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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 152
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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»Es giebt gewisse Vorurtheile, welche durch die Zeit und Gewohnheit dergestalt gerechtfertiget worden sind, daß es eine Nothwendigkeit ist, sich ihnen zu unterwerfen, und daß man von derselben nicht abgehn kann, ohne sich den Urtheilen der Welt, und vielen daraus erwachsenden Verdrüßlichkeiten bloß zu stellen. Diese privilegirten Vorurtheile äussern sich nirgends stärker, als bey den Ehen, wenn eine von den beyden Personen sich unter ihren Stand verheirathet. Diese Ungleichheit des Standes ist sehr schwer zu bestimmen, da gemeiniglich ein jeder glaubt, er sey besser, als sein Nachbar. Ein reicher Bauer, der die Tochter eines armen Taglöhners freyt, wird das ganze Dorf und alle Bauerpatricien wider sich aufbringen. Die Bürger machen unter sich eine unendliche Abtheilung der Grade ihres Standes, und sind ganz trostlos, wenn einer von ihnen diese wüllkührliche Rangordnung übertritt. Bey niemanden fällt es mehr in die Augen, als bey dem Adel. Und dieser hat, meines Erachtens, auch noch das meiste Recht, wider solche ungleiche Heirathen zu eifern, da mit dem Adel verschiedne wesentliche Vorzüge verbunden sind, welche durch dergleichen Verbindungen entweder ganz wegfallen, oder doch Verwirrungen machen müssen, wenn man sich derselben, diesem ungeachtet, ferner anmassen will. Die Exempel sind so gar häufig nicht, daß ein reicher Bürger sich mit einem armen Fräulein verbindet. Es ist nicht zu läugnen, daß dergleichen Ehen oft auf beyden Theilen vergnügt und glücklich ausschlagen; und dennoch glaube ich, daß beyde Theile viel dabey wagen. Sind die zärtlichen Monate des Ehestandes vorbey; so kann es leicht geschehn, daß den Mann eine Wahl gereut, durch welche seine Reichthümer nicht vermehret worden sind. Seine Frau aber muß sehr vernünftig und billig seyn, wenn ihr nicht von Zeit zu Zeit der Rang ihrer Vorfahren, und der demüthigende Gedanke einfallen soll, daß die Vorwürfe ihrer Verwandten gegründet sind. Ich will Gelegenheit nehmen, dieses in nachfolgenden zween Briefen weiter auszuführen.«

 

Gnädiges Fräulein,

Die Gelegenheit, die ich seit zwey Jahren gehabt, Sie kennen zu lernen, und durch einen täglichen Umgang Ihre Vorzüge und Tugenden einzusehn, macht mich so dreiste, Ihnen eine Erklärung zu thun, die Sie sich vielleicht itzt am wenigsten vermuthen. Sie betrifft die Hochachtung, die ich gegen Sie hege, und das Verlangen, das ich habe, durch die Erlaubniß, Sie zu lieben, und ewig der Ihrige zu seyn, glücklich zu werden. Ich weis die Einwürfe, Gnädiges Fräulein, die Sie machen können, und die ich gewiß befürchten müßte, wenn ich von Ihrer billigen Denkungsart nicht besser überzeugt wäre.

