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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 14
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Von

Unterweisung der Jugend.S. Bel. des Verstandes und Witzes, Weinmonat 1742.

 

 

Ich habe unsern gestrigen Unterredungen weiter nachgedacht, mein werther Herrmann. Wir bemühten uns, ausfindig zu machen, warum es so schwer sey, eine gründliche Gelehrsamkeit zu erlangen? Und woher es komme, daß so wenige unter den Gelehrten den ansehnlichen Titel verdienen, mit welchem sie ihre Blösse sorgfältig zu bedecken wissen?

Die von dir angeführten Ursachen sind wichtig genug. Die blinde Liebe der meisten Aeltern geht dahin, ihre Kinder zu ansehnlichen Mitgliedern des gemeinen Wesens zu machen. Der Sohn muß studiren, damit er Doctor werden kann. Er hat weder die Fähigkeit, noch den Willen, etwas rechtschaffnes zu lernen. Er lebt also sich zur Last, und dem Vaterlande zum Schimpfe. Wäre dieser ein Schneider geworden; so würde er gewiß sein Brodt verdienen, da er anitzt von der Sparsamkeit seiner Vorfahren, oder dem Einbringen seiner Frau leben muß.

Du hast recht, mein Freund; vielleicht aber giebst du mir auch Beyfall, wenn ich eine Ursache anführe, welche noch allgemeiner ist.

Erwäge nur einmal, wie die Anführung unsrer Jugend zu der Gelehrsamkeit beschaffen ist. Bis in das zehende Jahr überläßt man uns der Aufsicht der Frauenzimmer, welche glauben, sie haben genug gethan, wenn sie uns reinlich halten, wenn sie uns lesen lehren, und allenfalls einige Fragen aus dem Catechismus ins Gedächtniß bringen. Nunmehr ist es Zeit, daß man uns der Aufsicht eines Hofmeisters übergiebt. Ob er von guten Sitten, ob er fleißig, ob er gelehrt ist; danach fragt man eben nicht. Aber; wie viel verlangt der Herr für seine Mühe? Das ist unsre erste Sorge. Der Wohlfeilste bleibt allemal der Beste. Dieser führt uns eben den Weg, welchen er selbst unter so vielen Seufzern und Thränen gegangen ist. Ein Gelehrter muß die lateinische Sprache verstehen. Die Sache hat ihre Richtigkeit. Man wählt also eine Grammatik, welche die beste zu seyn scheint. Durch eine unermüdete und oftmals nachdrückliche Unterweisung fassen wir eine Menge dunkler Kunstwörter und weitläuftiger Regeln, welche wir gewiß noch weniger verstehen, als die Sprache selbst, die wir daraus erlernen sollen. Endlich überwinden wir diese Schwierigkeit. Man giebt uns des Cicero Schriften, nebst andern Büchern, zu lesen, und unsre Väter weinen vor Freuden, wenn sie sehen, daß ihre Kinder im zwanzigsten Jahre dasjenige begriffen haben, was zu des Cicero Zeiten, in Rom, ein Junge von fünf Jahren verstund. Nunmehro zieht der gelehrte oder besser zu sagen, der lateinische Sohn, auf hohe Schulen. Du darfst von ihm nicht verlangen, daß er in den alten und neuern Geschichten, in der Geographie, Genealogie, Zeitrechnung, Wapenkunst, und dergleichen erfahren seyn, und einen Vorschmack von der Mathematik, Weltweisheit, und andern Wissenschaften erlanget haben sollte. Dazu hat er nicht Zeit gehabt; er hat müssen Latein lernen. Es würde lächerlich seyn, wenn du ihn fragen wolltest, ob er deutsch verstünde. Ob er einen guten Brief schreiben könnte? Er ist ja ein Deutscher; er ist in Meissen geboren; sollte er nicht deutsch verstehen? Von der griechischen Sprache hat er noch zur Noth so viel begriffen, als er auf der hohen Schule binnen drey Jahren zu verlernen gedenkt. Wie geschwind verlaufen diese! Er muß eiligst nach Hause. Sein Vater verlangt es, weil ein Amt, und eine reiche Frau auf ihn warten. Nunmehr ist unser Gelehrter fertig.

