes Glück, das Sie retten soll; dieses sind die gemeinsten, und wichtigsten Ursachen an dem Umsturze der größten Häuser. Von denen rede ich nicht, welche muthwillige Betrüger sind, und deren sind sehr viel; nur von denen rede ich, die, wie ich, unvorsichtig genug, aber doch ehrlich sind.

Nun stellen Sie sich einmal vor, wie sehr ich durch Ihren Brief muß gedemüthigt worden seyn, da ich sehe, daß Sie mich für einen Betrüger, und nicht für einen verunglückten Mann ansehen, welcher ein Mittel sucht sich zu retten, ohne sein Gewissen und seine Ehre zu verlieren. Und beydes müßte ich verlieren, wenn ich nur einen einzigen von Ihren Vorschlägen annähme.

Es gehört wirklich eben so wenig Verstand dazu, einen verstellten Eid zu leisten, als wenig Verstand nöthig ist, jemanden dergleichen anzurathen. Da ich noch in der ersten Classe saß, sahe ich diese Weisheit schon ein, und mein Präceptor, so einfältig er auch war, überführte mich doch, daß dergleichen Kunstgriffe auch den niedrigsten Pöbel schändeten. Ihnen, als einem Rechtsgelehrten, darf ich das nicht weiter erklären, und da Sie ein Christ sind, der Gott zu Ehren alle Wochen einmal fastet; so werden Sie besser, als ich, überzeugt seyn, wie abscheulich dergleichen betrügrische Eide sind.

Ich weis die Gesetze wohl, die uns von der Verbindlichkeit des Wiederersatzes lossprechen, wenn man in einem gewissen Alter geborgt hat; aber das weis ich auch, daß uns in gewissen Fällen die Ehre dazu verbindet, wenn es gleich die Gesetze nicht thun. Die Vorsicht der Gesetzgeber war nöthig, der Bosheit derjenigen zu steuern, die sich unsers jugendlichen Unverstandes bedienen, um etwas zu gewinnen; wider diejenigen aber dürfen wir uns dieses Mittels nicht bedienen, die uns als ehrliche Leute geholfen haben, wir setzen uns sonst in eine Classe mit den Wahnwitzigen und Verschwendern, für welche die Gesetze auf eben die Art gesorgt haben. Bin ich in meinem fünf und zwanzigsten Jahre nicht eben so verbunden ehrlich zu seyn, als im sechs und zwanzigsten? Der Taufschein wird mich wider mein ehrliebendes Gewissen nicht schützen, wenn er mich auch wider den Richter schützt. Mit einem Worte, dergleichen Rechte der Unmündigen sind meistentheils nur eine Zuflucht der unbesonnenen Jugend, welche ohne Verstand borgt, oder der Betrüger; beydes mag ich mir nicht vorwerfen lassen.

Was soll ich von Ihren übrigen Mitteln sagen, die Sie mir vorschlagen? Befreyt mich eine unvollkommne Unterschrift von der Verbindlichkeit, die ich haben würde, wenn ich auch gar nichts unterschrieben hätte? Seinem Gläubiger den Wechsel mit Gewalt aus den Händen zu reissen, ist eine Art eines Raubes, die das Rad verdient, und nicht den Beyfall der vernünftigen Welt, wenn auch diese vernünftige Welt nicht einmal ehrlich wäre.

Ueber den Vorschlag, mich närrisch zu machen, will ich mich nicht erklären. Sie hätten verdient, daß ich Ihnen die Antwort durch meinen Bedienten geben ließe.

Der Einfall, einen falschen Wechsel auf den Namen eines Gläubigers zu schreiben, ist nur Ihrer werth, und mir zu abscheulich, als daß ich noch ein einziges Wort davon sagen sollte.

Was ich wünsche, ist dieses, daß niemand von meinen Freunden in so verzweifelte Umstände gerathen möge, sich Ihrer Hülfe zu bedienen. Leben Sie wohl.

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