Die Verbindung einer Fräulein mit einem aus bürgerlichem Stande wird nur denenjenigen übereilt vorkommen, welche von meiner zärtlichen Achtung für Ihre Person, und von Ihrer Einsicht, die Sie über die kleinen Vorurtheile der Welt erhebt, unrechte Begriffe haben. Meine Vorfahren haben immer den Ruhm gehabt, ehrliche Leute zu seyn. Sie waren in der Stadt, wo sie wohnten, von einigem Ansehn. Sie sind zwar alle nur Bürger gewesen, aber tugendhafte Männer, und ich darf mich keines einzigen schämen. Das Glück, welches meinem Vater in der Handlung zufiel, brachte ihm die Bekanntschaft, und das Vertrauen der größten Familien zuwege. Ich bin der einzige Erbe seines hinterlaßnen Vermögens, welches mir überflüßig Gelegenheit verschafft, auf eine bequeme, und sehr anständige Art zu leben. Was mir noch an meinem zeitlichen Glücke mangelt, ist der Besitz einer so vernünftigen, und tugendhaften Person, als Sie sind, Gnädiges Fräulein. Da Sie weder Aeltern noch nahe Verwandte haben; so beruht mein Glück bloß auf Ihrer Wahl, und auf Ihrem Ausspruche. Darf ich hoffen? Wird es Ihnen schwer fallen, denjenigen glücklich zu machen, der es ohne Sie nicht seyn kann? Verlangen Sie, Gnädiges Fräulein, daß ich mir die adlichen Vorzüge, welche die Natur meinen Vorältern versagt hat, durch Geld erlangen soll? Aber werde ich Sie deswegen aufrichtiger lieben, als es itzt geschieht? Werde ich, da Sie so billig sind, in Ihren Augen mehr Verdienste erlangen? Ich glaube keins von beyden. Verlangen Sie es schlechterdings; so will ichs thun: aber, ich gestehe es, ich thue es ungern. Nicht darum, daß ich es denenjenigen übel auslege, welche es für nöthig hielten, sich in den Adel einzukaufen; keineswegs. Es giebt Fälle, wo der Adel eine Belohnung auch für bürgerliche Tugenden ist; und sie ist nöthig, auch andre aufzumuntern, sich um ihr Vaterland verdient zu machen. Ich, Gnädiges Fräulein, ich habe um mein Vaterland keine Verdienste weiter, als ein redliches Herz, und die Reichthümer meiner Aeltern. Auf das erste bin ich stolz; aber eine so allgemeine Pflicht, als diese ist, redlich zu seyn, giebt uns noch kein Recht, eine so wichtige Belohnung, als die Erhebung in den Adelstand ist, dafür zu fodern. Auf meinen Reichthum hingegen habe ich gar nicht Ursache stolz zu seyn. Es ist ein Glück, das der nichtswürdigste Mensch erlangt haben würde, wenn er meines Vaters einziger Sohn gewesen wäre. Kann ich also wohl wagen, mich unter den Adel zu drängen, ohne den Vorwurf zu verdienen, der denen, die zu dieser vorzüglichen Würde gelangen, gemeiniglich, und nur zuweilen ohne Grund, gemacht wird? Die von Adel, welche vernünftig sind, würden mit meiner Eitelkeit Mitleiden haben; die aber, welche nicht vernünftig sind, würden mich für einen lächerlichen Thoren halten, und mich verachten. Die vom bürgerlichen Stande würden das sagen, was man in dergleichen Fällen immer sagt; und immer sagt man mehr Böses von andern, als Gutes. Sie werden mich als einen Mann ansehn, der sich ihrer schämte. Ein Bürger, der Vermögen und Ansehn hat, ist zu stolz, als daß ihm die Gesellschaft eines neuen Edelmanns ohne Verdienste erträglich seyn sollte. Was für ein unglückseliges Mittelding zwischen den Adlichen und Bürgerlichen würde ich alsdann seyn! Jene würden mich verachten, und diese vermeiden. Rathen Sie mir wohl, Gnädiges Fräulein, daß ich mir einen solchen Vorwurf so theuer erkaufen soll? Und dennoch will ich es thun, wenn Sie mir es rathen. Die Urtheile der ganzen Welt werde ich nicht achten, wenn ich dadurch das Glück erlange, daß Sie mich Ihrer Liebe würdigen. Ich erwarte Ihren Ausspruch mit Ungeduld. Auf diesem beruht meine ganze Zufriedenheit. Lassen Sie mich nicht zu lange in der traurigen Ungewißheit, ob ich es wagen darf, zu sagen, ich sey.

Gnädiges Fräulein,

der Ihrige.

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