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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 153
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Mein Herr,

Ich muß mich schämen, daß ich noch bis itzt in einer Sache unschlüßig bin, die mir von einem so vernünftigen Manne, und auf eine so anständige Art angetragen wird. Ich kenne den Werth Ihres Herzens. Meine Hochachtung gegen Sie ist stärker, als eine gemeine Hochachtung. Ich glaube, sie kömmt der Liebe sehr nahe. Ich will diese Empfindung für eine Liebe halten, die ich der Tugend schuldig bin. Mit Ihrer Hand bieten Sie mir so viel Vortheile des Glücks an, welche stärker sind, als ich jemals hoffen können; und welche allein stark genug seyn würden, ein jedes Frauenzimmer, das nicht reicher, als ich, zu einem geschwinden Entschlusse zu bringen. Mit einem Worte, ich kann nicht vernünftiger, und zugleich vortheilhafter lieben, als wenn ich Sie liebe, mein Herr. Und dennoch bin ich so schwach, mich durch die kleinen Vorurtheile der Welt unschlüßig machen zu lassen, über welche, wie Sie mir schmeicheln, ich erhoben seyn sollte. Meine Begriffe von dem wahren Werthe des Adels sind den Ihrigen ganz ähnlich. Der Adel giebt denen, die ihn verdienen, einen ansehnlichen Vorzug, und er vermehrt die Schande dererjenigen, welche seiner, und ihrer Ahnen unwürdig sind. Ein Bürger, der durch seine Verdienste um das Vaterland sich selbst diesen Vorzug erworben, hat das Recht, von mir mehr Hochachtung zu fodern, als ein adlicher Taugenichts, den ein blinder Zufall aus einem alten Hause hat lassen gebohren werden. Auch darinn bin ich mit Ihnen einig, daß ein jeder bürgerlichen Standes nicht behutsam genug seyn kann, die Rechte des Adels auf sich zu bringen, die ihn, wenn er es nicht schon vorher ist, weder vernünftiger, noch tugendhafter machen. Ich wenigstens würde für Sie, mein Herr, nicht einen Augenblick mehr Hochachtung haben können, als ich itzt habe, wenn Sie gleich in diesem neuen Glanze zu mir kämen, in der Hand das kostbare Pergament, und auf einer jeden Seite zwey Ahnen hätten. Da ich vom Adel so billig urtheile; so können Sie wohl glauben, daß mir nichts abgeschmackter vorkömmt, als der lächerliche Hochmuth der kleinen adlichen Seelen, welche alle andre, und die vernünftigsten Männer verachten, weil sie bürgerlichen Standes sind. Diese Creaturen haben wohl Ursache, auf die Vorzüge der Geburt zu trotzen; denn wenn diese nicht wären, so würden sie oft gar nichts haben, womit sie sich von dem niedrigsten, und unedelsten Pöbel unterscheiden könnten. So wahr dieses alles ist, und so gewiß ich von dem überzeugt bin, was ich hier sage; so gewiß ist es doch auch, daß wir in einer Welt leben, die durch Vorurtheile regiert wird, und die zu alt ist, als daß sie sich durch uns eines bessern sollte belehren lassen. Diese mit Vorurtheilen eingenommene Welt ist so unbillig, daß sie die Heirath einer Fräulein mit einem aus bürgerlichem Stande schwerlich entschuldigen wird, wenn auch dieser noch so angesehn, und der vernünftigste Mann wäre. Ist dieser Mann reich und das Fräulein arm: so wird ein Theil des Vorwurfs mit auf sie fallen, und man wird sich Mühe geben, ihre Absichten verdächtig, und wenigstens eigennützig zu machen. Was hat sie alsdann für Mittel in Händen, ihre Unschuld zu vertheidigen? Und wie empfindlich muß ein solcher Vorwurf seyn, den man nicht ablehnen kann? Werden ihre eignen Verwandten billig genug seyn, ihren Entschluß zu rechtfertigen, oder wird es ihnen nicht immer einfallen, daß sie etwas gethan, das ein Fräulein von altem guten Hause nicht hätte thun sollen? Es sind Vorurtheile, mein Herr, sehr lächerliche Vorurtheile, Sie haben Recht; aber sie sind doch allgemein, und um deswillen allemal gefährlich.

Müssen Sie es nicht gestehn, mein Herr, daß dieser Fehler nicht dem Adel allein eigen ist? Er ist unter denen vom bürgerlichen Stande noch viel stärker. Ich will nur ein Exempel anführen. Ein Doctor ist ein Bürger, ein Handwerksmann auch. Was für Bewegungen erregt das in der bürgerlichen Welt, wenn ein Doctor die Tochter seines Schusters heirathet? Alle Caffeegesellschaften, alle Wochenstuben schreyen Ach und Weh über diese widernatürliche Verbindung. Haben Sie immer die gefällige Nachsicht gegen die Thorheiten meines Standes, welche sich durch die Thorheiten des Ihrigen so lange rechtfertigen, bis beyde vernünftiger denken, und billiger urtheilen lernen. Es ist einem Fräulein wohl erlaubt, einen Mann bürgerlichen Standes hoch zu achten, und seine aufrichtige Freundinn zu seyn, wenn man ihr gleich nicht erlauben will, sich genauer mit ihm zu verbinden. Ist eine solche Freundschaft ohne Tadel nicht einer Liebe vorzuziehn, welche so bitter getadelt wird? Hat dieser Mann Vermögen, ist er wegen seines ehrlichen Charakters in der Stadt angesehn; wie glücklich kann er ein Bürgermädchen machen, das arm, aber tugendhaft ist. Die ganze Welt wird seinen Entschluß preisen; Adliche und Bürgerliche müssen ihn wegen seiner Großmuth hochachten; die Familie, welche er in so vortheilhafte Umstände gesetzt hat, wird ihn segnen und ehren. Hat ein Fräulein das Glück, seine Freundinn zu seyn; so wird sie es nunmehr doppelt seyn müssen, da ihm seine vernünftige Wahl so viel Ehre macht.

Sehn Sie, mein Herr, das sind ungefähr meine Zweifel, die ich itzt habe, und die ich Ihnen nicht so offenherzig sagen würde, wenn ich Sie weniger liebte. Lassen Sie mir noch eine kurze Bedenkzeit; ich will mich hernach näher erklären. Das können Sie inzwischen gewiß glauben, daß ich mit der größten Hochachtung unverändert sey

Die Ihrige.

N. S. Führen Sie mich heute in die Comödie. Es wird über unsern Text ein sehr erbauliches Stück gespielt. Ich erwarte Sie gewiß. Sie sollen auf den Abend mit mir speisen, und mir sagen, wie es Ihnen gefallen hat. Hier ist der Comödienzettel. Bis auf Wiedersehn.

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