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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 146
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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»Die Menschen sind so sinnreich, daß sie vielmal ihren größten Thorheiten einen frommen Anstrich zu geben wissen. Bis auf die übereilten Ehen erstreckt sich diese Art der Andacht. Viele heirathen, ohne zu überlegen, ob sie im Stande sind, den unentbehrlichen Aufwand zu bestreiten, welchen eine Wirthschaft erfodert. Sie sehen die Noth voraus, in die sie sich und die Ihrigen stürzen; sie können aber der Liebe nicht widerstehn. Und weil sie in andern Handlungen vernünftig genug sind, nichts unbesonnenes zu unternehmen; so suchen sie sich zu bereden, daß diejenige Thorheit, zu welcher sie sich itzt anschicken, eine Art von guten Werken sey, wo sie ihr christliches Vertrauen auf die göttliche Vorsorge an den Tag legen, und den Himmel, so zu sagen, bey seinem Versprechen fest halten wollen, damit er Anstalt mache, sie zu ernähren. Sie beten, und beten vielleicht andächtig: Aber auch eine Thorheit, die man mit Gebet anfängt, bleibt dennoch eine Thorheit, und zieht oft die unglücklichsten Folgen nach sich, welche in dem gegenwärtigen Falle desto empfindlicher sind, je weniger wir uns vorwerfen wollen, daß die Schuld unser sey. Wir wollen den Himmel zur Verantwortung ziehn. Wie leicht wird uns das Herz, wenn wir jemanden finden, dem wir unsre Uebereilung Schuld geben können! Ein leichtsinniger Thor flucht auf das Schicksal; ein frommer Thor seufzt über den Himmel. Beyde sind Thoren!

»Da diese unvorsichtigen Verbindungen nicht ungewöhnlich sind; so werden sich vielleicht Leser finden, welche sich nachstehende zween Briefe zu Nutze machen können.«

 

Mademoiselle,

Ich habe einige Jahre her das Vergnügen gehabt, durch einen öftern Umgang den Werth ihrer Tugenden, und die Vortrefflichkeit Ihrer Gemüthsart kennen zu lernen. Da ich und Sie über die ersten Jahre weg sind, in denen man die Empfindungen der Liebe gar leicht einer flüchtigen Uebereilung Schuld giebt; so kann ichs wagen, Ihnen meine Zärtlichkeit zu entdecken, und Sie zu versichern, daß ich es für mein größtes Glück in der Welt halte, der Ihrige zu seyn; und daß ich dieses mit einer so reifen Ueberlegung schreibe, daß ich überzeugt bin, dieses Glück wird mir nach vielen späten Jahren noch eben so schätzbar seyn, als es mir itzt ist. Was für ein Himmel muß ein Ehstand seyn, wo sich die Liebe auf Tugend gründet, und wo man sich von beyden Theilen Mühe giebt, die Hochachtung gegen einander immer neu zu erhalten, und täglich zu vermehren! Diese seltne Glückseligkeit kann ich mir von niemanden in der Welt versprechen, als von Ihnen, Mademoiselle; und ich meines Orts müßte aller Empfindungen der Menschheit unwürdig seyn, wenn ich das Geringste versäumen wollte, Ihre Glückseligkeit eben so vollkommen zu machen, als ich die meinige zu sehn wünsche. Kann ich hoffen, in meinem Wünschen glücklich zu seyn? Das macht mir keine Sorge, daß mein Amt sehr wenig einträglich ist; daß Sie selbst kein Vermögen besitzen; und daß ich keine so nahe Hoffnung vor mir sehe, wie diesem Mangel der zeitlichen Glücksumstände abzuhelfen seyn möchte. Es kann nicht fehlen, eine so tugendhafte Liebe, wie die unsrige ist, läßt der Himmel nicht unbelohnt. Er wird uns Wege zu unsrer Verbesserung zeigen, die wir als einen Segen unsrer vernünftigen Absichten ansehn können. Gesetzt aber auch, unsre Umstände verbesserten sich nicht, gesetzt, wir lebten kümmerlich; o wieviel haben wir vor tausend Familien voraus, da uns unsre aufrichtige und zärtliche Liebe nicht Zeit läßt, an unsern Mangel zu denken! Ich wenigstens, Mademoiselle, ich traue mir, bey Wasser und Brodt der vergnügteste Ehmann zu bleiben, wenn ich das Glück habe, der Ihrige zu seyn.

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