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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 155
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Hochwohlgebohrner Herr,
Gnädiger Herr,

Dem Himmel sey tausendmal Dank, der Sie auf den glücklichen Einfall gebracht hat, mich zu einer gnädigen Frau zu machen. Das ist alles, was ich mir in meinem Leben wünschen kann. Als ich noch jung und unverständig war, da würde ich zufrieden gewesen seyn, wenn ein feiner erbarer Bürger gekommen wäre; da ich aber älter und verständiger ward, so that ich bey mir selbst ein Gelübde, daß ich niemanden als einen Edelmann, heirathen wollte. Sie glauben nicht, gnädiger Herr, was für ein närrischer Hochmuth unter der Bürgercanaille ist! Eine Doctorsfrau, deren Mann vielmal das liebe Brodt nicht hat, wird sich nimmermehr überwinden können, der Frau des reichsten Kaufmanns den Rang zu geben. Mir ist es am Sonntage so gegangen, daß die Tochter eines Professors, welche ihrer seligen Mutter Brautkleid anhatte, sich über mich drängt, ungeachtet der Stab von meinem Stoffe acht Thaler kostete. Das will ich ihr gewiß empfinden lassen, habe ich nur einmal die Gnade, Ihre Gemahlinn zu seyn. Mit Freuden überlasse ich Ihnen meine Hand, und mein ganzes Vermögen. Nun sehe ich erst, wie viel Dank ich meinem weisen Vater schuldig bin, welcher aus liebreicher Vorsorge bey seinen Schätzen verhungerte, um seiner einzigen Tochter ein so ansehnliches Vermögen zu hinterlassen, welches mich würdig macht, Ihre Gemahlinn zu werden. Wenn es wahr ist, was man meinem Vater Schuld gegeben, daß er den größten Theil seiner Reichthümer von dem Landadel zusammen gewuchert hat; so halte ich es für eine Art des billigen Wiederersatzes, Ihnen, Gnädiger Herr, solche Preis zu geben. Ich lasse mir alle die Bedingungen gefallen, unter denen Sie mir Ihre Hand anbieten. Ich will alle die vornehmen Gesellschaften meiden, in denen Sie sich meiner zu schämen haben. Die Vorwürfe, die mir von adelichen Damen gemacht werden, will ich in Demuth ertragen, wenn ich nur dafür die Freyheit behalte, andern Weibern, die geringer sind, als ich, und Ihren Unterthanen es empfinden zu lassen, daß ich gnädige Frau bin. Das einzige bitte ich Sie noch, erlauben Sie mir, daß ich in der Messe, unter der Bedeckung von vier bis fünf Bedienten mich durch den Landadel drängen darf. Ich hoffe Ihnen, und Ihren Ahnen mit meinem Reifrocke Ehre zu machen; und begegnet mir eine von meinen alten bürgerlichen Bekannten, so will ich von meiner gnädigen Höhe mit einer eben so stolzen Miene auf die elende Creatur herab sehn, als wenn meine Vorfahren das heilige Grab auch hätten erobern helfen. Mit einem Worte, Sie sollen Ihre Freude an mir haben, und Ihre Wahl soll Sie gewiß nicht gereuen. Ich erwarte einen Aufsatz von Ihren Schulden, damit ich die Gläubiger auf die Zahlung vertrösten kann. Ich habe Vermögen genug, sie zu befriedigen; und Sie können nehmen, so viel Sie zu Ihrem Staate brauchen. Ich sehe es zwar im voraus, daß mein ganzes Vermögen mit der Zeit wird verlohren gehn, und daß mich Ihre Schulden, und Ihr Aufwand in kümmerliche Umstände bringen werden; aber es sey drum. Es ist immer rühmlicher, wenn man als gnädige Frau hungert, als wenn man mit bürgerlichen Händen Allmosen austheilen kann. Ich erwarte die Ehre Ihres Zuspruchs, um Ihnen mündlich zu sagen, daß ich mit der größten Hochachtung sey,

Gnädiger Herr,

Ihre

demüthige Dienerin.

N. S. Könnte die Hochzeit nicht noch vor der Fasten werden? Es ist hernach gar zu lange bis auf Ostern.

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