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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 140
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Liebe Schwester,

Das muß ich gestehn! So offenherzig habe ich noch keinen Liebhaber gesehn! Eine ganz neue Mode, sein Glück zu machen, wenn man seine Fehler beichtet! Das wolle der Himmel nicht, daß das Ding unter uns Mädchen Mode werde! Was meinst du wohl, Schwester, daß ich zu meinem Amadis sagen soll? Soll ich etwan sprechen: »Ich habe die Ehre, Ihnen zu sagen, daß ich ein Mädchen bin, welches einen Mann haben möchte, und wenn er auch noch dümmer wäre, als Sie, tapfrer Amadis? Ich gebe Ihnen meine Hand, um mich dem jungfräulichen Zwange zu entreissen, und als Frau thun zu können, was ich will. Ich habe den Fehler, daß ich keine Mannsperson hasse, ob ich gleich nur einen auf einmal heirathe. Ich kann nicht leiden, daß Sie mir widersprechen, denn Sie sind der Mann, und ich bin ein schwaches Werkzeug. Ich werde Ihnen nicht mehr verthun, als ich brauche; aber ich brauche sehr viel, um andern Weibern nichts nachzugeben. Ich werde alle Tage in Gesellschaft gehn, damit mir Ihre beständige Gegenwart nicht zur Last wird. Sorgen Sie für Geld zum Spielen, damit Sie Ehre von mir haben. Wenn ich erst spät in der Nacht nach Hause komme, so schlafen Sie nur ruhig. Ich bin mündig, und kann mir selbst rathen. Für die Wirthschaft werden Sie sorgen, denn Sie sind Herr vom Hause. Ich habe Sie geheirathet, um eine Frau zu seyn, und Sie, mein Herr, haben die Ehre, daß Sie mein Mann sind, um mich zu ernähren; wie Sie das möglich machen, das ist meine Sorge nicht. Dieses sind meine Fehler, Zärtlicher Amadis; besinnen Sie sich, ob Sie dem ungeachtet sich getrauen, mit mir glücklich zu leben.« Wie gefällt Dir das, Schwester? Sollte ich so treuherzig seyn? Ich weis wohl, wie ich bin; was braucht es mein Liebhaber zu wissen? Er wird es Zeit genug erfahren, wenn er mich am Halse hat. Du denkst vielleicht, Schwester, was für ein glückliches Mädchen zu bist, daß Du so einen treuherzigen Beichtsohn zum Freyer hast. Glaub es nur nicht. Das sind die schlimmsten, die sich so aufrichtig stellen. Wage es einmal, wenn er Dein Mann ist, und wirf ihm seine Fehler vor! Habe ich Dir es nicht gesagt, wird er sprechen, daß ich diesen Fehler habe, warum hast Du mich genommen? Aber das ist das schlimmste noch nicht. Hat Dein Mann das Herz, so viel Fehler von sich selbst zu sagen: wie wird er Dir die Ohren reiben, wenn er Deine Fehler kennen lernt! Das wäre mir unerträglich. Wenn ich schon Frau bin, und Kinder ziehe, soll ich da noch erst mich selbst ziehen und hofmeistern lassen? Nein, Herr Mann, das lasse er bleiben, oder es läuft nicht gut ab!

Mit einem Worte, Schwester, überlege, was Du thust, und mache Dich nicht ohne Noth unglücklich. Lebe wohl.

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