Sage mir, mein Freund, ob nicht dieses die gewöhnlichste Art sey, unsre Jugend zu unterweisen? Du wirst es nicht läugnen können; du wirst aber auch zugleich gestehen müssen, daß solches die wahrhafte Ursache sey, warum nur so wenige sich eine rechtschaffne Gelehrsamkeit erwerben. Der ganze Fehler beruht meines Erachtens darinnen, daß wir glauben, wer die lateinische Sprache verstehe, der sey ein Gelehrter; und daß wir durch eine weitläuftige Erlernung derselben diejenige Zeit versäumen, welche wir zugleich auf nützlichere Sachen wenden sollten.

Aber soll ein Gelehrter kein Latein verstehen? Dieses ist meine Meinung keinesweges. Ich behaupte vielmehr, daß er in dieser Sprache eben so stark seyn müsse, als in seiner Muttersprache. Nur das kann ich nicht begreifen, warum wir der Jugend die Erlernung derselben so schwer machen.

Der alte Richard, welcher gestern in unsrer Gesellschaft war, soll mir zum Beweise meines Satzes dienen. Du kennst seinen Sohn, der anitzt durch wirkliche Verdienste unter den Gelehrten eine ansehnliche Stelle bekleidet. Kaum hatte dieser das sechste Jahr erreicht, als ihn sein sorgfältiger Vater der Aufsicht eines jungen Menschen anvertraute, welcher ihm die nöthigsten Gründe unsers Glaubens beybringen, und ihn zu einer wohlanständigen Aufführung angewöhnen sollte. Alles, was er mit dem Knaben redete, was ihn dieser fragte, das mußte, so viel es möglich seyn wollte, in lateinischer Sprache geschehen. Jede Sache, die im Hause, auf der Gasse, in der Kirche, oder im Garten vorkam, die gemeinsten Geschäffte, welche täglich vorfielen, wurden auf Lateinisch benannt. Diese Bemühung gieng glücklich von statten. Nach Verlauf einer Zeit von vier Jahren war der junge Richard schon vermögend, sich in der lateinischen Sprache ordentlich und deutlich auszudrücken, und regelmäßig zu reden, ohne zu wissen, warum er seine Worte eben so, und nichts anders, setzen müsse. Nunmehr glaubte man, daß es Zeit wäre, ihn die vornehmsten Regeln der Grammatik zu lehren, und weil er die Sprache schon verstund, so faßte er diese in wenigen Monaten. Die griechische Sprache war ihm, als einem künftigen Gelehrten, zu wissen unentbehrlich. Weil aber sein Vater meinte, es sey eine gelehrte Eitelkeit, griechisch zu reden, oder dergleichen Schriften und Gedichte zu verfertigen; so schien es genug zu seyn, ihn nach den ordentlichen Regeln so weit zu bringen, daß er alles verstünde, was griechisch abgefaßt wäre. Er erlangte auch solche Geschicklichkeit wirklich in wenigen Jahren. Weil man dieses nicht zu einem Hauptwerke machte; so blieben noch Stunden genug übrig, ihm in andern Künsten und Wissenschaften Unterweisung zu geben. Nach unsrer heutigen Einrichtung ist es eine bekannte Sache, daß die französische Sprache vielmals weit unentbehrlicher ist, als alle todte Sprachen der Morgenländer. Man nahm also einen Franzosen an, welcher ihn, durch Unterricht und fleißigen Umgang, zu der gehörigen Vollkommenheit brachte. Hatte ihm sein Hofmeister, schon in den ersten Jahren, bloß durch Gespräche, wo nicht eine Kenntniß von der Historie, dennoch eine Lust dazu beygebracht; so war es nachher um so viel leichter auch darinnen weiter zu gehen. Die ältern Geschichte wurden nicht vergessen; die neuern aber, und besonders die Geschichte seines Vaterlandes, blieben allemal der Hauptzweck. Die größern Schriften der lateinischen Redner und Poeten wurden zugleich sorgfältig durchgegangen, nicht so wohl die Redensarten daraus zu erlernen, als vielmehr ihren ganzen Bau, und die Bündigkeit des Vortrags einzusehen. Hierdurch lernte unser Richard die Zärtlichkeit einer Ode, die Stärke eines Heldengedichts, und diejenigen Ursachen kennen, welche den Cicero zu einem Redner gemacht haben. Was konnte ihm auf eine solche Art wohl leichter fallen, als auch in seiner Muttersprache die Geschicklichkeit zu erlangen, die einem Gelehrten so wohlanständig ist? Man brachte ihm einen Begriff von der Weltweisheit bey, so weit er nämlich bey seinem damaligen Alter dazu vermögend war; und man brauchte zugleich die Vorsicht, die Kräfte seines Verstandes und Nachdenkens durch die mathematischen Wissenschaften zu schärfen und in Ordnung zu bringen. Zu seiner Gemüthsergetzung ward ihm ein Tanzmeister und ein Zeichenmeister nebst andern Künstlern gehalten, und Richard ist dennoch ein Gelehrter, ob er gleich wider die bisherige Gewohnheit gelernt hat, wie man leserlich und zierlich schreiben müsse. Wenn ich davon noch nichts gesagt habe, wie sorgfältig man ihn von Zeit zu Zeit in seinem Christenthume unterwiesen; so darf man darum nicht denken, als ob dieses verabsäumt worden wäre. Du kennst seinen vernünftigen Vater, das ist schon genug. Auf solche Weise ward der Grund zu derjenigen Gelehrsamkeit gelegt, welche Richard nunmehr besitzt. Nur dieses muß ich noch erinnern, daß man ihn erst im neunzehnten Jahre auf die hohe Schule that, ungeachtet er die Kräfte vielleicht eher gehabt hätte, den Degen zu tragen.

