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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 157
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Dritte Antwort von den vorigen beyden ganz unterschieden.

Mein Herr,

Ihr Kammerdiener hat mir einen Brief von Ihnen überbracht, welcher vermuthlich nicht an mich, sondern an eine andere Person gerichtet ist. Ich glaube nicht, daß ich mit meiner Aufführung Ihnen Gelegenheit gegeben habe, so nachtheilig von mir zu urtheilen, und mir so unanständige Vorwürfe zu machen, welche die gemeinsten Weibspersonen beleidigen müssen. Ich halte es für kein Unglück, die Tochter eines ehrlichen Bürgers zu seyn. Ich wäre meines rechtschaffnen Vaters unwürdig, wenn ich mich meiner Geburt schämen wollte. Unter den vielen Verdiensten, die Ihnen fehlen, ist allem Ansehen nach die Bescheidenheit eins der vornehmsten. So schlecht die Begriffe sind, die Sie sich von meiner bürgerlichen Erziehung machen; so wohl bin ich doch im Stande, diesen Fehler an Ihnen wahrzunehmen. Ich bin niemals so stolz gewesen, auf eine Verbindung zu hoffen, die über meinen Stand ist; aber dazu bin ich doch noch zu stolz, daß mir Ihr Antrag erträglich seyn sollte. Das Vermögen, das ich besitze, und welches in Ihren Augen meinen ganzen Werth ausmacht, würde ich sehr übel anwenden, wenn ich mir dadurch das bittre Glück erkaufen wollte, die Frau eines Edelmanns zu werden, dessen Liebe so eigennützig, und dessen Denkungsart so unedel ist. Ueberlegen Sie es wohl, mein Herr, ob Sie nicht Ursache haben, mit meinem Entschlusse wohl zufrieden zu seyn. Ihren vornehmen Anverwandten erspare ich den Verdruß, sich meiner zu schämen, da es denselben weit rühmlicher seyn muß, wenn ihr Vetter mit unbeflecktem Adel im Gefängnisse verhungert, als wenn er sich am Tische seiner bürgerlichen Frau satt essen kann. Sie selbst vermeiden die grossen Gewissensbisse, die Nachwelt mit halbadelichen Kindern zu verwahrlosen. Ich bin im Begriffe, einem Ihrer stärksten Gläubiger meine Hand zu geben. Es wird dieses in gewisser Maaße zu meiner Beruhigung dienen, wenn ich Sie mit der demüthigen und gebeugten Miene eines bösen Schuldners vor einem Manne stehen sehe, dessen Frau Ihnen ehedem verächtlich genug gewesen ist, ihr die empfindlichsten Grobheiten vorzusagen. So bald Sie im Stande seyn werden, einzusehn, daß Sie diese Vorwürfe verdient haben: so bald werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, Sie aufrichtig zu versichern, daß ich mit aller Hochachtung sey,

Mein Herr,

Ihre Dienerinn.

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