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Wilhelm Rabener: Satiren - Kapitel 139
Quellenangabe
typesatire
booktitleSatiren
authorGottlieb Wilhelm Rabener
firstpub1764
year1764
publisherVerlag der Dyckischen Buchhandlung
addressLeipzig
titleSatiren
created20061022
sendergerd.bouillon
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Jungfer Muhme,

Ihr Herzensbändiger scheint ein allerliebster Pedant zu seyn. Was muß er mit seiner Ordnung sagen wollen, die er so einförmig gehalten wissen will, daß ihm nicht eine Viertelstunde verrückt wird? Der hätte sollen einen guten Schulrektor in einem kleinen Städtchen abgeben, wo die Knaben von früh um sechs Uhr an, bis auf den Abend um zehn Uhr, nach dem Takte der Ruthe sich anziehen, lernen, essen, trinken, und schlafen müssen, und das heute wie gestern, und morgen wie heute. Unmöglich ist es Ihr Ernst, daß Sie diesen schematischen Mann heirathen wollen. Verzeihn Sie mir diesen Ausdruck; mein Bruder nennte ihn so, und lachte erschrecklich dazu. Es muß wohl ein artiges Wort seyn; denn mein Bruder ist witzig, wie der Henker! Wie gesagt, Ihr Ernst kann es unmöglich seyn, oder Sie sollten mich sehr dauern. Bedenken Sie einmal, was soll das für eine Zucht werden? Einen Tag, wie den andern, beständig ordentlich, das ist ja gar unerträglich! Soll ich Ihnen einmal wahrsagen? Wollen Sie wissen, wie es gehen wird? Hier haben Sie ihren Lebenslauf.

Früh um sechs Uhr steht die junge Frau auf, nachdem sie dreymal gegähnt, und zweymal die Augen gewischt hat. Sie zieht sich an, und zwar gleich reinlich und sorgfältig, damit sie das seltne Glück hat, ihrem theuern Gemahle zu gefallen. Es wundert mich, Liebe Jungfer Muhme, daß Ihnen Ihr Liebhaber nicht auch vorgeschrieben hat, wie lang der Morgensegen seyn soll. Wie leicht könnten Sie länger beten, als er es ausgerechnet hat, daß Sie beten sollten. Weiter!

Um sieben Uhr wird Thee, oder Caffee getrunken, drey, höchstens vier Tassen, mehr nicht, junge Frau, bey Leibe nicht mehr, daß die Wirthschaft nicht in Unordnung geräth. Mit dem Schlage achte muß auch das Frühstück verzehrt, und alles wieder abgeräumt, und an seinen Ort gesetzt seyn.

Um acht Uhr geht der Mann auf die Schreibestube. Er küßt Sie zum Abschiede, und geht! Sehn Sie nun, Jungfer Muhme, darauf können Sie also sichre Rechnung machen, daß, wenn er Sie den ersten Tag früh um acht Uhr geküßt hat, so küßt er Sie das ganze Jahr lang früh um acht Uhr. Beträgt in einem Jahre, richtig gerechnet, drey hundert und fünf und sechzig Küsse zum Frühstücke, und wenn wir ein Schaltjahr haben, noch einen Kuß mehr.

Von acht bis zwölf Uhr haben Sie Zeit, Ihre Wirthschaft zu besorgen, und, wie Ihr zukünftiger Eheherr sehr tiefsinnig sich ausdrückt, sich der Herrschaft in der Küche zu bemächtigen.

Um zwölf Uhr kömmt er heim. Sorgen Sie ja, daß Sie fein nach Rauche riechen, und Rus am Arme haben, damit er die gute Wirthinn sieht. Aber vor allen Dingen sorgen Sie, daß das Essen mit dem zwölften Schlage auf dem Tische steht.

Bis um zwey Uhr wird gegessen, und wie ich hoffen will, nichts gethan, als Caffee getrunken.

Um zwey Uhr geht er wieder an seine Arbeit, und Sie gehn ins Bette. Denn so ein Barbar wird er doch nicht seyn, daß er Ihnen dieses verwehren wollte. Schlafen kostet ja kein Geld, und wenn Sie schlafen, so widersprechen Sie auch nicht; zween Hauptpunkte, die Ihr Sittenprediger sehr einzuschärfen sucht! Bis um sieben Uhr also thun Sie, was Ihnen gefällt, und dieses werden wohl die einzigen Stunden seyn, wo Sie im Stande der natürlichen Freyheit leben, wie mein Bruder zu sagen pflegt.

Um sieben Uhr erscheint der Herr vom Hause wieder, und versichert die Frau vom Hause seiner Gunst und geneigten Willens zuvorn.

Um acht Uhr kömmt das Abendessen unverzüglich.

Um neun Uhr, denn so lange, und länger nicht, darf man bey Tische sitzen, wird die Tafel aufgehoben, vielleicht gebetet; und sodann erhebt sich der Herr mit seiner huldreichen jungen Frau zum Camine, eine Pfeife Tabak zu rauchen, und sie zu examiniren, wie sie heute ihre Stunden eingetheilt hat.

Es schlägt zehn Uhr. Geschwind die Pfeife ausgeklopft, ausgezogen, zu Bette gegangen, und hernach – – – was weis ich! Vermuthlich alles nach Stunden und Minuten, damit wir ja nicht in Unordnung kommen.

Früh um sechs Uhr wieder aufgestanden, und sodann ut supra, spricht mein Bruder.

Nun liebe Jungfer Muhme, wie gefällt Ihnen der Lebenslauf? So ordentlich geht die Sonne nicht auf und unter. Muß so ein Ehstand nicht schön seyn? Aber das rathe ich Ihnen, wenn Sie einmal in die Wochen kommen sollten, daß Sie sich ja an die Stunde binden, die er Ihnen setzt; sonst bringen Sie ihn um alle seine Ordnung.

Im Ernste, Ihr Liebhaber ist unerträglich. Wenn Sie es gut mit sich selbst meinen, so flechten Sie ihm ein niedliches Körbchen, und schicken Sie ihn heim. Das verdient der Eigensinn. Ich verharre.

Ihre Dienerinn.
&c. &c.
       

 

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