Das Beyspiel dieses gelehrten Mannes überhebt mich aller Mühe, einige Regeln von der Unterweisung unsrer Jugend in den ersten Jahren zu geben. Vielleicht zweifelst du aber, ob diese Art, die Jugend zu unterweisen, auch allgemein, und bey andern ebenfalls mit Nutzen anzuwenden sey? Ich getraue mir, solches zu behaupten.

Ist es wohl schwerer, die lateinische Sprache zu erlernen, als die französische, oder die deutsche? Das kannst du nicht sagen. Wie alt bist du gewesen, als du deutsch reden konntest, und entsinnst du dich wohl, daß du schon im achten Jahre mit deiner Französinn zu plaudern vermögend warst? Der Umgang, eine fleißige Uebung, und der Mangel einer verwirrten Methode und ekelhafter Regeln, brachten dich so zeitlich zu dieser Geschicklichkeit. Eben das verlange ich bey der lateinischen Sprache. Wo findet man aber diejenigen, welche geschickt sind, die Jugend auf solche Art zu unterweisen? Wie viele giebt es nicht, die zwar wissen, wie sie auf der Catheder, aber nicht, wie sie in der Küche lateinisch reden sollen. Wir beyde haben studirt; wir lassen uns beyde Gelehrte nennen, und dennoch sollte es uns schwer fallen, die gemeinsten Handlungen der Menschen auszudrücken. Ich gebe dieses zu, mein werther Herrmann; ich glaube aber, daß dein Einwurf die Wahrheit meiner Meinung nicht widerlegt, sondern nur noch mehr bekräftigt. Wären wir, wären andre in ihrer Jugend besser angeführet worden; so würde es uns und andern an der Geschicklichkeit nicht fehlen, welche man allerdings bey wenigen antrifft. Unterdessen will ich dennoch verschiedne aufweisen, welche diese Geschicklichkeit wirklich besitzen, noch mehrere aber, welche gar wohl fähig wären, solche zu erlangen, wenn man nur ihre Bemühung durch billige Vergeltungen aufmunterte. Die Schuld fällt allemal auf die Aeltern zurück, welche die Art, ihre Kinder zu unterweisen, entweder selbst nicht verstehen, oder aus Geitz die nöthigen Kosten scheuen. Du kennst jenen Vater, welcher mehr auf seine Pferde wendet, als auf seinen Sohn. Er scheuet keine Kosten, seinen Budel recht abrichten zu lassen; wenn er aber dem Lehrmeister seines Sohnes ein Quartal bezahlen soll, so geschieht es niemals ohne innerlichen Widerwillen. Bedächten wir nur, daß das Glück unsrer Kinder, daß unsre eigne Ehre auf eine vernünftige Unterweisung derselben ankäme; so würden wir hierinnen eher verschwenderisch, als karg seyn, und ich weis gewiß, es würden sich viele finden, welche vermögend wären, alles dasjenige zu leisten, was ich von einem Lehrmeister gefodert habe. Bedächten wir aber auch, daß sich von unsern Kindern nur diejenigen den Studien widmen sollten, denen die Natur die Fähigkeit dazu verliehen hat; so würden wir sehen, daß es sehr leicht sey, die Jugend nach derjenigen Art zu unterweisen, welche mir die vernünftigste zu seyn geschienen hat.

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