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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 144
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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»Ich hoffe, ich will mich mit der Erfahrung schützen, wenn ich behaupte, daß viele aus Neigung lieben, aber aus Eigennutz heirathen. Wenigstens haben diejenigen kein Recht, mir zu widersprechen, welche sich mit einem Frauenzimmer verbinden, die, nach dem ordentlichen Laufe der Natur, ihre Großmutter seyn könnte. Diese Liebhaber der Alterthümer gewinnen in der That sehr viel, wenn man ihnen Schuld giebt, daß ihre Verbindungen aus Eigennutz geschehen. Wäre dieses nicht, so würde man sie gar für närrisch halten, und ich glaube nach der Art, wie die heutige Welt denkt, ist es immer rühmlicher, eigennützig, als närrisch zu seyn. Ich bin also nicht wider diese Art der Ehen. Dieses nur scheint mir unleidlich zu seyn, daß man dergleichen Frauenzimmern, welche ohnedem ihr Alter abergläubisch macht, so viel von Liebe, und zärtlichen Empfindungen vorschwatzt. Es ist unbillig, ihre Leichtgläubigkeit zu misbrauchen. Ich will ein Formular geben, wie man in dergleichen Fällen seufzen müsse. Ein jeder, der es braucht, wird es nach seinen Umständen zu verändern wissen. In der Hauptsache werden wir immer einig seyn, wenn wir anders aufrichtig seyn wollen.

 

Madame,

Da ich nur fünf und zwanzig Jahr alt bin, und Sie gestern in Ihr sieben und funfzigstes getreten sind; so wird mich die ganze Welt für einen Narren halten, wenn man erfährt, daß ich mich habe überwinden können, Ihnen zu sagen, daß ich Sie liebe, und Sie um Ihre Gegenliebe bitte. Wäre ich einer von den jungen leichtsinnigen Menschen, welche auf weiter nichts sehn, als auf die Jahre, und auf ein frisches blühendes Gesicht, so würde ich mir selbst diesen Vorwurf der Thorheit machen. Aber, nein, Madame, meine Liebe ist gründlicher, und ernsthafter. Ausser dem daß Sie, ungeachtet Ihrer Jahre, noch immer das muntre und frische Wesen beybehalten, daß Sie zu vorigen Zeiten schön und reizend gemacht haben mag; so besitzen Sie gewisse Vorzüge, Madame, die Ihren Werth unendlich erhöhn. Jedes Jahr, das Sie zu alt sind, können Sie mit tausend Thalern abkaufen; und Sie kommen mir bey dieser Rechnung kaum als ein Mädchen von sechzehn Jahren vor. Ich schwöre Ihnen also bey Ihrem Gelde, und bey allem, was mir ehrwürdig ist, das ich Sie und Ihre Vorzüge aufs heftigste liebe. Entschliessen Sie sich die Meinige zu seyn. Ich glaube, Sie werden bey Ihren Umständen mehr nicht von mir verlangen, als Ehrfurcht und Geduld. Diese verspreche ich Ihnen. Da Sie so vernünftig sind, Madame, so traue ich Ihnen zu, daß Sie meine Geduld nicht misbrauchen, und zum längsten in sechs Jahren Anstalt machen werden, mich in die Umstände zu setzen, daß ich den schmerzlichen Verlust einer so ehrwürdigen Frau als ein betrübter Wittwer zween Monate lang beweinen, und sodann durch Hülfe Ihres Geldes mir ein junges Mädchen wählen kann, in deren Armen ich dasjenige empfinde, was ich itzt nicht fühle, und welche mich vergessen läßt, daß ich mir die Gewalt angethan habe, zu seyn,

Madame,

der Ihrige.

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